Im Gleichgewicht

Iván Fischer

Die Bahnen, die sich künstlerische Schaffenskraft zu brechen vermag, könnten vielfältiger nicht sein. Bei Iván Fischer sind sie vielfältig in einer Person. Anfang Dezember dirigiert er am Pult seines Budapest Festival Orchestra zwei Dvořák-Beethoven-Programme im Großen Musikvereinssaal. Solist dieses ungarischen Gastspiels ist Sir András Schiff. 

Iván Fischer macht nicht viel Aufhebens, erst recht nicht von seiner Person. Mit einem Höchstmaß an Kreativität, Sensibilität und Reflexion legt er den Fokus ganz auf die Sache selbst, auf die Musik. Das künstlerische Umfeld, in dem er im Nachkriegsungarn aufwuchs, gab die Richtung vor. Sein Vater war der Dirigent und Übersetzer Sándor Fischer, sein Bruder Adam wurde ebenfalls Dirigent von internationalem Rang. Seine Musikstudien an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest begann Iván Fischer in Klavier und Violine, später kamen Violoncello und Komposition hinzu, gefolgt von einer Dirigentenausbildung bei Hans Swarowsky in Wien und seiner Zeit als Assistent von Nikolaus Harnoncourt am Mozarteum Salzburg.

Dass Iván Fischer zuallererst eine Dirigentenlaufbahn einschlug, liegt am Dirigentenwettbewerb der Rupert Foundation London 1976, den der damals 25-Jährige gewann und der ihm den Weg ans Pult der international führenden Orchester und Opernhäuser ebnete. In der Alten wie der Neuen Welt hatte er Chefpositionen inne. Sein 1983 gegründetes Budapest Festival Orchestra wurde vom Fachmagazin „Gramophone“ in die Bestenliste gewählt, was freilich nicht zu Fischers erklärten Zielen zählte, aber durchaus als Indiz für seine künstlerische Schaffenskraft verstanden werden darf. Diese Schaffenskraft richtet sich seit einiger Zeit wieder verstärkt aufs Komponieren und stets auf die Umsetzung neuer künstlerischer Ideen. Nicht zuletzt daraus erklärt sich auch, dass Fischer im Juni dieses Jahres nach sechs Jahren als Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin seinen Abschied nahm und dem Wunsch des Orchesters, ihn auf Lebenszeit an sich zu binden, nicht entsprechen konnte. 

Herr Fischer, im Dezember kommen Sie mit Ihrem Budapest Festival Orchestra in den Musikverein. Aus welcher Motivation heraus haben Sie diesen Klangkörper vor 35 Jahren gemeinsam mit Zoltán Kocsis gegründet?

Vielleicht hatte ich ganz am Anfang zu viel Erfolg. Mit 25 Jahren fand ich mich als Wettbewerbspreisträger plötzlich vor den Spitzenorchestern der Welt. Davor war ich aber Assistent von Nikolaus Harnoncourt und ein idealistischer Student, der vor allem an Erneuerung interessiert war. Der Wechsel war zu abrupt, und ich fand die neue Umgebung, die Welt der Spitzenorchester, absolut unattraktiv. In einsamen Hotelzimmern habe ich Notizen gemacht, Pläne aufgestellt, wie ein Orchester besser funktionieren soll. In meinem Traum schwebte mir ein Orchester vor, das aus kreativen Künstlern besteht, die nicht von der Musik, sondern für die Musik leben, die gerne Risiken eingehen und neue Wege einschlagen und die mit voller Begeisterung musizieren. Es sollte ein Orchester sein, in dem die beamtenhafte Mentalität verbannt ist. Aus diesem idealistischen Traum entstand die Gründung des Budapest Festival Orchestra. 

Meist ziehen Chefdirigenten nach einigen Jahren weiter. Wie lautet das Erfolgsrezept für Ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Budapest Festival Orchestra? Was hält diese Beziehung jung und frisch?

Dieses Orchester ist mein Baby oder besser gesagt mein erwachsenes Kind. Wenn Dirigenten Chefpositionen wechseln und so auf einer Leiter höher und höher steigen, bauen sie ihre Karriere. Ich habe nichts dagegen, aber ich baue lieber mein Orchester. Was hier entstanden ist, ist tatsächlich eine Familie – und Scheidung ist nicht in Sicht.   

Bis vor wenigen Monaten hatten Sie beim Konzerthausorchester Berlin eine zusätzliche Chefposition inne. Was wollten bzw. was konnten Sie dort bewirken? 

Früher gab es auch andere Posten, wie beim National Symphony Orchestra in Washington oder am Opernhaus in Lyon. Ich wollte immer mit der normalen Welt in Berührung bleiben, vor allem um mich selber zu kontrollieren. Wenn ich nur in meiner utopistischen Welt lebe, kann ich in diesem Elfenbeinturm die Realität vergessen und die Unterschiede nicht mehr objektiv sehen. Dazu kommt auch, dass das Konzerthausorchester in Berlin besonders sympathisch war und in der offenen Mentalität etwas ähnlich wie mein Orchester in Budapest. 

Worin sehen Sie die Funktion von Musik – ganz allgemein gesprochen?

Mit der Poesie verglichen, ist die Musik eine unmittelbare Kunst, weil es keiner Worte bedarf. Die Musik verbindet die Seelen unmittelbar, ohne Einschaltung des Intellektes. In unserer heutigen Welt hat diese unmittelbare Kommunikation einen besonderen Wert, weil sie Sprachgrenzen bewältigt. 

Weshalb machen Sie Musik? Was möchten Sie „vermitteln“? 

Ich habe diese Frage gern. Im Leben sind wir in eine Dualität verbannt, wir vermeiden das Schlechte, und wir häufen so viel Gutes wie möglich an. Ein verzweifelter Versuch, denn das Leben besteht nicht aus lauter Kaiserschmarrn. In der Musik sind wir befreit vom Guten und Bösen. Wir erfahren die Harmonie der Welt, wir sind eigentlich befreit von uns selbst. Diese erhebende Befreiung möchte ich vermitteln.   

Empfinden Sie als Musiker auch einen gesellschaftlichen Auftrag?

Nur insoweit, dass Musik Menschen verbindet und friedlicher macht.   

Wie würden Sie Ihren ganz persönlichen Zugang zur Musik beschreiben?

In den letzten Jahren habe ich einige Erkenntnisse erlangt, zum Beispiel, dass ich gerne neue Dinge in der Musik erfinde. Wiederholungen langweilen mich. Vielleicht bin ich eher ein Komponist, der das zu spät entdeckt hat, und zufällig Dirigent geworden ist. Aber Programme machen und Kompositionen echt zu verstehen ist auch eine Art des Komponierens. 

Auch im Entwickeln neuer Konzertformate sind Sie sehr kreativ. Braucht es diese Formate heute mehr als früher? Überspitzt formuliert: Ist das klassische Konzert überholt?

Diese Frage habe ich weniger gern, weil die Konzertformate so eventuell zu wichtig erscheinen, aber so wichtig sollen sie nicht sein. Wenn ich über neue Formate nachdenke, geht es darum, dass man die Musik in dieser neuen Umgebung hoffentlich besser vermitteln kann. Aber die Hauptsache ist, dass die Musik den Zuhörer erreicht. Manchmal gelingt das im konventionellen Konzert, manchmal in einer aufgelockerten Atmosphäre. Man muss jeden Fall einzeln beurteilen. 

Eine Ihrer Neuentwicklungen setzen Sie mit Ihrer Ivan Fischer Opera Company um – einem Projekt, bei dem Sie auch als Regisseur fungieren. Welches Ziel verfolgen Sie hier? 

Wie Choreographen, die ein eigenes Ensemble aufbauen, möchte ich hier persönliche Kreationen realisieren. Jahrzehntelang habe ich in der üblichen Dualität gearbeitet, doch Opernaufführungen, die visuell erneuernd, aber akustisch repetitiv sind, interessieren mich nicht mehr. Ich suche eine Einheit von Musik und Bühne. Diese Einheit kann verschiedene  Richtungen einschlagen. Es kommen sicher radikale, moderne Aufführungen zustande und auch ziemlich konservative. Aber das ganze Team sitzt im selben Boot.   

Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem 2018 neuen Vicenza Opera Festival zu? 

Vicenza ist die Quelle, zu der ich gerne zurückkehre. Das Teatro Olimpico mit dem wunderbaren eingebauten Bühnenbild wurde im späten 16. Jahrhundert gebaut, als die Oper erfunden wurde. Es ging um die Wiederentdeckung des antiken Theaters, um ein Gleichgewicht von Schauspiel, Musik und Tanz. 

In Ihren Konzerten im Dezember ist Sir András Schiff Solist: Was verbindet Sie – abgesehen von der Staatszugehörigkeit – im Künstlerischen und vielleicht auch im Persönlichen? 

Was ich bei András sehr schätze, ist sein musikalischer Geschmack, seine freie Agogik, die sich immer innerhalb des Metrums bewegt, die Sorge um die Details, vor allem die Entdeckung der verborgenen Schönheiten in den Mittelstimmen, seine lyrische Poesie, die immer Klangschönheit mit Ausdrucksvielfalt vereinigt, sein unfehlbares Urteil, Meisterwerke vom Mittelmaß zu unterscheiden, seine bescheidene Haltung, um nur den Komponisten zu dienen, seine breite Bildung, die mühelos Zusammenhänge zwischen Musik, Philosophie und Literatur wahrnimmt, seine Strenge, dass man im Saal nicht husten soll, seine kompromisslose Haltung gegen widerliche politische Strömungen, überhaupt seine Menschlichkeit in der Musik und im Leben.

Die Fragen stellte Ulrike Lampert.  

Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.