Neue Farben

Stefan Gottfried und der Concentus Musicus

Nikolaus Harnoncourt hätte sich nichts Schöneres wünschen können: Der Concentus Musicus lebt weiter – und wie! Nicht als Traditionsbewahrer, sondern als immer neues Alte-Musik-Ensemble. Stefan Gottfried verkörpert den Teamgeist als Dirigent.


„Der alte Augustinus hat ja so recht“, meint Stefan Gottfried mitten im Gespräch, und dann folgt der schöne Augustinus-Satz, der nicht oft genug zitiert werden kann: „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.“ Stefan Gottfried sagt diesen Satz als Entflammter, und Nikolaus Harnoncourt war der Feuerbringer. Jetzt hat es der 46-Jährige übernommen, die Flamme – mit anderen gemeinsam – weiterzutragen: Nach Harnoncourts Tod ist er einer der drei künstlerischen Leiter des Concentus Musicus Wien. Neben Konzertmeister Erich Höbarth und Andrea Bischof, der Zweiten Konzertmeisterin, steht Stefan Gottfried als Dirigent vor dem Ensemble, in dessen Mitte er auch als Cembalist und Continuo-Spieler wirkt. Und so, als Dirigent nämlich, kommt er nun im Februar 2018 auch in den Großen Musikvereinssaal. Auf dem Pult eine der größten, anspruchsvollsten Partituren der Musik: Bachs h-Moll-Messe. Und im Herzen, bleiben wir noch beim Kirchenvater, das Wort des Augustinus.
Das Bild hilft, die Zusammenhänge noch präziser zu formulieren: Dass Stefan Gottfried und der Concentus die Flamme (nur) weitertragen, träfe es noch nicht genau. Sie müssen selbst brennen. Und das tun sie.

Nicht die alten Farbtöpfe

Nikolaus Harnoncourt hat sich genau das von seiner musikalischen Familie gewünscht. Ermutigt hat er sie dazu, ausdrücklich, und das in der ihm eigenen bildkräftigen Sprache: weniger pathetisch als der alte Augustinus, aber nicht minder wirkungsmächtig. „Nehmt nicht die alten Farbtöpfe!“ Auch an dieses Wort erinnert sich Stefan Gottfried gern. Harnoncourt rief es so den Jungen zu, die in seinem Geist weitermachen sollten. „Malt nicht den Brahms-Saal mit den alten Farbtöpfen an!“ Jetzt, nach nur einer Concentus-Saison im Brahms-Saal, sind sie schon wieder im Großen Musikvereinssaal daheim. Die Rückkehr aufs große Podium wäre nicht möglich gewesen, hätte der Concentus von heute nur jenen von gestern konservieren wollen. Neue, eigene Farben also gibt es, nun auch im Goldenen Saal. „Ihr müsst euer Profil finden!“, auch das ist solch ein Satz, den Harnoncourt weitergab. „Du musst das zu deiner Sache machen! Jede Art von Kopieren wäre nicht authentisch.“  

Wissen und Freiheit

Das Stichwort lädt ein zum Weiterphilosophieren. Was hat es auf sich mit dem vielstrapazierten und vielfach falsch verstandenen Begriff eines „authentischen“ Musizierens? Die größtmögliche Werkkenntnis, das genaueste Studium der historischen Quellen und geschichtlichen Gegebenheiten sind sicherlich die Basis der Aufführung von Alter Musik. Aber eben nur die Basis! „Die Kenntnis dieser Quellen, darauf hat Nikolaus Harnoncourt ja oft und oft hingewiesen, darf nicht dazu verleiten, ohne innere Identifikation etwas historisch ,Korrektes‘ abzuliefern. Da konnte er total ironisch sein“, erinnert sich Stefan Gottfried lachend, „wenn er in Proben sagte: Jetzt spielen wir das mal ,historically informed‘! Natürlich war er historisch informiert. Wer, wenn nicht er! Aber dann ging’s darum, dieses Wissen ganz in den Hintergrund treten zu lassen und sich von ihm zu lösen, um spontan zu sein und, ja, zu brennen.“
Information also ist die Brücke zur Inspiration und ein Sprungbrett – wir kommen zu einem Harnoncourt’schen Schlüsselwort – für die Fantasie. Auch darin, weiß Stefan Gottfried, darf man sich historisch bestätigt fühlen. Man denke nur an die Bedeutung der Affekte im Barock, an die alten Redefiguren in historischer Musik, an das Geschichtenerzählen, auch in der Instrumentalmusik eines Joseph Haydn: Wenn da nicht Fantasie gefordert ist! Wissen – und Freiheit.

Die notwendige Offenheit

Genau diese Verbindung, Wissensdurst und Freiheitsdrang, war auch in Stefan Gottfried angelegt – und sie zeigte sich schon lange bevor er als Musiker zum Concentus stieß. Als Gymnasiast verschlang er wissbegierig die Harnoncourt-Bücher („Musik als Klangrede“, „Der musikalische Dialog“), als Klavierschüler suchte er früh die Öffnung Richtung Improvisation: „Harmonien finden, spontan begleiten, sich freispielen“. Sein erster Klavierlehrer an der Musikuniversität nahm ihn auch aus diesen Gründen in seine Klasse auf: „weil du die Harnoncourt-Bücher gelesen hast, weil du offen bist für Improvisation“. „Es war natürlich eine Pointe, das so zu sagen“, erinnert sich Stefan Gottfried, aber die Geschichte schwingt bis heute stimmig nach. Seit vielen Jahren unterrichtet Gottfried selbst als Professor für Klavier an der Musikuniversität – und es passt perfekt zu ihm und seinem Verständnis der Musik, dass diese Professur an der musikpädagogischen Abteilung angesiedelt ist. Die Offenheit, „die man sich hier auch leisten kann“, ist und bleibt ihm wichtig, die Sektion, in der er wirkt, ist „keine Kaderschmiede für den nächsten Wettbewerb“. Diese Art von konkurrenzorientierter Karriereplanung war ihm selbst schon immer fremd. Die Alte-Musik-Szene steht dem Wettbewerbsrummel nicht zufällig fern, der Tunnelblick der Siegversessenen passt nicht zum weiten Horizont, den ein Musiker wie Stefan Gottfried ständig anstrebt. Es sei ihm, sagt er, bis heute wichtig geblieben, „nicht aus beruflichen Gründen irgendetwas nachjagen zu müssen“.

Modell Zehnkämpfer

Diese Lebensphilosophie schließt Leistungsbereitschaft überhaupt nicht aus. Nur liegt der Fokus nicht auf dem Einen, sondern auf dem möglichst Vielen. „Mich haben immer die Mehrkämpfer fasziniert“, erzählt Stefan Gottfried und nennt ein Sport­idol seiner Jugend: Georg Werthner, „Modellzehnkämpfer“, österreichischer Rekordmeister, bei vier Olympischen Spielen dabei, Vierter in Moskau 1980 – und nebstbei noch Dr. iuris.
Auch Stefan Gottfried übte sich von jung an in vielen Disziplinen. Dem Beispiel seines Vaters folgend, der als Hornist bei den Wiener Symphonikern substituierte, dann aber Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik wurde, studierte auch Stefan Gottfried – nebenbei – Horn, um sich im Hauptstudium erst einmal der Musikpädagogik und der Mathematik zuzuwenden. Was er anfing, schloss er ab – die Musik aber fächerte er noch weiter auf. An der Musikuniversität Wien belegte er unter anderem die Fächer Klavier, Cembalo und Komposition, an der berühmten Schola Cantorum Basiliensis perfektionierte er sich in Alter Musik, ohne deshalb zum reinen Spezialisten zu werden. Dass er mit den Wiener Philharmonikern etwa Luciano Berio spielte und bei Ravels „Boléro“, dirigiert von Georges Prêtre, an der Celesta saß, sind nur einige der Orchestererfahrungen, die er rund ums vielfach praktizierte Continuospiel sammelte. 2004 stieß er zum Concentus, um an der Seite des legendären Herbert Tachezi einen Continuopart in Händels „Messiah“ zu übernehmen. Er fühlte sich sofort in die Concentus-Familie aufgenommen, es war, erinnert er sich, „ein völliges Ernstnehmen“, ohne viel Prä- und Begleittext.

Ein Brief und seine Folgen

Den hätte es auch gar nicht gebraucht. Gottfried war in der Sprache des Concentus schon zuhause, bevor er sie auch auf dem Podium sprechen durfte. Die dazu schönste Geschichte führt zum geschriebenen Wort – und unmittelbar zu jenem Werk, das Stefan Gottfried nun im Großen Musikvereinssaal dirigiert. Harnoncourts zweite Gesamteinspielung der h-Moll-Messe, Mitte der achtziger Jahre erschienen, begeisterte den Gymnasiasten dermaßen, dass er es unbedingt zum Ausdruck bringen musste – und zwar direkt an Harnoncourt adressiert. Die Anschrift fand er im Telefonbuch. So setzte er sich hin und schrieb, wie er heute erzählt, „im pubertären Überschwang“ einen Brief. Harnoncourt-Kenner ahnen, was dann geschah. Es kam, natürlich, eine Antwort, herzlich geschrieben von Alice Harnoncourt – mitsamt der Einladung, sie doch auch bei der Probenarbeit zu besuchen.
Das war, verrät Gottfried, nichts wirklich Neues für ihn – hatte er sich doch schon vorher klammheimlich zu Harnoncourt-Proben in den Brahms-Saal geschlichen. Jetzt aber erhielt er das Entree durch den Haupteingang. Und die Türen stehen ihm und dem Concentus noch immer offen. Der Kontakt zu Alice Harnoncourt ist eng und innig, Harnoncourts Enkel Maximilian kümmert sich ums Organisatorische des Ensembles, und das Archiv der Harnoncourts ist und bleibt eine unschätzbare Fundgrube für die musikalische Arbeit des Concentus. Information – wie eh und je – zur Inspiration!

Herz und Mund und Tat und Leben

Das Erbe Harnoncourts wird so nicht bloß bewahrt, sondern in jede Richtung weiterentwickelt. In den Musikvereinsprogrammen zeigt es sich. Die zuletzt gepflegte Idee, mit österreichischer Barockmusik an die „Ur-Concentus-Programme“ anzuknüpfen, wird dabei genauso weiterverfolgt wie der von Harnoncourt eingeschlagene Weg, zentrale Werke der Klassik – Mozart, Haydn und Beethoven – mit dem instrumentalen Zugriff des Concentus neu zu interpretieren. Ein Schubert-Programm steht noch in dieser Saison auf dem Programm. Weitere Öffnungen hin zur Romantik eines Felix Mendelssohn Bartholdy werden folgen.
Und keine falsche Scheu gibt es vor den ganz großen Meilensteinen des barocken Repertoires wie nun dem Bach’schen Opus summum, der h-Moll-Messe. Der Respekt vor solch einem Werk ist immens, das Wissen um Harnoncourts Leistung tief
verankert. Aber gerade er war es, der Herz und Mund und Tat und Leben dafür freigemacht hat. Man darf, man soll sich’s trauen: Stefan Gottfried und der Concentus Musicus freuen sich in seinem Sinn darauf.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.