Fenster zum musikalischen Reichtum

Der Dirigent Marcus Bosch 

Eine Bilderbuch-Kapellmeisterlaufbahn, ein Opernfestival, eine Hochschulprofessur und immenses Engagement, wenn es darum geht, die klassische Musik unter die Menschen zu bringen. All dies vereint sich in Marcus Bosch. Im April gibt der deutsche Dirigent mit dem ORF RSO sein Wien-Debüt. 

Heidenheim an der Brenz ist ein besonderes Pflaster. Die Stadt im Osten der Schwäbischen Alb nahe der bayerischen Grenze ist von alters her bekannt für ihren Kunstsinn. Rudolf Steiner etwa, der bedeutende Philosoph und Anthroposoph, hielt sich gerne in der Gegend auf und war hier ein hoch angesehener Mann. Und ein führendes ortsansässiges Unternehmen hatte es sich selbst zum Auftrag gemacht, seine Mitarbeiter nicht allein im Umgang mit den Werksmaschinen zu schulen, sondern auch kulturell zu bilden. 

Ideale Voraussetzungen

In dieses von Kultur geprägte Umfeld wurde 1969 Marcus Bosch hineingeboren. Einen der Kirchenchöre, die seine Eltern als Amateurmusiker leiteten, übernahm er im Alter von vierzehn Jahren. Das früheste Dirigiererlebnis, an das er sich erinnert, liegt noch deutlich weiter zurück: Als Vierjähriger stand er dirigierend vor seiner Kindergartengruppe. Doch dann kamen zunächst einmal die Instrumente: Klavier, Klarinette, Kontrabass, Orgel und später auch Gesang – ideale Voraussetzungen für eine Zukunft als Dirigent, die damals freilich noch nicht zu erahnen war. 

Willkommener Gast

Viel Musizieren in Chören und Orchestern, allerdings wenig Professionelles habe seine Jugend dominiert, fasst Marcus Bosch zusammen. Für sein Schulmusikstudium schrieb er sich mehr aus Rücksicht auf die Eltern denn aus Überzeugung ein. „Vom ersten Tag an bin ich in die Dirigierklasse gegangen und habe jeden Unterricht mitgenommen, den ich kriegen konnte. Da ich damals schon gut korrepetieren konnte, war ich auch ein willkommener Gast.“ Während seiner Studienjahre in Mannheim und Heidelberg verbrachte er praktisch jeden Abend in der Oper. Auf diese Weise, sagt Marcus Bosch in der Rückschau, habe er aufgeholt, was ihm auf diesem Gebiet fehlte. „Ich war mit vierzehn einmal in München in der Staatsoper, was damals eine halbe Weltreise war, und drei Jahre später in Ulm, wo ich eine Vorstellung von ,Don Giovanni‘ gesehen habe.“ 

Lernen wie ein Wahnsinniger

Aufmerksame Beobachter erkannten das Potenzial des jungen Studenten, der jede sich bietende Möglichkeit zu assistieren und zu dirigieren wahrnahm. Mit vierundzwanzig Jahren gab Marcus Bosch sein Debüt bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und wurde praktisch vom Fleck weg zu weiteren Orchestern eingeladen. Doch dann wollte er ans Theater, und es begann für ihn ein Weg, der sich zur Bilderbuch-Kapellmeisterlaufbahn entwickelte: Er war für zwei Jahre Repetitor in Osnabrück, ging anschließend als Zweiter Kapellmeister nach Wiesbaden, übernahm parallel dazu die Position des Ersten Kapellmeisters in Halle – und war dann kommissarischer Generalmusikdirektor in Saarbrücken, ehe er nach Aachen engagiert wurde.  Als er hier 2002 als damals jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands antrat, hatte er, erzählt Marcus Bosch, „das komplette Standardrepertoire bereits dirigiert, auch wenn es oft nur mit einer Anspielprobe war. Das trainiert natürlich unglaublich. In Halle habe ich jährlich dreißig Konzerte geleitet, in Wiesbaden bin ich hundert Mal am Pult gestanden – und habe gelernt wie ein Wahnsinniger.“ Bis heute hat er mehr als neunzig Opern – inklusive Wagners „Ring“, Berlioz’ „Les Troyens“ und mehrere Uraufführungen – sowie ein beachtliches Konzertrepertoire dirigiert. 

Immenser Einsatz

Aachen war „ein großer Glücksfall“, sagt Marcus Bosch. „Die Stadt hat durch Fritz Busch, Herbert von Karajan und Wolfgang Sawallisch eine große musikalische Tradition, und ich konnte zurückholen, was da einmal war.“ Es gelang ihm hier mit neuen Konzert- und Vermittlungsformaten und mit immensem persönlichem Einsatz, weite Teile der Bevölkerung für die Musik wiederzugewinnen und in den zehn Jahren seiner Tätigkeit das Publikum zu vervierfachen. Gepriesene Live-Aufnahmen der Bruckner- und der Brahms-Symphonien stammen aus dieser Zeit, in Aachen dirigierte er 2008 auch jene „Salome“, die als erste Opernaufführung weltweit frei und live im Internet mitverfolgt werden konnte. Bosch war es auch, der gleich in seinem ersten Jahr als Generalmusikdirektor in Nürnberg am Pult stand, als mit „Tristan und Isolde“ die erste Opernpremiere live in Kinos übertragen wurde. Auch in dieser Stadt steigerten sich durch seine Initiativen die Publikumszahlen beträchtlich. Das Nürnberger Klassik-Open-Air wurde mit 90.000 und mehr Besuchern zu einer der größten Klassikveranstaltungen Europas. Im zusätzlichen Kinderkonzert „kamen morgens schon 15.000 Familienmenschen auf den Platz“, erzählt Marcus Bosch mit Begeisterung in der Stimme. 

Der entscheidende Punkt

Das sind beeindruckende Zahlen. „Der entscheidende Punkt meiner Arbeit war aber immer – und das hat vermutlich mit meiner Herkunft aus einem nicht professionellen Umfeld zu tun: Wie viele Menschen entdecken diesen Reichtum der klassischen Musik nicht, weil sie keinen Zugang haben. Ich glaube, dass die allermeisten Menschen ein Fenster in ihrem Herzen haben, durch das klassische Musik – oder was im weitesten Sinne damit zusammenhängt – hereinkommen kann, wenn man nur dieses Fenster öffnet. Manchmal braucht es dazu eben jemanden von außen.“  Marcus Bosch versteht es vortrefflich, die Fenster, Türen und Herzen für die Klassik zu öffnen. An allen seinen Wirkungsstätten ist er auf Menschen gestoßen, die sich begeistern ließen – oft auch an Orten, an denen man es nicht vermuten würde. Gerne erzählt er von seiner Volleyball-Mannschaft in Saarbrücken, der er sich zum sportlichen Ausgleich angeschlossen hatte. „Da war noch keiner jemals in der Oper gewesen. Ich habe sie alle eingeladen – und es gab keinen, der nicht wiedergekommen ist. Es braucht einfach einen Impuls. Da liegt noch ganz viel brach“, ist er überzeugt. 

„Meine Studenten hören von mir immer: Alles, was ich sage, sag ich zuerst einmal zu mir selbst. Man muss ja immer wieder vor seinem eigenen Wort bestehen." Marcus Bosch 

Kulinarisch, musikalisch

Mit dieser Überzeugung ging er auch ans Werk, als er vor zehn Jahren als Direktor die Leitung der Opernfestspiele Heidenheim übernahm. Drei Opern werden hier jeden Sommer geboten, eine davon für Kinder, und eine ganze Reihe von weiteren Konzerten und anderen Veranstaltungen.  Nach Luzerner Vorbild hat Marcus Bosch hier gleich auch ein eigenes Orchester, die Cappella Aquileia, ins Leben gerufen, mit handverlesenen Musikern aus ganz Deutschland. Namhaft sind auch die Regisseure und Interpreten, die er zu den Festspielen holt. Gemeinsam mit ihnen gestaltet er in Heidenheim und Umgebung „Blaue Abende“ in lockerer Atmosphäre – Überraschungsprogramme mit kulinarischen und musikalischen Köstlichkeiten für Musikfreunde und alle, die es noch werden möchten. Die Fachpresse hat die Opernfestspiele Heidenheim mittlerweile längst zum „Glyndebourne Deutschlands“ erklärt.   

In reichem Maße

2016 begann für Marcus Bosch gewissermaßen ein neuer Lebensabschnitt, als er an der Musikhochschule München zum Professor für Dirigieren berufen wurde. Ein Glücksgriff für die Institution, ein Glück für die Studierenden – und „glückhaft in reichem Maße“ auch für Marcus Bosch selbst. Im vergangenen Jahr legte er zugunsten des Dirigiernachwuchses sein Amt als Generalmusikdirektor in Nürnberg nieder.  „Es gibt so vieles, das einem als Student selber durch den Kopf und durchs Herz gegangen ist. Da kann ich den Jungen jetzt ganz viel mitgeben“, sagt Marcus Bosch, der auch beim Unterrichten auf eine Begegnung auf Augenhöhe größten Wert legt. „Meine Studenten hören von mir immer: Alles, was ich sage, sag ich zuerst einmal zu mir selbst. Man muss ja immer wieder vor seinem eigenen Wort bestehen. Ich empfinde das als ein nochmaliges komplettes neues Nachdenken über das, was man vielleicht selbstverständlich tut.“ 

Fülle an Aufgaben

Angesichts „der Fülle an Projekten und Verpflichtungen“ von Marcus Bosch „kann man leicht den Überblick verlieren“, schrieb ein deutscher Journalist vor wenigen Jahren. Wie wahr. Zu berichten wäre jedenfalls noch von seiner Funktion als Vorsitzender der GDM-Konferenz, einer Plattform für Generalmusikdirektoren, die er mit gegründet hat, und von einer Vielzahl an Gastdirigaten, die ihn regelmäßig an die Opernhäuser von Hamburg, Dresden und Berlin, aber auch zu Orchestern wie dem Gewandhausorchester Leipzig und Klangköpern in ganz Europa führen. Jüngst wählte ihn die Norddeutsche Philharmonie Rostock als Conductor in Residence zu ihrem künstlerisch Verantwortlichen, der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz ist er als Erster Gastdirigent eng verbunden. Als Gastdirigent am Pult des ORF RSO Wien gibt Marcus Bosch nun auch sein Wien-Debüt im Großen Musikvereinssaal.

Ulrike Lampert 
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.