Die Wahrheit hat drei Seiten

Jan Josef Liefers

Jan Josef Liefers alias Professor Boerne präsentiert sich im Gläsernen Saal von einer hierzulande kaum bekannten Seite: Als Frontman seiner sechsköpfigen Band „Radio Doria“ bringt er Wohlfühl-Pop vom Feinsten. Ein Musikvereinsdebüt der anderen Art. 

Wer kennt ihn nicht, den kultivierten, von leiser Arroganz umflorten Gerichtsmediziner mit der scharfen Zunge und dem scharfen Verstand, der dem Kommissar Thiel (Axel Prahl) im „Tatort“ aus Münster stets die entscheidenden Hinweise zur Lösung des Falls gibt. Jan Josef Liefers hat mit der Figur des Professor Boerne, die 2002 erstmals auf den Bildschirmen erschien, ein maßgeschneidertes Rollenkostüm kreiert, das mit seiner Person längst bis zur Unkenntlichkeit verschmolzen ist. Wie das mit Serienstars eben so ist.   

Schiller, Shakespeare – Film und Fernsehen

Der aus Dresden gebürtige Schauspieler, Spross einer Theaterfamilie, hat freilich weit mehr zu bieten. Er hat in Deutschland eine gediegene Theaterkarriere an den führenden Häusern gemacht, spielte Shakespeare und Brecht, Schiller und Goethe, Tschechow und Pirandello, ehe er sich verstärkt dem Film und dem Fernsehen zuwandte. Gleich nach seiner Ausbildung an der Ernst-Busch-Schule bekam er 1987 ein Engagement am Deutschen Theater Berlin, wo damals Thomas Langhoff und Heiner Müller wirkten. Nach der Wende wechselte er zu Jürgen Flimm ans Hamburger Thalia Theater, wo er seinen Einstand im meisterhaften Freischütz-Musical „The Black Rider“ von Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs gab; ein Welterfolg, den auch das Publikum bei den Wiener Festwochen begeistert akklamierte.   

Erfolgreiche Diversifikation

1994 löste sich Liefers aus der fixen Bindung ans Theater und diversifizierte höchst erfolgreich in verschiedenste Sparten seiner Branche, erscheint nicht nur regelmäßig auf Bildschirm und Leinwand, sondern fungiert auch als Regisseur und Produzent. Darüber hinaus eroberte er sich die höchste Kunstform, die es in seinem Metier zu beherrschen gibt: das Entertainment.  Liefers, der als Jugendlicher leidenschaftlich gern und sehr gut Gitarre spielte, wurde als Sänger mit einer eigenen kleinen Band aktiv, die sich zunächst „Oblivion“ nannte; unter dem Titel „Soundtrack meiner Kindheit“ ließ er seine Kindheit und Jugend in der DDR Revue passieren, mit der Musik, die ihn damals prägte; dazu hat er auch ein gleichnamiges Buch geschrieben.   

Wortmächtiger Zeitgenosse

Denn Jan Josef Liefers ist nicht nur geschult an der Sprache großer Dichter, er ist selbst ein durchaus wortmächtiger Zeitgenosse und pflegt sich zu politischen und sozialen Themen öffentlich zu äußern. Im November 1989, wenige Tage vor dem Fall der Berliner Mauer, war er einer der Redner bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz, an der sich die führenden Intellektuellen beteiligten. Für sein soziales Engagement wurde ihm 2011 der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen.  Ein Künstler mit vielen Gesichtern also, dazu privat ein vielfach verbundener Patchwork-Familienmensch, Vater von vier Kindern aus drei Beziehungen – kein Wunder, dass er in Holland sogar zur Romanfigur avancierte.   

Fein abgemischt, pikant gewürzt

Was nun seine Ambitionen mit „Radio Doria“ betrifft, so erfolgt sie laut Liefers’ eigenem Bekunden in fruchtbarer Konkurrenz mit seiner Frau Anna Loos und deren Band „Silly“, die es in Deutschland sogar unter die Top Ten der Hitparade schaffte.  „Radio Doria“ steht für eine sechsköpfige, perfekt aufeinander eingespielte Combo, die den fein abgemischten, pikant gewürzten Sound für die Songs im Stil der neuen deutschen Welle liefert. Das Kapitel DDR ist längst abgeschlossen. Jetzt geht es um andere Themen, speziell auf der neuen CD namens „2 Seiten“, die Liefers und seine Mannschaft nun auch in Wien präsentieren.  Für diesen besonderen Auftritt ist Jan Josef Liefers, der trotz Serien-Popularität kaum Interviews gibt, sogar zu einem Gespräch bereit, zu dem er seinen Keyboarder Gunter Papperitz mitgebracht hat. 

Herr Liefers, es ist ein seltenes Ereignis, dass das Wiener Publikum Sie live erleben kann! 

JJL: Ich freue mich, wieder einmal in Wien zu sein. Immerhin verdanke ich dieser Stadt zumindest einen Teil meiner Existenz. Mein Urgroßvater, der Gustl-Opa, war nämlich aus Wien, in unserer Familie gab es immer diese starke Achse Wien–Dresden. Und Gunter hier hat ebenfalls einen besonderen Grund, sich auf den Musikverein zu freuen!  GP: Ich bin auch ausgebildeter Toningenieur, da wurde uns der Goldene Saal natürlich als Musterbeispiel einer perfekten Akustik dargestellt.

"Wir haben uns gesagt: Lass uns Musik machen, über deren Inhalt man nachdenken kann, aber nicht nachdenken muss."

Jan Josef Liefers

Sie geben Ihr Wiener Debüt mit „Radio Doria“ gleich im heiligsten Musiktempel der Stadt. Herr Liefers, welche Beziehung haben Sie zu klassischer Musik?  

JJL: Meine Einführung in die klassische Musik hat meine Oma erledigt, die war ein glühender Beethoven-Fan; Wagner mochte sie nicht. Sie hatte einen Plattenspieler, der täglich und stundenlang im Einsatz war, so habe ich die ersten großen Symphonien gehört. Außerdem hatte sie noch ein uraltes Grammophon, das mich als Kind sehr fasziniert hat: Diese klangliche Differenz zwischen den Schellacks und den Vinylschallplatten war ein großes Erlebnis für mich. 

Ihre spätere musikalische Sozialisation verlief aber über ein anderes Genre? 

JJL: Na klar, ich kenne wenige Jugendliche, die sich nicht für Pop begeistern. Aber die Klassik spielt bis heute eine große Rolle in meinem Leben, ich benutze sie, um es mit Erik Satie zu sagen, als „ameublement“, zur emotionalen Möblierung; um mich in Stimmungen zu bringen oder aus Stimmungen rauszubringen, um mich abzulenken, mich hinzugeben, mich zu energetisieren … das ist so wie man Luft atmet. Ich höre viel Bach, jetzt gerade das „Wohltemperierte Klavier“ rauf und runter, in den verschiedensten Aufnahmen, um dann doch wieder bei Glenn Gould zu landen. Ich mag auch Jazz, nicht jede Art, nicht rund um die Uhr, aber immerhin. Und durch meine Kinder höre ich natürlich auch alles Mögliche, was uns der Zeitgeist so um die Ohren haut. – Aber Sie haben mit Ihrer Frage wahrscheinlich auf meine Jugend in der DDR angespielt?   

Genau! 

JJL: In der DDR konnte man sich nicht frei aussuchen, was man hören wollte. Dort herrschte ein unglaublicher Kontrollwahn, gerade was die Popmusik anging. Alles im Radio und im Fernsehen wurde reglementiert und eingeschränkt, schon um zu verhindern, dass der Rock ’n’ Roll die Jugend auf „dumme“ Gedanken bringt. Ich wollte immer in einer Band spielen, aber als Jugendlicher sah ich keinen Weg in die Musik, der an den staatlich kontrollierten Ausbildungswegen vorbeigeführt hätte.  Die DDR-Bands hatten unter diesen Einschränkungen natürlich zu leiden. Doch es machte sie auch kreativ! Das waren sehr fleißige Komponisten, die nicht nur aus dem Bauch, sondern auch mit dem Kopf ihre Lieder machten. Die Texte waren das Schwierigste, denn die mussten an der Zensur vorbei. Alles zu verklausulieren, zu umschreiben, wahre Bedeutungen gut zu tarnen, das war die Kunst, die letztlich ein ganz spezielles Genre hervorgebracht hat, sehr poetisch und manchmal auch sehr pathetisch.  Ich habe das damals übrigens gar nicht so gemocht. Erst Jahre später habe ich die alten Ost-Bands zu schätzen gewusst. Das war uns dann mit der Band einen ganzen Abend wert.   

Das war Ihr erstes Programm, „Soundtrack meiner Kindheit“, die Band hieß damals bezeichnenderweise „Oblivion“. War das, zusammen mit dem autobiographischen Buch, sozusagen Ihre Vergangenheitsbewältigung? 

JJL: Vergangenheitsbewältigung ist ein großes Wort. Es war halt mein Leben. Das ist ja das Merkwürdige: dass wir unser Leben vorwärts leben, aber erst im Rückblick verstehen. Ich war auf komische Weise sprachlos, was mein Aufwachsen in der DDR betrifft. Als ich nach der Wende nach Hamburg ans Thalia Theater kam, habe ich mich bemüht, davon zu erzählen, und bemerkt, wie schwer das war. Deshalb habe ich angefangen, alles aufzuschreiben – was das Land für mich war; denn die DDR gab es ja so wenig wie es das Österreich oder das Deutschland gibt. Jeder hat seine Wahrheit, und das war eben meine Sicht. Heute habe ich dazu alles gesagt.   

Wer sind die Mitglieder Ihrer Band, woher kommen die Musiker, sind das quasi alte Kumpels? 

JJL: Das kann man wohl sagen. Wir sind im Prinzip von Anfang an zusammen. In der aktuellen Konstellation arbeiten wir seit 2002, Christian Adameit kam als Bassist wenige Jahre später dazu, und inzwischen haben wir eine Gitarre weniger auf der Bühne. Schlagzeug spielt Timon Fenner, die Keyboards Gunter, der hier gerade neben mir sitzt, und Jens Nickel ist der verbliebene Gitarrist. 

Und die Texte schreiben Sie? 

JJL: Das ist kein Zwang. In der Band ist jeder auch Songschreiber. Von Gunter zum Beispiel stammt das „Abendlied“. Er hat diese Ressource, dass er in klassischer Musik ausgebildet ist, der verdanken wir auch dieses schöne Streicherquartett in der Mitte des Songs „So schön“. 

Der Name der Band spielt mit dem Wort „Radio“ – sicher nicht zufällig? 

GP: Wir haben festgestellt, dass wir alle eine spezielle Beziehung zum Radio haben. Wir haben auch alle bis heute keinen Fernseher; nur Jan hat einen. Wir sind mit dem Radio sozialisiert, da dachten wir: Dieses Medium passt als Metapher für das, was wir transportieren wollen! Unser erstes Programm hieß ja auch „Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ – wie wenn man nachts wachliegt und im Radio fremde Stimmen und Klänge hört, herausgehoben wird aus seiner Lebensrealität, in die Fantasie und auf ganz andere Gedanken kommt.

Es sind einfache Lieder, die man sich merken und die man mitsingen kann, die „Spaß und gute Laune“ verbreiten, wie es in den Kundenrezensionen zur CD heißt. Aber Sie haben doch sicher noch einen anderen Anspruch.

JJL: Ja, aber dieser Einstieg über allgemeinen Spaß an der Musik und gute Laune ist mir sehr recht. Gerade jetzt. Als die Flüchtlingskrise losging, wurde der Ton so rau, die Fronten haben sich verhärtet, man stand sofort entweder auf der einen oder der anderen Seite, bei den „Guten“ oder bei den „Bösen“, etwas dazwischen war nicht mehr möglich. Der Freiraum, in dem man eine andere Meinung oder einen Disput zulassen kann, die Fähigkeit, in einem Streit auch etwas Gutes zu sehen, ging verloren. Ich fand es schwierig, in dieser Zeit U-Musik zu schreiben. Wir waren damals gerade dabei, unser zweites Album vorzubereiten, und haben eine Weile gebraucht, um uns in dieser Situation zu orientieren. Wir haben vor eineinhalb Jahren eine selbstorganisierte „Bildungsreise“ in den Iran gemacht, um diese Verspannungen loszuwerden, wollten uns das neu verordnete Feindbild vor Ort mit eigenen Augen ansehen: die Welt des Islam. Wir haben dort tolle Menschen kennengelernt und klarerweise auch die fremdartigen und eher abschreckenden Aspekte erlebt. Wir haben uns mit persischer Musik und Kultur befasst, und dachten: Schauen wir, ob es nicht auch dort eine zweite Seite gibt. Programm und CD heißen denn auch „2 Seiten“. 

In welcher Form sind die Reise-Erfahrungen in das Programm eingeflossen? 

JJL: Das erste Lied ist gewissermaßen ein Plädoyer fürs Reisen, im Sinne von „in Bewegung bleiben“, auch im Kopf. Unser Anspruch insgesamt war, leicht zu sein. Wir haben uns gesagt: Lass uns Musik machen, über deren Inhalt man nachdenken kann, aber nicht nachdenken muss. Uns geht es nicht um das Austeilen von Schlägen, sondern wir laden die Menschen ein. Wir sind nun mal keine Provokateure, sondern eher Brückenbauer. Die Wahrheit ist in jedem Fall viel umfassender – und alles hat sowieso drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische. 

Monika Mertl   

Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).