Bleibendes schaffen

Am 7. Juni steht Cornelius Meister im Großen Musikvereinssaal zum letzten Mal als Chefdirigent am Pult des ORF RSO Wien. Im Gespräch mit den „Musikfreunden“ hält er Rück- und Vorausschau. 

Sie werden nach dieser Saison Wien als Lebensmittelpunkt hinter sich lassen, nachdem Sie seit 2010 als Chefdirigent des ORF RSO Wien hier tätig waren. Welche Gefühle haben Sie bei diesem Abschied?

Das RSO und ich können auf eine wirklich gelungene gemeinsame Zeit zurückblicken. Bleibendes haben wir in den letzten Jahren gemeinsam erlebt – unglaublich viele gemeinsame Konzerterlebnisse in Wien, aber auch in anderen österreichischen Städten und im Ausland. Das ist für mich schon das Wichtigste: zu spüren, dass wir eine enge musikalische Bindung zueinander haben – das wird auch bestehen bleiben.

Fast ein Jahrzehnt waren Sie hier – das ist eine lange Zeit, auch gemessen an der Phase Ihrer Karriere, in der Sie als Aufsehen erregend junger Mann erschienen sind. Haben Sie sich in dieser Zeit als Dirigent gewandelt?

Sicherlich hat mich gerade die Wiener Klangkultur besonders bereichert. Was mich am Anfang besonders gereizt hat, war die Bandbreite des Repertoires, die das Publikum des RSO ganz selbstverständlich erwartet. Das waren für mich ideale Voraussetzungen, um mich als Dirigent weiterzuentwickeln – mit einem Orchester, das sowohl zeitgenössische Musik als auch die anderen Epochen auf höchstem Niveau spielt. Ich habe es immer als großes Glück empfunden, Teil des Musikvereinsprogramms zu sein, wie für das RSO aber auch die Verbindung zum Theater an der Wien und zum Wiener Konzerthaus von zentraler Bedeutung ist.

Wenn Sie auf das schon angesprochene Repertoire zurückblicken, dessen ganze Breite wir in diesem Kontext natürlich nicht annähernd Revue passieren lassen können: Was waren für Sie persönlich die wesentlichsten Elemente?

Es war mir zum einen tatsächlich wichtig, die jetzt lebenden Komponistinnen und Komponisten wirklich oft aufzuführen. Im Lauf der Jahre haben wir sicher rund sechzig Uraufführungen und noch mehr österreichische Erstaufführungen gespielt! Es hat mir schon immer große Freude gemacht, neue Werke zu entdecken. Zum anderen war es mir auch wichtig, die zentralen Werke des 20. Jahrhunderts mindestens einmal mit dem RSO aufgeführt zu haben: die „Turangalîla-Symphonie“ von Olivier Messiaen, Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ … im Mai werden wir Karlheinz Stockhausens „Gruppen“ aufführen, um nur einige zu nennen. Das war für mich auch ein deutliches Zeichen. Im letzten Konzert in dieser Saison am 7. Juni stehen mir wichtige Komponisten im Mittelpunkt: Jean Sibelius, von dem wir über die Jahre hinweg im Musikverein jedes Jahr mindestens eine Symphonie aufgeführt haben. Sibelius und Bohuslav Martinu˚, dessen Symphonien wir im Konzerthaus aufgeführt haben: Ihre Werke wollte ich im Wiener Konzertleben stärker verankern. Ebenfalls auf dem Programm für den 7. Juni stehen zwei Werke von Leonard Bernstein. Er hat einst das RSO dirigiert, sodass wir eine besondere Beziehung zu ihm haben – wie das ja überhaupt für ganz Wien der Fall ist. Und dass wir im Juni nochmals eine Uraufführung haben werden – das gehört für mich einfach selbstverständlich dazu.

Die Kompetenz für das zeitgenössische Schaffen ist ja wirklich das Alleinstellungsmerkmal des Orchesters. Was war für Sie im klassischen Kernrepertoire bedeutsam?

In all den Jahren war es mir wichtig, die Klangkultur des RSO immer weiterzuentwickeln und das Aufeinander-Hören im besten Sinn zu pflegen – auch das spontane gemeinsame Musizieren zu fördern. Aus diesem Grund haben wir regelmäßig etwa auch Haydn-Symphonien aufgeführt, weil ich gerade dadurch das gemeinsame kreative Zusammenspiel besonders fördern konnte, die Fähigkeit, etwas aus dem Moment heraus zu gestalten. Bei einer verhältnismäßig kleinen Besetzung kann man ja auch ganz anders proben. Da ist es weniger so, dass es auf der einen Seite den Dirigenten und auf der anderen Seite das Orchester gäbe; vielmehr entstehen ganz viele Querverbindungen – die Proben haben immer in einer eigenen kreativen Atmosphäre stattgefunden. Wir haben auch oft Musik von Brahms und Richard Strauss gespielt, wodurch sich die Spiel- und Klangkultur des RSO sicherlich weiterentwickelt hat. Für mich ist es das schönste Kompliment, wenn ich höre, dass das Orchester künstlerisch und musikalisch in einer guten Verfassung sei. Wenn ich dazu ein bisschen beitragen konnte, habe ich ein wichtiges Ziel erreicht.

Stichwort Proben: Sie gelten als jemand, der sehr planvoll und effizient probt, und sind mit diesem Ruf schon damals nach Wien gekommen. Haben Sie diesbezüglich in den Jahren auch Erkenntnisse gewonnen?

Ja, unbedingt! Es gibt vieles, das in der Zeit einfach selbstverständlich geworden ist. Etwa: Wie intonieren wir Bläserakkorde? Temperiert wie ein Klavier oder so, dass die Dur-Terzen ein bisschen tiefer klingen, was ich persönlich besonders gerne mag. Oder: Welches Vibrato verwenden wir für welche Stilepoche? Solche Dinge haben am Anfang mehr Zeit gekostet und sind dann selbstverständlich geworden. Ich habe mir auch immer die Mühe gemacht, im Vorhinein die Orchesternoten durchzusehen und mich mit den Konzertmeistern über die Bogenstriche auszutauschen, damit das alles schon gründlich vorbereitet ist. Das alles geht über die Jahre hinweg schneller, sodass mehr Zeit für andere musikalische Dinge bleibt. 

Werfen wir einen Blick in Ihre Zukunft. Sie haben ja zwei große Positionen …

Zum einen ist das Staatsorchester Stuttgart, bei dem ich im September als Generalmusikdirektor anfangen werde, tatsächlich ein großes Orchester mit rund 150 Musikerinnern und Musikern, was es möglich macht, mehrere unterschiedliche Projekte gleichzeitig zu verfolgen. Die Staatstheater Stuttgart sind meines Wissens das größte europäische Mehrspartenhaus mit Schauspiel, Musiktheater und Ballett unter einem Dach – das sorgt natürlich auch für eine gewisse Aufmerksamkeit, die einen besonderen Reiz hat. Zum anderen habe ich ja noch in Tokio das Yomiuri-Nippon-Sinfonieorchester, wo ich Erster Gastdirigent bin. Das ist eine sehr schöne Ergänzung. Und außerdem werde ich ab der nächsten Spielzeit an der Metropolitan Opera New York jedes Jahr eine Residenz annehmen, die schon für die nächsten vier Jahre geplant ist. 

Wann gibt es die Möglichkeit, Sie wieder in Wien zu erleben?

Es ist bereits vereinbart, dass ich mit den Wiener Symphonikern in der übernächsten Spielzeit im Musikverein auftreten werde – darauf freue ich mich schon sehr! Und auch mit der Staatsoper sind schon mehrere Produktionen für die nächsten Jahre verabredet. Für mich ist selbstverständlich, dass ich Wien treu bleibe. Mit meiner Nachfolgerin beim RSO, Marin Alsop, habe ich gleich nach ihrer Ernennung Kontakt aufgenommen, um sie ab sofort in alles einzubeziehen. Es ist übrigens sehr schön für mich, dass wir heute ausschließlich über Musik sprechen konnten – das hatte ich mir immer erhofft. Als ich beim RSO angefangen habe, war die Zukunft des Orchesters zunächst gar nicht gesichert. Dass es gelungen ist, das Orchester wieder fest zu verankern und inzwischen sogar personell zu vergrößern, macht mich neben der musikalischen Arbeit am glücklichsten.

Das Gespräch führte Daniel Ender.

Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender leitet die Abteilung Wissenschaft und Kommunikation der Alban Berg Stiftung Wien, lehrt an verschiedenen Universitäten und schreibt regelmäßig für den „Standard“ und die „Neue Zürcher Zeitung“.