Die Architektur des Klangs


Pierre-Laurent Aimard

Als Anwalt der Moderne hat sich Pierre-Laurent Aimard Verdienste wie kaum ein anderer Pianist erworben. Sein Spezialgebiet aber ist nichts weniger als das große weite Feld der Musik. In Wien exploriert er es nun mit einem spannenden Programm von Beethoven bis Skrjabin.


Ende Juni 2016 trat in meinem Land ein zwar wichtiges, aber trauriges Ereignis ein, ein Abschied, dessen Auswirkungen noch immer spürbar sind, und der mit einem Verlust verbunden war, den man auch in den kommenden Jahren noch bedauern wird. Selbstverständlich spreche ich hier über das Ende von Pierre-Laurent Aimards Amtszeit als künstlerischem Leiter des Aldeburgh Festival, eine Position, die er seit 2009 ungemein erfolgreich bekleidet hatte.“
Derart launig begann im Juni der britische Komponist George Benjamin seine Laudatio auf Pierre-Laurent Aimard, als diesem im Münchener Prinzregentheater der Ernst von Siemens Musikpreis verliehen wurde. Als Pianist, als Freund der Komponisten, als Musikdenker, als Festivalleiter, als Förderer von Talenten, als leidenschaftlicher Interpret neuer und neuester Musik, als Vorkämpfer für die Moderne hatte sich Aimard im Grunde unentbehrlich gemacht – und nun wurde er gefeiert.

Messiaens Meisterschüler

International bekannt wurde Aimard zunächst als Pianist des von Pierre Boulez 1976 gegründeten Ensemble Intercontemporain. Selbst in dieser von Virtuosen gespickten Gruppe ragte Aimard noch heraus, mit seiner atemversetzenden Technik, mit der Präsenz seiner Könnerschaft. Man ertappte sich schon damals beim Gedanken, wie denn das klassische Pianistenrepertoire in seinen Händen klingen würde, mit seiner bezwingenden Mischung aus Kalkül und Enthemmtheit. Aber mit dem Schritt zur Solistenkarriere ließ sich Aimard noch lange Zeit.
In Lyon geboren und aufgewachsen, kam Aimard in der Wohnung des Urgroßvaters schon früh mit Musik in Verbindung, schlicht und einfach deswegen, weil dieser Instrumente sammelte – und vielleicht wurde da auch sein Interesse für Instrumentenbau geweckt, denn wie kaum ein anderer Pianist interessiert sich Aimard für Klavierbau und Fragen der Intonation durch die Präparation der Hammerköpfe. Da könnte noch mancher Klavierstimmer bei ihm dazulernen.
Wie überhaupt Neugierde zu seinen prägenden Charaktereigenschaften zählt. Es war kein Zufall, dass er, frühreif und hochbegabt, bereits als Zwölfjähriger in die Klavierklasse von Yvonne Loriod am Pariser Konservatorium aufgenommen wurde. Deren Ehemann Olivier Messiaen unterrichtete ebenda Komposition, und Aimard pendelte schon bald zwischen der Klavierklasse und den Analyseseminaren. Bald war er von Messiaen quasi adoptiert. Man reiste gemeinsam – und der große tiefgläubige Komponist entdeckte nach und nach in Aimard seinen bis heute größten Interpreten.

Musik morgens um vier

Ein Höhepunkt von Aimards letztem Festival in Aldeburgh war die vollständige Aufführung von Messiaens Mammutwerk „Catalogue d’oiseaux“, das sich über vierundzwanzig Stunden erstreckt und in dessen dreizehn Sätzen genau die Tageszeiten erfasst werden, zu denen die im Werk reflektierten Vogelstimmen zu hören sind. So wurden die wenigen Eröffnungssätze um vier Uhr morgens in der Landschaft von Suffolk gespielt. Wie durch ein Wunder klarte der Himmel zur erforderlichen Stunde auf, und die aufgehende Sonne tauchte das Publikum in ihr Licht, exakt gleichzeitig mit den irisierenden Morgendämmerungsharmonien und Vogelrufen Messiaens …
„Was macht es einem französischen Pianisten möglich, ein britisches Festivalpublikum in einem solchen Maß zu gewinnen, dass es in aller Frühe, um 3 Uhr morgens, sein Bett verlässt, um im Freien ein anspruchsvolles Meisterwerk moderner Klavierliteratur anzuhören?“, fragte sich George Benjamin und beantwortete die Frage so: „Phänomenale Fingerfertigkeit, atemberaubende Genauigkeit, spektakuläre Kontrolle des Anschlags, unendliche Abstufungen in der Dynamik, höchste rhythmische Präzision und, wenn erforderlich, gewaltige Kraft.“

Ein Gigant namens Boulez

All diese Fähigkeiten hatten vermutlich auch den Präzisionsmusiker Pierre Boulez veranlasst, Aimard zum Pianisten seines lange konkurrenzlosen Ensembles Intercontemporain zu machen. Ganze 18 Jahre war Aimard Teil des Ensembles – erst 1995 verließ er es.
„Ich habe Boulez getroffen, als er 50 oder 51 Jahre alt war“, erzählt Aimard: „Für mich war er bereits damals der Mount Everest, der größte Musiker seiner Zeit, der auf jedem Gebiet die größten Errungenschaften erzielt hatte. Ich habe gesehen, wie dieser Mann ständig Fortschritte machte. Ich meine, er hat ständig an sich gearbeitet – und natürlich: Er hat diese Leidenschaft geteilt, wenn auch sehr unaufdringlich. Ich glaube, Menschen um ihn herum wollten stets ihr Bestes geben.“
Man kann Aimards Entscheidung, sich Boulez’ Ensemble anzuschließen, nicht hoch genug schätzen. Schon Ende der 1970er Jahre wären ihm alle Möglichkeiten offen gestanden, eine gut dotierte Plattenkarriere zu starten. Doch an all dem Ruhm und Luxus war er nicht interessiert. „Wissen Sie“, erzählte er dem Autor, „wenn man das Privileg bekommt, mit einem solchen Giganten wie Boulez eng zusammenzuarbeiten, erstreckt sich der Einfluss auf viele Gebiete. Es ist nicht leicht zu erkennen, wie tief dieser Einfluss geht. Man konnte so viel von ihm lernen, es gab so viele Verbindungen, nicht nur in Bezug auf Professionalität und Kompetenz, sondern auch in Bezug auf menschliche Qualitäten: den Mut, die Unabhängigkeit und die Bescheidenheit. Wissen Sie, jemand, der sein ganzes Leben lang so viel für andere gekämpft hat. Wirklich Chapeau!“

Teuflisch schwer, himmlisch schön

Mit Boulez teilte Aimard auch seine Bewunderung für György Ligeti. Während Boulez immer wieder Ligeti auf das Programm setzte, vor allem das „Kammerkonzert“, war es Aimard, der Ligetis Klavierwerk durchsetzte. Da Aimards Finger alles können und noch viel mehr, schrieb Ligeti ihm Etüden, die teuflisch schwer und himmlisch schön sind. Die Nummer zwölf daraus, „Entrelacs“, ist Aimard gewidmet. In den zurückliegenden Dekaden hat wohl niemand auf der Welt einen größeren Einfluss auf die Natur der Klavierliteratur und die Verbreitung moderner Musik für Tasteninstrumente gehabt als Aimard. Aimard, der mittlerweile in Berlin-Schönefeld lebt, hat sich vom „Magnetismus des Marktes“, wie er es selbst nennt, nicht umpolen lassen. Seine Programme sind stets mit intellektuellem Vergnügen zu lesen und zu hören. Auch das Konzert im Musikverein wird er mit Beethovens „Hammerklavier-Sonate“ ungewohnt beginnen. In der Regel steht die extrem schwere Fuge des letzten Satzes ja am Ende eines Recitals. Für Aimard ist Beethoven aber der Ausgangspunkt einer Reise, die ihn zu Alexander Skrjabin führt.

Der eigentliche Stoff von Musik

So muss hier am Ende noch der Klang zur Sprache kommen, den Aimard erzeugt. Wie schon angedeutet, interessiert sich Aimard mit brennender Intensität für die technischen Abläufe innerhalb eines Konzertflügels: Filzbeläge, Hämmer und deren Anschlagswinkel, der Verschmelzungsgrad der Register, die ausgewogene klangliche Intonation jedes einzelnen Tones, die Position des Flügels auf der Bühne.
Dies alles ist kein Selbstzweck, sondern vermutlich ein spätes Echo von Messiaens ekstatischer, musikalischer Vision, die am Beginn von Aimards musikalischem Weg stand. Klang ist ja der eigentliche Stoff von Musik. So steht der Klang-Mystiker Skrjabin kaum zufällig am Ende des Programms. So wie immer bei Aimard wird man dann nicht nur die Architektur der Musik nachvollziehen können, sondern auch das gleißende Licht, das darin leuchtet.

Wolfgang Schaufler  
Wolfgang Schaufler ist Verlagsmitarbeiter der Universal Edition in Wien.