Über die Brücke

Semyon Bychkov und die Tschechische Philharmonie

Mit Semyon Bychkov an der Spitze hat soeben eine neue Ära für die Tschechische Phiharmonie begonnen. Eine erste gemeinsame Orchester¬residenz führt direkt zur Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ... Von buchstäblich jedem Anfang spricht Hermann Hesse in diesem vielzitierten Vers, aber es gibt Anfänge, die nicht wie jeder sind und in denen der Zauber merklich tief und mächtig wirkt. In Prag wurde jetzt solch ein Anfang gemacht. Mit Semyon Bychkov geht die Tschechische Philharmonie in die Zukunft, und ein ganz eigener Zauber liegt in diesem Beginn. Die Tschechische Philharmonie ist kein Orchester wie jedes andere, etwas Besonderes umgibt sie und hebt sie heraus aus dem Ensemble der Klangkörper von Weltrang, zu denen sie fraglos gehört. Und Semyon Bychkov: Auch er ist, in der Reihe der weltbesten Dirigenten, eine besondere, rare Figur. Bei den Spitzenorchestern rund um den Globus wird er als Gast willkommen geheißen, und wo immer letzthin Chefpositionen an ersten Adressen zu besetzen waren, kam sein Name ins Spiel. Doch der Vielgesuchte, Vielgenannte ließ sich Zeit. Nach Verpflichtungen als Chef beim Orchestre de Paris und an der Semperoper Dresden sollte die Leitung des WDR Sinfonieorchesters Köln (1997–2010) vorerst die letzte feste Führungsposition sein, die Bychkov einnahm. Bis nun die Tschechische Philharmonie an ihn herantrat, um ihm die Nachfolge des früh verstorbenen Jiří Bělohlávek anzutragen. Bychkov sagte zu, von Herzen überzeugt.

Klangidentität und Identität durch Klang

„Die Tschechische Philharmonie“, erklärt er enthusiastisch, „ist eines der wenigen Orchester der Welt, die mit ihrer eigenen Klangidentität überlebt haben.“ Nur einer Handvoll sei dies gelungen, ein kostbares, seltenes Phänomen in einer „zunehmend globalisierten und uniformierten Musikwelt. Und das“, sagt Bychkov, „war enorm wichtig für mich, als ich gefragt wurde, Nachfolger von Jiří zu werden.“ Klangidentität, „sound identity“ – das ist das Wort, das Bychkov im englisch geführten Interview wählt, und selbstverständlich könnte man die identitätsstiftenden Charakteristika näher zu umschreiben versuchen. Wer dächte beim Klangbild der Tschechischen Philharmonie nicht an den samtweichen, voluminösen Sound der Streicher, dem die hellen Farben der Bläser gegenüberstehen, ein freies Schwingen mit feinem Vibrato, glänzend und glitzernd, als tänzelten die Wellen im Sonnenlicht über den dunklen Tiefen der Moldau ... Man gerät unversehens ins Poetische, wenn man nach Worten für die „sound identity“ der Tschechischen Philharmonie sucht. Und klar ist: Was diesen Klang ausmacht, ist nicht nur eine Frage von Phonstärken, Frequenzen und Spielweisen. Hier wirken Resonanzen, die weiter reichen: der Widerhall einer starken, großen Geschichte, die Obertöne eines leidenschaftlichen, oft leidvollen Kampfs um Selbstbestimmung. Was die tschechische Nation sein kann und sein will, wenn sie sich frei entfalten darf, dem hat die Philharmonie immer wieder aufs stärkste Ausdruck verliehen. Klangidentität heißt so auch – weit übers rein Musikalische hinaus – Identität durch Klang. Semyon Bychkov ist ein Künstler, der dafür das feinste Gespür hat.

Frei fließende Moldau

„Ich weiß gar nicht, wie oft ich dieses Video schon gesehen habe!“, sagt er, angesprochen auf das vielleicht bewegendste Zeugnis dieser Geschichtsmacht in Musik: Rafael Kubelíks Rückkehr ans Pult der Tschechischen Philharmonie 1990 mit Smetanas „Mein Vaterland“. 1945 hatte Kubelík dieses Werk dirigiert, damals noch als Chefdirigent des Orchesters, in einem Dankkonzert zur Befreiung der Tschechoslowakei. Drei Jahre später verließ er das Land, das unters kommunistische Diktat geraten war, um sich, konsequent, mehr als vier Jahrzehnte von ihm fernzuhalten. Die „Samtene Revolution“ brachte ihn zurück in seine Heimat. Gelöst strömten jetzt die Klänge aus Böhmens Hain und Flur, die Moldau nahm die Stromschnellen im rauschenden Gefühl der wiedererlangten Freiheit. „Das sind Momente“, sagt Semyon Bychkov, „wie sie nur wenige Male in einem Jahrhundert vorkommen.“ Und klar ist für den neuen Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie: „Die Geschichte dieses Orchesters kann überhaupt nicht von der Geschichte der Nation getrennt werden.“

Ost und West

„In common with the Czech Philharmonic, Bychkov has one foot firmly in the cultures both of the east and the west.“ Die Pressestelle des Orchesters hat diesen Satz ersonnen, um ihn so in einen Begrüßungstext für den neuen Chef zu stellen. Ist es so, fragt man sich und Semyon Bychkov, ja sind das überhaupt noch relevante Sphären heute – Ost und West? Leider ja, lautet sinngemäß die Antwort des Dirigenten, denn es gebe wieder eine mentale Frontstellung. „Wer hätte nach dem Fall der Berliner Mauer und der Woge der Hoffnung damals geglaubt, dass der Kalte Krieg wieder zurückkehren könnte. Und doch ist es so, bedauerlicherweise.“ Was Russland angehe, so sei es stets von der inneren Spannung geprägt gewesen, ob es sich zum Osten oder zum Westen zähle. In seiner neuen Wahlheimat gebe es da keinen Zweifel. „Tschechien“, sagt Bychkov entschieden, „fühlt sich als Teil des Westens, ist Teil des Westens – und fundamental wichtig ist es für dieses Land, als Teil des Westens anerkannt zu werden.“ Dies freilich – und auch das ist von größter Bedeutung – in seiner besonderen, unverwechselbaren Identität. In der Musik drückt sich dieses Eigene aus, und nirgends nimmt es berührender Gestalt an als im Klang der Tschechischen Philharmonie.

Tradition und Progression

„First of all I have to integrate myself in it“, sagt Semyon Bychkov geradezu demütig über seine neue Aufgabe. Es sei ein Privileg, diese Position antreten zu dürfen, und eine große Herausforderung. „Aber es ist auch etwas ganz Natürliches für mich, denn ich liebe einfach diese Musik!“ Smetana, Dvořák, Janáček, Martinu˚ – die Musik, die das Markenzeichen der Tschechischen Philharmonie ist. „Diese Tradition muss fortgesetzt werden, sie gehört einfach zur DNA des Orchesters.“ Dass damit kein museal-konservatorischer Ansatz gemeint ist, versteht sich bei einem Künstler wie Bychkov von selbst. „Tradition heißt ständige Neuentdeckung, ruft auf zum kundig-kreativen Umgang mit dem Erbe, treibt die Bewegung nach vorn.“ So dürfen auch Smetana und Dvořák nicht fehlen, wenn Byckov die Tschechische Philharmonie zu einem ersten gemeinsamen Gastspiel in den Musikverein führt. Dazu kommt, im ersten Programm, ein kurzes, geist- und pointenreiches Werk des hierzulande kaum bekannten Tschechen Luboš Fišer, „Double for Orchestra“ aus dem Jahr 1969. In Prag selbst stellt Bychkov die Weichen entschieden auch fürs Zeitgenössische. Nicht weniger als 15 Kompositionsaufträge vergibt die Tschechische Philharmonie zum Auftakt seiner Ära. Ein weiterer Schwerpunkt: die Symphonik Gustav Mahlers. Es war Mahler selbst, der 1908 mit der Tschechischen Philharmonie seine Siebte Symphonie zur Uraufführung brachte. Und nicht zu vergessen: Gustav Mahler wurde in Tschechien geboren. In Wien dirigiert Semyon Bychkov nun Mahlers Zweite.

Die Brücke zum Rudolfinum

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ... Man kann den Zauber nur spüren, wenn man sich öffnet. In Prag ist man aufgeschlossen, der Geist der Offenheit reicht auch über das hinaus, was die neue Partnerschaft zwischen Bychkov und dem Orchester im engeren Sinn bringen mag. Profilierte Gastdirigenten werden eingeladen, große Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten musikalischen Sphären. Sir Simon Rattle, Franz Welser-Möst, Reinhard Goebel und Giovanni Antonini dirigieren das Orchester in naher Zukunft. Wie schafft, wie wahrt man Identität? Die Tschechiche Philharmonie, sagt ihr neuer Chefdirigent, lebt es mustergültig vor: Nicht die Abwehr des „Anderen“, nicht der Ausschluss des „Fremden“ hält das Eigene lebendig, sondern der Wille, sich selbst treu zu bleiben. Und das in aller Offenheit. So tritt er nun sein neues Amt an. „Wenn ich morgens zum Rudolfinum gehe“, sagt Semyon Bychkov, „überquere ich die Brücke, die über die Moldau fließt, und sehe dieses Gebäude vor mir: seine Eleganz, seine Noblesse, die Widerspiegelung des Lebensgefühls, in dem es gebaut wurde.“ Über diese Brücke ging 1896 auch Antonín Dvořák, um im Rudolfinum das Gründungskonzert der Tschechischen Philharmonie zu dirigieren. Er war in seine Heimat, die Alte Welt, zurückgekehrt, um klingen zu lassen, was er von drüben mitbrachte, die Symphonie „Aus der Neuen Welt“. Die Brücke, die Moldau, die Alte und die Neue Welt. Glücklich, wer wissend diesen Weg beschreitet.

Joachim Reiber

Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

Semyon Bychkov
© Michal Sváček / Decca

Semyon Bychkov 

Tschechische Philharmonie

Semyon Bychkov, Dirigent
Gautier Capuçon, Violoncello 

Luboš Fišer
Double for Orchestra
Bedřich Smetana
Ouvertüre und Tänze aus der Oper
„Die verkaufte Braut”
Camille Saint-Saëns
Konzert für Violoncello und Orchester
Nr. 1 a-Moll, op. 33
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 9 e-Moll, op. 95,
„Aus der Neuen Welt”

Samstag, 24. November 2018, 19.30 Uhr

Semyon Bychov
© Dieter Nagl

Semyon Bychov  

Tschechische Philharmonie

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Semyon Bychkov, Dirigent
Christiane Karg, Sopran
Elisabeth Kulman, Alt 

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 2 c-Moll

Montag, 26. November 2018, 19.30 Uhr

Semyon Bychov
© Umberto Nicoletti

Semyon Bychov  

Tschechische Philharmonie

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 

Semyon Bychkov, Dirigent 
Christiane Karg, Sopran 
Elisabeth Kulman, Alt 

Gustav Mahler 
Symphonie Nr. 2 c-Moll

Dienstag, 27. November 2018, 19.30 Uhr