Magie, Film, Musik

John Williams

Schon die bloße Ankündigung wurde als Sensation gefeiert. John Williams, der erfolgreichste Filmkomponist unserer Zeit, kommt nach Wien, um mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein seine Musik aufzuführen. Goldene Klänge aus der Traumfabrik. 

Hätte E.T. ohne ihn so herzzerreißend nach Hause telefonieren können? Hätte der weiße Hai ohne ihn so scharf zubeißen können? Hätte Harry Potter ohne ihn die Zauberschule so erfolgreich absolvieren können? Wohl kaum. Denn wie heißt es so schön: Der Ton macht die Musik. Und die Musik wiederum macht den Film. Zumindest dann, wenn sie aus der Feder von John Williams stammt. Denn John Williams veredelt mit seinen Klängen jedes noch so große cineastische Meisterwerk und ist einfach Mr. Hollywood. Am 3. und 4. November gastiert die Traumfabrik in Gestalt des 1932 geborenen Komponisten im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Dann steht der Gigant der Filmmusik am Pult der Wiener Philharmoniker und wird – als Debütant – Auszüge aus seinen eigenen Werken dirigieren. Ein Gipfeltreffen der Weltbesten ihres Fachs, das musikalisch wohl ziemlich Oscar-verdächtig ist. Und wenn es um Oscars geht, ist Williams bekanntlich der richtige Mann. Gleich fünfmal konnte Williams den begehrten Academy Award in den vergangenen Jahrzehnten mit nach Hause nehmen. Für seine Musik zu den Klassikern „Anatevka“ (Beste Adaption, 1972), „Der weiße Hai“ (1976), „Krieg der Sterne“ (1978), „E.T. – Der Außerirdische“ (1983) sowie für Steven Spielbergs bewegendes Holocaust-Drama „Schindlers Liste“ (1994).

Mann der Rekorde

In Sachen Nominierungen kann Williams übrigens kaum jemand das Wasser reichen. 51-mal wurde der Komponist für den Academy Award – wie der Oscar eigentlich korrekt heißt – nominiert. Zuletzt 2018 für „Star Wars: Die letzten Jedi“. Damit hält er den alleinigen Rekord für die meisten Nominierungen einer lebenden und noch aktiven Person. Nur der legendäre Walt Disney (1901–1966) liegt mit insgesamt 59 Nominierungen (und 26 tatsächlichen Auszeichnungen) im ewigen Ranking noch vor ihm. Dafür – um noch kurz bei den Preisen zu bleiben – konnte sich Williams zusätzlich über vier Golden Globes (bei 25 Nominierungen), drei Emmys (bei sechs Nominierungen) und 24 Grammys (bei 68 Nominierungen) sowie über zahlreiche weitere Auszeichnungen freuen.

Mann der Bilder

Doch zurück zum Cineastischen. Nahezu jeder Film, für den Williams die Musik geschrieben hat, gilt heute als Klassiker. Ein paar Beispiele neben den bereits erwähnten gefällig? „Das Tal der Puppen“, „Die Höllenfahrt der Poseidon“, „Flammendes Inferno“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „Superman“, „Star Wars“, die vier „Indiana Jones“-Filme, „Menschen am Fluss“, „Das Reich der Sonne“, „Die Hexen von Eastwick“, „Die Reisen des Mr. Leary“, „Geboren am 4. Juli“, „Kevin – Allein zu Haus“, „JFK – Tatort Dallas“, „Hook“, „Sabrina“, „Nixon“, „Amistad“, die ersten drei „Harry Potter“-Filme, „Der Soldat James Ryan“, „Der Patriot“, „A.I. – Künstliche Intelligenz“, „Catch Me If You Can“, „Die Geisha“, „München“, „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ und „Lincoln“.

Mann der Vielfalt

Ja, John Williams kann alles. Vom Actionreißer über Horror, Science-Fiction, Fantasy bis hin zur Komödie, dem großen Politdrama oder dem klassischen Animationsfilm. Williams ist in jedem Genre daheim, lotet Grenzen gerne aus und sprengt sie mitunter lustvoll. Ein Talent, das ihm quasi in die Wiege gelegt wurde, war der Vater des gebürtigen New Yorkers doch Orchestermusiker. Schon im Alter von drei Jahren konnte Williams Noten lesen, später besuchte er die renommierte New Yorker Juilliard School, an der er Klavier studierte. Nebenbei arbeitete er als Jazz-Pianist, schrieb klassische Werke und fand letztlich über seine Arbeit beim US-Fernsehen auch den Weg nach Hollywood. Mann der Kontinuität Mit dem Film „Sugarland Express“ begann 1974 die Zusammenarbeit mit einem Regisseur, der für Williams und die Filmgeschichte prägend war und ist: Steven Spielberg. Mit nur zwei Ausnahmen (eine terminlich, die andere gesundheitlich bedingt) steuerte Williams die Musik zu sämtlichen (!) Filmen des Starregisseurs bei. Nur ein einziges Mal musste Spielberg seinen kongenialen musikalischen Partner dazu erst mühsam überreden. Nämlich bei „Schindlers Liste“. Als John Williams den Film sah, war er so beeindruckt und ergriffen, dass er es anfangs nicht wagte, zu diesen Bildern die Musik zu schreiben. Er sagte zu Spielberg: „Du benötigst einen besseren Komponisten für diesen Film, als ich es bin.“ Darauf antwortete Spielberg lakonisch: „Ich weiß, aber die sind alle tot.“

Mann der Kontinuität

Mit dem Film „Sugarland Express“ begann 1974 die Zusammenarbeit mit einem Regisseur, der für Williams und die Filmgeschichte prägend war und ist: Steven Spielberg. Mit nur zwei Ausnahmen (eine terminlich, die andere gesundheitlich bedingt) steuerte Williams die Musik zu sämtlichen (!) Filmen des Starregisseurs bei. Nur ein einziges Mal musste Spielberg seinen kongenialen musikalischen Partner dazu erst mühsam überreden. Nämlich bei „Schindlers Liste“. Als John Williams den Film sah, war er so beeindruckt und ergriffen, dass er es anfangs nicht wagte, zu diesen Bildern die Musik zu schreiben. Er sagte zu Spielberg: „Du benötigst einen besseren Komponisten für diesen Film, als ich es bin.“ Darauf antwortete Spielberg lakonisch: „Ich weiß, aber die sind alle tot.“


Mann der Spiele

Doch nicht nur mit seinen Filmmusiken erreicht John Williams weltweit ein Millionenpublikum. Gleich viermal schrieb Williams Fanfaren für die Eröffnung der Olympischen Spiele. Die Sommerspiele 1984 in Los Angeles, die Sommerspiele 1988 in Seoul, die Sommerspiele 1996 in Atlanta und die Winterspiele 2002 in Salt Lake City wurden mit den Klängen von John Williams eröffnet. Der Komponist selbst erhielt dafür 2003 den Olympischen Orden.  Und wenn wir schon bei Eröffnungen sind: Auch der Auftakt zur Präsidentschaft von Barack Obama 2009 trug die Handschrift von Williams. Denn für die Zeremonie zur Vereidigung Obamas zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten am 20. Jänner 2009 schrieb Williams das Quartett „Air and Simple Gifts“. Es wurde von Itzhak Perlman (Violine), Yo-Yo Ma (Violoncello), Gabriela Montero (Klavier) und Anthony McGill (Klarinette) uraufgeführt. Die Komposition setzt sich aus zwei Teilen zusammen: dem sogenannten „Air“-Thema und dem „Simple Gifts“-Thema. Dass der politisch liberale Williams für die Amtseinführung des nun regierenden 45. US-Präsidenten kein Stück komponiert hat, liegt irgendwie auf der Hand.

Williams ist in jedem Genre daheim, lotet Grenzen gerne aus und sprengt sie mitunter lustvoll.

Mann der Klänge

Dafür ist Williams auch abseits der Filmmusik als Komponist überaus aktiv. So stammt etwa die Musik der populären US-Nachrichtensendung „NBC News“, „The Mission“, aus seiner Feder, ebenso die Musik für das akustische Firmenlogo von Dream Works SKG. Und Williams hat auch ein Musical geschrieben. „Thomas and the King“ über Thomas Becket und Heinrich II., den König von England, wurde 1975 erfolgreich uraufgeführt. Dazu kommen noch zwei klassische Symphonien, Konzerte für Orchester und diverse Soloinstrumente (darunter Violine, Flöte, Tuba, Cello, Klarinette, Oboe und Trompete) sowie diverse kleiner besetzte Stücke. Und naturgemäß Auftragskompositionen. So schrieb Williams etwa die „Liberty Fanfare“ zur 100-Jahr-Feier der New Yorker Freiheitsstatue (1986), unterstützte als bekennender und überzeugter Demokrat den damaligen (1988) Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis mit einer Fanfare oder steuerte zur 500-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1990 das Stück „Celebrate Discovery“ bei. Und auch als Gratulant für Leonard Bernstein stellte er sich ein. 1988 komponierte er zu Bernsteins 70. Geburtstag „For New York“, Variationen über ein Thema des Jubilars. Als Chefdirigent des Boston Pops Orchestra brachte Williams von 1980 bis 1993 Filme in die Konzertsäle.

Mann der Sterne

Für sein Gastspiel im Musikverein hat John Williams Auszüge aus seinen berühmtesten Filmmusiken im Gepäck. So werden die Wiener Philharmoniker eine „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ erleben, eine Suite aus „Die Geisha“ spielen, mit „E.T.“ ihre „Abenteuer auf der Erde“ bestehen, ein „Kindermärchen“ aus „BFG“ („Big Friendly Giant“) erzählen und das Scherzo aus „Indiana Jones“ zum Klingen bringen. Und sie werden unter der Leitung des Komponisten auch den „Krieg der Sterne“ bestreiten. „The Rebellion is Reborn“,„Prinzessin Leia’s Thema“ werden zu hören sein, ehe die Musiker zuletzt den „Throne Room“ betreten dürfen. Es sind also neue philharmonische Wege, die das Orchester mit Williams beschreitet. Wege in ein Universum aus Bildern, die aber erst durch die Musik ihre volle Wirkung entfalten.

Peter Jarolin 
Peter Jarolin ist Kulturredakteur des „Kurier“ in Wien.