Die Wahrheit des Moments

Michael Schade

„Was sag ich denn vom Rauschen? Das kann kein Rauschen sein …“ Michael Schade singt Schuberts „Schöne Müllerin“ und spricht über das, was uns Schuberts Lieder sagen können.

Und der da“, sagt Michael Schade und deutet lächelnd auf die Brahms-Büste im Brahms-Saal, „der ist auch einer, der das eindeutig verstanden hat, oder?“ O ja, das hat er. Verstanden hat er, wie weit und reich die Welt der Schubert-Lieder ist, und geliebt hat er ihn, diesen Franz Schubert. „Meine Schubertliebe“, schrieb Johannes Brahms 1863 aus Wien, „ist eine sehr ernst- hafte, wohl gerade, weil sie nicht flüchtige Hitze ist.“ Dass er sein Herz an Wien verlor, hat auch mit dieser Liebe zu tun. Brahms war Schubertianer – mit Herz und Mund und Tat und Leben. 1869, um nur ein Beispiel zu nennen, saß er in Wien am Flügel und begleitete seinen Freund Julius Stockhausen, einen famosen Liedsänger, bei Schuberts „Schöner Müllerin“. Die Aufführung des ganzen Zyklus war eine Pioniertat. Und so stimmt wirklich alles fein zusammen, wenn Michael Schade nun mit einer Reverenz an Brahms vor dessen Büste steht. Am 2. April singt er im Brahms-Saal Schuberts „Schöne Müllerin“. 

Schlaflos mit Schubert

Schades Schubertliebe ist – wie die von Brahms – eine sehr ernsthafte und keine flüchtige, aber sie hat wohl ein paar Hitzegrade mehr. Die höhere Temperatur rührt vom Temperament des leidenschaftlichen Sängers, der sich tief versenkt in das, wovon zu singen und zu sagen ist. Ja, auch zu sagen! „Es geht bei einem Liederabend genauso wenig wie bei der Oper um ein ,Ich singe schön und schau gut aus‘“, erklärt Michael Schade, „nein, es geht darum: Was möchte ich sagen? Und warum sage ich es überhaupt?“ Wer sich so einlässt auf die Geschichte der „Schönen Müllerin“, spürt den Schmerz dessen, dem das Glück versagt bleibt. „Sag, Bächlein, liebt sie mich?“ Nein, sie liebt ihn nicht. Kein Wasser spült die harte Wahrheit weg. „Es ist ein Wahn, diese Müllerstochter zu lieben, eine Verrücktheit, eine Folie! Undenkbar, dass es gehen könnte. Sie ist eine bedeutende junge Frau, die Tochter eines großen Meister, da hat der Gesell keine Chance“, sagt Michael Schade mit solchem Appassionato, dass wir schon nah an seinem Singen sind.

„Ich mach’s ja immer relativ dramatisch, weil ich die Wut des jungen Burschen fühle, und das ist die Wut in uns allen, wenn wir nicht ankommen.“ Freilich – und auch dieses Gefühl ist mit ein paar Hitzegraden verbunden – spürt Schade auch den Drang zum Trotzdem. „Selbst wenn ich die Erfüllung nicht finde, ist’s besser, geliebt zu haben, als sich sein Leben mit einem ,na ja‘ zurechtzulegen.“ So erklärt sich dann auch, weshalb Michael Schade die Reaktion eines Schubertiade-Besuchers in Schwarzenberg als das „größte Kompliment“ dazu verbucht. Nach einer „Schönen Müllerin“ trat dieser Hörer anderntags vor den Sänger und erklärte, schlecht geschlafen zu haben. „Um Himmels willen“, so Schade damals spontan, „das tut mir leid, muss ich mich bei Ihnen entschuldigen?“ – „Nein, aber gar nicht. Es hat mich so gepackt und die ganze Nacht nicht losgelassen.“

Der Friede, sanft und kühl 

Dem Aufgewühlten steht das Friedvolle gegenüber, der Wut antwortet die Ruhe. Sie gehören zusammen. Und erst in der Spanne öffnet sich die ganze Schubert-Welt. „Es ist für mich immer wieder erstaunlich“, sagt Michael Schade, „wie viel Friede eigentlich in der Musik von Schubert ist. Wie viel Friede in einem sehr unfriedlichen Leben!“ Der Bach in seiner Klarheit trägt dem Müllerburschen seinen Frieden an. „Gute Ruh, gute Ruh!/ Tu die Augen zu,/ Wandrer, du müder, du bist zu Haus.“ Es ist ein kühler Friede, der ihm da zugespielt wird, aber kein kalter. Und sanft klingt durchs Wogen der Wellen das Wiegenlied, mit dem man’s gehen und geschehen lassen darf. „Schlaf aus deine Freude, schlaf aus dein Leid!“ Michael Schade hat dieses Lied am Sterbebett seines Vaters gesungen. In aller Offenheit erzählt er davon und spricht von Leid und Tod in seiner Familie. Seine Eltern verlor er innerhalb von nur fünf Wochen, sein Bruder starb wenig später an Krebs. Schubert, so hat Schade es selbst erlebt, kann aus diesen Schmerzenserfahrungen einen Weg zu Ruhe, Trost und Hoffnung öffnen. Etwas davon wollte Michael Schade auch seinem Vater mitgeben, der selbst ein begnadeter, wenn auch kein professioneller Sänger war. Dass es ihm nach dieser Abschiedsmusik je wieder möglich sein könnte, „Des Baches Wiegenlied“ zu singen, wollte Michael Schade selbst nicht glauben. Doch es kam anders. „Wenn ich das singe, denke ich wohl ganz intensiv an meinen Vater. Aber ich spüre auch: Die Wahrheit dieses Moments ist viel größer als meine ganz persönliche Geschichte mit diesem Lied.“

Schnittpunkt der Seelen

Die Wahrheit des Moments, die Wahrheit im Moment. Fragt man, weshalb Michael Schade Sänger geworden sei, wird man genau darauf geführt. „Ich hab ja zunächst Naturwissenschaften studiert“, erzählt er, „und in den Naturwissenschaften gilt: Sie laufen auf die eine richtige Antwort hinaus. Ob es nun Einsteins ,e = m2‘ ist oder eine andere, von einem Genie entdeckte Formel – sie setzt als die richtige Antwort den Standard, der gilt. Wenn ich aber hier auf die Bühne gehe und singe, dann ist es meine Antwort, die gefragt wird. Darin liegt etwas enorm Befreiendes!“ Diese Antwort bildet sich im Augenblick, die Wahrheit liegt im Moment. Sie ist kein Abstraktum, sondern ein Schnittpunkt der Seelen. „Was sich ereignet, wenn ich hier oben stehe und dem Publikum begegne, ist ein Austausch zwischen den Seelen, für die ich singe, und meiner eigenen. Und was ,richtig‘ ist, kann nur von den Seelen der Hörenden beurteilt werden. Also kann es die schlechthin ,richtige‘ Antwort in unserer Kunst wohl gar nicht geben.“ Diese Begegnung der Seelen, sagt Michael Schade, sei „eine Kommunikation, die an eine Art Kommunion erinnert – etwas von größter Wichtigkeit.“ Dazu fügt sich auch einer seiner Leitsätze, den er gern seinen Studierenden bei Meisterklassen in aller Welt mitgibt. „Man wird nicht Sänger. Man wird gefragt, Sänger zu sein.“

Tragend fürs ganze Leben

Wenn Michael Schade Wörter wie „Kommunion“ und „Religion“ benützt, sind keine Weihrauchschwaden im Spiel. Es geht auch hier, einmal mehr, um die Glut des Poetischen. „Ich sage immer: Mit der Poesie ist’s wie mit der Religion. Es ist erstaun- lich, wie viel die Menschen davon brauchen, wenn es auf ihr Ende zugeht. Oder wenn sie frisch verliebt sind. ,O lieber Gott, mach, dass das Mädel mich sieht!‘ – ,Wenn ich ihn nur einmal treffen könnt!‘ – ,Wenn sie mir doch einen Blick nur schenken würde!‘, und schon“, sagt Michael Schade und lacht, „bin ich bei 17 Liedern.“ Was Liederabende (auch) leisten können, ist, das Poetische wach- und hochzuhalten – und das über jene Verliebtheits- und Angstecken hinaus, in de- nen es ein kümmerliches Dasein führt. Lieder und Poesie können tragend sein fürs ganze Leben. Doch wie kann man diese Botschaft heute vermitteln? Grundfalsch fände es Michael Schade, es „billiger“ zu geben und das Niveau nach unten zu nivellieren. „Nein, man muss die Leute für das Liedgut begeistern, mit tollen, spannenden Programmen!“ 

 „Was sich ereignet, wenn ich hier oben stehe und dem Publikum begegne, ist ein Austausch zwischen den Seelen, für die ich singe, und meiner eigenen." Michael Schade

„Winterreise“ und „Müllerin“

Wie ein Liederabend konzipiert und komponiert wird, bleibt auch so gesehen eine große, herausfordernde Aufgabe. Es sei denn, man folgt dem schon fix Gefügten, wie es Franz Schubert mit seinen Zyklen geschaffen hat. Die „Winterreise“, erzählt Michael Schade bei dieser Gelegenheit, habe er sich lange „aufbewahrt“ – erst vor zwei Jahren hat er sie erstmals im Konzert gesungen. Hat diese Erfahrung sei- ne Sicht auf die „Schöne Müllerin“ verändert? Schade denkt länger nach und sagt dann: „Nein, sie hat diese Sicht bestätigt. Und sie hat vor allem Schubert bestätigt. Irgendwie hatte ich ja fast die Angst, die ,Winterreise‘ sei ein so monumentales Werk, dass es das andere verkleinert. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Beide stehen gleichberechtigt nebeneinander. Es sind, aus meiner Sicht, seine größten Werke.“ Michael Schade sagt das, wie man weiß, als Schubert- Kenner und -Sänger von Graden. Neben schier unzähligen Schubert-Liederabenden stehen da auch Erfahrungen auf der Konzertbühne mit Schubert- Arien, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt, und Bühnenerlebnisse mit Schubert-Opern wie „Fierrabras“.

Der Inbegriff des Singens

Die „Schubertliebe“ ist eine Liebe fürs Leben. Auch für Johannes Brahms war es nicht anders. Schubert, schrieb Brahms drei Jahre vor seinem Tod an Eusebius Mandyczewski, den Archivdirektor des Musikvereins, sei „unübertroffen von den größten Meistern, die vor und mit ihm lebten, wie von den besten derer, die ihm folgten. Und in manchem Betracht steht Schubert, was das deutsche Lied angeht, einzig da.“ Michael Schade kann da nur zustimmen. „Für mich“, sagt er, „ist Schubert der Inbegriff des Singens.“

Joachim Reiber

Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.