Der Unbestechliche

Sir András Schiff

Vom „königlichen Thema“ aus dem „Musikalischen Opfer“ aus rankt sich ein exquisites Programm über die verbindende Tonart c-Moll von Johann Sebastian Bach zu Wolfgang Amadeus Mozart. Sir András Schiff hat es zusammengestellt und bringt es am Klavier wie als Dirigent gemeinsam mit seiner Cappella Andrea Barca und der jungen Pianistin Schaghajegh Nosrati zum Klingen.

„Regis lussu Cantio Et Reliqua Canonica Arte Resoluta“, also: „Auf des Königs Geheiß, Melodie und das Übrige mit kanonischer Kunst gelöst“ – so lautet die Überschrift jener sechsstimmigen Fuge, die Johann Sebastian Bach nach dem legendären Zusammentreffen 1747 mit Friedrich dem Großen am preußischen Hof zu Potsdam geschaffen hat. Sie bildet das komplexe Gipfelwerk seiner Huldigungskomposition, dem „Musikalischen Opfer“, dessen Stücke sämtlich auf einem Thema basieren, das der Überlieferung nach vom kunstsinnigen Herrscher selbst stammt. Bachs schnörkelreicher Titel ist ein Akrostichon: Die Anfangsbuchstaben ergeben das Wort „Ricercar“ und meinen damit eine besonders kunstvolle („gesuchte“) Fuge. Strenge und Erhabenheit gehen von diesem archaisch anmutenden, etwas formelhaften Thema aus, das mit einem aufsteigenden Molldreiklang anhebt. Doch wie verwandelt wirkt der Charakter, wenn die Töne drei und vier vertauscht erklingen! „Dass das Hauptthema im Stirnsatz von Mozarts c-Moll-Klavierkonzert KV 491 zu Beginn nicht nur die Dreiklangstöne C, Es und G enthält, sondern auch den Ton As, verbindet diese beiden Schlüsselwerke der Musikgeschichte“, sagt András Schiff. „Ich bin sicher, dass Mozart Bachs Ricercar bei van Swieten kennengelernt und studiert hat.“

Tragödie ohne Katharsis

Als berufener Interpret – keineswegs nur, aber ganz besonders Bachs und Mozarts – kam Sir András auf den Gedanken, aus dieser offensichtlichen musikalischen Verbindung ein komplettes Programm in c-Moll zu entwickeln. Allein am Klavier, als Primus inter pares, als Co-Solist der jungen Pianistin Schaghajegh Nosrati sowie als Dirigent seiner Cappella Andrea Barca ist der Vielseitige dabei im Goldenen Saal zu erleben. Hier bringt er noch weitere Facetten der Tonart selbst wie der beiden Komponisten ans Licht – und sei es das Mondlicht. Gewiss: „Was heißt das schon, wenn der Anfang und der Schluss eines Stückes in c-Moll stehen, es kommt darauf an, was dazwischen passiert“, räumt auch Schiff ein. Aber: Gerade, dass Mozart im genannten Konzert in c-Moll verharrt und nicht, so wie im d-Moll-Konzert, eine Art von „lieto fine“ in Dur anstrebt, ist ungewöhnlich. „Es war in der Wiener Klassik gang und gäbe, dass gegen Ende von Mollstücken die Sonne aufgeht. Im c-Moll-Konzert gibt es das nicht. Die meisterhaften Variationen des Finales erzählen eine griechische Tragödie, aber ohne Katharsis: Das Werk endet in einer Katastrophe. Deshalb ist es für mich das großartigste von Mozarts Klavierkonzerten.“

Klangwunder „Nacht Musique“

Der reife Mozart wäre für András Schiff ohne Bach schlicht unvorstellbar: „Es gibt diese göttliche Begabung – aber in dem Augenblick, wo er die Bachische Musik kennenlernt, 1782/83, vernimmt man einen Quantensprung. Die Noten werden vielleicht weniger, aber die Musik wird polyphoner, komplexer. Es beginnt in den Haydn gewidmeten Quartetten und setzt sich dann fort.“ Aus genau dieser Zeit stammt auch die sogenannte „Nacht Musique“, die Bläserserenade in c-Moll KV 388, die sich bestens ins Programm fügt – und zwar nicht nur wegen aufsteigender Dreiklangszerlegung und verminderter Septime im Thema, wie sie sowohl im Ricercar als auch im c-Moll-Klavierkonzert zu finden sind: Denn so haben sowohl Streicher als auch Bläser der Cappella Andrea Barca ihre „Soloauftritte“, bevor sich die handverlesenen Musiker zum Abschluss bei Mozart zusammentun.
„Das Wunder dieser Serenade liegt im Klang“, schwärmt der Pianist und Dirigent. „Man liest die Partitur, analysiert und schätzt sie. Doch wenn der erste Akkord erklingt, bekomme ich plötzlich Gänsehaut! Oboen und Hörnern sind klar, die Fagotte geben das Fundament – aber wenn die Klarinetten dazukommen, ist es ein Ereignis bei Mozart. Die Oboe hat eine sehr direkte Ansprache, als würde sie die Töne mit Konsonanten beginnen. Die Klarinette aber kann ganz leise Töne entwickeln, wie aus dem Nichts. So kontrastieren sie sehr schön als Melodieinstrumente.“ Aus diesen Worten spricht nicht zuletzt der Sänger im Pianisten András Schiff. „Man sagt vom Klavier sehr zu Unrecht, dass es ein Schlaginstrument sei. Das ist nicht wahr. Alle Instrumente wollen eigentlich die menschliche Stimme imitieren. Bei den Bläsern kommt man dem Gesang naturgemäß durch den Atem näher, aber wir Pianisten und auch die Streicher müssen genauso atmen. Leicht gesagt, aber so viele klassische Musiker vergessen es, sind so verkrampft. Wenn man ihnen sagt: Öffnen Sie den Mund, atmen Sie natürlich wie ein Sänger, dann hört man oft: Oh, daran haben wir nicht gedacht!“

Empfindlicher Mozart, großzügiger Bach

Bei allen offenen oder versteckten Verbindungen nimmt András Schiff dennoch wesentliche Unterschiede zwischen Bach und Mozart wahr. „Bach war in gewissem Sinne Wissenschaftler: Er besaß etwas Enzyklopädisches, hat sich immer wieder ungeheuer große Aufgaben gestellt und sie intellektuell, kompositorisch und emotionell auf höchstem Niveau gelöst. Es ist keine Kopfmusik, ich finde Bach hochromantisch, wenn man das so sagen kann. Wir haben bei ihm Freiheiten, die wir bei Mozart, Beethoven, Chopin oder wem auch immer nicht haben: kein Tempo, keine Dynamik, keine Phrasierung und Artikulation. Man kann diese Stücke sehr verschieden im Ausdruck überzeugend interpretieren. Bei Mozart hingegen reichen fünf Prozent Abweichung in Charakter, Tempo oder Tonfall – und schon schreit die Musik, weil sie vergewaltigt wird.“
András Schiff, der Unbestechliche, ist kein Freund von Bearbeitungen und spielt nie Transkriptionen. Aber wieder ist Bach einzigartig: „Seine Klavierfassungen von Concerti für andere Instrumente sind fantastisch!“, schwärmt er – und hat die Doppelkonzerte BWV 1060 und 1062 ausgewählt. „Wo vorher Violine und Oboe oder zwei Violinen in d-Moll Solisten waren, sind es nun zwei Cembali in c-Moll – aber nicht genug damit: Ein Kontrapunktiker wie Bach schreibt für die jeweils linken Hände noch zusätzliche Gegenstimmen! Also sind diese Cembalofassungen noch viel reicher. Er verliert nie das Ins­trument aus dem Auge – obwohl es bei ihm eher sekundär ist, wenn man den Vergleich mit Mozart zieht. Bach auf alten Instrumenten, in alter Stimmung, mit Darmsaiten, das ist wunderbar. Aber eigentlich sind wir freier bei Bach. Historismus ist bei ihm nicht unerlässlich wie zum Beispiel bei Monteverdi. Mozart ist sehr empfindlich; Bach ist großzügiger, gnädiger.“

Flügel-Vielfalt

Das sagt ausgerechnet jener Interpret, der wie kein Zweiter größten Wert auf das exakt richtige Instrument legt – und das zum Teil von Werk zu Werk? András Schiff lächelt. „Ich bin ein Gegner von musikalischer Globalisierung und von Pauschallösungen. Ich liebe Hammerklaviere aus der Wiener Klassik, im Brahms-Saal zum Beispiel klingen sie wunderbar. Wer einmal auf einem wirklich schönen Walter- oder Graf-Flügel gespielt hat, vergisst das nie. Selbst wenn man dann auf Bösendorfer, Steinway oder Bechstein zurückkehrt, profitiert man von dieser Erfahrung, weil man das Verhältnis zwischen den Registern versteht, für das die großen Komponisten geschrieben haben. Erst dann kann man es auch auf modernen Instrumenten nachahmen.“

Der bleibende Maßstab

Den Nachwuchs fördert Sir András Schiff mit Meisterkursen und besonders der Konzertreihe „Building Bridges“, in deren Rahmen er jährlich drei junge Pianisten in verschiedene Städte Europas und auch der USA bringt. „Man muss selbst etwas dagegen tun, dass vieles in der Musikwelt so kommerzialisiert, plakativ, äußerlich geworden ist. Die jungen Leute brauchen Konzerte, keine Wettbewerbe.“ Und so tritt Schiff diesmal mit Schaghajegh Nosrati auf, einer in Deutschland geborenen Tochter iranischer Eltern. „Sie spielt die ‚Kunst der Fuge‘ nicht nur auswendig, sondern auch inwendig“, lobt ihr Mentor. Bach bleibt für ihn das zentrale Kriterium, auch bei Komponisten: „Es ist nicht unerlässlich für mich, aber: Ob Sie Haydn, Mozart oder Beethoven nehmen, Chopin, Mendelssohn, Brahms oder Bartók, sie alle haben Bach bewundert und studiert. Bach ist in jedem Konservatorium Pflicht – und was Pflicht ist, wird oft unbeliebt. Geiger und Cellisten spielen die Solostücke weiter, nur Pianisten verschließen oft Bachs Werke nach der Ausbildung im hintersten Notenschrank. Dabei ist es die größte Musik.“

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.