Wunderbare Heldinnen

Diana Damrau singt Verdi

Diana Damrau, gerade erst mit Jonas Kaufmann als Interpretin von Wolfs „Italienischem Liederbuch“ gefeiert, kehrt mit purer Opern-Italianità in den Musikverein zurück Der Titel dieses Abends ist Programm: VERDIssimo! Sibylle Ehrismann traf die Sängerin zum Interview in Zürich.

Frau Damrau, Sie proben gerade die Maria Stuarda am Zürcher Opernhaus und geben in dieser Zeit hier auch einen Liederabend. Obwohl Sie als Opernsängerin eine Weltkarriere machen, sind Sie dem Lied treu geblieben. Weshalb?

Ich kann mir mein Leben ohne Lied nicht vorstellen! Das Lied war neben der Oper schon immer meine große Liebe. Vor allem deshalb, weil man im Lied ganz eng kammermusikalisch arbeiten kann, mit dem Pianisten bis ins kleinste Detail geht, um die vielen Feinheiten herauszuarbeiten. Lieder sind wie kleine Uhrwerke, Opernminiaturen, unglaublich vielseitig in den Empfindungen, im Ausdruck. Am meisten fasziniert mich dabei die Sprache.

In Ihrer Planung fällt auf, dass Sie sich auf wenige Partien fokussieren und diese dann oft an verschiedenen Häusern singen – oft auch in Blöcken: nach Mozarts Königin der Nacht war es die Lucia, dann Verdis Violetta. Nach welchen Kriterien planen Sie?

Am Anfang meiner Karriere war das eher nicht so. Es gab Jahre, in denen ich fünf Rollendebüts in einer Spielzeit gab. Ich habe mich auch nie nur auf einen Musikstil konzentriert oder auf einen Komponisten. Bei mir gibt’s eigentlich immer die vier Pfeiler Strauss, Mozart, Donizetti – das war von Anfang an da – und den französischen Belcanto. Dazu kommen nun vermehrt die romantische französische Oper und Verdi. Es scheint zwar so, also ob ich eine Rolle blockweise singe, aber das hat eher mit dem Stand meiner Karriere zu tun: Ich werde für die großen Repertoirerollen engagiert, und zwar nicht nur von einem, sondern von mehreren Häusern. Und das für Neuproduktionen, was eine größere Aufmerksamkeit der Medien mit sich bringt.

Dennoch sangen Sie die Violetta seit 2013/14 sehr oft. Auch die Lucia. Vertiefen Sie so eine Rolle?

Die Königin der Nacht habe ich sogar in 15 Produktionen gesungen! (lacht) Es geht mir aber nicht um Vertiefung, denn ich bin von Anfang an tief drinnen in einer Rolle, kenne ihre Schattierungen. Ich gehe immer vom Stück aus, vom Original, lese es sehr genau, befasse mich mit der Entstehungszeit, mit dem Frauenbild von damals, mit der Situation, in der die Frauen waren. Ich betrachte immer den Originalkontext zu dem, was der Komponist, was die Musik sagt, es steht eigentlich alles in der Partitur drin. Dann ist es hochinteressant zu sehen, wie die verschiedenen Regisseure eine Figur deuten, da bin ich sehr offen und neugierig.

Momentan bereiten Sie hier in Zürich ihr Rollendebüt als Maria Stuarda in Donizettis gleichnamiger Oper vor. Wie passt diese Partie in Ihre Planung?

Das passt ganz wunderbar, sonst wäre ich nicht hier! (lacht) Mit der Stuarda gehe ich jetzt einen Schritt weiter, sie ist etwas dramatischer, sitzt etwas tiefer. Seit der Geburt meiner Kinder haben sich mein Körper und meine Stimme verändert. Die Stuarda passt jetzt, ich bin eine Frau geworden. Ich kam vom hohen Koloratursopran, hatte aber schon immer lyrische Anlagen in der Stimme. Ich singe nicht mehr die Stratosphären-Rollen, sondern die gestandenen Frauen. Und zu der Contessa aus Mozarts „Le nozze di Figaro“, die ich momentan singe, und den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss, die ich gerade im Konzertrepertoire habe, passt die Stuarda ganz gut.

Belcanto ist ja eine hoch artifizielle, technisch anspruchsvolle Gesangskunst. Wie finden Sie da zur Darstellung echter, natürlicher Gefühle?

Na ja, es darf nie zum Selbstzweck werden. Es hat alles einen emotionalen Hintergrund, auch die Verzierung. Besonders in der Wiederholung werden Verzierungen eingebaut oder Kadenzen, das ist alles Ausdruck des Gefühls. Die muss man dann eben – wie es das Wort „Koloratur“ sagt – mit Farben singen. Belcanto ist kein Gezwitscher, nicht einfach nur eine Zurschaustellung der Technik.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie Frauenfiguren gerne als starke Persönlichkeiten gestalten. Gab es auch schon Inszenierungen, die Sie abgelehnt haben?

(Überlegt lange) Bei Neuproduktionen hat man als Sängerin mehr Einfluss. Für mich ist die Geschichte der Oper auch eine Geschichte der Emanzipation. Die Komponisten haben uns wunderbare Heldinnen geschrieben und haben ihnen eine Stimme gegeben. Wenn ich jedoch für eine Rolle angefragt werde und mir die Produktion nicht gefällt, dann sage ich nicht zu. So habe ich etwa die Konstanze in einer Produktion an der Komischen Oper Berlin abgesagt, die Inszenierung war mir zu grobschlächtig.

Nun präsentieren Sie ein neues Tourneeprogramm unter dem Motto VERDIssimo, mit dem Sie auch im Wiener Musikverein gastieren. Worin besteht die Herausforderung, Opernarien konzertant zu singen?

Die Herausforderung eines großen konzertanten Opernabends ist natürlich, dass man immer nur die Kernstücke, die großen Bravourarien einer Oper singt. In einer Operngala singe ich aus mindestens vier Opern, das ist auch ein großer Kraftaufwand und fordert hohe Konzentration. Es ist eigentlich immer auch ein sportliches Ereignis.

Weshalb jetzt gerade eine Operngala zu Verdi?

Weil wir es lieben, ganz einfach! Und just nach dem Verdi-Jahr! (lacht) Zudem möchte ich auch ein paar Sachen ausprobieren.

Mit „I masnadieri“ und „Luisa Miller“ wählten Sie für dieses Programm zwei frühe, eher selten aufgeführte Verdi-Opern. Weshalb?

Ich bestreite diese Verdi-Gala ja mit meinem Mann, dem Bassbariton Nicolas Testé. So suchten wir nach Duetten für Bassbariton und Sopran, davon gibt es nicht viele, aber in diesen beiden frühen Opern sind wir fündig geworden. Die Sopranpartie der „Masnadieri“ hat Verdi für die berühmte Jenny Lind komponiert, deshalb gibt es da auch zwei sehr schöne Arien für mich.

Von Verdi führen Sie die Violetta und die Gilda im Repertoire. Nun singen Sie im VERDIssimo-Programm auch die große Szene der Desdemona aus dem letzten Akt der Oper „Otello“. Eine Annäherung von Diana Damrau an eine neue, große Verdi-Partie?

Schon während meines Studiums habe ich Sängerinnen, die die Desdemona studierten, genau beobachtet. Diese Rolle einmal singen zu können war schon früh mein Wunsch. Die Desdemona ist für mich gar nicht so abwegig. Ich werde sie sicher vor Luisa Miller machen. Und wenn wir schon dabei sind, kämen vor der Desdemona die „Masnadieri“.

Die Szene der Desdemona vor ihrer Ermordung durch den eifersüchtigen Otello ist ein sehr verinnerlichtes, emotionales Stück und dauert „ewig“. Wie schaffen Sie es, diese ohne Kostüm und Bühnenbild durchzugestalten?

Es ist eine sehr verinnerlichte Situation, die Desdemona agiert nicht groß, deshalb ist es nur ein kleiner Schritt zumdarstelle. Auf dem Konzertpodium reichen da kleinste Gesten, es geht oft nur um Details. Meist nehme ich ein kleines Accessoire mit auf die Bühne, es soll ja keine Modeschau sein: mehr Schmuck oder keinen Schmuck, Handschuhe oder eine Stola in einer anderen Farbe, das hilft schon, sich selbst und dem Publikum eine neue Situation bewusst zu machen.

Sie treten in VERDIssimo mit ihrem Ehemann, dem Bassbariton Nicolas Testé, auf. Ich stelle mir das als besondere Herausforderung vor, mit dem Partner auf der Bühne zu singen.

Natürlich kennen wir uns gut, privat und sängerisch. Man muss versuchen, das, was einen privat bewegt, nicht mit auf die Bühne zu nehmen. Aber wenn ich merke, das war Wahnsinn, oder wir sind beide irritiert, dann ist man gefühlsmäßig anders beteiligt. Und in den Arien macht jeder Seins: Wenn er singt, kann ich mich ausruhen und konzentrieren, und umgekehrt.

Sie haben mit Nicolas Testé zwei Söhne, sieben und fünf Jahre alt. Wie managen Sie und Ihr Mann die Kinderbetreuung? Sie sind ja viel unterwegs.

Wir nehmen die beiden immer mit, auch wenn sie jetzt in die Schule gehen. Sie besuchen das Lycée français, das es in vielen Großstädten gibt und überall gleich strukturiert ist. So sind sie jeweils zwei Monate hier und dann wieder anderswo in der Schule, ob wir gerade in Paris, Zürich oder Berlin sind. Im November waren wir mit einem Privatlehrer auf Asien-Tournee, da konnten wir den Kindern eine andere Welt zeigen, das öffnet den Horizont. Wir versuchen immer, unsere Karrieren so zu planen, dass die Familie zusammen sein kann.

Sie singen das VERDIssimo-Programm jetzt im Musikverein. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Wien kommen?

Ach Gott, Wien! Ich habe sechs Jahre in Wien gelebt, ohne ein festes Engagement zu haben. Diese Stadt lebt mit der klassischen Musik und atmet Kultur. Da sitzt man zum Beispiel in einem Taxi, und der Fahrer kann einem sagen, was gerade im Konzerthaus läuft, was im Musikverein oder in der Oper – das ist Wahnsinn! Ich bin immer froh, wenn ich in Wien bin, ich flaniere gerne durch diese Stadt. Und es ist auch ein Mekka der Sänger, man trifft die Kollegen hier. Und der Musikverein ist für mich einfach der schönste Konzertsaal der Welt!

Das Gespräch führte Sibylle Ehrismann.
Sibylle Ehrismann ist Musikpublizistin und Ausstellungskuratorin in der Schweiz.