Hören und staunen

Nun klingen sie wieder

Von handfester Klaviermusik bis hin zu sphärischen Glasklängen spannt sich 2018 der Bogen in der Konzertreihe „Nun klingen sie wieder“. Archivdirektor Otto Biba stimmt darauf ein.

Es muss eine empfindsame Zeit gewesen sein, in der Glas als Ton- und Klangerzeuger geschätzt wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es dafür geradezu in Mode, und um 1800 war ein Höhepunkt auf der Suche nach „Glasklängen“ erreicht. Da gab es einmal die Glasharmonika, bei der mit nassen Fingern Glasschalen zum Klingen gebracht werden, aber auch das Glasklavier, bei dem die Hämmer nicht auf Saiten, sondern auf Glasplättchen schlagen. Jeweils zwei solche Instrumente sind im Besitz der Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Während die beiden Glasharmonikas nicht spielbar sind, kommen die zwei Glasklaviere am 25. April zum Einsatz: Nun klingen sie wieder …

Überirdische Klänge

Der anregend-sensitive Klang des Glases wurde als von einer anderen Welt kommend empfunden oder lenkte die Fantasie des Spielers wie der Zuhörer in eine andere Welt. In der Franzensburg in Laxenburg gab es in einem Turm sogar ein Glockenspiel mit gläsernen Glocken. Diese von Kaiser Franz II. in Auftrag gegebene Franzensburg entführte in eine idealisierte alte Zeit. Ein solches Konzept verlangte geradezu einen „unwirklichen“ Klang, den es nirgendwo sonst gibt; also kam man auf die Glasglocken, die mit den gängigen Bronzeglocken nicht zu vergleichen sind. „Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang“, dichtete Goethe um diese Zeit und sprach damit etwas sehr Aktuelles an, nämlich die Vorstellung von der Sphärenmusik, dem Klang der Gestirne, den noch nie jemand gehört hatte, den man jedoch als gegeben annahm. Auch ihm suchte man mit von Glas erzeugten und als überirdisch empfundenen Tönen und Klängen nahezukommen.

Aufregendes Musikerlebnis

Derart Überirdisches ist am 25. April im zweiten Konzert des Zyklus „Nun klingen sie wieder“ zu hören, durchwegs mit Musik von Komponisten jener Epoche, in der klingendes Glas als ein aufregendes Musikerlebnis empfunden wurde. Zwei Glasklaviere kann man im Brahms-Saal sehen und klingen hören: ein tragbares Glasklavier, 1785 in Paris gefertigt, und ein Glasklavier in der Form eines kleinen Tafelklaviers, 1789 in Brünn gebaut. Bei beiden sind die originalen Glasplättchen erhalten, die von den Hämmern einer Klaviermechanik angeschlagen werden; Florian Birsak weiß sie freilich subtil zu bedienen. Passend zum Thema der zarten Klavierklänge spielt Birsak in diesem Konzert auch eine Orphika: ein kleines tragbares Klavier – mit Saiten, aber dennoch einem unwirklich subtilen Klang.
Doch nur nicht zu viel des Subtilen und Zarten. Zu hören sind auch ein bald nach 1800 entstandener Hammerflügel aus der Wiener Werkstätte von Anton Walter & Sohn, eine Querflöte und historische Streichinstrumente in Werken von Wenzel Pichl (1741–1805), einem aus Böhmen stammenden und in Wien namhaft gewordenen Komponisten, der nach Mailand engagiert wurde und dort Karriere machte.

Thema mit Variationen

Man spricht gern von den Italienern, die nach Wien kamen und vom hiesigen Publikum verehrt wurden, und vergisst dabei allzu leicht jene Komponisten, die aus Wien kommend in Italien ihre Anhänger fanden. An sie soll mit Wenzel Pichl erinnert werden. Warum? Weil neben gläserner Sphärenmusik bzw. vertrauten und ungewöhnlichen Klavierklängen ein weiteres Thema des diesjährigen Zyklus „Nun klingen sie wieder“ der vor 150 Jahren verstorbene Gioacchino Rossini ist. Rossini hatte den Wienern musikalisch den Kopf verdreht, lange bevor er 1822 selbst nach Wien kam – dann aber erst recht. Und wenn von einem Italiener in Wien die Rede ist, soll auch ein Wiener in Italien zu Wort kommen.
Variationen für Violine und Harfe, für die Gattin des Pächters der Wiener Hofoper geschrieben, die wichtigsten Nummern aus „Tancred“, von Rossini in Wien einstudiert, für Gitarre solo bearbeitet, Variationen für Solovioline, ein verschollenes Jugendwerk Rossinis, das vor etlichen Jahren unerkannt im Antiquariatshandel vom Autor dieses Beitrags gefunden, für das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde erworben und jüngst publiziert wurde, und das wegen seiner Schwierigkeiten berüchtigte Duo Rossinis für Violoncello und Kontrabass – all das wird für die Konzerte am 2. und 4. Mai auf Instrumenten aus der gesellschaftseigenen Sammlung historischer Musikinstrumente einstudiert.

Vom Volks- zum Kunstmusikinstrument

Schon bevor Rossini nach Wien kam, hatte ein italienisches Volksmusikinstrument seinen Weg nach Wien gefunden: die Mandoline, die freilich hier zu einem Kunstmusikinstrument modifiziert wurde und eine andere Spieltechnik erhielt. Auch sie ist am 4. Mai ein Thema, unter anderem mit einer Komposition eines Funktionärs der Gesellschaft der Musikfreunde aus deren Gründungsjahren und Freundes Beethovens: Vinzenz Hauschka. Grund genug, daran zu erinnern, dass auch Beethoven für die Mandoline komponierte und dass Hauschka ein meisterhafter Cellist war. Christophe Coin spielt das Duo Rossinis und auch einige Kompositionen Hauschkas.
Rossinis Einfluss in Wien manifestiert sich nicht nur in den beiden Ouvertüren im italienischen Stil von Franz Schubert, die im aktuellen Zyklus keinen Platz finden, sondern auch in Canzonetten Carl Czernys: Genial, wie er Rossini in der Italianità noch zu übertreffen sucht. Wohl kaum jemand würde Carl Czerny diese Musik zutrauen. Ildikó Raimondi ist davon begeistert und hat ein paar von diesen Canzonetten Czernys für den 2. Mai ausgewählt. Zum Vergleich singt sie auch solche Stücke von Rossini, die sie eben so begeistern.

Handfeste Klaviermusik

Interpret des ersten Konzerts am 15. April ist Malcolm Bilson. Im Vorjahr waren Klavierinstrumente bei „Nun klingen sie wieder“ nicht präsent, nun sind sie es in jedem Konzert, allerdings jedes Mal andere. Zum Einsatz kommen zwei Hammerflügel aus der Zeit Beethovens oder Schuberts, von Mathias Müller und von André Stein, beide als Musikinstrument wie als Möbel gleich herrlich. Bilson spielt auf diesen adäquaten Instrumenten Klaviermusik von Beethoven und Schubert wie auch von Robert Schumann: keine Sphärenmusik, wie sie zehn Tage später zu hören ist, sondern handfeste (im wahrsten Sinne des Wortes) Klaviermusik. Eine Überraschung für das Publikum hat er auch parat: ein Werk, das er nicht im Repertoire hatte, wozu ihn unser „Nun klingen sie wieder“-Zyklus allerdings geradezu zwang.
Es sind durchwegs Spezialisten, die Instrumente aus der Entstehungszeit der vorgetragenen Kompositionen spielen – und dank ihrer Begeisterungsfähigkeit durchwegs Werke, die neu für sie sind. Aber auch für die wenigen Werke, die sie schon länger präsent haben, müssen sie sich auf diesen Instrumenten zeitaufwendig einspielen. Ein Steinway ist wie der andere. Jedes historische Klavier oder Streichinstrument jedoch ist anders. Von Glasklavier, Orphica, Wiener Mandoline etc. ganz zu schweigen.
Für die Instrumente wie für die ausgewählten Werke – allesamt aus den Beständen des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde – gilt die Empfehlung: anhören, Neues kennenlernen, staunen und sich freuen.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Die einzelnen Termine des Abonnements:

Hammerflügel | Totale von rechts
© Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde

Hammerflügel | Totale von rechts 

Nun klingen sie wieder

Malcolm Bilson, Hammerflügel
Otto Biba, Moderation

Werke von 
Ludwig van Beethoven
Franz Schubert 
Robert Schumann

Sonntag, 15. April 2018, 19.30 Uhr

Glasklavier | Brünn 1789
© Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde

Glasklavier | Brünn 1789 

Nun klingen sie wieder

Florian Birsak, Glasklavier
Florian Wieninger, Violone
Gunda Hagmüller, Violine
Otto Biba, Moderation

Zauber des Glasklaviers und
Komponistenaustausch
Wien - Italien 

Werke von 
Carl Philipp Emanuel Bach
Joseph Haydn
Wolfgang Amadeus Mozart
Wenzel Pichl
Gioacchino Rossini 

Mittwoch, 25. April 2018, 19.30 Uhr

Pianoforte | Wien 1834
© Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde

Pianoforte | Wien 1834 

Nun klingen sie wieder

Ildikó Raimondi, Sopran
Florian Birsak, Hammerflügel
Maria Bader-Kubizek, Violine
Adelheid Miller, Harfe
Otto Biba, Moderation

Rossini in Wien

Werke von
Carl Czerny
Gioacchino Rossini

Mittwoch, 02. Mai 2018, 17.45 Uhr
Einführungsvortrag im Steineren Saal / Horst Haschek Auditorium zum Konzert

Mittwoch, 02. Mai 2018, 19.30 Uhr

Mandoline
© unbezeichnet

Mandoline 

Nun klingen sie wieder

Robert Holl, Bass
Christophe Coin, Violoncello
Max Engel, Mandoline
Otto Biba, Moderation

Musik aus der Frühzeit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Werke von
Ludwig van Beethoven
Vinzenz Hauschka
Franz Schubert

Freitag, 04. Mai 2018, 19.30 Uhr