Aus Liebe zur Musik

Giuliano Carmignola

Eine höchst ungewöhnliche Laufbahn hat Giuliano Carmignola zu immensem Erfolg geführt. Im Zentrum seines Programms mit Concerto Köln im Großen Musikvereinssaal stehen das Bach-Doppelkonzert und Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. 

Freilich weiß Giuliano Carmignola, dass er als einer der international führenden Barockgeiger gilt und für viele der Geiger schlechthin für das italienische Repertoire des 18. Jahrhunderts ist. Gerne hört er dies allerdings nicht. „Ich bin ein ganz normaler Geiger“, sagt er. Und: „Ich hatte keinerlei Ambitionen. Ich habe die Musik geliebt, die Geige, das Musizieren als solches. Aber ich hatte nicht das geringste Bedürfnis, mein Talent zu demonstrieren. Das war mein Wesen, so entsprach es meinem Charakter.“ Die Musikwelt wäre um eine Vielzahl an mitreißenden Konzertereignissen und Maßstäbe setzenden Aufnahmen ärmer, wären da nicht jene Menschen in Carmignolas musikalischem Umfeld gewesen, die ihn konsequent und beharrlich lockten und ermutigten. 

„Glücksfee“ Befana

Seinen Ausgang nahm alles in der italienischen Provinzhauptstadt Treviso nahe Venedig. Hier wurde Giuliano Carmignola 1951 in einer musikalischen Familie (der Vater spielte Geige, die Mutter Klavier) geboren, und hier hat er bis heute seinen Lebensmittelpunkt. Der Vater an der Geige faszinierte den Sohn besonders – zwei Holzstücke genügten dem Jungen und seiner kindlichen Vorstellungskraft zunächst als Instrument. Doch dann brachte die Befana – im italienischen Volksglauben eine gute Hexe, die zu Dreikönig Geschenke verteilt – dem Drei- oder Vierjährigen eine echte kleine Violine.  Von da an legte Giuliano Carmignola die Geige praktisch nicht mehr weg. Sein erster Lehrer war Vater Antonio, später studierte er am Konservatorium von Venedig bei Luigi Ferro, dem bedeutenden Vivaldi-Interpreten, Gründer des Quartetto Veneziano und Mitglied der Virtuosi di Roma. An der Accademia Chigiana in Siena wurde er von Nathan Milstein wie auch von Franco Gulli unterrichtet. Der angesehene italienische Pädagoge lug Carmignola ein, in den USA bei ihm weiter zu studieren, wo er am renommierten Musikinstitut in Bloomington, Indiana, eine Professur angenommen hatte.   

Italienische Familienbande

„Ich war damals 22 Jahre alt, durchaus schon groß“, erinnert sich Giuliano Carmignola, „doch ich brachte es nicht über mich, meine Familie zurückzulassen.“ Ähnlich erging es ihm, nachdem er in einem Meisterkurs David Oistrach kennengelernt hatte und die Möglichkeit erhielt, in Moskau in dessen Klasse zu studieren. Doch dieses Mal entschied das Schicksal: Oistrach starb kurz darauf in Amsterdam. „Ich erinnere mich eindrücklich an die Besorgnis meiner Großmutter, dass ich bei einem sowjetischen Geiger studieren wollte. Meine Familie war sehr religiös.“ Im Vergleich zu Moskau war der Weg nach Genf zum Unterricht bei Henryk Szeryng nicht gar so weit – „das war immerhin mitten in Europa“, sagt Carmignola schmunzelnd.  Von den vielfältigen künstlerischen Impulsen, die er durch seine unterschiedlichen Lehrer erhielt, konnte Giuliano Carmignola immens profitieren. Er empfindet sich im weitesten Sinn „als Autodidakt. Ich hatte mein Talent – und ich habe danach gestrebt, alle möglichen Anregungen zu sammeln, aufzunehmen, nachzuvollziehen und daraus meinen eigenen Musizierstil zu entwickeln.“ 

Weichenstellung in Moskau

Einen Musizierstil, der früh überzeugte. Giuliano Carmignola gewann den Wettbewerb Premio Città di Vittorio Veneto 1971, war zwei Jahre später Preisträger des Paganini-Wettbewerbs in Genua und 1974 Semifinalist beim Tschaikowskij-Wettbewerb in Moskau, der zeitlich genau mit einem Gastspiel Claudio Abbados mit der Filarmonica della Scala zusammenfiel. Interessierte Mailänder Orchestermusiker hörten sich den Musikernachwuchs an und berichteten dem Maestro anschließend von dem jungen Italiener. Abbado lud Carmignola daraufhin für ein Vorspiel nach Mailand ein, und bereits im November desselben Jahres interpretierte der damals 23-Jährige auf einer Tournee der Mailänder unter Abbado das Tschaikowskij-Violinkonzert.  In jungen Jahren spielte Giuliano Carmignola das Solorepertoire des 19. und 20. Jahrhunderts: die Konzerte von Tschaikowskij, Sibelius, Berg etwa und die italienische Erstaufführung des Violinkonzerts von Henri Dutilleux. Seinen Lehrer Luigi Ferro beerbte er als Mitglied bzw. Solist der Virtuosi di Roma, mit denen er ab Anfang der 1970er Jahre in aller Welt auftrat und im November 1975 – mit Concerti aus Vivaldis „L’estro armonico“ – sein Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gab.   

Wendepunkt

Wie bei diesem Ensemble war Giuliano Carmignola auch Luigi Ferros Nachfolger als Professor am Konservatorium in Venedig. Für sechs Jahre, bis 1984, hatte er hier außerdem die Position des Konzertmeisters am Opernhaus La Fenice inne. „Doch dann hat mein Leben eine andere Richtung genommen“, erzählt der Geiger. „Zwei meiner vier Kinder waren bereits geboren, ich wollte mehr bei meiner Familie sein. Die Reisen ermüdeten mich in dieser Situation und wurden mir zur Last.“ Er schaltete ein paar Gänge zurück, konzentrierte sich mehr aufs Private. So manchem Künstlerkollegen wollte dies nicht recht behagen; einige von ihnen übten sich als Motivatoren: der Cellist Mario Brunello beispielsweise, mit dem Carmignola Ende der 1980er Jahre das Brahms-Doppelkonzert spielte und viel Kammermusik machte. „Er meinte mit Nachdruck, ich, in meinem schon etwas reiferen Alter, sollte unbedingt an eine solistische Laufbahn denken.“ 

Die Erleuchtung

Etwa zur gleichen Zeit gründete Andrea Marcon in Treviso das Ensemble Sonatori de la Gioisa Marca, das mit einem völlig frischen, neuen Zugriff an die italienische Barockmusik heranging. Marcon und seine Kollegen, unter denen sich auch Giorgio Fava, Carmignolas erster Studienabsolvent am Konservatorium von Venedig, befand, wollten Giuliano Carmignola unbedingt ins Boot holen. „Ich war unentschlossen“, erzählt der Geiger. „Zunächst ließ ich mich nicht animieren, aber dann begann ich doch, mich einzulesen: in den Gebrauch von Vibrato, Artikulation, in diese für mich etwas fremde, neue Sprache. Und irgendwann begann ich zu spielen: auf Darmsaiten, mit Barockbogen – aus purem Interesse und noch ohne jedes konkrete Ziel. Dann gab es die Möglichkeit, Vivaldis ,Vier Jahreszeiten‘ zu machen. Das war die Erleuchtung“, sagt Carmignola sichtlich bewegt. „Das hat mir einen neuen Horizont eröffnet, und ich habe verstanden, dass diese Musik neu entdeckt werden musste und konnte.“ Die Einspielung der „Jahreszeiten“ bei einem kleinen italienischen Label wurde zu einer Art Revolution in der Aufführungspraxis und zum Grundstein für die dauerhafte Zusammenarbeit Carmignolas mit Andrea Marcon und dessen bald gegründetem Venice Baroque Orchestra. Er unterzeichnete Plattenverträge mit Major Labels, bei denen bis heute viele mit internationalen Preisen gewürdigte Einspielungen erschienen sind. 

„Das hat mir einen neuen Horizont eröffnet, und ich habe verstanden, dass diese Musik neu entdeckt werden musste und konnte.“ 

Giuliano Carmignola

Geprägte Kinderseele

„Karrieren“, überlegt Giuliano Carmignola, „beginnen heutzutage in der Regel etwa mit fünfzehn Jahren. In diesem Alter habe ich noch in kurzen Hosen mit meinem Vater in der Kirche die Messfeier gestaltet.“ Antonio Carmignola war bei der Stadtgemeinde Treviso beschäftigt, hatte allerdings ein gründliches Violinstudium absolviert und ein Ensemble gegründet, in dem er gemeinsam mit anderen Dilettanten und Musikliebhabern Musik von Corelli, Albinoni, Vivaldi – kurz: italienische Barockmusik spielte. „Ich erinnere mich noch genau an die Chiesa Santa Maria Maggiore, an den Kerzengeruch und den Duft des Weihrauchs, an diese Klänge – all das hat sich tief in meine Kinderseele eingeprägt“, sagt Carmignola. „Genau das war für mich Musik.“ So ortet der Geiger heute darin den wesentlichen Grund dafür, dass er letztlich, „in reiferem Alter“, zu diesem Repertoire zurückgefunden hat. 

Seitenwechsel

Seit vielen Jahren ist Carmignola die Leitfigur des barocken Violinstils. Die führenden Ensembles und Dirigenten der Alte-Musik-Szene suchen die Zusammenarbeit mit ihm. Und als Claudio Abbado Anfang des neuen Jahrhunderts im Begriff war, das Orchestra Mozart Bologna zu gründen, war Giuliano Carmignola einer der Ersten, an die er sich wandte und die er für sein Projekt gewinnen wollte. Wertvolle Dokumente dieser Zusammenarbeit sind nicht zuletzt die Aufnahmen mit Bachs „Brandenburgischen Konzerten“ und den fünf Violinkonzerten von Mozart. Immer wieder und immer öfter wechselt Giuliano Carmignola in den vergangenen Jahren die Seite und tritt selbst ans Dirigentenpult, verbindet in seinen Konzerten mit aufstrebenden jungen Klangkörpern wie auch mit Orchestern von Rang Solokonzerte und symphonisches Repertoire unter eigener Leitung. Wie als Geiger fühlt er sich auch beim Dirigieren dem barocken und klassischen Repertoire verpflichtet. Auf Mahler-Symphonien oder große Oper unter seiner Leitung wird man vergeblich warten. 

Das Allerwichtigste

Seine Unterrichtstätigkeit, der er zuletzt an der Musikhochschule Luzern und oftmals auch an der Accademia Chigiana in Siena nachgegangen ist, hat Giuliano Carmignola vor einigen Jahren aufgegeben – hier hat er das Pensionsalter erreicht. Dennoch wird er nicht müde, mit dem Musikernachwuchs zu arbeiten. Erst vor kurzem hat er mit der Accademia dell’Annunciata di Abbiategrasso in Mailand, einem jungen, von Carmignolas oftmaligen Cembalopartner Riccardo Doni gegründeten Ensemble, Violinkonzerte von Felice Giardini eingespielt – eine fundamentale Erfahrung für die angehenden Profimusiker, wie auf Youtube eindrucksvoll festgehalten ist.  Was Giuliano Carmignola jungen Kollegen mit auf den Weg geben möchte, ist so einfach wie existenziell und hat durchaus allgemeine Gültigkeit: „Das Wichtigste für mich ist, ihnen zu vermitteln, wie wichtig die Musik für unser Leben ist. Das versuche ich mit Enthusiasmus und Freude vorzuleben. Sie sollen die Musik lieben und an die Musik glauben. Die Musik ist immer in uns, niemand kann sie uns nehmen. Und das hilft, in einer Welt zu leben, die immer verrückter wird.“

Ulrike Lampert 

Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.