Auf Reisen

Lorenzo Viotti

Während seiner Wiener Studienjahre, sagt Lorenzo Viotti, habe er mehr Zeit im Musikverein als am Konservatorium verbracht. „Das war meine Schule.“ Jetzt ist er 28 – und kehrt als international begehrter Dirigent zurück.  

Beziehungszauber. Das schöne Wort, das Thomas Mann in die Musikbetrachtung gebracht hat, scheint hier besonders zu passen. Lorenzo Viotti dirigiert. Schumanns Zweite Symphonie – um ein Erlebnis der jüngsten Zeit einzufangen – entfaltet sich unter seiner Leitung zum reichen Seelengespräch, beredt und bewegt, ungemein vielschichtig im Inwendigen. Die Kontrapunktik der Empfindungen, die wohl auch schwer und sperrig werden könnte in all ihrer Komplexität – sie verwandelt sich unter seiner Hand ins Dialogische, wird leicht, luzide, transparent. Die Camerata Salzburg spielt, klein besetzt, und genießt spürbar den Geist, der vom Pult ausgeht: die Einladung zum feingesponnenen Gespräch, die Lust an Nuancen. So überraschend wie stimmig öffnen sich nun Türen in weitere musikalische Sphären: in die polyphone Klarheit eines Johann Sebastian Bach, in die zarte Streichersphäre des Schumann-Freunds Mendelssohn, in die private Liebesliederwelt von Robert und Clara mit all ihren flüsternden, wispernden Anspielungen.

Vertrauen und Freiheit

Echt romantisch. Man käme, auch ganz ohne jede Theorie, auf diese Zuschreibung, wenn man den 28-Jährigen am Pult sieht. Aber sie trifft auch zu, wenn man den Begriff ästhetisch ausleuchtet. Echt romantisch, tief romantisch. Ganz im Sinn der Romantiker, die ihr Wirken mit einem „Gespräch über die Poesie“ begannen, sucht Viotti das Poetische im Sprechenden und die Magie im Miteinander der Musizierenden. „Das ist das Wichtigste, wie man umgeht mit der Psychologie von Menschen, und das ist eine unendliche Lektion“, sagt er. Die Arbeit am Text, das Feilen am Detail in den Probenphasen sind immens wichtig – daran lässt Lorenzo Viotti keinen Zweifel. Aber das Streben greift tiefer. „Wenn die menschliche Qualität erreicht ist, wird sich die musikalische Qualität ganz natürlich entwickeln. Das ist sicher ein schwer zu erreichendes Ziel, da menschliche Beziehungen nun einmal nicht einfach sind, aber man muss es stets vor Augen haben. Eine bestimmte Farbe, die man sich vorstellt, technisch zu erreichen – ja, das ist wohl möglich. Aber sie wird eben dann auch ,technisch‘ klingen! Wenn allerdings Musiker, die das technisch können, über diesen Punkt hinausgehen und wir alle gemeinsam eine Emotion entfalten können, dann geht es nicht mehr bloß um eine Farbe – dann entsteht eine Atmosphäre, die getragen ist von Vertrauen und Freiheit. Und dann zeigt die Musik ihr volles Potenzial als menschlich berührende Kraft.“  

Der richtige Moment 

Immer mehr Orchester und Opernhäuser sind es, die den Dialog mit Lorenzo Viotti suchen, und immer prominenter werden die Namen. 2017 teilte er sich mit Christian Thielemann das Dirigat eines Konzerts, das die Sächsische Staatskapelle in Salzburg zum 50-Jahr-Jubiläum der Salzburger Osterfestspiele gab. Einladungen erhält er, um nur einige zu nennen, von den Münchner Philharmonikern und dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Danish National Symphony Orchestra und dem Königlichen Concertgebouworchester Amsterdam, dem Orchestre National de Radio France und der Filarmonica della Scala – und dasselbe Gänsehautgefühl kommt auf, wenn man an Viottis kommende Opernprojekte denkt, darunter „Carmen“ in einer Neuproduktion der Pariser Oper und an der New Yorker Met. Wer würde da nicht von Karriere sprechen, einer atemberaubenden sogar?  Und doch: Der Begriff trifft nicht den Geist, in dem Lorenzo Viotti seinen Weg geht. Er selbst mag das Wort „Reise“. Menschen machen eine Reise miteinander – was ihnen dabei begegnet und wie sie selbst ihre Begegnung erleben, das muss und darf offenbleiben. Entscheidend freilich ist die Einstellung, mit der man sich auf den Weg macht. „Von Anfang an“, sagt Lorenzo Viotti, „habe ich mich dafür entschieden, nur dann zu einem Orchester zu gehen, wenn ich fühle: Das ist der richtige Moment. Dazu gehört, dass ich wirklich die Freiheit habe, das Programm auszuwählen, oder vollkommen eins mit den Vorschlägen bin. Denn am Ende stehen wir als Dirigenten allein da, und es ist sehr, sehr wichtig, ganz ernst und verantwortungsvoll mit sich selbst umzugehen. In den nächsten Jahren kommen nur Programme, Titel, Orchester, bei denen ich weiß: Ich darf es mir zutrauen, ich kann es.“  

Was zählt 

Damit die Reise gelingt, muss die Route wohlüberlegt sein. Eine Einladung an eines der ganz großen Opernhäuser, sagt Viotti, nehme er nur an, wenn er das betreffende Werk zuvor schon rund dreißigmal dirigiert habe, „an einem kleineren Haus, das aber deswegen keinesfalls weniger wichtig ist. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt für mich. Ich habe nie das Gefühl gehabt, es sei wichtiger, in Paris zu dirigieren als zum Beispiel in Klagenfurt.“ In Klagenfurt – um es konkret zu sagen – leitete Viotti Neuproduktionen von „Carmen“ und „Werther“, „Werther“ führte ihn kurz darauf auch an die Oper Frankfurt und zum erfolgreichen Debüt ans Zürcher Opernhaus. Sicher eine stimmige Abfolge, aber kein Stufenplan, in dem das kleine Kärntner Theater nur ein Trittbrett für „Höheres“ gewesen wäre. „Ich empfinde die Verantwortung gleich groß, ob ich hier oder da dirigiere“, sagt Lorenzo Viotti, „und das hat sicherlich viel mit meiner Erziehung zu tun. Wir – meine Geschwister und ich – haben nie vermittelt bekommen, dass man beeindruckt sein müsste von einem ,großen‘ Haus, von einem ,großen‘ Namen! Wir sind beeindruckt von der Qualität, die wir mit einer Gruppe erreichen können. Das ist unser Ziel: wie das gelingen kann. Und nicht mit wem.“   

Ein prekäres Gut 

Dieses „Wir“, es ist ganz tief und eigen geprägt für Lorenzo Viotti. Auch seine drei Geschwister sind Musiker geworden – so wie seine Mutter, die als Geigerin ausgebildet wurde, und sein Vater, der Dirigent Marcello Viotti. Lorenzo war noch keine 15, als sein Vater starb. Der Verlust dieses wunderbaren, auch in der weiten Musikwelt geliebten Menschen hat ihm wohl eine ganz besondere Sicht auf das Leben mitgegeben. Es ist ein prekäres Gut: ein Kostbares, das im Blick auf sein Gefährdetsein besonders achtsam gelebt werden muss. Wenn es ums Offene geht – ums Fließende des Daseins, ums Bewegende in der Musik – kann der Status keine Rolle spielen. Wohl aber der Respekt. „Man muss sich respektieren, wie man ist, und sich entscheiden, was man macht – so kann man mit Menschen, die man respektiert und mag, auf Reisen gehen.“   

Der Zug nach Lissabon

Mit Beginn der Saison 2018/19 beginnt Lorenzo Viotti seine erste Reise als Chefdirigent. Er übernimmt die Leitung des Gulbenkian Orchestra in Lissabon – eine enorm spannende Konstellation, in jeder Hinsicht. Das führende Symphonieorchester der portugiesischen Hauptstadt gehört zur Stiftung, die einst der Ölmilliardär und Kunstsammler Calouste Gulbenkian gegründet hat. Zum Gulbenkian-Museum – weltweit unter den Ersten in Sachen Moderne – kam 1962 auch ein Orchester. Das Kulturkonzept, das hinter „Gulbenkian Música“ steht, ist von vornherein auf Offenheit angelegt. Und dieser Ansatz greift nun besonders. „Diese Stadt“, sagt Lorenzo Viotti begeistert, „explodiert geradezu – überall, im Tourismus, in der Kultur. Es passiert dort unglaublich viel.“ Und faszinierend herausfordernd sind die Aufgaben, die auf den jungen Dirigenten in dieser jugendlich-pulsierenden Metropole warten. Welchen Stellenwert kann klassische Musik hier haben? Wie wichtig ist und wird sie für die junge Generation? Viotti begegnet diesen Fragen offen und lustvoll offensiv. „Ein Dirigent“, sagt er, „ist heute viel mehr als bloß die Person, die sich auf der Bühne bewegt, um ein schönes Konzert zu geben. Wir müssen die Menschen erreichen.“   

„Wenn die menschliche Qualität erreicht ist, wird sich die musikalische Qualität ganz natürlich entwickeln."
Lorenzo Viotti

Blick in die Küche 

Bei seinem jüngsten Konzertprojekt in Lissabon hat er – sehr ungewöhnlich – gleich die allererste Probe fürs Publikum geöffnet. Der Saal war voll besetzt. 1.400 Leute verfolgten von 19 bis 23 Uhr, wie Viotti Brahms’ Dritte Symphonie erarbeitete und welche Einblicke er dabei gab. Man muss hineinschauen dürfen, wie’s gemacht wird – davon ist Lorenzo Viotti fest überzeugt. Und der Vergleich, den er dazu parat hat, ist so frappant wie schlüssig. „Es ist wie in einem Haubenlokal: Man hat vielleicht Hemmungen, über die Schwelle zu treten, weil man glaubt, nichts davon zu verstehen, weil man sich nicht ,fein‘ genug fühlt und schließlich ja auch Spaghetti und Pizza essen kann … Aber wenn man in die Küche schauen darf und vom Chefkoch erklärt bekommt, wie’s gemacht wird, dann ändert sich die Perspektive. Und man sieht: Die Ingredienzien, die für die Spitzengerichte verwendet werden, sind die natürlichsten. Auf die Mischung, auf die Balance kommt es an.“ Worum es letztlich gehe, sagt Viotti, sei, das Hören (wie das Essen) wieder als „Lebenserfahrung“ schätzen zu lernen. Brahms, so lautet das Rezept, gegen das Fastfood des Musikkonsums.  

So lässt sich’s reisen 

Nun kehrt Lorenzo Viotti nach Wien zurück. Es ist eine Heimkehr, auch wenn dort spannende neue Herausforderungen auf ihn warten: die ersten Musikvereins-Abonnementkonzerte mit dem ORF Radio-Symphonieorchester im Oktober und dann, zum Saisonende, mit den Wiener Symphonikern. Viotti war 19, als er zum Schlagzeug- und Dirigierstudium nach Wien kam. Im ORF RSO fand er seine erste Substitutenstelle als Schlagzeuger, mit Mitgliedern der Wiener Symphoniker pflegte er schon rege musikalische Kontakte, bevor er als Einspringer für Myung-Whun Chung sein fulminantes Debüt an der Spitze des Orchesters feierte. Und dann natürlich der Musikverein. 2009 schon stand Lorenzo Viotti hier erstmals auf dem Podium – als Chorsänger im Singverein. „Johannes Prinz“, sagt Viotti, „war in Wien eigentlich mein erster Lehrer. Nach fast jeder Probe hatte ich das Gefühl: Ich singe besser! Und das nicht wegen mir, sondern weil mich der Chorleiter dazu gebracht hat. Denn er hat mir das Vertrauen gegeben.“ So knüpft sich an diese Erfahrung die Grundüberzeugung des jungen Dirigenten: Es ist das Vertrauen, das der Freiheit den Weg bahnt. So lässt sich’s reisen. Der Ausgang mag offen sein. Aber im schönsten Fall entsteht dabei, was Thomas Mann den Beziehungszauber genannt hat. 

Joachim Reiber  

Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.