Die Welt im Lied

Marlis Petersen

In der Welt der Oper, der Welt der Musik ist Marlis Petersen eine gefeierte Größe.  Nun kommt sie als Liedsängerin in den Musikverein. „Welt“ heißt das Programm, das von ganz anderen Welteinsichten singt.  

Lippen schweigen. Es ist so schwer, das lösende Wort zu finden. Zwei, die sich’s sagen müssten, sind so verstockt in ihrem Denken, dass sie dem Fühlen keinen Ausdruck geben können. Die Musik weiß es längst, ’s flüstern Geigen, und bevor endlich das Zauberwort gesprochen wird, sagt es das Lied. Hanna Glawari, die lustige Witwe, die so lustig gar nicht ist, singt es: das Vilja-Lied. Es ist ein Höhepunkt in jeder Aufführung der Lehár-Operette, hier aber ganz besonders, in Claus Guths Neuinszenierung der Oper Frankfurt. Im eleganten Schwenk der Drehbühne hebt sich das Lied da unversehens aus dem Kunterbunt des Folklore-Getümmels und wird zum intimen Geständnis. Sie singt es, allein, für ihn. Was ein Lied sein kann, als Seelenöffner und Herzensbrecher, wird in diesem Augenblick erlebbar – und umso stärker wirkt er, als Marlis Petersen den Moment mit großer Innigkeit erfüllt. So kann, dank ihr, die Regie den Bogen weit spannen. Der champagnersprühenden Operettenoberfläche steht eine Seelentiefe gegenüber, die im Gesang ihr Eigentlichstes findet.  

Die Welt hebt an zu singen 

Das lösende Wort, wie findet man’s? Das Zauberwort, wie trifft man’s? Man darf dabei einmal mehr an Eichendorff und seine vielzitierten Verse denken: „Schläft ein Lied in allen Dingen,/ Die da träumen fort und fort,/ Und die Welt hebt an zu singen,/ Triffst du nur das Zauberwort.“ Das Programm, mit dem Marlis Petersen in den Musikverein kommt, handelt davon: vom Lied, das in allen Dingen schläft. Von der Welt, die zu singen anhebt. „Welt“, so nennt sie es selbst. „Ich möchte“, sagt sie, „den Hörenden auf eine Liederreise mitnehmen, auf der er sich in seiner Welt womöglich neu spüren, neu erleben kann. Vielleicht eröffnet das eine oder andere Lied neue Blickwinkel auf sein Leben, bricht Muster auf, schafft Ausblicke oder schenkt einfach nur einen kostbaren Moment des Innehaltens.“ Nicht um die Welt „an sich“ also geht es in diesem fein durchdachten und komponierten Programm, sondern um den Menschen im Umgang mit dem, was sein Dasein bestimmt. Zwischen Himmel und Erde, den großen Koordinaten des Erfahrbaren, vollzieht sich sein Leben – und mit ihnen beginnt Marlis Petersen ihr Programm. „Himmel und Erde“, in Schumanns Vertonung, geben das Motto der ersten Liedgruppe vor, der Marlis Petersen und Pianist Stephan Matthias Lademann drei weitere folgen lassen: „Mensch und Natur“, „Los und Erkenntnis“, „Hoffnung und Sehnsucht“. Noch einmal klingt hier, im schönstmöglichen Konjunktiv der Romantik, das Eingangsthema an. „Es war, als hätt’ der Himmel, die Erde still geküsst.“   

Für uns heute 

Monatelang hat Marlis Petersen an diesem Programm getüftelt: gesammelt und geordnet, sondiert und selektiert, bis sich das Ergebnis „glückbringend“ zeigte. „Der rote Faden ist da! Nicht erfunden. Sondern entstanden.“ Entwickelt hat er sich auch aus einem starken Anliegen. „Wir heutigen Menschen“, ist Petersen überzeugt, „sollten Lieder nicht als verstaubtes Erbe aus der Schubertiade-Zeit erleben, sondern als Botschaften, die uns in unserem Heute viel zu sagen haben.“ Wodurch aber ist dieses Heute geprägt? Marlis Petersen nimmt auch dazu in klaren, beherzten Sätzen Stellung. Im Booklet zur CD, die 2017 mit ihrem „Welt“-Programm erschienen ist, lesen sie sich so: „Das Funktionieren und Leisten hat uns in der Hand, und dem Herzen fehlt oft der Raum zum Fühlen und der Seele die Zeit zum Atmen.“  Wie schön gesagt! Und, ja, das Schöne: Ihm soll, darf und muss wieder ein Platz in unserer Wahrnehmung gehören. „In der heutigen Zeit mit den Kriegen, dem Terror, der Vernichtung von Mensch, Natur und Kultur, den immer höher werdenden Anforderungen … haben wir den Blick auf die Schönheit unseres Planeten, auf des Geschenk des Hierseins und das Wunder eines jeden Wesens und Augenblicks verlernt.“   

Griechische Erde, versteinerter Wald

Lieder können die Welt nicht ändern – selbst die kühnsten Idealisten würden nicht so weit gehen, daran glauben zu wollen. Aber: Sie können ändern helfen, wie wir unsere Welt erfahren und gestalten. Dazu braucht es nicht viel. Eine Berührung, ein Berührtsein kann genügen – ein sanfter Anstoß, wie mit einer Wünschelrute. Genau so nennt Eichendorff auch sein Gedicht. Poesie löst verborgene, verstellte Kräfte. Und die Welt hebt an zu singen. Marlis Petersen durchstreift ihre Welt mit diesem Sensorium, gleichsam mit Eichendorffs Wünschelrute. Sie singt wundervoll – ihr Ansatz aber ist, übers rein Sängerische hinaus, ein poetischer. Wie ein Gesamtkunstwerk präsentiert sich so auch ihre CD. Die Fotos dafür wurden auf der Insel Lesbos aufgenommen. „Blauer Himmel, griechische Erde, versteinerter Wald – Millionen Jahre alt. Ich fand, für die ,Welt‘ ist das der genau richtige Platz.“  Dort, in Griechenland, hat sie selbst ein wesentliches Stück ihrer Welt gefunden. Seit einigen Jahren ist Hellas die Wahlheimat der deutschen Sängerin. Der Entschluss fiel spontan, in einem trüb-nass-kalten Februar. Warum eigentlich nach Berlin ziehen? Und nicht nach Athen? Petersen folgte der Lockung in den Süden. Auf dem Peloponnes hat sie inzwischen ein Stück Land erworben, auf dem sie ihr eigenes Olivenöl erzeugt und auf dem jetzt ein Haus steht, gebaut nach ihren Zeichnungen. „Mich hat’s zu einem anderen Menschen gemacht“, sagt Marlis Petersen über ihren Entschluss. „Von den Griechen kann man das Leben lernen.“ 

Den Bruch wagen 

Ein Widerhall dieser Erfahrung findet sich auch in der Liedauswahl ihres „Welt“-Programms. „Bei Schumanns ,Die Hütte‘ habe ich sofort gewusst: Das muss unbedingt mit hinein.“ Dass sich der Mensch in einer intensiv erlebten, in allen Schattierungen wahrgenommenen Natur heimisch macht, ist das eine, wovon das Lied spricht. Ein anderes aber ist, dass es ihm Mut zusingt, seinen Platz in der Welt selbst zu bestimmen. „Wir haben dazu viel mehr Möglichkeiten, als oft angenommen wird“, sagt Marlis Petersen. „Wie oft spreche ich mit Leuten, die arbeiten, arbeiten, arbeiten – und sich im Hamsterrad verlieren, weil sie Angst haben, sie könnten ,rausgeschmissen‘ werden. Doch wenn jeder Einzelne von uns sein eigenes kreatives Potenzial erkennt, pflegt und zur Größe entwickelt, dann merkt er vielleicht, dass er im falschen Beruf, im beengenden System feststeckt.“ Die Hütte, die man sich baut in der freien Natur nach eigenem Entschluss, ist eine Metapher für das, was nottun kann: den Bruch zu wagen und seine Behausung neu aufzuschlagen.  

Abschiede und Erkundungen 

Marlis Petersen erkundet die Welt im Lied mit derselben Hingabe, mit der sie in der Bühnenwelt agiert. Dreimal schon kürte sie die Zeitschrift „Opernwelt“ zur „Sängerin des Jahres“, zuletzt, 2015, für ihre fulminante Interpretation der Lulu in München. In insgesamt zehn Produktionen hat sie die Partie gesungen, jüngst auch an der Metropolitan Opera New York. Sie stand im Fokus bedeutender Uraufführungen, darunter Reimanns „Medea“ an der Wiener Staatsoper, und profilierte sich genauso auf dem Gebiet der Alten Musik. Zur Welt ihrer Bühnenfiguren zählen Mozarts Susanna, Pamina und Elettra wie die Titelpartien in „La traviata“, „Thaïs, „Manon“ und „Maria Stuarda“, Strauss’ Sophie und Korngolds Marietta, die sie soeben, begeistert und begeisternd, zum ersten Mal in Warschau gesungen hat. „Es gibt“, erzählt sie, „gerade so einen kleinen Fachwechsel bei mir. Ich bin dabei, meine Mädchenrollen loszulassen – die Susanna, die Sophie –, kein ganz leichter Abschied, denn diese Mädchen sind auch Teil von mir.“ Ein anderes Mädchen kommt hinzu – und was für eines! 2019 gibt Marlis Petersen ihr Rollendebüt als Salome: in einer Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper unter Kirill Petrenko.  

„Von den Griechen kann man das Leben lernen.“
Marlis Petersen

Drei Blicke auf die Welt 

Die Welt des Lieds, die Welt im Lied bleiben ihr wichtig. Ihr „Welt“-Projekt ist als Trilogie angelegt. „Anderswelt“ heißt der zweite Teil, der nun gerade auf CD aufgenommen wird. Fein konzipiert und komponiert wie Teil eins, durchstreift er die Welt der Feen und Elfen, Trolle und Nixen: Wesenheiten, die magisch mit unserem Menschenwesen korrespondieren. „Innenwelt“, Teil drei, taucht ein in Nacht und Träume. Die Welt ist tiefer, als das bloße Wort reicht. Lippen schweigen. Oder, noch besser, sie öffnen sich im Gesang. 

Joachim Reiber