Klingende Abrechnung

Vladimir Fedosejev dirigiert Schostakowitschs Zehnte

Mit seiner 1953 komponierten Zehnten Symphonie hinterließ Dmitrij Schostakowitsch der Musikwelt eine eindrucksvolle Abrechnung mit dem Diktator Stalin, der im März jenes Jahres gestorben war. Vladimir Fedosejev dirigiert das Opus am Pult der Wiener Symphoniker.

Ein Programm in einer Tonart? Am 17. und 18. März musizieren die Wiener Symphoniker unter Vladimir Fedosejev Chopins Erstes Klavierkonzert mit Elisabeth Leonskaja als Solistin und nach der Pause Dmitrij Schostakowitschs Zehnte Symphonie. Beide Werke stehen in e-Moll, einer Tonart, über die im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts schon einmal eine publizistische Groteske ausgetragen wurde. Der gefürchtete Kritiker der „Neuen freien Presse“, Eduard Hanslick, hatte nämlich anlässlich der Wiener Erstaufführung von Brahms’ Vierter konstatiert, dass eine Symphonie in dieser Tonart eine höchst außergewöhnliche Sache sei. Worauf Hugo Wolf, ganz auf Bruckners Seite, seine Feder spitzte und höhnte: Die Tonart sei denn auch das Einzige, was an diesem Werk bemerkenswert wäre.

Inhaltliches Schwergewicht

Wie auch immer. Beide Herren konnten nicht ahnen, dass das diesbezüglich rare e-Moll für die Symphonik in einer anderen Region eben zu dieser Zeit mit eminentem inhaltlichem Schwergewicht beladen wurde: 1888 vollendete Tschaikowskij seine Fünfte – ein Heiligtum für russische Musikfreunde; und auch für Dmitrij Schostakowitsch, der mit seiner Zehnten bewusst an Tschaikowskijs Erbe anknüpfte. Das Werk entstand in einem Moment des Aufatmens, den man in der Zeitgeschichte als „Tauwetterperiode“ bezeichnete. 1953 war Josef Stalin gestorben, unter dessen diktatorischem Regime die Sowjetunion und nach 1945 auch das gesamte kommunistisch beherrschte Osteuropa zu leiden hatten. Schostakowitschs persönlicher Kreuzweg ist oft geschildert worden. Seine Zehnte wurde – wenn auch inkognito – zu einer Abrechnung mit Stalin. Dem Diktator hatte der Komponist zwischen den Notenzeilen schon mit der Neunten eine lange Nase zu drehen gewagt (indem er anstelle der erwarteten feierlich-pathetischen Siegessymphonie ein grotesk-brillantes Scherzando „lieferte“). Nun schickte er ihm ein beißend grelles, bösartiges akustisches Portrait in die Hölle nach, das Scherzo inmitten der Symphonie, ein Stück von diabolischer Explosivität. Die verhaltenen Passagen ringsum hingegen beherrscht ein Viertonmotiv, das Musikfreunde aus vielen anderen Werken dieses Meisters kennen: D-Es-C-H, das in Tönen geformte Anagramm für D. Sch(ostakowitsch).

Orchestraler Hochseilakt

Vladimir Fedosejev schildert im Gespräch die Gegensätze, die hier akustisch aufeinanderprallen: „Die Symphonie stellt tatsächlich eine Abrechnung mit Stalin dar. Das Anagramm-Motiv droht immer wieder unter die Räder einer brutalen Klangmaschinerie zu kommen: Das Scherzo ist das kürzeste, knappste, das Schostakowitsch komponiert hat, es stürmt von Anfang bis Ende brutal dahin und hinterlässt quasi verbrannte Erde.“ Für unvorbereitete Hörer mag dieser Satz wie ein idealer Anlass für einen orchestralen Hochseilakt erscheinen. Russische wie amerikanische Orchester haben damit gern ihre Virtuosität demonstriert. Auch die Wiener Symphoniker werden das diesmal gewiss wieder tun – doch vielleicht spürt das Publikum, dass hier im Kontext der viersätzigen Symphonie ein inhaltlicher und emotionaler „Point of no return“ erreicht ist. Fedosejev: „Es ist faszinierend, nach der Erfahrung dieses niederschmetternden Satzes die Leichtigkeit und Schwerelosigkeit des Finales zu erleben. Das hat vielleicht etwas mit der Neunten Symphonie zu tun, in der dieser Tonfall als Provokation empfunden wurde: Spielerische Eleganz stand dort, wo machtvolle Demonstration der Stärke des Siegers erwartet worden war. Ein wenig wirkt die Wiederaufnahme dieser Leichtigkeit am Ende der Zehnten wie die Freude darüber, dass die Prophetie der Neunten aufgegangen ist …“

Mutige Fürsprache

Allerdings weiß die Welt mittlerweile auch, dass sich zu früh gefreut hat, wer anno 1953 dachte, ein sowjetischer Komponist könne nun schalten und walten, wie er es künstlerisch für richtig hielt. Schon unmittelbar nach der Uraufführung der Zehnten – bei der von Kritik an Stalin offiziell selbstverständlich keine Rede sein durfte – regte sich Widerspruch. Wie schon zuvor hatten sich die Kulturschaffenden vor Partei-Tribunalen zu rechtfertigen und ihre Treue zu den Grundsätzen der KPdSU zu beschwören. Doch wagten die mutigen unter den Künstlern erstmals sanfte Abweichungen von der offiziellen Linie. Gerade was die Angriffe auf Schostakowitsch anlangten, fanden sich – anders als zu Zeiten des stalinistischen Regimes – plötzlich Fürsprecher. „Allen voran“, erinnert sich Fedosejev, „waren das Aram Chatschaturjan und Dmitrij Kabalewskij. Und nicht zu vergessen der etwas jüngere Mieczysław Weinberg, der mutig betonte, dass ein Komponist seiner Generation von Schostakowitsch viel lernen könne. Weinberg hat sich dann auch wirklich als bedeutender Symphoniker erwiesen. Seine Musik erfährt mittlerweile mehr und mehr Anerkennung.“

Verborgener Subtext

Schostakowitsch hat wieder Jahre der Pause benötigt, bevor er erneut daran ging, Symphonien zu schreiben. Die beiden folgenden schienen eher wieder an den plakativen Stil der „Leningrader“ Symphonie anzuknüpfen und behandelten programmatisch historische Themen. Bis heute, erklärt Fedosejev, könne man nur vermuten, dass auch in dieser Musik sehr persönliche und historisch näher liegende „Subtexte“ mitschwingen. Welche Aufbruchsstimmung wirklich gemeint ist, wenn Schostakowitsch im Finale der Zwölften „auf das Jahr 1917“ von einer „Morgenröte der Menschheit“ spricht, bleibt offen. Das Werk entstand anno 1960/61 …

Wilhelm Sinkovicz
Dr. Wilhelm Sinkovicz ist Erster Musikkritiker und Leitender Redakteur der Tageszeitung „Die Presse“ in Wien.