Beim Wort genommen

Christian Tetzlaff spielt Mozart

Im Frühjahr begann Christian Tetzlaff mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Paavo Järvi im Musikverein eine Gesamtaufführung der Mozart-Violinkonzerte. Nun findet der Zyklus Fortsetzung und Abschluss.

Christian Tetzlaff ist Ende August gerade erst aus dem Urlaub zurückgekehrt, als er mit den „Musikfreunden“ zum Telefongespräch verabredet ist. Es war auch Urlaub von der Geige, die während dieser Zeit zu Hause blieb. „Wenn ich die Geige nicht dabei habe, dann ist sie auch nicht Teil meines Lebens – weil ich meine zwei Leben doch sehr stark getrennt habe“, sagt der sechsfache Vater. „Entweder ich bin Musiker und auf Reisen, oder ich bin zu Hause – und da bin ich nur Familienvater und Ehemann.“ Nun wendet er sich langsam wieder dem Instrument zu, übt ein paar Mal pro Tag für eine halbe Stunde. „Die Finger sind dann noch ein bisschen empfindlich, aber ich hatte immer das Vertrauen, dass es sich nach einer Woche wieder so anfühlt wie vorher.“ 

Liebevolle Beschäftigung

Überhaupt habe er früh begonnen, wenig zu üben und große Pausen zu machen, erzählt er. „Ich weiß: Viele Kollegen spielen einfach immer und üben auch sehr viel. Das macht jeder anders. Ich glaube aber nicht, dass irgendjemand, nur weil er drei Wochen nicht gespielt hat, nicht mehr weiß, wie’s geht. In dieser Hinsicht ist Geige spielen wie Fahrrad fahren.“ Ein Tonleitern- und Etüdenprogramm legt er sich nach abstinenten Zeiten nicht zurecht. Stets geht er von den Werken aus, die er in der nahen Zukunft spielen wird – von Mozarts fünf Violinkonzerten etwa, deren Gesamtaufführung im Musikverein er im Herbst abschließt. „Die Klarheit, die Schönheit und die Übersichtlichkeit, die diese Geigenparts haben, eignen sich sehr gut, um sich wieder liebevoll mit der Geige zu beschäftigen.“

Klar und einfach

Klarheit ist ein wesentliches Wort, wenn von Christian Tetzlaff die Rede ist und wenn er über Musik spricht. Sein Blick und sein Zugang sind ganz klar und durchaus kompromisslos. Er nimmt den Notentext wörtlich, er versteht Musik als Sprache und liest die großen Werke als Erzählungen, die existenzielle Erfahrungen spiegeln. Auf Mozart bezogen, meint der Geiger, sei es mit dem Wörtlichnehmen des Notentexts sehr einfach: „Wir haben seine Handschriften, wir haben seine fantastischen, wunderschönen dynamischen Bezeichnungen in allen Orchesterstimmen, in allen Tutti – aber für die Sologeige werden sie nicht extra noch einmal hingeschrieben. Viele Geiger oder vor allem Geigenlehrer haben sich offensichtlich nie angeschaut, was Mozart im Einleitungsteil für das ganze Orchester schreibt als Vorbild für die Sologeige – sodass etwa die Dynamik oft vollkommen anders gemacht wird; wo Mozarts Anweisungen doch so klar und einfach sind.“

Einem Chamäleon gleich

Wie Mozart die vielfältigen musikalischen Einflüsse, die er auf seinen Reisen aufnahm, gewissermaßen im Augenblick in seinen eigenen Werken umsetzte, fasziniert Christian Tetzlaff in besonderem Maße. „Mozart ist ein Sprachgenie – aufs Musikalische übertragen, aber wohl auch sonst. Er fährt nach Mannheim und benutzt die Orchestermöglichkeiten, die in der Mannheimer Schule entwickelt worden sind. In Paris eignet er sich sofort diese musikalische Sprache an. Er fährt nach Italien als zwölfjähriger Kerl und schreibt Madrigale im Stile der alten Meister ...“ Dass jedes dieser Stücke auch so gespielt werden sollte, wie diese Art von Musik einst aufgeführt wurde, steht für Tetzlaff außer Frage. Er nennt es einen „Chamäleon-Aspekt“, und als Interpret dieses Chamäleon zu sein, das bereitet ihm große Freude. 

Auch hier kommt Tetzlaff wieder vom Sprachlichen her und zieht den Vergleich zur Oper – und bleibt bei Mozart: „Was seine Opern so auszeichnet, ist, dass jede Person, die auftritt, ihre Schönheiten, aber auch ihre Macken und Eigenheiten hat, die sich durchziehen. Die Figuren sind charakteristisch und müssen auch so dargestellt und interpretiert werden. Schönheit ist bei Mozart ein wichtiger Teil in vielen Momenten – aber mindestens so wichtig ist eben die Erzählung, dass der Klang redet und nicht nur einfach so hübsch wie möglich ist.“ Unwillkürlich kommt ihm da das zweite Thema im dritten Satz von Mozarts A-Dur-Violinkonzert in den Sinn: „Das ist so ein Gassenhauer – Mozart erhebt hier keinen Anspruch auf hohe Kunst. Oft aber wird es zelebriert, als hätte man etwas ganz Hehres vor sich. Ich finde, Mozart ist ein ganz fantastischer Realist im Komponieren, in dem Sinne, dass er auch das weniger Schöne und das Tiefe und das Abgründige preisgibt. Als Interpret darf man da nicht versucht sein, einfach nur das zu spielen, was man selber am schönsten kann.“ 

Geben, was gefordert ist

Dazu bedarf es freilich der entsprechenden Technik. Von seinem Lübecker Lehrer Uwe-Martin Heiberg hat Christian Tetzlaff den so außergewöhnlichen wie effektiven Ansatz gelernt und übernommen, dass die musikalische Interpretation Schlüssel zur Geigentechnik ist – und nicht umgekehrt. „Jedes Stück erfordert einen anderen Menschen“, ist er überzeugt, „ein anderes Vibrato, eine andere Bogenhaltung, andere Stellen am Bogen ... Das ist schwierig, aber das sollte der Ansatzpunkt sein, damit man das geben kann, was das jeweilige Stück gerade fordert. Wenn man zunächst alles gleich spielt, um technische Sicherheit zu erlangen, kommt man an das andere nicht mehr heran.“ Solche Flexibilität verlangt Tetzlaff sich selbst ab, aber genauso seinem Instrument. Dass er eine neue Geige des Deutschen Peter Greiner spielt und nicht etwa eine Stradivari oder ein anderes jahrhundertealtes italienisches Instrument, hat einen ganz einfachen und pragmatischen Grund: „Ich spiele das beste Instrument, auf das ich meine Finger kriegen kann. Dass alte Instrumente besser und neue schlechter seien, ist eine Illusion, die mit Vergnügen hoch gehalten wird, weil auch die hohen Preise und die Namen dieser Instrumente die Aura und den Glamour eines Konzerts etwas anheben – aber realistisch ist das nicht. Denn auch Stradivaris Geigen waren sofort berühmt, weil er einfach ein guter Geigenbauer war.“ 

Das Tiefste und Innerste

Als Solist pflegt Christian Tetzlaff ein äußerst breites Repertoire, das auch Raritäten wie die Konzerte von Joseph Joachim und Arnold Schönberg enthält und Zeitgenössisches, etwa von György Ligeti und Jörg Widmann. Zeitgleich mit seiner Solokarriere entwickelte er außerdem eine kammermusikalische und gründete bereits 1994, mit 28 Jahren, sein eigenes Streichquartett. Den Stellenwert der Kammermusik in seinem Künstlerleben setzt Tetzlaff äußerst hoch an. „Es wäre absurd, wenn ich als Geiger und Musiker nicht etwa die späten Beethoven-Quartette spielen würde. Die Komponisten haben sich der Kammermusik zugewandt, wenn sie ihr Tiefstes und Innerstes ausgeben wollten. Es gibt ein paar Violinkonzerte, in denen diese Art von Intensität auch erreicht wird – bei Berg zum Beispiel, und es gibt Momente bei Brahms und Beethoven. Aber sonst ist ein Violinkonzert per Definition ja etwas, das sich direkter an das Publikum wendet, auch mit einer virtuosen Geste und etwas bezogener auf eine einzelne Person, den Ausführenden. Wenn es um den Anspruch an den Spieler geht: So ein Schubert-G-Dur-Quartett oder auch die späten Quartette von Beethoven – da kann man das Violinkonzert in der Pfeife rauchen ...“

Von Musik durchweht

Zu Christian Tetzlaffs fixen Kammermusikpartnern zählt seine Schwester Tanja am Violoncello – im Streichquartett ebenso wie im fixen Trio mit dem Pianisten Lars Vogt. Auch seine anderen beiden Geschwister sind Berufsmusiker geworden, und das, obwohl es in der Familie zuvor keine Profimusiker gab. „Es war die gemeinsame Liebe der Eltern zur klassischen Musik, die das Haus immer durchweht hat“, sagt Christian Tetzlaff. Im Haushalt eines Pastors und einer Laiencellistin fanden regelmäßig Chorproben statt, und der Aspekt der Gebrauchsmusik war auch nicht zu unterschätzen: Die Kinder – Angela, die Soloflötistin beim NDR war und heute in Lübeck eine Hochschulprofessur innehat, Stephan, mittlerweile Dirigent, Christian und Tanja – kamen immer wieder für die Gottesdienstgestaltung und im Altenkreis musikalisch zum Einsatz. Und dann doch: „Ich würde annehmen, dass es auch noch ein kleines Moment der Veranlagung gibt.“

Liebe und Begeisterung

Die professionelle Musikerlaufbahn kam wie selbstverständlich. „Ich hatte das große Glück, dass schon meine beiden älteren Geschwister Instrumente gespielt habe. Man weiß ja als Kind nicht, dass nicht jeder Musik macht.“ So kam eins zum andern. Die begründete Musikertradition bei den Tetzlaffs setzt sich auch in der nächsten Generation fort: Zwei von Christian Tetzlaffs drei erwachsenen Kindern aus erster Ehe sind ebenfalls Musiker geworden. Bei den jüngeren drei, die noch nicht zur Schule gehen, wird es sich zeigen. „Ich könnte mir vorstellen, dass es ähnlich sein wird. Ich habe aus meiner eigenen Erfahrung heraus nie aufs Üben gedrungen und auch nicht mit den Kindern geübt, sondern mit ihnen musiziert, wenn sie ihre Stücke brachten. Ich habe keinen Druck gemacht und mit Freude gesehen, dass sie von den Eltern die Liebe zur Musik und die Begeisterung fürs Musizieren mitgenommen haben.“

Ulrike Lampert

Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.