Mit der Rossini-Walze gegen die Armut

Für „Il viaggio a Reims“ von Gioacchino Rossini steht Tenor Juan Diego Flórez im Mittelpunkt einer jungen Sängerschar auf dem Podium des Großen Musikvereinssaals. Der gute Zweck hinter der Benefizgala: Der in Peru geborene Sänger hat das Jugendmusikprojekt „Sinfonía por el Perú“ ins Leben gerufen. Es holt arme Kinder durch Musikausbildung von der Straße und aus den Slums.

Liebliche Harfe, die du immer getreue Begleiterin mir bist, vereine mit meinen Liedern die Klänge von Liebe und Freude.“ So heißt es, ins Deutsche übersetzt, in einer Arie, die Corinna, eine berühmte römische Improvisationskünstlerin, in Rossinis „Il viaggio a Reims“ anstimmt. Sie befindet sich dabei im Kurhotel „Goldene Lilie“ zu Plombières. Dort ist eine ganze Menge illustres Personal, Bonvivants aus ganz Europa, gestrandet, um das heilende Wasser zu genießen. Sie pflegen ihre Luxusprobleme, weinen um verlorene Hüte, lieben und necken einander, wollen sich duellieren und lauschen der holden Kunst Corinnas. Dann beschließen sie, als Delegation nach Reims zur Krönung Karls X. aufzubrechen. Doch weil keine Pferde aufzutreiben sind, fällt die Unternehmung ins Wasser. Sie bleiben und feiern unter sich. Ein Teil des für die Reise gesammelten Geldes wird wohltätig gespendet.

Rossini für den guten Zweck

Wenn also Corinna die Harfe zupft und die Musik als Bringer von Liebe und Freude preist, wenn noch dazu das vom Feiern übrige Geld gespendet wird, dann ist auch Juan Diego Flórez ganz in seinem Element. Denn Rossinis Gelegenheitskomposition wird am 16. Juni im Musikverein für den guten Zweck unterhalten. Der in Lima geborene Tenor und Freunde lassen dafür die Koloraturen aus ihren Kehlen perlen, um das Jugendmusikprojekt „Sinfonía por el Perú“ zu unterstützten. „Das ist eine Stiftung, die wir 2011 errichtet haben. Im Moment sind über 7.000 Kinder und Jugendliche dabei. Es sind arme, vernachlässigte Kinder aus den Slums in Peru, die den Gefahren durch Drogen, Prostitution, Kriminalität und Kinderarbeit ausgesetzt sind“, erzählt Flórez. In mehr als zwanzig Zentren im ganzen Land können diese jungen Menschen musizieren, im Chor singen, ein Instrument lernen und gemeinsam spielen: „Ein Orchester ist dann wie eine Oase, in der sie vor solchen Gefahren bewahrt werden, in der sie geschützt sind. Das Orchester funktioniert als Gemeinschaft, wie eine zweite Familie, die Kinder können sich dort geborgen fühlen, werden ernst genommen. Das tragen sie dann in ihre Familien.“

Mit Musik wider die Armut

Inspiriert hat den Sänger 2009 ein Besuch beim berühmt gewordenen venezolanischen Projekt „El Sistema“ mit seinem Simón Bolívar Symphony Orchestra: „Ich war tief beeindruckt, was dort mit Musik erreicht wurde. Ich habe verstanden, dass Musik die Gesellschaft ändern, sogar Armut bekämpfen kann. Denn wenn man sich von allen im Stich gelassen fühlt, wenn der Staat nicht hilft, wenn sich niemand sorgt, dann ist das richtige Armut. Doch wenn sich jemand um einen kümmert, ändert man auch seine Einstellung, fühlt sich nicht mehr arm. Das startet einen Mechanismus, der die Zukunft ändert“, ist er überzeugt. Auf der Website zu seinem Projekt findet sich dann auch ein sehr berührender Videoclip, der zeigt, wie einer der jungen Musiker, der vor lauter Stolz und Freude nur so strahlt, mit dem Tenor über seine Erfahrungen spricht, von ihm begleitet wird. Flórez ist besonders begeistert, wie schnell die Kinder ihre Instrumente beherrschen: „Sie brauchen nur ein paar Monate, um gut zu spielen. Sie saugen alles sofort auf, sind unglaublich motiviert!“ 

Mahlers Erste und ein kleines Wunder

Bei „Sinfonía por el Perú“ gibt es dann ein Hauptorchester, dessen Mitglieder ein Durchschnittsalter von dreizehn Jahren haben. Vor einigen Jahren reisten sogar einige Wiener Philharmoniker mit Clemens Hellsberg nach Peru, um mit den Kindern zu musizieren. Seit damals wird diese Verbindung gepflegt, das Orchester unterstützt das Projekt etwa mit Instrumenten. Beim Gespräch zeigt Flórez dann auch begeistert einen Clip auf seinem Smartphone, er ihm soeben aus Peru geschickt worden ist. Man staunt, wie großartig es klingt, wenn die rund 215 Kinder des Hauptorchesters Mahlers Erste Symphonie probieren. Und der Tenor erklärt stolz: „Vor kurzem reiste ein Trompeter, der sieben Jahre alt ist, mit dem Orchester zu einem Gastspiel nach Madrid. Er lernt erst seit zwei Jahren Trompete, spielt aber bereits so fantastisch, dass die Leute von der bekannten Escuela Superior de Música Reina Sofía staunten und fragten, wie das möglich ist.“ 

Glücksbringer für die ganze Familie

In einer eigenen Studie ließ man die positiven Auswirkungen des gemeinsamen Musizierens bei armen Kindern wissenschaftlich untersuchen. Die Ergebnisse, veröffentlicht auf der „Sinfonía por el Perú“-Website, zeigen eindrucksvoll, dass sich nicht nur Kreativität und Selbstvertrauen in der Schule eklatant steigern und verbessern, sondern auch die Aggressivität stark zurückgeht. Die Teilnahme am Programm wirkt sich auf die gesamte Familiensituation aus. Die Gewalt in der Familie reduziert sich drastisch, vor allem auch die Kinderarbeit. Flórez erläutert das: „Wenn die Jugendlichen musizieren, beginnen die Eltern sie zu bewundern, weil sie realisieren, dass ihre Kinder etwas Besonderes leisten. Sie spielen plötzlich Beethoven. Und die Eltern fragen sich, was das ist – und erkennen, dass es etwas Tolles sein muss. Die Kinder sind außerdem am Nachmittag beschäftigt und haben keine Zeit mehr, Süßigkeiten auf der Straße zu verkaufen. Die Eltern werden involviert, die Mütter kommen zu den Proben und erleben, wie die Kinder spielen. Es bildet sich eine Gemeinschaft, die Familien, die sonst wenig zu lachen haben, erleben etwas Glück. Das alles durchbricht diesen Teufelskreis.“ 

Ein herrlicher musikalischer Schwank

Für die jährliche Höhe der Einnahmen für das „Sinfonía“-Projekt gibt es kein bestimmtes Ziel, denn: „Was immer hereinkommt, hilft!“ Es ist ein ganzer Pool an Spendern. Die meiste Unterstützung kommt derzeit aus Europa, von verschiedenen Privaten und von Stiftungen. Auch das Kulturministerium in Peru unterstützt. Doch ist es Flórez besonders wichtig, unabhängig zu bleiben: „Im Moment ist alles gut in Peru. Aber man weiß nie, was in unserem Land passieren kann. Das ist alles sehr fragil.“ In Wien, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt, hat er den Verein „Friends of Juan Diego Flórez“ ins Leben gerufen. Dieser sammelt auch mit Galakonzerten Geld. Mit einer Matinee in der Staatsoper wurde begonnen, im Musikverein fand bereits 2016 eine „Gala Latina“ statt.„Heuer ist der 150. Todestag von Rossini, und daher wollte ich eines seiner Werke aufführen“, erklärt der Sänger. „Ich habe mich erinnert, dass ,Il viaggio a Reims‘ in Wien ein großer Erfolg war.“ Tatsächlich ist das Werk ein herrlicher musikalischer Schwank, mit dem Rossini im Juni 1825 am Théâtre Italien in Paris seine letzte italienische Oper ablieferte und damit seine französische Karriere startete – eine Gelegenheitsarbeit, die der Komponist nach den drei erfolgreichen Aufführungen allerdings wieder zurückzog. Das Stück ging verloren, einiges überlebte im „Comte Ory“. Erst in den 1970er Jahren fanden sich nach und nach die Quellen zu „Il viaggio a Reims“ wieder. 1984 gelang die Wiederbelebung strahlend beim Rossini-Festival in Pesaro unter Claudio Abbado, der das Stück ein Jahr später in Mailand herausbrachte und 1988 schließlich auch an der Wiener Staatsoper dirigierte.

"Ich habe verstanden, dass Musik die Gesellschaft ändern, sogar Armut bekämpfen kann."
Juan Diego Flórez 

Musik ist die Zukunft

Mit dem bevorstehenden Konzert und einem anschließenden Gala-Dinner sammelt Flórez mit seinem „Verein zur Förderung von Musikunterricht und Gesangsausbildung von Kindern und Jugendlichen“ jedoch nicht nur Geld für die jungen Musiker. Er bietet zugleich vielen Sängerkollegen am Karrierebeginn in den insgesamt 18 Partien der Opernkantate eine tolle Auftrittschance. Denn Flórez, der selbst die Partie des ungestümen und eifersüchtigen Russen Conte di Libenskof singen wird, begleitet und fördert gern Talente, die er unter anderem von seinen Meisterkursen in Pesaro kennt. Von dort reist sogar das Filarmonica Gioachino Rossini Orchestra an, das, wie alle Mitwirkenden, auf seine Gage verzichtet. Christopher Franklin, der Flórez oft begleitet und ebenfalls Rossini-erfahren ist, dirigiert das Werk, das öfters halbszenisch aufgeführt wird. Flórez hat auch schon einige Ideen dafür. „Es wird sehr lustig“, verspricht er. Mit der Gala möchte er ein Bewusstsein für die „Sinfonía por el Perú“ schaffen, damit möglichst viele Menschen davon erfahren und spenden. Denn die Pläne für die Zukunft sind groß. Die Zahl der Mitglieder steigt, und erst kürzlich hat man ein großes Gebäude zur Verfügung gestellt bekommen. Dieses muss nun saniert und adaptiert werden, und die vielen jungen Musiker brauchen Instrumente. Auch möchte man eine Akademie aufbauen, damit die Jugendlichen auch nach der Schule – denn nur so lange werden sie von der „Sinfonía“ betreut – weiter musizieren können. Die Zukunft soll in Peru nach Musik klingen!

Stefan Musil

Mag. Stefan Musil ist freier Kulturjournalist in Wien.