„Lennie“ – unerreicht und unvergessen 

Hommage an Leonard Bernstein 

Wien und den Wienern schenkte Leonard Bernstein in gut vier Jahrzehnten eine Fülle von musikalischen Sternstunden. Hartmut Krones war als aktiver Musiker dabei und verknüpft seine persönlichen Erlebnisse mit dem Blick des Wissenschaftlers auf Bernsteins Werk. 

16. April 1968: Der Autor dieser Zeilen, junger Musikstudent und Obmann des Wiener Jeunesse-Chores, wartet vor dem Musikverein mit einigen anderen jungen „Offiziellen“ auf jenen Musiker, der mit den Wiener Philharmonikern, einem Sängerknaben und „uns“ in einigen Tagen ein denkwürdiges Konzert bestreiten wird: auf Leonard Bernstein, der bald mit einem Pulk von Dienstbeflissenen auftaucht, diese aber abschüttelt und uns sofort zu verstehen gibt, sich sehr auf die erste Probe seiner „Chichester Psalms“ mit einem jungen Chor zu freuen. 

Freude an der Musik 

Wir freuten uns noch mehr, doch bereits nach wenigen gesungenen Phrasen hatte Bernstein unsere Freude noch einmal um ein Vielfaches gesteigert: Natürlich „konnten“ wir das Stück, aber mit ihm wurde es sofort zum Erlebnis: Er sang uns seine Musik vor, er tanzte sie uns vor, er betete sie uns vor: Sein 1959 geschriebenes Buch „The Joy of Music“ wurde an einem Stück zur Wahrheit, das mit Worten aus sechs Psalmen das Vertrauen des Menschen auf Gott zum Inhalt hat und schließlich zu einem jubelnden Preislied wird, einem Stück, das in seinem zweiten Teil aber auch Melodien exponiert, die deutlich von jüdischen Synagogalgesängen inspiriert wurden. Bernstein, Nachfahre einer unter zutiefst bemitleidenswerten Umständen in die USA ausgewanderten ukrainischen Rabbinerfamilie (die dabei geliebte Mitglieder der Familie zurücklassen musste), verriet uns das unter Hinzufügung einiger Erklärungen, sagte uns aber nicht, dass die Melodik des zweiten Satzes Azriel David Fastags auf uralten Weisen basierendes Lied „Ani maamin“ zum Vorbild hatte, das dieser auf der Fahrt in das KZ Treblinka sang, das sein Grab werden sollte. Seine tiefe Bewegtheit bei der Probe dieses Gesanges erklärte sich mir erst Jahrzehnte später, als ich die Melodien und ihre Schicksale zu identifizieren begann. 

Einfach Mensch 

Die drei Aufführungen wurden zum unvergesslichen Erlebnis – sowohl des Komponisten wie auch des Dirigenten Bernstein. Und offensichtlich auch für ihn, jedenfalls geizte er nach den Aufführungen nicht mit Küssen. Sowohl der Sängerknabensolist, der das „Adonai roi“ des zweiten Satzes wunderbar sang, wurde mit solchen bedacht, als auch diejenigen von uns, die ihm im Namen des Chores dankten – der dann sein Lieblingschor wurde und mit ihm durch viele Länder Europas bis nach Hiroshima reiste und unter seiner Leitung noch etliche seiner Werke zur Aufführung brachte. Und jedes Mal seine souveräne Musikalität, seinen Überschwang und seine Begeisterungsfähigkeit erlebte, aber auch eine Persönlichkeit kennenlernte, die fern von jedwedem Dünkel einfach ein – wenngleich besonderer – Mensch war.Die Gesänge der Synagogen, die uns Bernstein in so unvergesslicher Art und Weise nahebrachte, prägten seit seinem ersten „gültigen“ Werk, einer 1935 entstandenen Vertonung des 148. Psalms in einer eigenen Nachdichtung, viele Werke des Komponisten: so alle drei Sätze seiner auf den Klagen des Propheten Jeremias um das sündige Jerusalem basierenden Ersten Symphonie von 1942, „Jeremiah“, aber auch gleich den Beginn seines ersten Musicals „On the Town“, das ansonsten eher weltliche Freuden zum Inhalt hat; dann insbesondere die Dritte Symphonie, „Kaddish“, deren Thema die Erneuerung des Glaubens aus dem Geist des Talmud heraus ist und deren Anlage bereits die liturgischen Vorilder erkennen lässt, oder auch die Ballettmusik zu „Dybbuk", in der laut Bernstein „die mysischen Kräfte der verbotenen Kabbala" beschworen werden.

Anliegen von zeitloser Brisanz 

Daneben fallen in vielen Werken Bernsteins sein Eintreten für Humanität und Toleranz sowie sein Appell gegen Krieg und Faschismus auf – Anliegen, die letzten Endes auch sein wohl größtes Erfolgswerk, das 1957 entstandene Musical „West Side Story“, durchziehen, jene moderne Version des „Romeo und Julia“-Stoffes, in der das Geschehen in die Straßen New Yorks verlegt ist und aus den verfeindeten Adelsgeschlechtern raufende und einander befehdende Banden geworden sind. Auch sie erkennen nach der Katastrophe, dass kein Hass, kein Konflikt so weit gehen darf, dass Menschen deswegen sterben. Bernsteins Zweite Symphonie, „The Age of Anxiety“, hinwiederum hat die Einsamkeit und Gottsuche des modernen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Inhalt, die „Serenade für Violine, Streicher, Harfe und Schlagzeug“ ist Platons „Symposion“ nachempfunden und stellt laut Bernstein „eine Folge von Darstellungen der Liebe“ dar, das Ballett „Facsimile“ thematisiert die „Besorgnis über den geistig-moralischen Zustand“ des heutigen Menschen. Und schließlich schuf der Komponist mit „Mass, A Theatre Piece For Singers, Players and Dancers“ eine Art „modernes Mysterienspiel“, das die Glaubenskrise des Menschen im 20. Jahrhundert thematisiert, dabei „die Elemente diverser Religionen und Sekten mit antikem oder Stammesglauben kombiniert“ und dementsprechend die verschiedensten Musikstile nahezu unvermittelt nebeneinanderstellt. 

Musik, grenzenlos 

Auch das ist eine Besonderheit des Bernstein’schen OEuvres: der Stilreichtum, der es durchzieht. Der Komponist scheute sich nicht, Elemente aus der sogenannten E-Musik mit solchen der U-Musik zu koppeln. Wir begegnen jazzigen Melodien, Harmonien und Rhythmen ebenso wie „klassischen“ Fugen, schlagerähnlichen Melodien ebenso wie Gesängen in der Art russischer Chorlieder, „spanischfarbigen“ Ostinato-Rhythmen ebenso wie „Neo-Bellini-Melodik“, folkloristischen Intonationen ebenso wie dodekaphonen Bauprinzipien, ausdrucksvollstem Expressionismus ebenso wie schlicht diatonischer Melodik: alles aber zusammengehalten von jenem musikantischen Gestus, der ohne Rücksicht auf darmstädtisches „Blabla der Fachterminologen, der Physicomathematomusikologen“ sowie deren Erwartung, das Klavier „mit den Fäusten, dem Stiel eines Halms“ zu spielen, einfach „bescheidene Lieder, tonal und melodisch, beinahe bieder“ (Zitate nach Bernstein) schreibt. 

Ein Universum von Gefühlen 

Und dieses Universum von verschiedensten Gefühlen prägt auch die – vor allem frühen – nicht programmatischen Kammermusikwerke wie das 1936/37 noch während Bernsteins Studienzeit bei Walter Piston geschriebene Klaviertrio, wie die drei Jahre später entstandene Sonate für Violine und Klavier oder wie seine erste gedruckte Komposition, die Sonate für Klarinette und Klavier von 1941/42. Die gleich danach verfassten „Seven Anniversaries“ für Klavier, die den Geburts- bzw. Gedenktagen von sieben Bernstein nahestehenden Personen gewidmet sind, sind dann bereits von synagogalen Klagemelodien und anderen Zitaten erfüllt. 

Mit viel Liebe 

„Lennie“. Es gibt in der Musikwelt wohl keine zweite Persönlichkeit, bei der der Vorname, eigentlich sogar der Kosename genügt, um alle sofort an den „Richtigen“, den „Einen“ denken zu lassen. Den Einen, der Generationen von Konzertbesuchern das so lange unterschätzte, wenn nicht gar verfemte OEuvre von Gustav Mahler lieben gelehrt hat, der den Arbeitsvorgang Beethovens bei der Konzeption seiner „Fünften“ erklärte und die zahlreichen Stufen der Skizzierung zu klingendem Leben erweckte, der aber auch in mehreren Büchern und Artikeln viele weitere Geheimnisse der Musik sowohl verständlich als auch immer mit Liebe erhellte. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien erweist ihrem Ehrenmitglied Leonard Bernstein, der am 25. August seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, nun mit mehreren Konzerten und Veranstaltungen die ihm gebührende Reverenz. 

Hartmut Krones
Em. Univ.-Prof. Mag. Dr. Hartmut Krones leitete das Institut für Musikalische Stilforschung (mit den Abteilungen „Stilkunde und Aufführungspraxis“ und „Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg“) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Rückblick - Symposium zur Musikvermittlung

Aus Anlass von Leonard Bernsteins 100 Geburtstags veranstaltete die Gesellschaft der Musikfreunde im Wien am 6. Juni 2018 im Gläsernen Saal / Magna Auditorium des Wiener Musikvereins ein Symposium mit dem Titel „Musik – die offene Frage. Ein Tag für Leonard Bernstein.“ Als Ehrengast war seine Tochter Jamie Bernstein angereist, um an diesem Symposium teilzunehmen.

Denn Leonard Bernstein wirkt mit seiner überragenden  Begeisterungsfähigkeit als Musiker wie als Musikvermittler ungebrochen in unsere Gegenwart hinein. Generationen von jungen Menschen wurden durch seine „Young People’s Concerts“ live und im Fernsehen oder durch persönliche Begegnungen, wie Intendant Dr. Angyan in seiner Begrüßung schildert, geprägt. Bernstein war der Inbegriff des gebildeten und leidenschaftlichen Musikers zugleich, dem es eine Anliegen war, sein Publikum auf vielfältigen Wegen zu erreichen und zur Musik zu führen und verführen.

Wie Bernstein das machte und welchen Aufgaben gegenüber sich die Musikvermittlung heute sieht, wurde einen Tag lang von Fachleuten und Interessierten aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet und diskutiert. Die Vorträge und Diskussionsrunden sind hier nachzulesen bzw. anzusehen. Die Texte stehen als Download zur Verfügung. 

„Musik – Die offene Frage. Ein Tag für Leonard Bernstein“ (PDF)

Musikalisches Feuerwerk

Mit einem vielfältigen Programmangebot würdigt die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ihr Ehrenmitglied Leonard Bernstein zum 100. Geburtstag am 25. August. Musikvereinsintendant Dr. Thomas Angyan erinnert sich im Gespräch an den großen Künstler und Menschen.

Als Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und zuvor als Generalsekretär der Jeunesse standen Sie von Berufs wegen in Verbindung mit Leonard Bernstein. Wann gab es, weiter zurückgedacht, erste Berührungspunkte mit Bernstein?

Ich habe früh die Schallplatten mit Bernsteins „Young People’s Concerts“ gehört. Das waren noch die kleinen schwarzen Platten mit 45 Umdrehungen pro Minute – reine Hörerlebnisse, die sich als sehr starke Erinnerungen eingeprägt haben. Zum wahren Erlebnis wurden für mich allerdings seine Konzerte, die er in Wien dirigiert hat. Bernstein hat mir die Welt von Gustav Mahler eröffnet. Es war ungemein beeindruckend, wie er Mahler interpretiert, ja: wie er Mahler vermittelt hat. Das war Musikvermittlung beim Dirigieren.

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