Ein Hagestolz ist kein Single

Stifter, Bruckner und die Einsamkeit der Männer

 Vor 150 Jahren starb Adalbert Stifter. Aus seiner Erzählung „Der Hagestolz“ liest Philipp Hochmair. Die musikalische Umrahmung stammt von Anton Bruckner, auch er Hagestolz – weniger aus Neigung denn aus Berufung. Ein Streifzug durch die wunderliche Welt der Hagestolze zwischen Spitzweg und Stifter, Busch und Bruckner.

Die lebenslustige Dame mittleren Alters, die eben vom Tod ihres Gemahls im fernen Padua erfahren hat, belehrt den Botschafter ihres frisch erblühten Witwenstandes anzüglich: „Sich als Hagestolz allein zum Grab zu schleifen, das hat noch keinem wohlgetan.“ Frau Marthe Schwerdtlein („ein Weib wie auserlesen zum Kuppler- und Zigeunerwesen“) ahnt freilich nicht, dass sie mit dem Teufel höchstselbst parliert; Mephistos abweisendes Verhaltens lässt sie aber rasch resignieren: „Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.“

Kein Grund zum Stolz

Der Begriff „Hagestolz“ ist weit älter als Faustdichtung und Faustmythos und hat mit dem Adjektiv „stolz“ nichts zu tun. Sein Ursprung ist in der mittelalterlichen Rechtssprache anzusiedeln, wo der „Hagastalt“ den Vorsteher oder Besitzer eines Hages bezeichnete, eines Grundstückes, das vom Hauptsitz abgegrenzt und meist zu klein war, um rentabel bewirtschaftet zu werden. Während der älteste Sohn nach den Erbvorschriften den Bauernhof übernahm, musste sich der jüngere Sohn mit dem kleinen Fronhof begnügen, auch Vorwerk oder Gehege genannt. Zur Gründung einer eigenen Familie reichte das nicht. Nach dem in manchen Teilen Deutschlands geltenden Hagestolzenrecht fiel das Erbe eines Junggesellen dem Landes- oder Grundherrn zu.

Ehe für alle, seinerzeit

Im 19. Jahrhundert wurde nach dem völligen Wegfall der herrschaftlichen Ehegenehmigung die Ehe für alle zugänglich. Die rechtliche Möglichkeit wandelte sich bald zur gesellschaftlichen Norm, ja Pflicht. Wer davon abwich, machte sich zum Außenseiter und damit zur Zielscheibe von Kritik und Spott. Ehelosigkeit wurde nur beim geistlichen Stand geachtet, ansonsten – vor allem bei Frauen – geächtet und mit Klischeebildern überformt. Die alte Jungfer, die das heiratsübliche Alter überschritten hatte, eignete sich bestens als literarische Spottfigur, die wir etwa aus Nestroys Stücken kennen: Entweder ist sie noch ebenso verzweifelt wie erfolglos auf Männerfang aus oder sie hat resigniert – wie das Fräulein Blumenblatt in der Posse „Einen Jux will er sich machen“. Etwas besser als der alten Jungfer, die ihre Bestimmung zur Ehefrau und Mutter verfehlt hat, ergeht es ihrem männlichen Pendant, dem Hagestolz. Adelungs „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart“, das legendäre erste Großwörterbuch der deutschen Sprache Ende des 18. Jahrhunderts, definiert ihn folgendermaßen: „Person männlichen Geschlechtes, welche funfzig Jahre alt ist und noch nicht geheurathet hat“.

Nicht können oder nicht wollen?

Während beim Begriff Hagestolz das Defizit des außerhalb der familiären Bindungen Stehenden betont wird, schwingt beim Synonymbegriff des Junggesellen das Privileg der Ungebundenheit mit. Die beiden Bezeichnungen für den unverheirateten Mann verhalten sich zueinander wie „nicht können“ zu „nicht wollen“. Der modische und geachtete, auch wirtschaftlich attraktive Single unserer Tage – männlich wie weiblich – ist eindeutig ein Nachkomme des Junggesellen. Keinesfalls stammt er vom Hagestolz ab und schon gar nicht von der alten Jungfer. Im 19. Jahrhundert wird der Hagestolz zu einem beliebten Thema der Kunst, sowohl literarisch als auch malerisch. Wilhelm Busch, der doppelt Begabte und selbst ein prominenter Vertreter der Spezies, hat ihn in Bild und Wort geschildert. Aus seiner spitzen Feder stammen zwei kontrastierende Gedichte, in denen er die Ambivalenz des Junggesellendaseinsbehandelt. „Der Einsame“ preist die Vorzüge des Single-Daseins: „Wer einsam ist, der hat es gut,/ Weil keiner da, der ihm was tut./ Ihn stört in seinem Lustrevier,/ Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier.“ Den am Ende wiederkehrenden Refrain „Wer einsam ist, der hat es gut“ stellt er in seinem „Klagelied eines Junggesellen“ sehr deutlich in Frage – vor allem, wenn man weiß, dass seine eigenen Eheanbahnungsversuche nach einer Brieffreundschaft an der persönlichen Bekanntschaft scheiterten. Literarisch hat er dieses Defizit in seinem „Klagelied“ verarbeitet: „Da sitz ich so bei meinem Bier/ Als wie ein rechtes Murmeltier/ Und fühle wieder mal so recht,/ Dass mir was fehlt, was ich wohl möcht.“

Einsame alte Männer

Der Herold der Hagestolze in der bildenden Kunst ist unzweifelhaft Carl Spitzweg, auch er aus persönlichem Erleben schöpfend: Der ausgebildete Apotheker und autodidaktische Maler blieb zeitlebens unvermählt, die Parallelen zwischen Biographie und Bildthematik sind unübersehbar. Viele seiner Gestalten sind Einsame, oft durch Profession, wie die berühmten Einsiedler und Mönche, aber auch fliegenfangende, strickende oder gähnende Soldaten auf Wacht. Häufig sind sie als Sonderlinge zum Alleinsein verdammt: Die gealterten Kakteen- und Bücherliebhaber, Schmetterlings- und Gesteinssammler kann man sich kaum als Familienväter vorstellen. Als Vierzigjähriger schuf Spitzweg erstmals ein Gemälde, das den ausdrücklichen Titel „Der Hagestolz“ trägt. Der Zylinderträger tritt als einzige Person des Bildes ohne menschliche Begleitung auf, lediglich in Gesellschaft eines Hundes: Einsam und steif ragt er vor dem Horizont auf und blickt neugierig oder neidisch auf ein sitzendes Paar. Immer wieder schauen auf Spitzwegs Gemälden ältere Männer jungen Mädchen nach, im städtischen wie im ländlichen Umfeld. Sein berühmtester Hagestolz ist „Der Hypochonder“ – eine Eigenschaft, die wohl eine Folge des unfreiwilligen Junggesellenstandes darstellt (oder auch die Ursache dafür): Verdrossen blickt er aus seinem Dachstübchen; nah und doch unerreichbar fern stickt selbstvergessen ein Mädchen im erleuchteten Fenster eines benachbarten Hauses.

Sonderling Anton Bruckner

Als wären es Bilder aus Anton Bruckners Leben. Im Unterschied zu seinen gleichfalls unverheirateten Komponistenkollegen Beethoven und Brahms, die man den Junggesellen zurechnen kann, war der „Musikant Gottes“ der Inbegriff eines Hagestolzes. Legendär sind die erfolglosen Heiratsanträge, die er in schon vorgerücktem Alter blutjungen Mädchen machte – in allen Ehren natürlich, aber grenzenlos ungeschickt. Als er im 56. Lebensjahr die 17 Jahre alte Marie Bartl aus Oberammergau als Statistin bei den Passionsspielen kennenlernte und ihr sofort einen Antrag machte, der nicht abgewiesen wurde, schloss sich daran zwar noch eine einjährige Brieffreundschaft, zur erstrebten Ehe führte sie aber nicht. Genauso wenig wie die Verlobung, die der Siebzigjährige mit der 22 Jahre alten Ida Buhz schloss. Wie er bei seinen Werbungen vorging, dokumentiert ein Brief aus seinen mittleren Jahren an eine gewisse Josefine Lang: „Nochmals meine Bitte: wollen Fräulein ganz offen und aufrichtig und ganz entschieden schreiben entweder: ich darf um Sie werben, oder gänzliche ewige Absage, (kein Mittelding etwa vertrösten oder umschreiben, da bei mir die höchste Zeit bereits vorhanden ist).“

„Dich hätte ich geliebt!“ Stifter, „Der Hagestolz“ und der Konjunktiv des Liebens

„Es war alles zu spät“

Einige biographische Details verbinden Stifter mit dem knapp zwanzig Jahre jüngeren Anton Bruckner: die Prägung durch und das Wirken in Oberösterreich, der ursprüngliche Beruf des Lehrers und so manche charakterliche Absonderlichkeiten. Hagestolz war Stifter allerdings nicht. Doch blieb seine Ehe kinderlos, und darunter litt er. Mit dem einprägsamen Bild vom unfruchtbaren Feigenbaum – nach dem Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium – schließt seine Novelle „Der Hagestolz“: „Der gütige, milde und große Gärtner wirft ihn nicht in das Feuer, sondern er sieht an jedem Frühlinge in das früchtelose Laub und lässt es jeden Frühling grünen, bis einmal die Blätter immer weniger sind und zuletzt nur die dürren Äste emporragen. Dann wird der Baum aus dem Garten weggetan und seine Stelle weiters verwendet. Die übrigen Gewächse aber blühen und gedeihen fort, und keines kann sagen, dass es aus seinen Körnern entsprossen ist und die süßen Früchte tragen wird wie er.“ Als Viktor und Hanna heiraten, sitzt der kinderlose alte Mann, die Titelfigur der Geschichte, „ganz einsam auf seiner Insel; denn wie er einmal selber gesagthatte, es war alles, alles zu spät, und was versäumt war, war nicht nachzuholen.“ Er war wie der Feigenbaum, „weil sein Dasein kein Bild geprägt hat, und seine Spuren gehen nicht mit hinunter in dem Strome der Zeit.“

Frühlingserwachen 2018

Wie aber die Begegnung zwischen dem jungen Viktor und seinem Oheim, dem verbitterten Hagestolz, doch Früchte getragen hat in der Seele des Jungen, der zum empfänglichen Schüler des scheinbar hartherzigen Lehrers wird – bis zum ergreifenden Aufschrei des Alten: „Dich hätte ich geliebt!“ –, das schildert der k. k. Schulrat und Inspektor der oberösterreichischen Volksschulen Adalbert Stifter unvergesslich, und das wird Philipp Hochmair am ersten Frühlingstag 2018 im Gläsernen Saal lesen.

Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.