Mut zum Singulären

Berwald, dirigiert von Blomstedt

Mit den Wiener Philharmonikern bricht Herbert Blomstedt eine Lanze für seinen schwedischen Landsmann Franz Berwald. Dessen „Sinfonie singulière“ aus dem Jahr 1845 ist ein faszinierend eigenwilliges Werk, geschaffen aus einem spannungsreichen Leben.  

„Singulär“, auch „kapriziös“ war das Schicksal des 1796 in Stockholm geborenen Komponisten Franz Berwald. Er sah sich als „seriös“, keinesfalls „naiv“. Diese Eigenschaftswörter wählte er als Titel seiner vier Symphonien. Berwald war Physiotherapeut avant la lettre, Fabrikmanager, Grundstücksmakler – und als Komponist seiner Zeit voraus.  Seine „Sinfonie sérieuse“ sollte die einzige seiner Symphonien bleiben, die zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurde. Die „Sinfonie singulière“, 1845 vollendet, kam erst 1905 in Stockholm zur Uraufführung, 47 Jahre nach seinem Tod.   

Blomstedt und Berwald 

Für seinen Landsmann ist Herbert Blomstedt „immer bereit, eine Lanze zu brechen“. Er hat, wie er erzählt, „die ,Singulière‘ sicher schon sechzigmal“ im Konzert dirigiert. 2016 stieß das Werk auf „großes Verständnis“, als er es mit den Berliner Philharmonikern aufführte, was Blomstedt „besonders gefreut“ hat, weil Berwald in seinen Berliner Jahren keine Resonanz fand. Im April 2018 spielte das NHK Symphony Orchestra in Tokio das Werk unter Blomstedt so „hervorragend, mit vollem Einsatz und großem Verständnis“, dass der Gastkonzertmeister, der pensionierte Konzertmeister der Wiener Philharmoniker Rainer Küchl, ihm zuraunte: „Wunderbar! Ein Jubel wie nach einem Rockkonzert.“ Im Mai 2018 stellte er das Werk in Amsterdam mit dem Königlichen Concertgebouworchester vor, und nun also in Wien – wieder in Wien, denn zuletzt dirigierte Blomstedt das Werk 1998 im Wiener Konzerthaus mit den Wiener Symphonikern. Seit Jahren war Blomstedt bemüht, auch die Wiener Philharmoniker für Berwald zu interessieren, habe doch „das Orchester Berwalds symphonische Dichtungen mit großem Erfolg gespielt“. Tatsächlich dirigierte Berwald 1842 Mitglieder des Orchesters der k. k. Hofoper in einer „Philharmonischen Academie“ im Großen Redoutensaal und sechs Jahre später im Theater an der Wien.   

Völlig originell 

Die „Singulière“ ist für Blomstedt „die bedeutendste Symphonie von Berwald, genial“. Auch die „Sérieuse“ sei hervorragend, aber die „,Singulière‘ ist seine originellste“. Wegen des ins Adagio eingebetteten Scherzos, das mit einen Paukenschlag einsetzt? Nicht nur. „Das Scherzo ist ein Einsprengsel, sehr überzeugend! Wenn das Adagio wenige Takte lang wieder kommt, ist das sehr bewegend. Berwalds gesamte Tonsprache ist völlig originell mit ihren überraschenden Modulationen und einem spezifischen Klang, obwohl er dasselbe Orchester wie Beethovens Fünfte verwendet, also mit Posaunen, aber so individuell wie er klingen selbst Schumann oder Mendelssohn nicht. Das Scherzo, der dritte Satz, hat etwas von Mendelssohn, aber nicht die anderen Sätze.“ Der Blechbläserklang, so Blomstedt weiter, sei „anders als in der deutsch-österreichischen Tradition, kantig; der Musikpublizist Volker Tarnow hat treffend formuliert: wie Eisen und Granit. Dann diese sehr stark ausgeprägte Willenskomponente. Wie bei Beethoven geht die Musik unerbittlich einem Ziel entgegen.“  Ist Berwalds Musik einem Beethoven, Schubert, Mendelssohn ebenbürtig? „Er ist kein Schubert, aber er hat wirkliche Originalität und führt die Symphonie in eine neue Richtung. Erst bei Sibelius und Nielsen finden Sie diese Blechschärfe oder diese sehr poetische Ader des zweiten Satzes.“ Berwald liebte „Sequenzen, also Motive, die drei, vier Mal obsessiv, aber nicht planlos wiederholt werden. Man muss achtgeben und sie dynamisch abgestuft spielen; dann ist das reizvoll. Am Ende der Exposition muss man diese Sequenzen [singt] diminuendo spielen, zu den Streichern spielen die Fagotte eine Gegenbewegung in Triolen gegen Achtel [singt], auch etwas Neuartiges! Bruckner und Mahler verwenden das später oft bis ins Absurde gesteigert.“  

Kunst und Brotberuf 

Im Juni 1829 war der ausgebildete Geiger Berwald nach Berlin gezogen, weil er sich für seine Kompositionen mehr Verständnis als in Stockholm erhoffte. Er verkehrte mit Mendelssohn und Spontini, dem Generalmusikdirektor der Königlichen Hofoper, aber Spontini intrigierte, wie es heißt, gegen jede Neuigkeit, besonders wenn sie besser gewesen sei als seine eigenen Werke. In schwedischen Zirkeln war Berwald als „lilla (kleiner) Beethoven“ bekannt. Seinen Lebensunterhalt musste er ab 1832 mit „orthopädischen Behandlungen“ bestreiten. Es waren wirtschaftliche Gründe und mangelnde musikalische Bildung in Schweden, die Berwald zu unmusikalischer Betätigung zwangen. Als ältester Bruder war er nach damaligem Recht für den Lebensunterhalt seiner vier Schwestern verantwortlich. 1835 gründete er ein eigenes Institut. Seit gut einem Jahrzehnt hatte er Methoden studiert, mit denen er „deformierte oder muskelschwache Patienten“ nach „anatomisch-physiologischen Prinzipien“ mit Apparaten behandelte, die er selbst entwarf und von Tischlern herstellen ließ.   

Quer durch Wien 

1841 reagierte er auf Konkurrenz mit typisch pragmatischer Lakonie: „Ich verkaufte die Apparate – reiste nach Wien – und begann erneut zu komponieren.“ Von April bis Juni 1841 wohnte er in der Leopoldstadt, besuchte Mozart- und Beethoven-Gedenkstätten und klapperte „400 Ärzte“ ab, um sie für seinen „Seitendruck-Apparat“ zu interessieren, aber die „Wiener haben überhaupt kein [sic!] Sinn für ähnliche Sachen“. In „Gartenetablissements“ bewunderte er „den Strauss Senior, den Lanner, Labitzky und andere“. Im Juli 1841 heiratete der „Componist und Direktor, 45“ in der Pfarre St. Leopold die „Geprüfte Lehrerin der Orthopädie Mathilde Scherer, 24“, die in Berlin seine Angestellte war. Sie unternahmen „Landparthien in Wien’s reizende Umgegend“, er stellte die „Sérieuse“ fertig. Berwald freundete sich mit Grillparzer an, der die Aufführung seiner Werke besuchte, und mit dem Dramatiker Otto Prechtler – Nachfolger Grillparzers als Direktor des Hofkammerarchivs –, der ihm die Libretti einer Oper und einer Kantate schrieb. Drei Werke des „vollkommen ausbildeten Talentes“ in einem Wohltätigkeitskonzert am 6. März 1842 stießen auf den Beifall der Wiener Fachrezensenten: Man fand sie geistreich, genial, „eigenthümlich“. Die „Fremdheit der Ideen“ erklärte man mit seiner „skandinavischen Herkunft“, ein Topos, der sich bis heute in Rezensionen über „Musik aus dem Norden“ hartnäckig hält. 

„Große Neigung zur Bizarrerie“

 Im Mai 1842 wurden dieselben Werke in Stockholm verlacht: als geistlos, chaotisch, unmusikalisch, regellos und krankhaft. Eine Bewerbung Berwalds an der Königlichen Akademie wurde 1845 wegen „Übermuts“ und „Eigenliebe“ zurückgewiesen. Zuvor hatte er, auf hohem kunsttheoretischem Niveau, Kritik an seiner Musik öffentlich zurückgewiesen und die Akademie-Führung „Amateure“ genannt.  Nach weiteren Scharmützeln und einem Zwischenspiel in Paris wohnten die Berwalds spätestens Anfang 1847 wieder in Wien – „Kärnterstraße 1046“, März bis November im „Schloss Reisenberg“ (Schloss Cobenzl) des Industriellen und „Naturforschers“ Carl Ludwig Friedrich von Reichenbach, dessen zwei Töchtern Berwald Musikunterricht gab. Seine Musik fand in Wien, Linz und Salzburg mit der Sopranistin Jenny Lind, der „schwedischen Nachtigall“, ähnlichen Beifall wie 1842. Nur Eduard Hanslick beckmesserte: „Als Mensch anregend, geistreich, mit großer Neigung zur Bizarrerie, ermangelt Berwald als Tondichter empfindlich der schöpferischen Kraft und Fantasie.“ In seinen „trockenen Compositionen sprechen nur diejenigen Partien an, die schwedische Nationalthemen verwendeten“ (wobei sich die nicht wirklich als solche belegen lassen).

„Er ist kein Schubert, aber er hat wirkliche Originalität und führt die Symphonie in eine neue Richtung." Herbert Blomstedt

Weihnachtsgeschenk von Mendelssohn 

1850 kaufte ein Freund die Glashütte Sandö in Norrland. Berwald erwies sich hier als „ein geschickter Betriebsleiter“. Die Fabrik wurde von einem anderen Freund übernommen, der ein Sägewerk errichtete. 1857 musste das Unternehmen – eine Folge anhaltender Rezession – Konkurs anmelden.  In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Berwald als Grundstücksmakler, vollendete drei Klaviertrios, das Klavierquintett und das Klavierkonzert und arbeitete an zwei Opern. 1864 wurde er endlich in die Königliche Musikakademie aufgenommen und mit der Umarbeitung des Schwedischen Choralbuchs beauftragt. 1867 übernahm er die Kompositionsklasse am Musikkonservatorium. Am 3. April 1868 starb Franz Berwald im Alter von „71 Jahren, 8 Monaten und 10 Tagen“. Im Besitz der Familie bleiben eine „Kaffeetasse mit Untertasse, Weihnachtsgeschenk von Mendelssohn 1829“ und eine eingerahmte Beethoven-Lithographie.  

Peter Kislinger  

Dr. Peter Kislinger ist seit 1993 freier Mitarbeiter von Ö1 (Musikredaktion).