1812

Facetten eines Jahres

1812. So markant war das Jahr, dass Peter Iljitsch Tschaikowkij seiner aufrauschenden, ja donnernden Ouverture solennelle op. 49 nur diesen Titel zu geben brauchte, „1812“, ohne jeden weiteren Zusatz. Viel tat sich in diesem Epochenjahr – auch in Wien, in dem damals die Gesellschaft der Musikfreunde gegründet wurde. 1812: ein Zeitpanorama, skizziert von Thomas Leibnitz.  

Russland, 1812. Die Auseinandersetzungen zwischen Napoleon und den anderen europäischen Mächten streben einem historisch einmaligen Höhepunkt zu; Napoleon, der sich die deutschen Fürsten, den österreichischen Kaiser und den preußischen König gefügig gemacht hat und somit über den Großteil Europas gebietet, sieht neben England nur noch einen bedeutenden Gegner, der ihm aus sicherer Entfernung Widerstand leistet: den russischen Zaren Alexander I. und sein riesiges russisches Reich, das vermutlich auch in den kommenden Jahren sein Widerpart sein wird und ihm durch neue Bündnisse mit seinen widerwilligen Partnern gefährlich werden kann. Und in dieser Situation gibt es für Napoleon, der sein Leben im Krieg verbracht hat, nur eine Konsequenz: Er wird Russland angreifen und damit seine Herrschaft unantastbar machen.

Die französische Dominanz in Europa hat zur Folge, dass die „Grande Armée“, die gegen Russland aufgeboten wird, nicht einmal zur Hälfte aus französischen Truppen besteht; Deutsche, Italiener und Spanier marschieren zwangsverpflichtet mit. Rechnet man die nötigen Versorgungs- und Verwaltungseinheiten hinzu, kommt eine Armee von mehr als 600.000 Mann zustande – eine wahrhaft furchterregende Kriegsmacht, die aber dennoch, wie sich bald zeigen wird, den besonderen Kampfbedingungen auf russischem Boden nicht gewachsen ist. Die russischen Truppen stellen sich nicht der entscheidenden Schlacht, die Napoleon herbeisehnt, sondern ziehen sich immer tiefer in die Weiten des unendlich groß scheinenden Reiches zurück; die nachsetzende „Grande Armée“ kämpft mehr mit ihren Nachschub- und Versorgungsproblemen als mit dem Feind. An der Ruhr und an Entkräftung sterben bereits innerhalb der ersten Wochen mehr als 100.000 Soldaten. Trotz aller Widrigkeiten gelingt es Napoleon im September des Jahres, Moskau einzunehmen – aus dem Kreml blickt er auf die brennende Stadt. Mehrere Niederlagen seiner Truppen zwingen ihn zum Rückzug, der entgegen den romantisch-heroischen Darstellungen, die ihm in zeitgenössischen Gemälden zuteil werden, von Massensterben und Elend begleitet wird.

Das russische Unternehmen leitet Napoleons Abstieg ein; ein grundsätzliches Umdenken bewirkt es bei ihm nicht. Ein Mann wie er schere sich nicht um das Leben einer Million Menschen, äußert er lässig seinem österreichischen Verhandlungspartner Metternich gegenüber. Sechzig Jahre später wird ein russischer Komponist das Ereignis musikalisch feiern: Peter Iljitsch Tschaikowskij schreibt seine „Ouverture solennelle ‚1812‘“, die von Blut, Leichengeruch und Todeskampf nichts weiß, jedoch das große patriotische Datum wirkungsvoll inszeniert. Ein Kampf findet nur in der Partitur statt: Das Thema der Marseillaise und ein russisches Volkslied ringen miteinander – und in den Sieg der russischen Heimatliebe mischen sich auch feierliche, kirchliche Klänge. Gott hat den Waffen seiner Getreuen zum Sieg verholfen. Tschaikowskij selbst äußert sich über das Werk skeptisch und distanziert; mit Liebe habe er es nicht geschrieben.  

Teplitz, 1812. Im vornehmen böhmischen Kurort begegnen einander zwei Männer, die die Nachwelt als geistige Größen von überzeitlichem Rang einstufen wird: Johann Wolfgang von Goethe und Ludwig van Beethoven. Beethoven ist es, der das Zusammentreffen sucht. Er hat bereits zahlreiche Texte des Weimarer Dichterfürsten vertont, und mit besonderer Hingabe hat er sich der Schauspielmusik zu Goethes Drama „Egmont“ gewidmet; insbesondere die Ouvertüre steht für einen neuen Typus von Musik, die nicht nur Themen transportiert, sondern Ideen: hier die Idee des Heroismus und der Selbstbehauptung. In seinem Brief an Goethe vom 12. April 1811 hat sich Beethoven als „Euer Excellenz Großer Verehrer Ludwig van Beethoven“ bezeichnet; nun sehnt er die persönliche Begegnung herbei. Diese findet am 19. Juli 1812 in Goethes Quartier statt, im „Goldenen Schiff“. Obwohl der Komponist sich von der Begegnung viel mehr versprochen hat als der Dichter, zeigt sich dieser durchaus beeindruckt und schreibt noch am gleichen Tag an seine Frau Christiane: „Zusammengeraffter, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen. Ich begreife recht gut, wie der gegen die Welt wunderlich stehen muß.“

Man kommt einander näher, und bereits am nächsten Tag macht Goethe mit Beethoven eine Ausfahrt in das benachbarte Kurbad Bilin. Am 21. Juli vermerkt der Dichter im Tagebuch: „Abends bey Beethoven. Er spielte köstlich!“  Das große künstlerische Potenzial, den genialen Zuschnitt der Persönlichkeit haben die beiden Männer aneinander durchaus erkannt und anerkannt, aber dennoch trennen sie Welten. Goethe, der wesentlich Ältere, hat den Kosmos höfischer Hierarchien verinnerlicht; er bedeutet ihm die Sicherung von Kultur und Ordnung. Beethoven hingegen, der viel Umgang mit dem Adel pflegt, sieht diesen pragmatisch und funktionell: Wenn ein Adeliger „durch Zufall und Geburt“, wie er bei Gelegenheit verächtlich bemerkt, Stellung und Vermögen besitzt, die ihm, Beethoven, für immer versagt bleiben werden, dann tut er gut daran, einen genialen Künstler nach Kräften zu unterstützen und zu fördern. Dass Beethoven solche Zuwendung mit wenig Dankbarkeit quittiert, kann Goethe nur mit Verwunderung und leichter Indignation feststellen: „… er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie dadurch freilich weder für sich noch für andere genußreicher macht.“  

Spanien, 1812. Seit Jahren tobt auf spanischem Boden ein zermürbender und grausamer Krieg, den die Weltöffentlichkeit in diesem Jahr allerdings wegen Napoleons Russland-Feldzug aus den Augen verliert. Nicht nur Spanier und Franzosen kämpfen gegeneinander, auch England vertritt hier seine Interessen und greift militärisch ein. Die spanische Bevölkerung, der jahrelangen Unterdrückung überdrüssig, erhebt sich gegen die französischen Besatzer und führt einen Partisanenkrieg, der mit blutiger Repression beantwortet wird; Francisco de Goya hält seine Impressionen in den erschütternden „Desastres de la guerra“ fest. Erst das Folgejahr, 1813, wird eine Entscheidung bringen: Dem britischen Befehlshaber Wellington gelingt bei Vitoria der entscheidende Sieg über die Franzosen. Beethoven wird das Ereignis in einer „knalligen“ Tondichtung feiern: „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria (!)“ – sie erweist sich als sein größter Publikumserfolg zu Lebzeiten.  

Mehrere Niederlagen Napoleons Truppen zwingen ihn zum Rückzug, der entgegen den romantisch-heroischen Darstellungen, die ihm in zeitgenössischen Gemälden zuteil werden, von Massensterben und Elend begleitet wird

Wien, 1812. Das bürgerliche Musikleben gewinnt seit Beginn des Jahrhunderts zunehmend an Intensität; die Gründung einer musikalischen Vereinigung liegt in der Luft. Bereits 1807/08 war es zur Bildung einer „Gesellschaft von Musikfreunden“ gekommen, die sich jedoch aus finanziellen Gründen nicht gehalten hat. Nun wird ein neuerlicher Versuch gemacht: Am 12. April 1812 veranstaltet die „Gesellschaft adeliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen“ ein Wohltätigkeitskonzert, das sich nicht nur künstlerisch, sondern auch finanziell und organisatorisch als ein so großer Erfolg erweist, dass zahlreiche Musikfreunde ihren Wunsch nach einem der Musikpflege gewidmeten Verein äußern. Für den 29. November 1812 wird ein weiteres Konzert angesetzt, das am 3. Dezember wiederholt werden muss – auch dabei handelt es sich um ein Benefizkonzert, explizit vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege. Die Einnahmen sind teils „zur Unterstützung der dürftigen Bewohner des Schlachtfeldes von Aspern“ bestimmt, Geschädigte der 1809 erfolgreich gegen Napoleon geschlagenen Schlacht vor den Toren Wiens.  

Dieses Konzert bringt den Stein ins Rollen: Die Wiener „Gesellschaft der Musikfreunde“ wird gegründet, 507 Gründungsmitglieder lassen sich in einer Liste eintragen. Zwar dauert es noch bis 1814, dass die Statuten der Gesellschaft die kaiserliche Bestätigung erhalten, doch dann ist der bis heute andauernde Erfolgsweg dieser zentralen musikalischen Institution Wiens nicht mehr aufzuhalten. Um nichts Geringeres geht es als um „die Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“; dies schließt neben dem Bemühen um die Gegenwart in Form eines vielfältigen Konzertlebens auch das Engagement für die Zukunft und das Interesse für die Vergangenheit ein: Folgerichtig wird sowohl ein Konservatorium gegründet als auch ein historisches Archiv eingerichtet.  Zeiterscheinungen. Krieg, Entbehrung, Massensterben. Künstlerische Hervorbringungen von überzeitlichem Format. Dominanz des Faktors „Macht“, dem Millionen zum Opfer fallen. Aufbau von kulturellen Biotopen in liebevoller, jahrzehntelanger Kleinarbeit. „Weltpolitik“, die sich über das Wohl und Wehe der Beherrschten rücksichtslos hinwegsetzt. Nein, nicht von 2018 ist die Rede. Sondern von 1812. 

Thomas Leibnitz  

Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien.