Mut zur Zukunft

Die Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla

Nach der Matura kam sie 2004 direkt aus Litauen an die Kunstuniversität Graz. Vierzehn Jahre später ist sie als Nachfolgerin von Andris Nelsons gefeierte Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra. Die Erfolgsgeschichte der Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla zeigt, dass die Zukunft im Musikleben schon begonnen hat.

Die Geschichte ist eine der außergewöhnlichsten aus der jüngeren Zeit des britischen Kulturlebens: Eine junge, praktisch unbekannte Dirigenten wurde gleichsam über Nacht einer der beliebtesten Musikstars des Landes. Mirga Gražinytė-Tyla ist erst 31 Jahre alt, kommt aus Litauen und folgt direkt niemand Geringerem als Andris Nelsons – und das an der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra. Jetzt kommen sie und ihre Musiker, geradewegs aus der „Honeymoon“-Periode ihrer Partnerschaft, für zwei Konzerte in den Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.

Youngsters in Birmingham

Es ist nicht das erste Mal, dass das CBSO den Mut fasst, sich für jemand kaum Bekannten, Jungen zu entscheiden, und damit goldrichtig liegt. Simon Rattle war gerade einmal 25, als ihm – 1980 – diese Position angeboten wurde. Es folgten, nach einer 18 Jahre dauernden glücklichen Zusammenarbeit mit Rattle, Sakari Oramo – jetzt eine prägende Größe an der Spitze des BBC Symphony Orchestra – und dann natürlich der junge Andris Nelsons, der von hier aus weltberühmt wurde. Gražinytė-Tylas Aufstieg, gerade in einer Zeit, die so dringend danach trachtet, auch Dirigentinnen in Top-Positionen willkommen zu heißen, gibt Grund zur Freude: in Birmingham und weit darüber hinaus.
Für Gražinytė-Tyla selbst (die meisten ihrer Fans nennen sie einfach Mirga) ist es ein ganz besonderes und fast unbeschreibliches Gefühl, von der britischen Öffentlichkeit so herzlich aufgenommen zu werden. „Es fühlte und fühlt sich noch immer wie eine große, große Wärme an – ein unglaublich offenes Willkommen, für das ich sehr dankbar bin“, sagt sie. „Das inspiriert uns alle, das Orchester und mich, um gemeinsam nach wundervollen Dingen zu suchen und sie mit anderen zu teilen.“

Irgendwie elfenhaft

Gražinytė-Tylas erste Liebe galt dem Singen – man spürt es allein schon in der Art, wie sie spricht: poetisch, fein und weich, mit irgendwie elfenhaftem Ausdruck. Diese Qualitäten strahlen weit und tief aus, wenn sie sich auf der Bühne in Musik verwandeln. Musiker waren schon ihre Eltern: ihre Mutter Pianistin, ihr Vater Chorleiter, und eine ihrer Großmütter war Violinprofessorin, deren sechs Geschwister ebenfalls als Musiker tätig waren. Mit einem Wort: „Es war immer viel Musik um mich herum!“
Sie träumte zunächst davon, Liedsängerin zu werden, und studierte, schon während ihrer Schulzeit, Chorleitung. Die Schule, die sie besuchte, war die berühmte Čurlionis-Schule in Vilnius, benannt nach dem bedeutenden litauischen Komponisten und Maler Mikalojus Konstantinas Čurlionis: eine Schule, die viele bedeutende Künstler des Landes – Musiker, Tänzer, Maler – hervorgebracht hat und die talentierten Kindern ab dem zwölften Lebensjahr auf Stipendienbasis eine umfassende, straff organisierte Ausbildung angedeihen lässt. „Ich konnte hier Gesang, Chorleitung, Harmonielehre, Gehörbildung und Musiktheorie genauso studieren wie wissenschaftliche Fächer“, erzählt Gražinytė-Tyla. Sie lernte hier auch Klavier und Violine – und so brachte sie hervorragende Voraussetzungen mit, als sie nach Graz an die Kunstuniversität kam.

Ungleichgewicht des Wandels

Zu dieser Zeit hatte sie schon einen starken, raschen Wandel in ihrem Heimatland wahrgenommen. Litauen war das erste der baltischen Länder, das 1990 als unabhängiger Staat aus dem Zusammenbruch der UdSSR hervorging. 2004 trat es der Europäischen Union bei. Die Geschwindigkeit der politischen Veränderung – ganz zu schweigen vom anfänglichen Aufruhr – war enorm. Langsamer aber ging die Änderung der Denkweisen vor sich, die sich im alten Regime festgesetzt hatten. „Nicht jedes Land hat sich in den letzten dreißig Jahren so verändert wie die drei baltischen Staaten und einige der früheren sowjetischen Länder, die noch viel Arbeit vor sich haben“, führt Gražinytė-Tyla aus. „Nach einer Zeitspanne, in der ganz wesentliche Werte wie der freie Wille, die menschliche Achtsamkeit und das Verantwortungsgefühl für das Leben – deine persönliche Entscheidungsfreiheiheit, deine Kultur, deine Sprache und mehr! – tatsächlich von einer Macht kontrolliert wurden, die diesen Werten nicht immer freundlich gesinnt war, braucht es tatsächlich eine lange Zeit, um wieder ganz geheilt zu sein.“

Fast ein Schock

Ihre Musikausbildung in Litauen war wohl technisch enorm gründlich, erzählt sie, „aber sie war nicht darauf angelegt, das kritische Denken zu schulen, und trug nicht viel dazu bei, die eigene Kreativität zu fördern“. Graz mit seiner Kunstuniversität bedeutete da eine völlig andere Welt. „Es war einer der stärksten Gegensätze, die ich je erlebt habe, kam ich doch aus einem total geordneten und sehr strengen System in ein ,Gut, es ist ganz, wie Sie wünschen, es liegt in Ihren Händen und Ihrer Verantwortung‘.“ Die plötzliche Freiheit der Selbstbestimmung erlebte die junge Litauerin fast wie einen Schock. „Ich musste lange Jahre hart daran arbeiten – und muss es wohl zuweilen noch immer –, um mir selbst zu vertrauen: meinem Denken, meinem wachsenden Verständnis, meiner wachsenden Achtsamkeit und damit auch meiner Fähigkeit, Entscheidungen für mein eigenes Leben zu fällen.“

Wiederhören in Wien

Seit damals ging es ständig aufwärts für Mirga Gražinytė-Tyla: Sie übernahm Kapellmeisterpositionen an den Musiktheatern von Heidelberg und Bern und war dann bis zum Ende der Spielzeit 2016/17 Musikdirektorin am Salzburger Landestheater.
Die bevorstehenden Konzerte im Wiener Musikverein sind nicht die ersten, die sie im Goldenen Saal dirigiert. 2015 stand sie hier schon am Pult, als die Kremerata Baltica mit ihrem Gründer Gidon Kremer zwei Festwochenkonzerte als Hommage an den Komponisten Mieczysław Weinberg gab. Die Musik, die sie zuvor schon andernorts aufgeführt hatten, „schwebte hier in einer neuen Weise, mit solchem Reichtum und solcher Feinheit!“, erinnert sich Gražinytė-Tyla. „Ich freue mich riesig, das CBSO in diesem unglaublichen Raum zu hören.“

Programme mit Finessen

Gražinytė-Tyla Programmdramaturgie ist weitgefächert und experimentierfreudig. Das Debussy-Festival, das im März 2018 in Birmingham stattfindet und ihre Handschrift trägt, bezieht Institutionen, Ensembles und Chöre aus der ganzen Stadt mit ein – darunter auch das Royal Birmingham Conservatoire und die Birmingham Contemporary Music Group –, um den französischen Komponisten in spannenden musikalischen Kontexten zu präsentieren, zu denen Bach und Wagner genauso gehören wie Messiaen und Tristan Murail.
In Wien beginnt das erste Konzert ihres Gastspiels mit Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“, gefolgt von Schumanns Klavierkonzert (Solist: Rudolf Buchbinder). So weit, so vertraut – doch der „Fünften“ Beethoven, die das Programm beschließt, stellt sie ein Werk der zeitgenössischen litauischen Komponistin Raminta Šerkšnytė voran. „Fires“, als Auftragswerk für einen Beethoven-Zyklus mit Mariss Jansons komponiert, imaginiert so etwas wie eine „Vorgeschichte des ,Schicksalsmotivs‘ in Beethovens Fünfter Symphonie“, erläutert Gražinytė-Tyla. „Das Stück beginnt in einer durch und durch mystischen Sphäre, bis der zweite Teil dann einen immensen Ausbruch von Energie und Feuer bringt, getragen von starker Rhythmik und kulminierend im Eröffnungsmotiv von Beethovens Fünfter.“
Das zweite Programm verknüpft Mahlers Symphonie Nr. 1 mit einem der beliebtesten britischen Konzerte, dem Elgar-Cellokonzert, gespielt von Gautier Capuçon. „Beide, Mahler und Beethoven, standen am Beginn unserer musikalischen Reise mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra“, sagt Gražinytė-Tyla, „und wir werden ihnen eng verbunden bleiben, so lange wir zusammenarbeiten.“

Ein (noch) rares Phänomen

Gražinytė-Tyla Bedeutung für das Musikleben Großbritanniens hat im aktuellen geschichtlichen Moment einen noch stärkeren Akzent bekommen. In einer Situation, in der das Ungleichgewicht der Geschlechter und unverblümter Sexismus auf vielen Gebieten von der Politik bis zu den Medien ins Bewusstsein rückt, steht sie als rares Phänomen da: eine sehr erfolgreiche junge Frau in einer noch immer von Männern geprägten (Dirigenten-)Welt. Wenn sich die männliche Dominanz auf dem Podium einmal ändern sollte, dann steht sie an der Spitze solchen Wandels.
Mirga Gražinytė-Tyla könnte, so gesehen, ein inspirierendes Rollenmodell abgeben: ein Vorbild für Mädchen, die Dirigentinnen der Zukunft zu werden. „Wissen Sie“, sagt sie selbst bescheiden, „ich versuche einfach, mein Bestmögliches auf dem Gebiet zu geben, auf dem ich tätig bin – und zu wachsen, als Musikerin wie als Mensch. Natürlich wünsche ich mir, dass jedes Mädchen – genauso wie jeder Junge – nicht in Traditionen unserer Gesellschaft befangen bleibt, die nicht notwendig existieren müssen. Alles, was ich in dieser Richtung bewirken kann, ist gut.“ Wir könnten nicht besser übereinstimmen.

Jessica Duchen
Jessica Duchen, Musikpublizistin und Autorin in London, schreibt für die Tageszeitung „The Independent“. Sie veröffentlichte Bücher über Gabriel Fauré und Erich Wolfgang Korngold und eine Reihe von Romanen und Theaterstücken.