Klangvolle Beispielhaftigkeit

Die Italiener in der Musikstadt Wien

Über zwei Jahrhunderte hinweg dominierten Italiener das Musikleben in Wien. Das Programm, das Riccardo Muti im Oktober am Pult der Wiener Hofmusikkapelle dirigiert, bringt einen Hauch dieser Italianità in den Großen Musikvereinssaal.  

Viele Abhandlungen sind darüber geschrieben worden, warum schon seit dem Mittelalter und bis in die Zeit der sogenannten „Wiener Klassik“ alle großen Neuerungen in der Musik von Italien ausgegangen sind: die in Venedig dank dafür idealer architektonischer Bedingungen „erfundene“ Mehrchörigkeit, die Oper, das konzertierende Prinzip vom Concerto grosso (in dem eine Gruppe von Solisten dem Orchester gegenübersteht) bis zum Solokonzert. Das sind nur ein paar Beispiele für die größten musikalischen Neuentwicklungen in und aus Italien, dazu kommen noch zahlreiche kleinere oder weniger spektakuläre und trotzdem sehr wichtige, vor allem in der musikalischen Form und in der Kompositionstechnik. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ging diese oft beschworene und manchmal auch bekrittelte italienische Vorherrschaft nach und nach zu Ende, nun gab Wien mit dem sogenannten klassischen Stil den Ton an und die Richtung vor.

Keine Frage der Nationalität 

Sagen wir lieber doch nicht Vorherrschaft, sprechen wir von der italienischen Beispielhaftigkeit, auf die in Renaissance und Barock ganz Europa blickte. Italienische Komponisten und Kapellmeister waren überall gefragt, weil sie „state of the art“ aus Italien mitbrachten. Als Johann Joseph Fux 1715 am Wiener Kaiserhof zum K. K. Hofkapellmeister ernannt wurde, war er seit 1619 erst der zweite in diese Position berufene Nicht-Italiener. Rund um ihn – Vizehofkapellmeister, Hofkompositeur, gar nicht zu reden von Sängerinnen, Sängern und Instrumentalisten – war die Hofkapelle von Italienern dominiert, gegen die sich nur langsam weitere Nicht-Italiener durchsetzen konnten.  Noch Kaiserin Maria Theresia erklärte, dass ihr in der Opernkomposition der kleinste italienische Komponist lieber sei als ein einheimischer. Für sie war der italienische Stil, den sie in der Oper suchte, allerdings keine Frage der Nationalität, sondern der Ausbildung und Schulung. Antonio Salieri, der als Sechzehnjähriger aus Italien nach Wien gekommen war und hier vom Hofkomponisten Florian Leopold Gassmann (einem Einheimischen!) ausgebildet wurde, zählte sie ausdrücklich nicht zu den italienischen Komponisten. Dafür war für sie der in der Nähe von Hamburg geborene und in Italien groß gewordene Johann Adolph Hasse ihr liebster italienischer Opernkomponist, der ihr in ihrer Jugend Gesangsunterricht gegeben hatte und den sie eine Generation später – endlich! – an ihren Hof engagieren konnte.  

Wechselbeziehungen, Wechselwirkungen

Italienische Komponisten waren durch knappe zwei Jahrhunderte überall nördlich der Alpen gefragt. Doch sie haben Europa nicht okkupiert. Denn viele nicht-italienische Komponisten kamen zum Studium, zur Ausbildung oder zur weiterführenden Schulung nach Italien. Sie lernten dort den letzten Stand der musikalischen Kunst kennen, übernahmen das Neue und nahmen es in ihre Heimat mit, um es dort zu verarbeiten. Joseph und Michael Haydn sowie Ludwig van Beethoven waren die ersten namhaften „deutschen“ Komponisten, die auf eine Schulung in der Italianità, also auf einen Studienaufenthalt in Italien, verzichteten, während der junge Mozart dort noch viel lernte. Ein „italienischer“ Komponist wurde aus ihm dennoch nicht.  Es waren Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen, die wichtiger waren als das gedankenlose Importieren. Dieses gab es freilich auch – und es spülte viel Mittelmäßiges und Minderwertiges über die Alpen. Die wirklich großen italienischen Meister allerdings erhielten gezielt Kompositionsaufträge von außerhalb. Wer denkt schon daran, dass Antonio Vivaldis in Venedig komponierte Konzerte „Die vier Jahreszeiten“ für den am Wiener Hof wirkenden und im Sommer auf seinen böhmischen Besitzungen lebenden Grafen Wenzel Morzin geschrieben wurden? Dass Vivaldi dessen „Maestro in Italia“ war, der nicht in Wien präsent sein musste, jedoch in Italien für ihn zu komponieren hatte? Wie Vivaldi für Graf Morzin, so lieferten zahlreiche andere italienische Komponisten für Adelskapellen oder die Hofmusikkapelle Auftrags- und Widmungswerke nach Wien.  

Große Namen – weite Wege 

Kleine Geister der italienischen Musik fanden an manchen kleinen Adelshöfen nördlich der Alpen Unterschlupf und erfuhren dort Anerkennung, die sie in Italien nicht erhalten hätten. Solche gab es in Wien nie. Hier waren nur die wirklich Großen gefragt, für die europaweit Interesse bestand, die sich aber auch nicht scheuten, auf eine Anstellung in Wien zu warten. Denken wir zum Beispiel an den 1686 geborenen Nicola Porpora, der nach ehrenvollen Anfängen in seiner Heimatstadt Neapel sowie in Venedig 1733 nach London engagiert wurde, um dort in der Opernszene als Gegenspieler Händels aufzutreten. Dieser war bis dahin unangefochten, erhielt nun allerdings in Porpora einen gefährlichen Konkurrenten. Nach vier Jahren ging Porpora nach Wien, wo es allerdings so viel italienische Konkurrenz gab, dass er eine Zeitlang wieder in Neapel und Venedig tätig war. 1748 wartete am Dresdener Hof eine Anstellung auf ihn; auf der Reise machte er in Wien Station, um sich in Erinnerung zu rufen.   

Musik vom Feinsten 

1752 klappte es hier endlich: Bis 1760 blieb Nicola Porpora in Wien und war als Gesangslehrer sehr gefragt. Beim Unterricht war sein Assistent am Cembalo der junge Joseph Haydn, der im selben Haus (Kohlmarkt, Ecke Michaelerplatz, mit einer von der Gesellschaft der Musikfreunde angebrachten Gedenktafel) wohnte – Porpora in der Beletage, Haydn in einer Mansardenwohnung. Die letzten acht Jahre seines Lebens verbrachte Porpora wieder in seiner Heimatstadt.  Neapel, Venedig, London, Dresden und Wien: Porpora war mit dem von ihm gelehrten italienischen Gesangsstil und dem von ihm praktizierten italienischen Kompositionsstil ein Weltenbürger. Riccardo Muti hat für sein Konzert mit der Hofmusikkapelle am 20. Oktober ein „Salve Regina“ Porporas ausgewählt: neapolitanische Kirchenmusik vom Feinsten. Dem stellt er Franz Schuberts G-Dur-Messe gegenüber, die gut zwei Generationen später entstand und das erste namhafte kirchenmusikalische Werk ist, das mit jeder italienischen kirchenmusikalischen Tradition brach. Bis dahin war in Wien keine große Messe ohne Einfluss von der sogenannten neapolitanischen Kantatenmesse komponiert worden. Schubert schrieb 1815 diese Messe etwas weniger groß, jedoch völlig unitalienisch, wenn man so will, ganz deutsch.

In stile italiano 

Auch in der Oper wurde der traditionelle italienische Opernstil obsolet, allerdings allmählich und ohne ein vergleichbares Schlüsselwerk. Und kaum gab es so etwas wie eine deutsche Oper in Wien, fiel die Stadt in einen fast ein Jahrzehnt andauernden Rossini-Taumel. Auch Schubert konnte sich dem nicht entziehen und komponierte zwei Ouvertüren „im italienischen Stil“ (soll heißen: im Stil Rossinis). Doch in der Kirchenmusik blieb er auf seiner ganz und gar unitalienischen Linie. Auch wenn Kaiserin Maria Theresia Salieri nicht für einen italienischen Komponisten hielt: Das „Magnificat“ Antonio Salieris, das Riccardo Muti auf das Programm setzt, ist zumindest für unsere heutigen Hörgewohnheiten italienisch wie nur, während ein Musiktheoretiker wohl Maria Theresia recht geben wird.  Was oder wie klang im 18. Jahrhundert „typisch italienisch“, was nicht? Es bedarf keiner langen und ausführlichen Beschreibungen – im Großen Musikvereinssaal ist es zu hören: in einem Programm mit Porpora, Schubert und Salieri, der, nicht zu vergessen, Schuberts Lehrer war.  

!Joseph und Michael Haydn sowie Ludwig van Beethoven waren die ersten namhaften „deutschen“ Komponisten, die auf eine Schulung in der Italianità, also auf einen Studienaufenthalt in Italien, verzichteten, während der junge Mozart dort noch viel lernte."

Stadt der Sehnsucht 

Italien in der Wiener Musikszene: Da ist nicht nur von den hier durch gut anderthalb Jahrhunderte prominent tätig gewesenen Komponisten, Sängerinnen, Sängern und Instrumentalisten zu sprechen. Es ist auch daran zu denken, dass für viele italienische Komponisten und Musiker Wien eine Stadt der Sehnsucht war. Bei Porpora war das zu erwähnen, bei Vivaldi ist daran zu erinnern; tragischerweise starb er hier plötzlich, ehe es zu einer Anstellung kommen konnte. Und für reisende Virtuosen aus Italien war Wien ein Fixpunkt, ein besonderer Ort der Bewährung. Noch Paganini wählte für seine ersten Auftritte außerhalb seiner italienischen Heimat Wien. Unter den sich seit 1778 etablierenden ersten Wiener Musikverlegern dominierten Italiener, in Wien wurden außerdem vorzugsweise italienisches Notenpapier und italienische Darmsaiten verwendet. Ganze Operntruppen kamen aus Italien nach Wien, ebenso wie andere Musikensembles.  Leider wissen wir zum Beispiel nicht, in welchem Adelspalais jene Harmoniemusik ihre Bleibe fand, die 1774 in der „Wiener Zeitung“ ihre Dienste anbot: „Es ist eine Bande Musikanten von 5 Personen aus Italien gekommen, welche bey hohen Herrschaften Dienste ausser der Livre (!) suchen, und auf Verlangen auf ihren Instrumenten, als zwey Horn, zwey Clarineten, und Fagott, sich hören zu lassen, jederzeit bereit seyn, um Probe ihrer Kunst abzulegen.“ Dass diese Anzeige erfolglos blieb und die „Bande Musikanten“ weiterziehen musste, ist nicht anzunehmen. 

Otto Biba   

Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.