Perfekt auf Sendung

Faltenradio

Matthias Schorn ist vieles: Klarinettist, Musikant, Wiener Philharmoniker, Ensemble- und Festivalgründer, gerngesehener „Artist in Residence“. Mit dem Quartett Faltenradio gastiert er demnächst im Wiener Musikverein. Ein so uriges wie verschmitztes Ensemble, das sich zur Freude des Publikums mit Verve 
musikalisch entfaltet.

Musikant, das ist das schönste Kompliment, das eine Zuhörerin Matthias Schorn zu streuen vermag. Manchen Kollegen aus der Klassik huscht es bittersüß über den Gaumen. Für Schorn fasst es hingegen alles das zusammen, was ein Musizieren aus dem Moment heraus adelt, denn die Musik muss nicht zwangsläufig über den Kopf gehen, sie kann gelegentlich auch „direkt in die Beine fahren“, „aus dem Bauch heraus“ Menschen bewegen. Vollkommen analog, ohne Bluetooth, WLAN oder Streaming, steht es dem „Musikantischen“ frei, Emotionen auszulösen, Eisberge zu versetzen, Empfindungen zu vernetzen. Eine Erfahrung, die den Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker auch nach 15 Jahren Profikarriere immer wieder aufs Neue begeistert. Kein Geringerer als Nikolaus Harnoncourt hat einmal in einer Probe zu ihm gesagt: „Sie spielen, als wüssten sie, dass hier ein ,piano‘ kommt.“ Stimmt, dachte sich Schorn: nicht reproduzieren, sondern neu erfinden, uraufführen. Folglich die vielen Facetten und Energien des Faltenradios spielend kommunizieren. Den konzertanten Rahmen überall dort aufziehen, wo er bar jeglicher Vorformatierung Raum bietet. Matthias Schorn möchte sich immer wieder vergegenwärtigen, dass es primär Klarinette „spielen!“ heißt. Ob im Graben der Staatsoper, auf Tournee mit den Wiener Philharmonikern oder beim „Wirt’n“.

„Mehr Luft!“ und eine Art samtene Revolution

Dieser spielerische Zugang war es auch, der Matthias Schorn auf seinem Weg zum professionellen Musiker begleitet hat. Dazu, passend, der prägende Satz vom ehemaligen philharmonischen Kollegen und Lehrer Johann Hindler: „Mehr Luft!“ Jeden Ton, jede Phrase mit der nötigen Luft, der nötigen Richtung zu führen – ein Mantra in Schorns Wiener Studienjahren, welchen berufliche Stationen in Wien, Berlin, München und schließlich wieder Wien folgten. Nicht mehr und nicht weniger als genug Luft. Dann schlüpfen, dann sitzen die Töne und machen Musik.
Spielerisch ungezwungen war auch der Anfang der Gruppe Faltenradio. Die vier Burschen musizierten als beliebte Dozenten nach der täglichen Pflicht ihre Kür im Rahmen des Bläserurlaubs Bad Goisern. Im Gasthaus und in gemütlicher Runde realisierten Andreas Maurer, Alexander Neubauer, Stefan Prommegger und Matthias Schorn, dass sie alle vier nämliche Instrumente beherrschen, die Klarinette und die Steirische Harmonika. Dass sie damit den Sound für Friedrich Guldas Cellokonzert, Falcos „Rock Me Amadeus“ oder das „Ständchen“ von Franz Schubert vorwegnahmen, sollte sich nach rund 350 Konzerten des im nächsten Jahr zehnjährigen Bestehens der „Musizierband“ erwiesen haben. Um den Namen selbst ranken sich die unterschiedlichsten Herleitungen. Faltenradio: das dämmernde Küchenradio, die „Quetschen“, Nostalgie-Polka und Weltempfänger in einem. Im möglichen Vergleich zu den Kollegen von Mnozil Brass eine Art der samtenen Revolution.

Nicht zu fassen

Die bisherigen Alben und Programme trugen die Titel „Faltenradio“ (2009) und „Zoo“ (2012). Aktuell zollt das Faltenradio „Respekt“ (2017). Das Line-up bedeutet einmal mehr „raus aus der Komfortzone“. Aus unzähligen Ideen geliebte Stücke zu arrangieren und Richtung Faltenradio zu lotsen – das sind kreative Filtervorgänge, bei denen maximal ein Drittel des Materials übrigbleibt. Gemeinsam erarbeitete Arrangements – wovon Stefan Prommegger am meisten übernimmt –, treffen auf Kompositionen, die eigens für Faltenradio geschrieben wurden. Und diese Mischung, wenn sich Stücke von Anton Gmachl jun., Georg Breinschmid, Alexander Maurer, von Viola Falb oder Martin Rainer in eine Kette mit Nummern von Leonard Bernstein, Carl Philipp Emanuel Bach oder Townes Van Zandt fädeln, verknüpft mit dem Vermögen und der Lust, das alles zu spielen, zu singen und mit Groove zu unterlegen, ja, die macht Faltenradio eben aus. Wobei die Feststellung, Faltenradio sei „nicht zu fassen“ mit Blick auf die Filmfigur Thomas Crown für Matthias Schorn ein weiteres Kompliment bedeutet – auch Crown, gespielt von Steve McQueen, war nicht zu fassen …

„Gmiatlich“ und kritisch zugleich

Musikalische Entfaltung, geschüttelt und gerührt, bisweilen gestampft und immer auf Zug. Spielt Faltenradio auf, dann serviert der Gastwirt Musik von Franz Schubert – und traditionelle Konzerthäuser schwingen sich ein auf Ton und Botschaft der Volksweise: „Gmiatlich muass’s sei“ – „gmiatlich“ im Sinn von „mit Gemüt“, dem dezent innovativen Augenzwinkern. Denn eines ist vollkommen klar, und das hat schon Friedrich Gulda in aller Ernsthaftigkeit in sein Künstlertum eingemeindet: „Musik ist nicht weniger wert, weil es Volksmusik heißt.“
Die trockenen Kommentare zwischen den einzelnen Nummern sind zu einer Art Markenzeichen von Faltenradio geworden. Unterstützt vom Fotografen und Regisseur Lukas Beck, mit seinem Blick von außen, entstehen ganz bewusst gestreute Interpretationsspielräume. Helmut Qualtingers „Krüppellied“, Konstantin Weckers „D’Zigeiner san kumma“ oder eine nüchterne Ansage zum gesellschaftspolitischen Hintergrund des „Maxglaner Zigeunermarsches“ hinterlassen Spuren. Diese Zwischenmoderationen verbreiten nicht unbedingt immer Jubelstimmung. Zur musikalischen Verve gesellt sich das Selbstverständnis eines unverstärkt feinnervigen Kleinkunstformats. Matthias Schorn möchte, wenn er auf der Bühne steht, Mut machen und Perspektiven bieten, denn „die Zukunft ist besser als ihr Ruf“, um den gleichnamigen Film mit Musik von Federspiel zu zitieren. Auch dort spielt regionales Denken, in einen weiten und offenen Horizont eingebettet, eine wesentliche Rolle. Und das bedeutet für jeden Einzelnen immer wieder auch, die eigene Wahrnehmung aufzubrechen, „das zu üben, wo ich lernen kann“.

Kunst aus allen Richtungen

Gespielt hat Faltenradio, trotz dichtester Dienst- und Konzertkalender aller vier Mitglieder, zuweilen bis zu fünfzig Konzerte im Jahr. Auf den unterschiedlichsten Bühnen: im Mojo Club auf der Hamburger Reeperbahn ebenso wie in einer Friedenskirche in Dachau. Dort wünschte sich eine Konzertbesucherin ein Faltenradio-T-Shirt als Geschenk für ihre achzigjährige Mutter. Matthias Schorn trennte sich fast entschuldigend von seinem verschwitzten Exemplar, denn mehr gab es nicht, und erhielt am nächsten Tag eine Dankesmail mit einem lachenden Gesicht samt Foto mit besagtem T-Shirt. Rolling Faltenradio …
Spannend zu sehen, was dem Programm „Respekt“ folgen wird, denn so alle drei Jahre möchte Faltenradio ein neues Album schaffen. Wenig verwunderlich, dass auf der Wunschliste von Matthias Schorn an oberster Stelle Zeit „als Kapital der Zukunft“ steht. Mehr Zeit, um die Dinge auch einmal einfach „nur passieren zu lassen“. Der Effizienz Zeitfenster zum Verschnaufen und Ausatmen abtrotzen. Dann fliegen Ideen, Träume und Wünsche vielleicht noch beseelter.
Eines gibt es bereits: das großräumige Zuhause im Südwesten Wiens, mit Garten, Gemüse, Obst, zwei Bienenstöcken und einem kleinen Tonstudio. Den stillgelegten Bahnhof aus dem Jahr 1877 verwandelt Matthias Schorn gemeinsam mit seiner Frau zur „Haltestelle für Kunst aus allen Richtungen“. Mit Faltenradio auf Schiene. Respekt!

Ursula Magnes
Mag. Ursula Magnes leitet die Musikredaktion von „Radio Klassik Stephansdom“.