Amor, Nero und Apoll

Jake Arditti

Der Name Arditti hat einen guten Klang in der Musikszene. Jetzt kommen auch Gesangsschwingungen dazu. Jake Arditti, Sohn des Arditti-Streichquartett-Gründers, zählt zu den führenden jungen Sängern im Countertenor-Fach.  

Männer im Höhenrausch! Orpheus singt, und Papa Apoll, der Gott der Musik, greift zur Lyra. Nicht nur wilde Tiere werden so besänftigt, auch die Geister der Unterwelt, sind doch deren „süßen Tönen selbst die Götter zugetan“, wie Bach einmal den Chor singen ließ in einer etwas profaneren Kantate über die Stil- und Höhenlagen der Musik. Niemand wusste diese Macht so wirksam ins Werk zu setzen wie die ersten Superstars der weltlichen Musik, vorzüglich in der Zeit des Barock. Kastraten also wie Farinelli, Caffarelli und Co, denen die männlichen Titelpartien der Opera seria quasi auf die Stimmbänder geschrieben waren.  In diese Stratosphären des männlichen Gesangs führt die erstaunliche aktuelle Renaissance der Kontratenöre, die vor über einem halben Jahrhundert speziell im angelsächsischen Kulturbereich ihren Ausgang nahm, sodass Jake Arditti im Gespräch vorneweg an Alfred Deller, den Counter-Pionier aus der Jahrhundertmitte, erinnert, den er „unseren Paten nennt“ – und im Plural des Pronomens auch die Breite des Phänomens andeutet, dem er als „Rising star“ (The Observer) des Counter-Fachs selbst zugehört: „Wir sind die Cousins der Kastraten“, fügt der junge Engländer pointiert hinzu. Very British!   

Idol Michael Jackson 

Cousin nun ist man qua Geburt, was sich bei Arditti aber ohne weiteres als Bild für seinen Weg zur Musik nehmen lässt: „Ich hatte von Beginn an ein Leben in Musik. Sie wurde mir tatsächlich in die Wiege gelegt“, sagt der Sohn von Irvine Arditti, dem Gründer des Arditti-Streichquartettes. Und seine Mutter, eine Bratscherin, versichert ihm: „Ich hätte gesungen, bevor ich sprechen konnte.“ Als Kind hatte er zwar begonnen, Klavier zu spielen, sei damit aber „nicht sehr weit“ gekommen: „Sie haben nicht gedrängt. Sie wussten, ich kann singen. Und sie wussten, dass das eine professionelle Perspektive haben kann. Die Stimme ist mein Instrument.“  Im musikalischen Reinraum barocken Wohlklangs ist er freilich nicht aufgewachsen. Nicht nur, weil der Schwerpunkt der Ardittis im 20. Jahrhundert und im Zeitgenössischen liegt, sondern auch zweier älterer Brüder wegen, die ihn mit Jazz, mit Rock- und Popmusik in Berührung brachten, „mit vielen verschiedenen Genres von Musik“. Und als Youngster wollte er „nicht ein Luciano Pavarotti werden, sondern viel lieber ein Michael Jackson“. Klar war aber immer dies: „Ich wollte singen, tanzen, performen. Ich wollte immer auf der Bühne sein. Mit meinem Körper, mit meiner Stimme.“  

Bach-Gounod und die Entdeckung 

Ein Ziel, dem er schon als Knabensopran in einigen Produktionen der English National Opera näher kam. „Absolutly magical“ sei es gewesen, im zarten Alter von neun Jahren in der „Tosca“ den Hirtenknaben zu geben, absolutly magical! Sogar in der Sprechstimme ist ein Leuchten, wenn er dieses magische Schlüsselerlebnis anführt, und einen Schritt weiter war Arditti dann schon als der Junge Yniold in Debussys „Pelléas et Mélisande“ beim Glyndebourne Festival. Unvermeidlich die Krise des Stimmbruchs mit 13, 14 Jahren, das Tasten nach der Zukunft der Stimme, die sich „fremd anfühlte“, der Verlust der Leichtigkeit, das Schwanken zwischen Bariton und Tenor. Bis die Mutter wieder einmal Bachs C-Dur-Präludium am Klavier spielt, der Sohn Gounods „Ave Maria“ drüberlegt – und die Mama plötzlich aufsteht: „Du bist ein Counter!“ Und kein Zweifel an diesem Weg? „Nein, denn mein Lehrer sagte, das sei eine lukrative Karriere.“ Clever, sehr clever sei das gewesen! Wobei Arditti eh gerne Ironisches aufblitzen lässt beim Blick auf sich selbst. Sehr ernsthaft allerdings geht er seinen Weg ins Counter-Fach und befindet sich so, nach dem Studium am Royal College of Music in London, längst in der vorderen Linie der aufregenden jungen Stars der Counterszene.  

Der Gott des Gesangs 

Ganz oben im Repertoire stehen Händel-Opern mit fast einem Dutzend Rollen: „Als junger Künstler muss ich das Repertoire erst noch voll erkunden. Davon aber abgesehen, gibt es einige Rollen, die zu singen schon absolut großartig war. Am liebsten mag ich starke, dramatische Figuren von Händel wie Rinaldo, Nerone und Xerxes.“ Auch der Spaß dürfe nicht zu kurz kommen, wie etwa als Amore in Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ am Theater an der Wien, wo er auch schon als Nerone zu sehen und zu hören war. Generell gelte: „Je vielseitiger und dramatischer die Rolle, desto besser. Ich schaue mich nach Rollen um, die stimmlich zu meinem Umfang passen. Alles andere ist ein Bonus. Wenn ich es singen kann, mache ich es!“ Den Hänsel etwa in der Humperdinck-Oper oder Prince Gogo in Ligetis „Le Grand Macabre“. Dem Gott des Gesangs hat er in „Der Tod in Venedig“ von Benjamin Britten die Stimme gegeben, und zum singenden Apollo selbst wird er demnächst an verschiedenen Häusern mit Legrenzis „La divisione del mondo“. Hinzu kommt der Konzertsaal, was gelegentlich auch eine musikalische Familienzusammenführung beschert bei Werken für Stimme und Streichquartett.  

„Absolutely thrilling“  

Jake Arditti weiß natürlich, was der Renaissance der Countertenöre die breite Basis, das musikalische Futter gibt: „Die Wiederentdeckung der Barockopern. Das Publikum ist hungrig nach Schätzen der Alten Musik.“ Und besonders groß ist der Hunger nach den Stimmen der „unveränderten Cousins“ der Kastraten. „Ja, sie lieben die Vokalakrobaten.“ Was aber macht, jenseits des Zirzensischen auf dem Hochseil, die besondere Faszination des Countergesangs aus? Vielleicht auch das androgyne Moment im stimmlichen Zwischenreich von Mann und Frau? „Durchaus! Das Publikum liebt es, eine männliche Stimme zu hören, die fast so hoch ist wie ein weiblicher Sopran.“ Etwas anderes aber scheint ihm wichtiger: „Thrilling! Speziell Händels Musik ist absolut thrilling.“ Mehrfach gebraucht er das schillernde Wort, das ein Dutzend Bedeutungen hat: mitreißend, aufregend und spannend etwa, packend, ergreifend, erregend, prickelnd, durchdringend auch. Gesteigert noch durch die Da-capo-Verzierungen, in denen Arditti „ein Werkzeug für Künstler“ sieht, „um Können und Finesse zu demonstrieren, die Dramatik zu verstärken. Feuerwerk und Vokalakrobatik sind äußerst wichtig, solange die Ornamente eine dramatische Logik haben.“ Und noch etwas: „Händels Musik ist so ehrlich! In den Arien kondensiert der Seelenzustand einer Figur in höchstem Maße, und dies mit einer absoluten musikalischen Sensualität, die berührt und unter die Haut geht.“ Bei den „Young Lovers“, die Jake Arditti im Musikverein präsentiert, erst recht. Wie das werden soll, ist eh klar: „Thrilling, absolutly thrilling!“ 

Georg Linsenmann  

Georg Linsenmann ist Kulturjournalist in Stuttgart.