Gesang eines Zugvogels

Die Komponistin Ming Wang

Werke von Ming Wang, der vielseitigen taiwanesischen Künstlerin mit mittlerweile österreichischem Pass, standen im Musikverein in den vergangenen Jahren immer wieder auf dem Programm. Im April hebt Peter Keuschnig mit seinem Ensemble Kontrapunkte ihr jüngstes Œuvre aus der Taufe.

Die Notenausgaben von Ming Wangs Kompositionen sind Kunstwerke im doppelten Sinn: innen im Kern die notierte Musik, außen auf dem Titelblatt assoziative Gemälde zum jeweiligen Stück – und beides von ihrer eigenen Hand. Ming Wang ist nicht nur Komponistin und Interpretin, sie ist auch Malerin (was sie so nicht gelten lassen würde) – und stets um Kulturaustausch bemüht, in gemeinsamen Projekten von asiatischen und europäischen Musikern, die sie seit ziemlich genau zwanzig Jahren regelmäßig organisiert.

Malerei und doch Musik

Geboren wurde Ming Wang als Tochter eines Malers aus Nordchina und einer in Vietnam aufgewachsenen Chinesin. In Taiwan, wo sich die Eltern kennengelernt hatten, blieben sie und gründeten eine Familie. Beide Töchter studierten – zunächst – Malerei, westliche Malerei wohlgemerkt. Allerdings: „Ich hatte kein allzu großes Interesse daran“, erzählt Ming Wang. „Weil aber mein Vater Maler war, habe ich fast automatisch Malerei studiert.“
Musik begeisterte sie weit mehr. Schon früh hatte sie Klavierunterricht erhalten, „aber sehr schlampig gespielt“, wie sie in asiatischer Bescheidenheit meint. Doch als sie eines Tages eine Guzheng hörte, war es um sie geschehen. „Damals war das in Taiwan ein relativ kleines und einfaches Instrument, eine kleinere Form. Wenn man sie spielt, erklingt eine sehr schöne pentatonische Musik – das hat mir sehr gut gefallen.“ So begann sie neben dem Male­reistudium die Wölbbrettzither Guzheng zu lernen, später auch das Lauteninstrument Pipa, und die Musik wurde rasch zu ihrer Hauptbeschäftigung.

Jugendlicher Idealismus

An der chinesischen Kulturuniversität in Taiwan studierte Ming Wang dann chinesische Musik: gemäß Studienplan im Hauptfach ein chinesisches Instrument und zusätzlich Klavier, Harmonielehre, Kontrapunkt, Musikgeschichte, chinesische und westliche Gehörbildung.
„Ich habe in den 1980er Jahren studiert, und damals waren unsere Möglichkeiten sehr beschränkt“, gibt Ming Wang zu bedenken. „Wir durften im Grunde keine chinesische Musik spielen, weil Taiwan politische Schwierigkeiten mit China hatte. Wir durften aber auch nicht wirklich taiwanesische Musik spielen, weil man dadurch Gefahr lief, für einen Separatisten gehalten zu werden. So haben wir nur ganz wenige Musikstücke spielen können, die unsere Lehrer komponiert haben.“ Jung und idealistisch, wie sie war, schuf sich in ihr das Bedürfnis Raum, „irgendetwas zu tun, um die chinesische Musik zu retten“, erinnert sich Ming Wang. „Deshalb bin ich nach Europa gegangen.“

Der Weg nach Wien

In den achtziger Jahren war dies ein weit mutigeres und aufwändigeres Unterfangen als heutzutage. Zur Vorbereitung nahm Ming Wang zunächst noch zwei Jahre lang privaten Kompositionsunterricht bei einem Professor, der selbst in München studiert hatte. Deutschland war denn auch das deklarierte Ziel, wo sie sich an einer ganzen Reihe von Musikhochschulen zur Aufnahmeprüfung anmeldete. Da allerdings ihr Antrag auf ein Visum verlorenging und sie deshalb die Prüfungstermine verpasste, versuchte sie es in Österreich, wo die Aufnahmeverfahren später stattfanden. In Wien klappte es. Sie kam, bestand und blieb – bis heute.
Nach zwei Jahren Tonsatzstudium, die zunächst zu absolvieren waren, wurde sie bei Francis Burt vorstellig, der für sie „damals der große Meister an der Musikuniversität“ war, wie Ming Wang erzählt. „Er hat meine Noten durchgesehen und gesagt, meine Kompositionen aus der Zeit vor dem Tonsatzstu­dium seien viel lebendiger. Er sah zwei Möglichkeiten für mich: entweder zu versuchen, eine echte europäische Komponistin zu werden – doch das würde ich nie –, oder einfach meinen eigenen Weg zu gehen. Und dafür empfahl er mir ein Studium bei Dieter Kaufmann.“

Gemischter Stil

In der Kompositionsklasse von Dieter Kaufmann hatte sie alle Möglichkeiten und lernte auch dessen Schwerpunkt, die elektronische Musik, eingehend kennen. „In China gab es damals elektronische Musik nur in der Unterhaltungsmusik, im Pop“, erinnert sich Ming Wang. Umso spannender war es für sie, die vielen Erweiterungsmöglichkeiten zur instrumentalen Musik und die große Freiheit, die die Elektronik mit sich bringt, auszukosten. Über einen längeren Zeitraum beschäftigte sie sich auch intensiv mit Musique concrète.
Die Prognose Francis Burts, so viel lässt sich heute sagen, war zutreffend. Ming Wang ist ihren eigenen Weg gegangen und hat ihren persönlichen Kompositionsstil gefunden, den sie als „sehr gemischt“ beschreibt. „Meine Musik hat viele chinesische Elemente – manchmal absichtlich, manchmal aber auch nicht. Alles, was ich in Wien kennengelernt habe, hatte Einfluss auf mich: zum Beispiel Zwölftonmusik, Klangfarbenkomposition, elektronische Mittel und all die vielen modernen Kompositionstechniken und -sprachen.“

Literatur als Inspiration

Was beim Blick auf ihr Œuvre auffällt, sind vergleichsweise viele Vokalkompositionen in frühen Jahren. „Das liegt daran“, setzt Ming Wang zur Erklärung an, „dass für mich Literatur immer sehr wichtig war. Meine Eltern waren geborene Künstler und beide auch Schriftsteller. Ich habe Gedichte als Sprache gelernt, schon als ich ganz klein war. In meiner frühen Phase als Komponistin war eine inhaltliche Unterstützung durch Literatur sehr wichtig für mich, wenn ich unsicher war, was ich schreiben sollte. Später brauchte ich diese Unterstützung dann immer weniger.“
So erklären sich auch die vielen chinesischen Titel, die sich in ihrem Werkverzeichnis finden. „Das sind oft Titel von Gedichten. In meiner Musik gibt es auch viele Zitate von traditioneller chinesischer Musik mit poetischen chinesischen Titeln, die fast nicht übersetzbar sind.“
So, wie sich in Ming Wangs Kompositionen chinesische und westliche musikalische Elemente begegnen, indem sie etwa eine chinesische Melodie chromatisiert und dadurch eine Zwölftonreihe schafft, vermischen sich immer wieder auch die Klänge von chinesischen und westlichen Instrumenten in ihren Werken. „Das macht mir Spaß“, ist Ming Wangs schlichter Kommentar dazu. „Oft hat das natürlich praktische Gründe, wenn ich einen Auftrag für eine bestimmte Besetzung erhalte. Und das kann manchmal schon eine Herausforderung sein“ – doch eine, der sie freilich gewachsen ist und die eben Spaß macht.

"Ich bin ein Zugvogel. Im Winter bin ich in Asien, im Sommer bin ich hier in Wien.“ Ming Wang

Ideen in höchster Höhe

Ihr jüngstes Werk, das zur Zeit des Gesprächs in den letzten Jännertagen gerade im Entstehen ist, kombiniert westliche Instrumente mit der chinesischen Guzheng, die Ming Wang bei der Uraufführung im Musikverein selbst spielt. Einen Titel hat das Werk bereits: „Gesang eines Zugvogels“ – und er bezieht sich auf die Komponistin selbst. „Normalerweise bin ich im Dezember oder Jänner in Taiwan, um meine Schwester zu besuchen, weil es dort im Sommer viel zu heiß für mich ist“, erklärt die Komponistin. „Da ist plötzlich diese Idee in meinem Kopf aufgetaucht: Ich bin ein Zugvogel. Im Winter bin ich in Asien, im Sommer bin ich hier in Wien.“
Ihre jüngste Reise in die alte Heimat war dann auch Inspirationsquelle für das neue Stück: „Ich sitze zwanzig Stunden im Flugzeug, das ist langweilig, und da fange ich an zu fantasieren. Es gibt ja immer so eine Fluginformation – wir befinden uns gerade über St. Petersburg, über Sibirien, über Tibet und so weiter. Ich frage mich dann immer, was dort unten wohl gerade passiert.“ – So begann sie auf diesem Flug, Ideen für das Stück zu entwickeln. Wie sie diese Ideen weiterentwickelt, Schritt für Schritt konkretisiert und letztlich in Noten gesetzt haben wird, ist am 16. April im Zyklus des Ensemble Kontrapunkte zu hören.
Ein Gemälde für die Notenausgabe des „Gesangs eines Zugvogels“ gibt es noch nicht. „Das entsteht dann ganz spontan.“

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.