Das Beste aus zwei Welten

Emmanuel Tjeknavorian

Emmanuel Tjeknavorian ist wie alle großen Musiker Wiens ein Künstler, der aus verschiedenen Welten schöpft. Im Musikverein gestaltet der 24-Jährige in dieser Saison einen eigenen Konzertzyklus. 

Dem Wiener Publikum muss man ihn nicht mehr eigens vorstellen. Spätestens seit seinen spektakulären Auftritten in der Saison 2017/18, als „Rising Star“ der European Concert Hall Organisation, ist Emmanuel Tjeknavorian den Musikfreunden hierzulande ein Begriff. Bereits 2014, damals war er neunzehn, gab er sein Debüt im Musikverein. Mittlerweile gestaltet er als jüngster Artist in Residence hier seinen eigenen vierteiligen Zyklus, in dem er sich in ausgewogenem Verhältnis mit großer Konzertliteratur und mit Kammermusik präsentiert. Im Oktober hat er Schostakowitschs a-Moll-Konzert gemeistert, nun lädt er – gemeinsam mit seinem bewährten Klavierpartner Maximilian Kromer – zu einem Programm, das Schubert und Brahms, Fauré und Szymanowski mit dem „Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu“ aus Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ in Beziehung setzt. 

Der „Klassik-Tjek“ 

Im September hat der junge Geiger einen Exklusivvertrag mit einem renommierten Berliner Label unterzeichnet, bei dem im Februar 2020 seine neue CD mit dem Sibelius-Konzert erscheint. Es ist seine zweite CD – für seine Debüt-Einspielung „Solo“ wurde er 2018 als bester Nachwuchskünstler mit dem Opus-Klassik-Preis ausgezeichnet. Tjeknavorians Terminkalender ist voll – und seine Website ist tipptopp. Sie listet für die laufende Saison mehr als fünfzig Auftritte als Solist auf – dazu, sorgsam getrennt, eine Handvoll Termine als Dirigent. Denn dieses Metier will er als „Langzeitprojekt“ entwickeln. Er sieht sich dabei vorderhand im Stadium der Ausbildung, wovon hier noch die Rede sein soll. Im Sommer 2018 ist er in Klagenfurt zum ersten Mal am Pult gestanden. Aber es geht auch in diesem Bereich rasant voran, aktuell ist er unter anderem mit dem Wiener Kammerorchester und einem Programm mit Mozart-Arien zu erleben. All das meistert er scheinbar mühelos, findet nebenbei noch Zeit, auf „Radio Klassik“ allmonatlich seine eigene Sendung zu moderieren, in der er als „der Klassik-Tjek“ zum Beispiel mit dem türkischen Rapper-Duo EsRAP über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des jeweiligen musikalischen Tuns plaudert. 

Schlichtweg Entwicklung 

„Ich ziele nicht darauf ab, eine große Karriere zu machen“, gab er kürzlich in einem Interview mit dem Magazin „Klassik begeistert“ zu Protokoll; vielmehr gehe es ihm schlicht darum, sich weiterzuentwickeln und seine Fähigkeiten zu verbessern. „Ich bin der festen Überzeugung, dass alles Weitere automatisch kommt.“ In der Tat hat sich der gesamte Werdegang des in Wien geborenen Sohns einer armenischen Musikerfamilie „automatisch“ vollzogen – vielleicht gerade weil man ihn zu Hause nicht mit Nachdruck zum Musizieren anhielt. Zwar hatte sich seine Begabung schon früh gezeigt, doch vor allem seine Mutter Naira, selbst Pianistin, habe ihn vor den Risiken dieses Berufs bewahren wollen. „Wenn man auf seinem Instrument kein entsprechendes Niveau erreicht, ist es bekanntlich schwierig, sich durchzusetzen.“ Sie sei auch keineswegs erbaut gewesen, als der Vater dem Kleinkind, das bislang auf einer Spielzeuggeige herumgekratzt hatte, eine Viertelgeige schenkte. Der Vater habe ihn in seinen musikalischen Ambitionen „nicht so wahnsinnig ernst genommen“, glaubt er; „er wollte mich glücklich machen, in der Hoffnung, dass ich irgendwann die Lust verliere. Meine Eltern haben gehofft, dass es ein Hobby bleibt.“  

Starke Basis für die große Kunst 

Das Gegenteil trat ein. Mit großem Ernst und großer Zielstrebigkeit widmete er sich seiner Leidenschaft. „Ich war schon sehr früh sehr selbständig.“ Mit sieben trat er erstmals öffentlich auf. Trotzdem ist er ziemlich normal aufgewachsen, hat sich als Halbwüchsiger auf dem Fußballplatz herumgetrieben und seine Begeisterungsfähigkeit in jene für die Geige und jene für Real Madrid geteilt – eine Mannschaft, für die er immer noch brennt. Er hat parallel zu seiner musikalischen Ausbildung ohne Wunderkind-Eskapaden die Schule absolviert und am Sacré Cœur in Wien die Matura abgelegt. Ausnahmetalent hin oder her – einen soliden Schulabschluss hält er für unverzichtbar. Zum einen wegen der sozialen Kompetenzen, die man in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen lernt; seine Erfahrungen als Mittelstürmer in der Fußballmannschaft bilden zweifellos eine wertvolle Basis für seine Qualitäten als Kammermusiker. Zum anderen aber, weil er überzeugt ist, dass ein Musiker auch entsprechend gebildet sein müsse. „Um Beethoven oder Brahms zu spielen, reicht es nicht, rein intuitiv musikalisch zu sein.“ 

Auf lange Sicht 

Viel Reife und Gelassenheit für einen 24-Jährigen, dem die Musikwelt offensteht. Er lässt sich davon nicht in Hektik und Stress versetzen, geht zum Beispiel oft und gern in Konzerte, um von Kollegen zu lernen und sich inspirieren zu lassen. „Es ist ja auch spannend, große Künstler auf der Bühne scheitern zu sehen“, sagt er ganz ohne Unterton. „Das Geniale ist dann, wie sie damit umgehen. Das kann man alles lernen, indem man vor Ort ist.“ Von Wettbewerben hält er nicht viel, obwohl er selbst in diesem Rahmen prominent hervorgetreten ist; so etwa gelangte er als erster Österreicher ins Finale des Fritz-Kreisler-Wettbewerbs, bei dem er den dritten Platz belegte, und der Sibelius-Wettbewerb 2015 in Helsinki brachte ihm den Zweiten Preis. Doch zu diesem Zeitpunkt sei er bereits bei seiner Agentur unter Vertrag sowie als „Rising Star“ nominiert gewesen, betont Tjeknavorian. „Wettbewerbe gibt es wie Sand am Meer.“ Es gehe eher darum, die Aufmerksamkeit, die man bei solcher Gelegenheit weckt, auf lange Sicht zu nutzen.  

Pendler zwischen Ost und West 

Emmanuel Tjeknavorian, dem dank eines Gönners in London eine Stradivari aus dem Jahr 1698 zur Verfügung steht, gilt als Wiener Geiger. Doch erst 2011 kam er in die Obhut von Gerhard Schulz an der Wiener Musikuniversität, der ihm den Zugang zum charakteristischen Idiom eröffnete. Die Besonderheit von „Tjeks“ Spiel besteht wohl darin, dass er die Eigenschaften des Wiener Klangstils mit seinem Fundament verschmolzen hat, das der russischen Tradition verpflichtet ist. Denn in dieser Schule, der sich auch seine traumhafte technische Sicherheit verdankt, war er zunächst erzogen worden. In diesem Kontext ist sein familiärer Hintergrund eine nähere Betrachtung wert. Vater Loris, geboren als Sohn armenischer Flüchtlinge im Iran, ist nämlich ein bedeutender Komponist und Dirigent, der im Nahen Osten große Autorität genießt. Er hat seinerseits ebenfalls in Wien studiert und sich – pendelnd zwischen Ost und West – große Verdienste als Mittler zwischen den Kulturen erworben. In Teheran machte er ebenso Karriere wie in London und später in New York.  

„Um Beethoven oder Brahms zu spielen, reicht es nicht, rein intuitiv musikalisch zu sein.“ - Emmanuel Tjeknavorian


Dementsprechend war auch das Leben seiner Familie ein Pendeln zwischen den Welten, sodass Emmanuel seine technische und künstlerische Grundausbildung bei den armenischen Violinpädagogen Petros Haykazyan und Artashes Mkrtchyan erhielt. In Österreich setzte er seine Studien beim russischen Geiger Arkadij Winokurow fort, ehe er zu Gerhard Schulz wechselte. „Ich sehe mich zwar mittlerweile als Vertreter der westlichen Musiziertradition, aber auch meine armenischen Wurzeln prägen mich.“ Neben der Geschichte seiner Vorfahren, die ihn beschäftigt und beeinflusst, ist auch ihre tiefe, selbstverständliche Religiosität bestimmend für sein eigenes Leben.  

Bogen und Stab 

Und seit 2014 nimmt er nun schon Unterricht bei seinem mittlerweile 82-jährigen Vater, um das Handwerk des Dirigierens zu erlernen. Emmanuel Tjeknavorian will in diesem Beruf ein eigenes künstlerisches Profil entwickeln, nicht bloß ein Geiger sein, „der halt auch ein bisschen dirigiert“. Kurzfristig hat er sogar erwogen, die Geige an den Nagel zu hängen, weil er mit dem Instrument nicht „abgestempelt“ sein wollte. Diese Idee hat er zum Glück wieder verworfen. Trotzdem arbeitet er konsequent für sein „Langzeitprojekt“, vertieft sich auch nach einem Auftritt noch in Partituren oder feilt an seiner Schlagtechnik. „Ich nehme das Dirigieren sehr ernst. Das ist meine Zukunft!“ 

Monika Mertl  
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).