Forever Young

„Allegretto“ wird dreißig 

Kinder, wie die Zeit vergeht! „Allegretto“ feiert seinen 30. Geburtstag, und das, versteht sich, mit Marko Simsa, dem Mann der ersten Stunde. 

Wisst ihr noch? Erinnert ihr euch? Aber ja ... Ein Hauch von Nostalgie darf immer sein, wenn es um runde Geburtstage geht. Wachgerufene Kindheitserinnerungen, Geschichten von früher, die unterm Gläserklirren ins Heute hinüberfunkeln – sie gehören einfach dazu, wenn Geburtstag gefeiert wird. Und erst recht hier, wo’s um das Jubelfest eines Kinderkonzert-Zyklus geht. Dreißig Jahre, ein Menschenalter. Vielleicht waren Sie, liebe Leserin, lieber Leserin, ja schon selbst als Kind dabei – bei „Allegretto“, bei Marko Simsa, bei Enrico, Zmeki oder Stradivahid, bei einem der vielen, vielen Kinderkonzerte, die seit 1989 die Jüngsten aus dem Häuschen locken und zu aufgeregt-begeisterten Musikfreunden machen. 

Zahlen und das, was zählt

„Allegretto“ hat eine ganze Generation geprägt. Was vor dreißig Jahren mit einem einzelnen Projekt begann, hat sich aufgefächert in ein breites, strahlendes Spektrum von Musikvereinskonzerten für Kinder, Jugendliche und Familien. Mehr als 2.200 solcher Konzerte gab es bislang – mit rund 475.000 Besucherinnen und Besuchern. Rechnet man die 848 Schulprojekte hinzu, die der Musikverein seit 1999 veranstaltet hat, ist die Grenze der halben Million weit überschritten. So viele junge Menschen konnte der Musikverein gezielt erreichen – eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Wenn das kein Grund zum Feiern ist?  Das Festkonzert zum Jubiläum gestaltet – klar doch! – Marko Simsa. Schon 1989 war er dabei, beim allerersten Mal, und seither gab es keine „Allegretto“-Saison ohne ihn. Auch das ist eine Erfolgsgeschichte der eigenen Art. Simsas Auftritte zu „Allegrettos“ Geburtstag werden seine Konzerte Nummer 130 und 131 für den Musikvereins-Kinderzyklus sein. Dazu kommen ein halbes Dutzend Schulkonzerte und 14 Programme für die „Klassik-Hits im Goldenen Saal“, die Simsa seit 2005 jährlich moderiert. Beeindruckende Zahlen, die freilich weniger zählen als all die Glücksmomente, die in diesen dreißig Jahren möglich geworden sind. Bravo, „Allegretto“! Danke, Marko! 

Allegrettos Geheimnisse

Wisst ihr, wie das ward? Die Geschichte ist einfach zu schön, um nicht noch einmal erzählt zu werden. Ein junger Intendant (36), eine junge Mitarbeiterin des Musikvereins (35) und ein sehr junger Bühnenmensch (24) kamen da zusammen: Der Intendant, Dr. Thomas Angyan, hatte im Jahr zuvor, 1988, die Leitung des Musikvereins übernommen. Es müsse, fand er, in diesem Haus erstmals Programme für Kinder geben. Eine Mitarbeiterin, die gerade aus der Karenz zurückkehrte, sprach er darauf an. Ob sie sich nicht, als junge Mutter, speziell um dieses Thema kümmern wolle? Seine Wahl hätte glücklicher nicht ausfallen können. Und nun, da diese Dr. Désirée Hornek kurz vor der Pensionierung steht, soll es schon mit einem speziellen Tusch gesagt sein: Sie hat sich, in diesen dreißig Jahren, mit Enthusiasmus, Fantasie und Weitblick um diese Aufgabe gekümmert und diesen Allegretto fantastisch betreut. Richtig stark ist er geworden, ein kräftiger großer Bruder unter all den Geschwistern, die noch nachkommen sollten, Capriccio, KlingKlang und Agathe, Topolina und Alberto – doch gealtert ist er nicht, so wie auch Désirée, seine Betreuerin, eine zeitlos jugendliche Kollegin geblieben ist. Ja, „Allegretto“ hat eben seine eigenen Geheimnisse! Beim entscheidenden Gespräch damals, 1989, brachte der junge Intendant eine konkrete Anregung mit: „Mozart für Kinder“, auf Musikkassette produziert von einem gewissen Marko Simsa. Sie solle sich das einmal anhören, bat Dr. Angyan seine Mitarbeiterin, und möge beurteilen, ob sich damit etwas anfangen lasse ... Ja! Und so fing man an, so fing es an: mit Marko Simsa und einem Mozart-Programm beim ersten „Fest für Kinder“, dazumal noch im Kammersaal, dem späteren Gottfried-von-Einem-Saal. Der Andrang war gewaltig. Gleich beim ersten Mal musste eine zweite Vorstellung anberaumt werden, und so war der Weg nicht weit zu „Allegretto“, dem ersten Konzertzyklus für Kinder im Musikverein.   

Viel Gespür und Intuition

Es war eine Pionierleistung, dieses erste Konzert und dieses erste Abonnement für Kinder – und wie es bei gelungenen Pioniertaten oft so ist: Sie glückte dank dem richtigen Gespür und viel Intuition. Marko Simsa hatte erste Erfahrungen im Kindertheater gesammelt und mochte dieses Publikum, so wie er auch die Musik liebte, ohne selbst Musiker zu sein. Eine ideale Voraussetzung, um sich neugierig auf die Spuren dieser Kunst zu machen, kecke Fragen zu stellen, spannende Geschichte aufzuspüren, die Sinne fürs Lauschen zu schärfen. Dies alles locker präsentiert (aber nicht zu lässig), humorvoll (doch nicht albern), klug (doch nicht verkopft) – eben mit jener Mischung, die diesen Marko Simsa zum „König der Kinderkonzerte“ aufsteigen ließ.  Sein Metier ist heute, wie man weiß, ein weites, auch theoretisch vielbeackertes Feld. An Kunstuniversitäten wird es als „Musikvermittlung“ gelehrt, kaum ein Orchester, kaum ein Konzerthaus verzichtet auf Spezialisten für „Music Education“. „Klar“, sagt Marko Simsa, „wenn du jetzt Lehrgänge dazu machst, musst du dem einen Namen geben. ,Musikvermittlung‘? Ich selbst wende den Begriff für mich nicht an. Ich mache Kinder- und Familienkonzerte.“ 

Was die Sprache zeigt

Namen mögen Schall und Rauch sein, aber sie verraten doch auch einiges von der Haltung, die dahintersteckt. „Musikvermittlung“ klingt nach Technik und Transfer, als gälte es, ein Gut von hier nach dort zu verfrachten. Und was die „Musikerziehung“ anlangt, so liegt nicht nur eine dicke Schicht Schulstaub über dem Wort, es hat auch etwas von unsanfter Traktion: „Ziehen“ geht nicht ohne Kraft-, ja Machtausübung vonstatten. „Hinführen“, sagt Désirée Hornek, „finde ich da viel schöner. Und am besten ist wohl der Begriff ,öffnen‘. Darum geht es!“ „Ein Kinderkonzert ist keine Schulstunde“, auch darin sind sich Désirée Hornek und Marko Simsa natürlich einig, und wie’s gemeint ist, zeigt sich in einer weiteren sprachlichen Feinheit. Wie hält es Marko Simsa mit dem Begriff „erklären“? Soll, muss Musik „erklärt“ werden, damit sie „richtig erlebt“ werden kann? „Versuchen wir’s doch mit einem anderen Wort“, antwortet er spontan. „Ich zeige etwas. Ich zeige etwas, das mir spannend erscheint, und lade ein, dass wir’s gemeinsam erkunden.“ 

Für Klein und Groß

Die „Allegretto“-Konzerte sind Familienkonzerte. Marko Simsa versteht sie so, ganz bewusst. Die „Großen“, die Eltern, sollen nicht nur Zaungäste sein, sondern inspiriertes, animiertes Publikum wie die „Kleinen“. Im Idealfall – und der ist „Allegretto“-Standard – macht es keinen Unterschied.  „Allegretto“ bereitet einfach allen Freude, und manch Großer wünscht sich, wenn er im „Erwachsenenkonzert“ sitzt, auch dort etwas von seinem Spirit: Spontanes und Unvorhergesehenes, „Hoppalas“, den überraschenden Anstoß zum Neugierigwerden und Staunenlernen. „Wie toll war das doch“, erinnert sich der Konzertbesucher Marko Simsa, „wenn Nikolaus Harnoncourt im Musikverein aufs Podium kam, sich zum Orchester wandte, als wolle er zu dirigieren anfangen, und sich dann zum Publikum drehte, um eine seiner legendären Kurzansprachen zu halten.“ Da gebe es – meint Simsa – so manches, Kleinigkeiten nur, mit denen sich viel bewegen ließe, auch im klassischen Konzert. Die „Klassik-Hits“, die Marko Simsa im Goldenen Saal gestaltet, setzen Impulse auch in diese Richtung. „Allegretto“ hat Zukunft. Und ist aufs schönste Gegenwart. Ja, auch das soll zu diesem Geburtstag wieder klar gesagt sein. „Es geht“, so Désirée Hornek, „nicht ums Publikum von morgen. Sondern um ein Publikum von heute.“ Was später dann geschieht, wenn aus Kindern Leut’ werden, darf man gelassen auch den Fügungen des Lebens überlassen. Der Musikverein freilich wäre nicht der Musikverein, würde er nicht auf Wert und Güte seiner Kunst vertrauen. Wer die Musik einmal lieben gelernt hat, für den bleibt sie wichtig, so oder so. 

„Kinder sind Kinder. Für mich das beste Publikum!“  Marko Simsa

Kinder sind Kinder

Viel hat sich geändert in diesen dreißig Jahren – viel im internationalen Konzertleben, viel auch im Musikverein selbst. Aus der Pioniertat des Jahres 1989 ist ein breit gefächertes und fein abgestuftes Konzertangebot geworden, das Kinder ab drei, vier, fünf und sechs Jahren für die Musik gewinnt und auch für Jugendliche ein maßgeschneidertes Programm bereithält. So setzt der Musikverein – wie schon vor dreißig Jahren – Standards in der Musikvermittlung, nein, besser: in der Öffnung für Musik. Was „Allegretto“ selbst angeht, sind die Programme, wie Désirée Hornek erläutert, aufwendiger und opulenter geworden. Man gönnt sich und den Kindern mehr im Musikverein – es darf schon, wie jetzt wieder bei Marko Simsa, auch ein ganzes Orchester auf der Brahms-Saal-Bühne sitzen, wenn Peter den Wolf einfängt oder Erke Duit mit Marko Simsa zum „Zoo-Konzert“ bittet. Es gibt mehr Bühnentechnik heute, Scheinwerfer, Mikros, Verstärker und, und, und ... Aber sonst? Hat sich die Zuhörerschaft verändert? Sind die Kinder von heute anders als früher? „Aus meiner Sicht: nein. Ich hab das Gefühl, es ist wie damals“, sagt Marko Simsa. „Kinder sind Kinder. Für mich das beste Publikum!“ 

Joachim Reiber  

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