Aus tiefsten Klangmeeresgründen

Andris Nelsons

In Boston und Leipzig ist er Chefdirigent, die Wiener Philharmoniker haben ihn für ihr nächstes großes Statement zu Beethoven ausgewählt. Andris Nelsons, der Vielbegehrte, steht 2018/19 im Zentrum eines eigenen Musikvereinszyklus. Am 10. September startet er mit dem Boston Symphony Orchestra.  

Genialische Interpreten wie Andris Nelsons leiden stets darunter, dass die Musik in ihren Köpfen (und Körpern) viel schöner spielt als auf den meisten Podien. Die künstlerische Arbeit besteht demnach darin, die Differenz zwischen der inneren Vorstellung und der äußeren Verwirklichung möglichst gering zu halten. Auf Ochsentour durch die sogenannte Provinz, einst eine Pflicht für jeden jungen Dirigenten, gelingt das nur Wenigen. Nelsons aber hat es geschafft, mit überbordendem Talent, Ehrgeiz, Geduld, Zähigkeit und einer Hingabe ans Musikmachen, die zu leuchten scheint – ganz gleich, wie gut oder schlecht die Arbeitsbedingungen waren oder sind, ganz gleich auch, wie hoch der Preis für eine solche Karriere ist.

Heute steht der 39-jährige Lette am Pult der größten Orchester der Welt, und irgendwie ist er immer noch der Bub, der glühend verschwitzt und glücklich nach einer frühen „Walküre“ am Opernhaus in Riga kaum mehr stammeln konnte als „I’m just full of music“.  In Wien wird Nelsons in der neuen Saison dreimal zu erleben sein: mit seinen beiden Stammorchestern, dem Boston Symphony Orchestra, das er seit 2014 leitet, und dem Gewandhausorchester Leipzig, dem er seit diesem Frühjahr vorsteht, und natürlich auch mit den Wiener Philharmonikern, mit denen er gerade einen Beethoven-Zyklus erarbeitet. 2020 ist Beethoven-Jahr, und nach Simon Rattle und Christian Thielemann fällt nun Andris Nelsons die Ehre und die Bürde zu, mit dem Beethoven-Orchester aller Beethoven-Orchester ästhetisch eine Marke zu setzen. Beethoven, der Klassiker, der Romantiker, der Revoluzzer?  

Spezieller Seelenrucksack 

Dirigentisch ist Nelsons ein Naturereignis, niemand seit Carlos Kleiber dreht schönere Pultpirouetten, mal mit verzücktem Blick, mal mit geballter Faust, wie um das Metaphysische zurück in eine Welt zu zwingen, die dessen so dringend bedarf wie vielleicht nie. Nelsons ist gläubiger Christ, daraus macht er kein Hehl. Schon der Fünfjährige wusste, dass er Musik machen wollte, und dass ihm die Drachentöterhaut des Profis nie recht passen würde, erklärt man sich bis heute mit seiner fast kindlichen Empfindsamkeit. Nelsons’ Qualität liegt in seiner Unverdorbenheit, und daran hat sich mit den Jahren und Erfolgen nichts geändert. Wer die erste „Pastorale“ seines Lebens in Paderborn dirigiert, mit der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford, der hebt so schnell nicht ab.

Und wer unter Flugangst leidet (wie er), wird diese durch keine noch so emsige transatlantische Vielfliegerei jemals besiegen.  Darüber hinaus scheint Nelsons einen speziellen Seelenrucksack zu tragen, der sich bei Bedarf schützend zwischen ihn und die üblichen Durchlauferhitzereien des internationalen Musikgeschäfts schiebt. In diesen Rucksack gehört, dass er noch hinter dem Eisernen Vorhang groß wurde und in eisigen Nachtzügen von Riga zum Dirigierunterricht nach St. Petersburg fuhr, viele Stunden hin, viele zurück. In den Rucksack gehören auch der Zusammenbruch der Sowjetunion, die „Singende Revolution“ im Baltikum und der nachfolgende radikale politische Systemwechsel. Mit 13 war Andris Nelsons frei, frei für die Musik. Den Osten kannte er, den Westen lernte er kennen.  

Ergänzte Ahnengalerie 

Als 21. Leipziger Gewandhauskapellmeister ist er heute der legitime Nachfolger von Felix Mendelssohn Bartholdy, Wilhelm Furtwängler, Franz Konwitschny und Kurt Masur. Große Fußstapfen fürwahr, aber das gilt für Boston nicht minder, wo Ikonen des 20. Jahrhunderts wie Pierre Monteux und Serge Koussevitzky zu seinen Vorgängern zählen. Nelsons ist sich dieser Traditionen bewusst, und sie scheinen ihn weniger zu schrecken als zu inspirieren. Für steile programmatische Entscheidungen ist er ohnehin nicht bekannt, auch stilistische Bedenkenträgereien sind seine Sache eher nicht, und wenn die „Neue Zürcher Zeitung“ befindet, eben dieses münde mitunter in eine „Ästhetik der Großvätergeneration“, dann ist das nicht das Schlechteste.

Furtwängler wolle er sich in seinem neuen Leipziger Büro unbedingt noch an die Wand hängen, sagt Nelsons. Artur Nikisch und Bruno Walter hängen bereits dort.  Das heißt nicht, dass der Lette kein Herz fürs Zeitgenössische hätte, im Gegenteil. Seinen Amtsantritt in Leipzig feierte er mit drei Uraufführungen (von Steffen Schleiermacher, Jörg Widmann und Thomas Larcher), und selbst das rechtschaffen konservative Publikum von der amerikanischen Ostküste hat sich an den einen oder anderen Neutöner längst gewöhnt. Auch hier gilt: so wenig Ideologie wie nötig, so viel Fantasie wie möglich. Hardcore-Avantgarde mag anders klingen, die Publikumserkenntnis freilich, dass Neue Musik nicht nur nicht weh tun muss, sondern sinnlich sein kann und sogar witzig, spaßig, diese Erkenntnis ist Andris Nelsons viel wert.   

Nelsons’ Qualität liegt in seiner Unverdorbenheit, und daran hat sich mit den Jahren und Erfolgen nichts geändert.

Spiel der Kräfte 

Bei Dutzenden Auftritten im Jahr kann nicht jeder einzelne eine musikalische Sternstunde sein. Das Inspirationspotenzial selbst eines solchen Talents hat Grenzen, und je weniger Nelsons mit seinen Kräften geizt, desto hemmungsloser beutet der Markt seine Freude an der Sache aus. Gleichwohl sind die neuralgischen Punkte, an denen der ausgebildete Trompeter und Sänger die hoch gesteckten Erwartungen einmal nicht erfüllt, andere. Sein vorzeitiger Abgang bei den Bayreuther Festspielen 2016 etwa gehört dazu, die Gründe dafür liegen bis heute im Dunkeln. Auch dass er seinen Amtsantritt in Leipzig wegen Terminüberhäufung (und Erschöpfung) um ein halbes Jahr verschieben musste, lässt ahnen, wie stark die Kräfte sind, die an einer solchen Musikerpersönlichkeit zerren. Die Agentur sagt dieses, die Plattenfirma jenes, und die Orchester, wenn es denn wirklich zwei sein müssen, achten wie kleine Kinder darauf, nur ja nicht benachteiligt zu werden. Die Idee, beide Klangkörper zu vernetzen, indem es in Boston zukünftig eine „Leipzig Week“ geben wird und in Leipzig eine „Boston-Woche“, dürfte der Versuch sein, im Kalender für etwas mehr Ökonomie zu sorgen. 

Mit den einen feilt er an einem Schostakowitsch-Zyklus (Boston), mit den anderen an Bruckner und nebenbei an Tschaikowskij (Leipzig), die dritten, wie gesagt, wollen es bei Beethoven wissen (Wien) – und alles geschieht zu großen Teilen gleichzeitig. Wie geht das, fragt man sich? Wie passt das alles in einen Kopf, einen Bauch? Gewisse Synergien sind da wohl beabsichtigt und helfen auch. Bruckners Siebte etwa dirigierte er 2015 mit dem Boston Symphony Orchestra als gleißend helle Prozessmusik, als wäre es das Natürlichste von der Welt, die tönenden Architekturen dieses Komponisten mal eben zu verflüssigen, ja zu verlebendigen. Im Frühjahr 2018, im Leipziger Gewandhaus, besticht dieselbe Symphonie vielmehr durch einen warmen Puls, wie auf Körpertemperatur getrimmt, durch metallische Schwärzen und viel Knospen und Blühen im langsamen Satz. Die Klangoberfläche ist weniger poliert als bei den Amerikanern, dafür passiert darunter aber auch mehr. Diese Siebte bedenkt den Korpus der Symphonie nicht als geschlossene Einheit, sondern feiert das Detail, den Augenblick. Es muss nicht alles in der Musik eine Funktion haben, sagt Nelsons’ Lesart, ein Adagio kann ruhig einmal für sich singen, ein Reitermarsch-Scherzo darf losgaloppieren, ohne recht zu wissen, wohin. Ein Sakrileg, die Mahler’sche Lektüre einer Bruckner’schen Partitur? Oder der Tribut an eine Gegenwart, die nichts Ganzes mehr kennt, auch und gerade in der Kunst nicht?  

Heimat, ganz unsentimental 

Im russischen Repertoire, bei Schostakowitsch und Tschaikowskij, fühlt sich der musikalische Weltbürger Andris Nelsons besonders zu Hause. Der Osten bedeutet ihm ein Stück Heimat, ganz unsentimental. Bis heute hat er seinen Hauptwohnsitz in Riga, so wenig praktikabel das sein mag. Er braucht das offenbar, den Rückzug an die Peripherie, die lettische Sprache, gewisse Gerüche und Farben. Und plötzlich erklingt Tschaikowskijs „Pathétique“, wie er sie an einem Leipziger Frühlingsabend dirigiert, als persönliches Bekenntnis: energetisch an den Herzschmerzstellen, orgiastisch-grell im Hexensabbat-Treiben des Blechs. Draußen hat Schneetreiben eingesetzt, und wie aus tiefsten Klangmeeresgründen erhebt sich das Adagio lamentoso des Finales. Mehr ein Erinnern von Musik als Vergegenwärtigung, mehr Trost in der Verflüchtigung als in der Beschwörung.  

Christine Lemke-Matwey  

Christine Lemke-Matwey ist Feuilleton-Redakteurin der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“.