Zugkräftig

Der Posaunist Peter Moore

Wer glaubt, dass die Posaune kein Soloinstrument sei, der kennt Peter Moore noch nicht. In seinen Konzerten gelingt es dem 22-jährigen Briten zurzeit wie keinem Zweiten, angestaubte Klischees einfach wegzublasen. Vor seinem Auftritt im Zyklus „Rising Stars“ traf er Florian Zeuner zum Gespräch in London. 

Mit zwölf Jahren setzte er sich als jüngster Gewinner aller Zeiten bei der BBC Young Musician Competition durch. Kaum volljährig, wurde er stellvertretender Soloposaunist in einem der renommiertesten Klangkörper der Welt, im London Symphony Orchestra. Die Karriere von Peter Moore liest sich wie ein Märchen – wer würde da nicht an eines der wenigen Wörter denken, die von der deutschen in die englische Sprache übergegangen sind: „Wunderkind“. Als er es hört, muss der stets relaxte Posaunist dann doch ein bisschen lachen. Nein, als „Wunderkind“ sieht er sich wahrlich nicht, auch wenn immer wieder versucht werde, ihm dieses Etikett zu verpassen. Jetzt, im methusalemischen Alter von 22 Jahren, sei er dieser Kategorie aber ohnehin endgültig entwachsen. 

Die große Herausforderung

Schnell wird er danach aber wieder ernst, denn – bekennt er – der Übergang vom Talent, das auch wegen seines jungen Alters beklatscht werde, zum anerkannten Musiker, der die Menschen allein mit seinen Fertigkeiten zu begeistern wisse, sei die bislang größte Herausforderung seiner Laufbahn. Und als abgeschlossen betrachtet er dieses Kapitel noch lange nicht. Ganz im Gegenteil: Das Ziel, immer besser zu werden, hält ihn Tag für Tag in Atem. Bewundernd führt er Kollegen wie den Cellisten Yo-Yo Ma an, die es geschafft haben, sich ihr ganzes Leben künstlerisch weiterzuentwickeln. So stellt er sich auch seine Karriere vor und konstatiert fast schon altersweise, dass Perfektion ohnehin eine Illusion sei. Seinen eigenen Weg zu gehen und immer aufs Neue sein Bestes zu geben, das mache einen guten Musiker aus. Und diesen Status hat sich Peter Moore zweifellos erarbeitet.

Zug um Zug

Den eigenen Weg zu finden hat der gebürtige Belfaster schon früh gelernt. Bereits im zarten Alter von vier Jahren verliebte er sich bei Open-Air-Konzerten nordirischer Brassbands in das wunderliche Instrument, an dem unentwegt gezogen und geschoben werden muss. Seine Eltern waren davon nur mäßig begeistert, obwohl – oder gerade weil – sie beide selbst professionelle Blasmusiker sind. „Nur weil wir Musik machen, musst du das doch nicht auch“, ließen sie den Sohnemann wissen. Doch der kleine Peter setzte sich durch. Und so begann er nicht nur, voll Enthusiasmus Fußball zu spielen, sondern auch Posaune. Nach einem Umzug nach Manchester fand er als Achtjähriger in den traditionellen Brassbands der englischen Arbeiterstadt ein musikalisches Zuhause, das für ihn bis heute einen großen Stellenwert besitzt. Die klassische Musik spielte für ihn dagegen lange Zeit keine wirkliche Rolle. Erst mit 17 Jahren nahm er zum ersten Mal in einem Symphonieorchester Platz. Das obligatorische Universitätsstudium übersprang er einfach. „Ich musste mir alles recht schnell aneignen“, gibt er mit verschmitztem Grinsen zu. 

Heraus aus der Nische

Von dieser musikalischen Flexibilität leben auch Peter Moores Konzerte. Die Vielfalt verschiedener Genres ist die Spielwiese, auf der er sich so inspiriert wie inspirierend bewegt. Ob Streichorchester oder Jazz – stets findet er neue Ansatzpunkte, um seine Programme mit einer besonderen Note zu versehen. Die Posaune aus ihrer Nische zu holen und als Soloinstrument ins Rampenlicht der klassischen Konzertbühnen zu führen, das ist sein leidenschaftlich verfolgtes Anliegen. Die festgefahrenen Klischees erweisen sich dabei als Segen und Fluch zugleich. Unumwunden gibt er zu, dass viele Konzertbesucher doch lieber Geige und Klavier hören möchten. Aber die Möglichkeit, etwas wirklich Neues zu entdecken, erfahren sie dort nur selten. Und so mischt sich eine unüberhörbare Portion Stolz in seine Stimme, wenn er von Zuhörern berichtet, die nach dem Konzert zu ihm kommen und sich ganz verblüfft darüber zeigen, welche vielfältigen Klangwelten die Posaune eröffnen kann.

Hinein in die Seelenwelten von Brahms und Mahler

Doch der ungewohnte Sound ist beileibe nicht die einzige Hürde bei einem Posaunenrecital. Viel schwerer wiegt das begrenzte Repertoire, das auch anderen Orchideen-Instrumenten zu schaffen macht. Da ist Einfallsreichtum gefragt – und manchmal hilft auch der Zufall. Als Peter Moore vor einiger Zeit auf der Suche nach neuem Material in eine Sackgasse geraten war, lernte er bei einem seiner Konzerte den Pianisten und Liedbegleiter James Baillieu kennen, der ihm auch bei seinem Konzert im Musikverein zur Seite steht. Der Südafrikaner schlug vor, doch einmal einen Blick in die Welt der romantischen Kunstlieder zu wagen. Es sollte die zündende Idee sein. Mit Hingabe stürzte sich der Posaunist in die Seelenwelten von Johannes Brahms und Gustav Mahler und fand eine ganz neue Gattung, die er für sein Instrument erschließen konnte. Eine einschneidende Erfahrung für die künstlerische Selbstfindung. Ebenso wie die Neue Musik. Die englische Komponistin Roxanna Panufnik hat in diesem Jahr nicht nur für die Last Night of the Proms, sondern auch für Peter Moore ein Werk komponiert, das beim Konzert im Musikverein seine Uraufführung erfahren wird. Passend zu seinen Arbeiten mit dem Kunstlied basiert ihre Komposition „When You Appear“ auf einem Gedicht des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda.

Planlos erfolgreich

Das alles erzählt Peter Moore, während er ganz entspannt auf einem Sessel in seinem musikalischen Zuhause, dem Londoner Barbican Centre, sitzt. Freilich: Für längere Zeit kann er sich in der englischen Hauptstadt nur selten einrichten. Erst vor kurzem, erzählt er, kam er aus Japan zurück, wo Recitals und Meisterkurse auf dem Programm standen, und schon am nächsten Tag geht es mit dem London Symphony Orchestra weiter auf Tournee. Der 22-Jährige genießt den Augenblick und lässt sich von einem musikalischen Projekt zum nächsten treiben. Ein Mangel an Ideen und Anfragen ist bei ihm wahrlich nicht zu verzeichnen. Kürzlich hat er seine erste CD, „Life Force“, veröffentlicht – und die britische Presse zeigt sich begeistert. Was als Nächstes kommt? Wait and see ...

Die Vielfalt verschiedener Genres ist die Spielwiese, auf der sich Peter Moore so inspiriert wie inspirierend bewegt.

Zurück nach Wien

Besonders freut sich Peter Moore jetzt erst einmal auf seine Rückkehr in den Musikverein. Als 14-Jähriger, berichtet er, war er nämlich schon einmal dort. Sein Lehrer und Mentor Ian Bousfield, seinerzeit Soloposaunist der Wiener Philharmoniker, hatte ihn eingeladen, eines der Matineekonzerte im Goldenen Saal zu besuchen. Damals tauchte er in Jeans und T-Shirt auf und war nicht nur von der Musik tief beeindruckt, sondern auch von der noblen Garderobe der übrigen Konzertgäste. Man darf also auch gespannt sein, für welche Kleidungsvariante er sich bei seinem Auftritt am 12. November entscheiden wird. 

Florian Zeuner

MMag. Florian Zeuner ist Musik- sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaftler. Beruflich widmet er sich den vielfältigen Formen der Konzertdramaturgie.