Vom Geheimnis der Langlebigkeit

Russland und seine Orchesterchefs

Yuri Chatujewitsch Temirkanov – seit 30 Jahren Chef der heutigen St. Petersburger Philharmoniker, Vladimir Iwanowitsch Fedosejev – seit gar 44 Jahren Chef des heutigen Tschaikowskij-Symphonieorchesters! Sind diese beiden wunderbaren alten Herren ein spezifisch russisches Phänomen? Ein soziokultureller Klärungsversuch. 

Die Liste ließe sich ja noch fortsetzen, blickt man in die jüngere Vergangenheit. Den bisherigen Langzeitrekord hielt nämlich Jewgenij Mrawinskij, der genau ein halbes Jahrhundert bis zu seinem Tod 1988 die Leningrader, heute St. Petersburger Philharmoniker leitete. Oder Jewgenij Swetlanow, Chef des Moskauer Gosorchesters, der es bis zu seiner Entlassung 1999 auf 35 Jahre brachte und sicher noch bis zu seinem Tod geblieben wäre, hätte ihn der damalige Kulturminister nicht gefeuert, was im Publikum auf Protest stieß. Und last but not least Valery Gergiev, der auch schon seit 30 Jahren im St. Petersburger Mariinsky Theater regiert, beileibe noch kein alter Herr. Es ist ja nicht so, dass es im 20./21. Jahrhundert nicht auch anderswo sehr lange auf ihren Posten verbleibende Orchesterchefs gab und gibt, in den USA, in Israel beispielsweise. Doch sind die Gründe für derartige „Langlebigkeit“ in Russland anders gelagert als im Westen. Um dies zu verstehen, muss man sich zurück ins 19. Jahrhundert begeben. 

Der Chor des Zaren

Eine Orchesterkultur begann sich in Russlands beiden Hauptstädten erst ab der Mitte jenes Jahrhunderts sehr langsam zu entwickeln. Davor bestimmte ein Jahrtausend lang die Chormusik, ursprünglich von byzantinischen Lehrmeistern in die Rus gebracht, das städtische Musikleben. Ab dem 18. Jahrhundert kamen aus Frankreich und Italien das Opern- und Balletttheater hinzu. Schauplätze waren die orthodoxen Kirchen und Klöster einerseits, die kaiserlichen Theater, Paläste und Landsitze der Hocharistokratie andererseits. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem nach der Gründung der St. Petersburger und Moskauer Konservatorien, stieg die Zahl der Berufsmusiker naturgemäß an. Es gab aber noch keine fix etablierten Symphonieorchester und keine eigenen Konzertsäle. Wenn eine der musikalischen Gesellschaften auf Wunsch eines Komponisten oder Dirigenten ein Orchesterkonzert organisierte, mussten die Klangkörper jeweils aus vor Ort zur Verfügung stehenden Musikern zusammengestellt werden. Als Dirigenten fungierten meist die damaligen Komponisten wie Anton Rubinstein, Mili Balakirew und Peter Iljitsch Tschaikowskij. Diese Konzerte waren öffentlich zugängig. Der damalige „Stardirigent“ kam aus Frankreich: Hector Berlioz, trotz seiner nur zwei Russland-Reisen der Abgott des Publikums.

Es herrschte zwar ein reges, doch recht zusammengewürfeltes, bedarfsorientiertes Konzertleben. Dies begann sich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts allmählich zu ändern, als Zar Alexander III. 1882 die Gründung eines „Chors“(!) von Musikern aus dem Bereich des Militärs anordnete. Erst 1897 wurde diese Formation beträchtlich erweitert, zum Hoforchester ernannt und den Musikern der Kaiserlichen Theater gleichgestellt. Das waren die Anfänge der heutigen St. Petersburger Philharmoniker. Daneben gab es vor der Jahrhundertwende nur das exzellente Privatorchester des Grafen Alexander Scheremetjew mit öffentlich zugänglichen Konzerten. Als das kaiserliche St. Petersburger Orchester nach der Jahrhundertwende auch öffentliche Konzerte spielen durfte, brachte dies einen gewaltigen Schub und eine Qualitätssteigerung für das Konzertleben, weil auch die Zahl der ausländischen Gastdirigenten wuchs. 

Brigaden für die Klassik

Die Oktoberrevolution und die bolschewikischen Vernichtungsexzesse an vielen historischen kulturellen Werten hatten natürlich auch Einfluss auf das Konzertleben, allerdings weniger als in anderen Bereichen, obwohl der sogenannte „Proletkult“ auch hier Einzug hielt. Das ehemals Kaiserliche Hoforchester wurde 1921 in die neugegründete Philharmonie eingegliedert. Die kommunistische Elite war insgesamt daran interessiert, die klassische Musikkultur auch der breiten Masse zu vermitteln, für den zivilisatorischen und ethischen Fortschritt. Moskau war inzwischen sowjetische Hauptstadt und alleiniges Machtzentrum, der neue Machthaber Wladimir Iljitsch Lenin führte mit der Elektrifizierung des Landes den sowjetischen Rundfunk bis in die entferntesten Winkel des Riesenreiches ein. Und hier war es die Musik – nicht nur „Proletkult“, sondern russische und europäische Klassik –, die verbreitet wurde. Dazu brauchte man ein Rundfunkorchester, das stets zur Verfügung stand. 1922 fand die erste Konzertübertragung statt, mit einem noch eher kleinen Orchester, „Erste Brigade“ genannt. Es wurde 1930 durch die „Zweite Brigade“ ersetzt, ein großes Symphonieorchester, das allen Aufgaben gewachsen war: das Symphonieorchester des All-Unions-Rundfunks und  -Fernsehens. Während dieses unter vornehmlich russischen Dirigenten musizierte, gaben sich in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren im nunmehrigen Leningrad auch bedeutende westliche Gastdirigenten quasi die Türklinke in die Hand. Aus der Moskauer „Ersten Brigade“ entstand mit beträchtlicher Vergrößerung 1936 das Staatliche Symphonieorchester, kurz Gosorchester genannt. 

Musik im Bombenhagel

Stalins Aufstieg zur Macht und die damit einhergehenden Repressalien hatten auch für die wichtigsten Orchester des Landes personelle und künstlerische Folgen. Denn der Diktator liebte klassische Musik, ging häufig ins Bolschoi Theater und hörte abends im Radio klassische Musik. Seine Urteile tags darauf bedeuteten entweder Segen oder Fluch. Die Leningrader profitierten beispielsweise davon, dass ihr damals noch neuer Chefdirigent Jewgenij Mrawinskij von Stalin besonders geschätzt wurde. Im Zweiten Weltkrieg schlug die große Stunde des Moskauer Radiosymphonieorchesters. Während alle bedeutenden Moskauer und Leningrader kulturellen Institutionen evakuiert und nach Osten hinter die Kampflinien gebracht wurden, harrte das Radiosymphonieorchester in der Hauptstadt aus und spielte im ungeheizten Sendesaal unter Bombenhagel für die Musikübertragungen. In den sechziger und siebziger Jahren begannen die ersten Auslandsgastspiele. Die Leningrader reisten häufiger, weil Mrawinskij auch im Westen bereits eine Berühmtheit war. Für das Moskauer Große Rundfunkorchester nahmen die Auslandsgastspiele erst später unter Vladimir Fedosejev Fahrt auf.   

Symphonik nach Glasnost

Der Zerfall der Sowjetunion stellte auch das Musikleben vor eine völlig neue Situation. Der neue Staat, die Russische Föderation, brachte kaum das Geld auf, um die Subventionen für die allerwichtigsten kulturellen Institutionen zu bezahlen. Besonders hart traf es die Rundfunkanstalt, sie konnte ihr Orchester nicht mehr erhalten und schickte es in die Wüste, die Türen des Sendesaales blieben verriegelt. Mit größter Mühe gelang es Fedosejev, mit Auslandstourneen und Plattenaufnahmen in Bratislava das nunmehr selbständige Orchester für kurze Zeit über Wasser zu halten. Die Rettung brachte der damalige Premierminister Viktor Tschernomyrdin, musikalisch eher einfach gestrickt – er spielte zur Entspannung Balalaika –, jedoch sich der Bedeutung dieses Klangkörpers bewusst. Er gewährte die langersehnte staatliche Subvention. Das Orchester erhielt 1993 den Ehrennamen „Tschaikowskij-Symphonieorchester“. In Leningrad, nach der Wende bereits wieder St. Petersburg, war die finanzielle Situation der Philharmoniker etwas besser: Sie hatten Einkünfte aus dem Plattengeschäft, auch bereits ausländische Sponsoren für ihre Tourneen. Nach dem Tod Mrawinskijs war 1988 Yuri Temirkanov neuer Chefdirigent geworden, nicht wie bisher üblich von „oben“ eingesetzt, sondern von den Musikern gewählt. Er war ja sowohl in Leningrad als auch international kein Unbekannter und kam aus derselben Schule wie sein Vorgänger, der des legendären Ilja Musin. 

Typisch russisch?

Dieser sehr knappe Abriss über die Entwicklung der Orchesterkultur in Russland könnte vielleicht Aufschluss darüber geben, warum Persönlichkeiten wie Fedosejev und Temirkanov bis in die heutigen Tage auf derart lange Amtszeiten zurückblicken können. Hier treffen nämlich mehrere Faktoren aufeinander. Im russischen Orchesterleben waren es von allem Anfang an charismatische Persönlichkeiten, die den Konzertbetrieb bestimmten. An diese klammerten sich die Orchestermusiker, an die Autorität, an der sie sich aufrichten und entwickeln konnten. Das Autoritätsdenken war und ist tief im Bewusstsein der russischen Menschen verwurzelt. Große Bedeutung hatte auch stets die Frage, aus welcher Schule ein Dirigent oder Solist kommt. Es gibt, grob gesprochen, die Leningrader (St. Petersburger) und die Moskauer Dirigentenschule, beide an den jeweiligen Konservatorien etabliert. Dieses Denken in Traditionslinien ist ein weiterer wichtiger Faktor. Gerade in den schwärzesten Zeiten des 20. Jahrhunderts suchten die Musiker nach Orientierungshilfen, die ihnen ein erfahrener Chefdirigent geben konnte – wenn man ihn ließ. 

Im internen russischen Sprachgebrauch wird im Blick auf Orchester, aber auch Operntruppen, Ballettkompagnien etc. bis heute von „Kollektiven“ gesprochen. Im orchestralen Bereich entspricht das in etwa unserem Begriff Klangkörper. Das Wort Kollektiv ist ein Erbstück marxistisch-leninistischer Praxis, ebenso wie die erwähnte „Brigade“. Auch Musiker gehörten im Sowjetsystem zur Arbeiterklasse, weil sie einen wichtigen Beitrag für die Allgemeinheit leisteten, wobei aus dem Kollektiv natürlich Individuen mit besonderer Begabung herausragten und gefördert wurden.  Die Zeiten haben sich geändert, auch im russischen Musikleben. Das Land hat sich geöffnet, jeder Künstler kann bleiben oder im Ausland Karriere machen. Auch große Meister wie Temirkanov und Fedosejev haben Positionen im Ausland und geben häufig Gastspiele. Sie sind jedoch immer ihrem jeweiligen „Stammhaus“ treu geblieben. Möglicherweise sind sie aber in dieser Hinsicht Vertreter eines alten, von den Jungen nicht mehr gepflegten Stils und werden darum daheim besonders verehrt und geliebt. Denn das russische Publikum schätzt Kontinuität von gestern, heute, morgen. Also doch „typisch russisch“? 

Edith Jachimowicz   

Dr. Edith Jachimowicz, heute Musikpublizistin und -dramaturgin in Salzburg und Wien, war jahrelang auch in Moskau tätig.