Cäcilia oder die Gewalt der Musik

Eine Heiligengeschichte 

Vielleicht war es nur ein Missverständnis, das aus der heiligen Cäcilia die Schutzpatronin der Musik gemacht hat. Doch auch wenn es so gewesen sein sollte – es war ein schönes, höchst produktives, denn nun war es die Musik, die Cäcilia mit kostbaren Werken heiligte, unter ihnen Händels „Ode for St. Cecilia’s Day“. Anregend ist diese Heiligengeschichte aber auch für grundsätzliche Gedanken zur Kraft oder – wie es historisch gern hieß – zur Gewalt der Musik.   

Die heilige Cäcilia: Von unzähligen Musikliebhabern wird sie als Patronin der Musik geliebt und verehrt, wenn auch nicht mehr mit der Intensität vergangener Zeiten, als der Heiligen an ihrem Ehrentag, dem 22. November,  in festlichen Gottesdiensten gehuldigt wurde und eigens für diesen Anlass komponierte „Cäcilienoden“ erklangen. Unter den Komponisten, die der Heiligen auf diese Art ihre Reverenz erwiesen, befand sich mit zwei solcher Oden auch Georg Friedrich Händel. „Cäcilia“ hieß eine frühe deutsche Musikzeitschrift, der „Cäcilianismus“ erwies sich als wirkmächtige Bewegung in der Kirchenmusik, und das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom sorgt für die Präsenz des ehrwürdigen Namens im aktuellen Musikleben. 

Folgenreicher Übersetzungsfehler?

Was hatte sie für die Musik geleistet, die heilige Cäcilia, dass ihr so nachhaltige Verehrung zuteil wurde? Hier stockt der Chronist, denn mit der Nennung musikalischer Großtaten der Heiligen tut er sich schwer. Cäcilia, eine Römerin des 3. Jahrhunderts, führte ein heiligmäßiges Leben, konnte zahlreiche Menschen ihres Umkreises für das Christentum gewinnen und zog sich damit den Unmut des Präfekten Almachius zu; nachdem alle Mahnungen, ihre Bekehrungsarbeit einzustellen, fruchtlos geblieben waren, wurde sie zum Tod durch Ersticken in heißen Dämpfen verurteilt. Dies misslang, und auch der Henker, der sie enthaupten sollte, scheiterte an ihr: Durch drei Schwertschläge schwer verletzt, überlebte Cäcilia dennoch und hatte die Kraft, drei weitere Tage zu überstehen und ihr Gut an die Armen zu verschenken. Sie war jahrhundertelang eine populäre Heilige, ohne dass man sie mit Musik in Verbindung brachte; erst im Spätmittelalter avancierte sie zur Patronin der Kirchenmusik, was wohl an einem Übersetzungsfehler lag. In der Antiphon ihres Gedenktages heißt es: „Cantantibus organis Caecilia virgo in corde suo soli Domino decantabat“ – unter den „organis“ verstand man eine Orgel, und sogleich wurde aus der Märtyrerin die orgelspielende Schutzherrin der Musik, die auch stets mit „ihrem“ Instrument abgebildet wurde. Ein produktives Missverständnis. 

Eindrucksvolle Wunder

Aber vielleicht liegt es gerade an der Abstraktion dieser Patronanz, an dieser von jeglichen historischen Fakten freien Sinnbildlichkeit der himmlischen Schutzfunktion Cäcilias, dass die Heilige zum Symbolbegriff der Musik selbst werden konnte. „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“: So benennt Heinrich von Kleist eine Novelle, in der die Heilige mit der herzbezwingenden Kraft der Musik identifiziert wird. Wie äußert sich diese Kraft? Das Geschehen spielt in Aachen um das Ende des 16. Jahrhunderts, als die Bilderstürmer in den benachbarten Niederlanden wüten. Auch das Kloster der heiligen Cäcilia in Aachen soll gestürmt werden. Aber die Heilige – unerkannt in der Gestalt der Chorleiterin – vollbringt eindrucksvolle Wunder: Die geheimnisvolle Macht der alten Musik, die der Nonnenchor unter ihrer Führung entfaltet, bändigt die wilde Schar, die das Kloster überfällt. Sie schlägt die Anstifter des Frevels, vier fanatische Brüder, mit Wahnsinn, bis auch sie sich wieder zum rechten katholischen Glauben bekehren. Das Kloster ist gerettet – der Erzbischof von Trier stellt fest, dass Cäcilia selbst dieses Wunder vollbracht habe. 

Herzensmacht gegen Klangtapeten

Kein Zweifel, dass Musik viel vermag, dass von ihr Kraft ausgeht. Es darf allerdings angesichts der Art, mit der die heutige Gesellschaft mit Musik – oder sagen wir besser: mit musikbezogenen Phänomenen – umgeht, gefragt werden, ob diese Kraft noch zur Entfaltung kommt, ob Cäcilia die Herzen bezwingt oder ob omnipräsente Klangtapeten einen Begriff von Musik standardisiert haben, über den schon Adorno sarkastisch feststellte, er sei mehr durch „das Unbehagen beim Abdrehen des Radioapparats“ charakterisiert als durch das klangliche Phänomen selbst. Gibt es noch das Erleben der Musik als himmlische Macht, die bezwingt und sprachlos macht? Fast scheint es, als gehörten Berichte über solche Begegnungen und „Erweckungserlebnisse“ Epochen an, die uns in ihrem Romantizismus fremd geworden sind. Ein Beispiel: Der junge Gustav Mahler hört 1882 erstmals Richard Wagners „Parsifal“ und berichtet darüber einem Freund: „Als ich, keines Wortes fähig, aus dem Festspielhaus hinaustrat, da wusste ich, dass mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war und dass ich es unentweiht mit mir durch mein Leben tragen werde.“ Aber wer will wissen, ob es Erlebnisse und Begegnungen ähnlicher Art nicht auch heute gibt, wenn sich auch unser „Musikbewusstsein“ und unser sprachlicher Modus, es zu artikulieren, deutlich geändert haben? 

Macht die Musik den Menschen besser?

Kehren wir zu Cäcilia zurück, die als Heilige und als Patronin der Musik zwei Ideale und damit zwei Zielrichtungen in sich vereint: Moralität und Ästhetik. Haben das Schöne und das Gute miteinander zu tun, macht große Kunst – und im Besonderen große Musik – den Menschen besser? Eine Frage, die in der aktuellen Diskussion nicht sonderlich relevant zu sein scheint, die aber in der Geschichte vielfach die Gemüter bewegte. Man denkt an Friedrich Schiller, dem die „ästhetische Erziehung“ des Menschen ein Herzensanliegen war, man denkt aber auch an Georg Friedrich Händel, der sich nicht damit abfinden wollte, seine Mitwelt bloß „unterhalten“ zu haben – sein eigentliches Bestreben sei es gewesen, sie zu bessern. Viel Ernüchterndes hat in jüngerer Vergangenheit den Gedanken dieser heilbringenden Verbindung der beiden Ideale relativiert – Hitlers Musikleidenschaft hatte keinen läuternden Einfluss auf seine radikalen Vernichtungspläne, Reinhard Heydrich, einer der kältesten Vollstrecker, wusste durch ausdrucksvolles Geigenspiel seine Umgebung zu beeindrucken. Nein, die Beziehung zwischen dem Guten und dem Schönen ist etwas komplizierter, als es dem landläufigen Harmonisierungsbestreben entspricht, und so ist Skepsis auch gegenüber anderen Berührungspunkten von Moral und Ästhetik angebracht. Im musikästhetischen Schrifttum des bereits zitierten Theodor W. Adorno begegnet man einer geradezu zelotischen Strenge gegenüber jeglichem Genießen in der Musik, einer strikten Ablehnung des „Kulinarischen“, das davon abhalte, sich dem Eigentlichen großer Kunst zu öffnen, der Erkenntnis des gesellschaftlichen „Verblendungszusammenhangs“. Künstlerische Askese im Dienste des „Wahren“ – das klingt sehr katholisch, doch ob Cäcilia damit Freude hätte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. 

Eine Schutzpatronin des Musikvereins

Was macht Musik mit dem Menschen, welche Kraft übt sie auf ihn aus? Dies wird bereits in einer der „Cäcilienoden“ Georg Friedrich Händels gefragt, im Oratorium „Alexander’s Feast or The Power of Music“. Alexander der Große hat Persepolis eingenommen, er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, ein üppiges Fest besiegelt den militärischen Triumph. Dem Sänger Timotheus fällt die musikalische Regie zu, und er setzt sie in höchst ambivalenter Weise ein. Zunächst singt er dem siegreichen Herrscher Lob- und Huldigungslieder, aber bald weiß er auch andere Saiten anzuschlagen: Er stellt bewegend das Schicksal des besiegten Perserkönigs dar, und Alexander lässt sich willig vom Sänger in die Sphäre des Mitgefühls leiten und vergießt Tränen über seinen unterlegenen Gegner. Nachdem in reichlichem Maße Wein verteilt worden ist, schlummern Alexander und seine Krieger ein, aber bald reißen sie neue Töne aus dem Schlaf: Der Bass kündet von nahenden Furien mit Schlangen im Haar, von einem Geisterzug der Gefallenen, die nach Rache riefen, und abermals flammen Gewalt und Zerstörung wieder auf – Persepolis fällt dem Feuer zum Opfer. Ein Epilog schließt sich an; der antike Sänger Timotheus hat gezeigt, welche menschlichen Leidenschaften im Guten wie im Bösen Musik zu entfachen vermag, doch die Kraft der Musik in ihrer himmlischen Dimension den Menschen zu bringen ist Cäcilia vorbehalten, die gleich einer Dea ex machina vom Himmel schwebt und die Herzen gewinnt. In der Bearbeitung Mozarts, unter dem Titel „Timotheus oder die Gewalt der Musik“, wurde das Oratorium 1812 in der Wiener Winterreitschule aufgeführt und gab den Impuls zur Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Ein nicht geringer Beitrag zur weiteren Entfaltung der „Gewalt der Musik“.

Thomas Leibnitz 

Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.