Frei nach Goethe

Christoph von Dohnányi

Gerade 31 Jahre alt war Christoph von Dohnányi, als er im Dezember 1960 sein Dirigierdebüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gab. 58 Jahre später kehrt er als Grandseigneur für ein Projekt mit dem Symphonieorchester der Wiener Musikuniversität zurück. Werke von Ives, Schumann und Brahms stehen auf dem Programm. Und ein Hauch von Goethe schwingt mit.

Zahm? Aber nein, nicht wirklich. Es war eine ordentliche Prise Ironie im Spiel, als der alte Goethe für die Werkausgabe „letzter Hand“ seine Spruchdichtung durchsah, um sie unter dem Titel „Zahme Xenien“ herauszugeben. Die Xenien hatte er einst mit Freund Schiller als polemisch-angriffige Zweizeiler gepflegt. Jetzt, im Alter, gab er sich milder. Aber zahm war er deswegen noch lange nicht – nur souveräner, klüger auch durchs lange und stets durchdachte Leben, weiser und vor allem: gelassener.
Es ist kein Zufall – und wenn, dann ein sehr stimmiger –, dass Christoph von Dohnányi im ebenso entspannten wie weitgespannten Gespräch auf diesen alten Goethe zu reden kommt. Er liebe, sagt der 88-Jährige, die „Zahmen Xenien“, für ihn sei diese Spruchsammlung in ihrer pointierten Lebenswahrheit „fast wie eine kleine Bibel“. Und erst kürzlich, erzählt er weiter, habe er dem Orchester, der Berliner Staatskapelle, eine Kostprobe daraus mit auf den Weg gegeben. „Mit seltsamen Gebärden“, so Goethe in den „Zahmen Xenien“, zitiert von Dohnányi, „gibt man sich viele Pein,/ Kein Mensch will etwas werden,/ Ein jeder will schon was sein.“

Inspiration fürs Werden

Das Orchester, das da vor ihm saß, war ein junges, und ein noch jüngeres erwartet ihn jetzt in Wien. Christoph von Dohnányi arbeitet mit dem Webern Symphonie Orchester, dem Symphonieorchester der Wiener Musikuniversität, das er dann auch in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde dirigiert. Junge Leute also, die schon einiges sein mögen, aber sich zum Werden entschließen sollten. Keine Frage: Sie können sich glücklich schätzen, dass Helmut Zehetner, Universitätsprofessor für Orchestererziehung an der Musikuniversität und Mitglied der Wiener Philharmoniker, Christoph von Dohnányi für dieses Projekt gewinnen konnte. Viel Überredung brauchte es da allerdings nicht. „Ich liebe solche Orchester!“, sagt Dohnányi, und so enthusiastisch, wie er diesen Satz ausspricht, müsste man mindestens drei Ausrufezeichen hinter die Wiedergabe setzen. „Wo immer ich bin, mache ich das gern!“
In den USA, wo Christoph von Dohnányi als Musikdirektor in Cleveland zwei Jahrzehnte lang Maßstäbe setzte, folgte er Einladungen der führenden amerikanischen Musikhochschulen und leitete das Nachwuchsorchester in Tanglewood. Gerade die Arbeit dort ist ihm in schönster Erinnerung geblieben. „Ich habe Mahlers Erste Symphonie – wie jeder Dirigent – im Laufe meines Lebens oft dirigiert, aber die mit Abstand beste Aufführung gelang mit diesem Jugendorchester in Tanglewood.“ Eine Voraussetzung dafür sei natürlich gewesen, „dass ich so viele Proben hatte, wie ich wollte. Und deswegen“, der Blick richtet sich gleich wieder in die Zukunft, „haben wir gerade heute einmal in Wien angerufen, um anzusprechen, dass man dort auch genügend vorbereitet ist.“ Man wird gut präpariert sein, garantiert. Die Studierenden wissen, was sie sich selbst und einem Meister wie Dohnányi schuldig sind. Und schließlich eilt diesem Christoph von Dohnányi auch ein gewisser Ruf voraus …

Im Endlichen nach allen Seiten

Dohnányi, amüsiert bereit, das Statement aufzugreifen, bestätigt es. „Nun ja“, sagt er, „mich stört halt schlechte Intonation.“ Falsche Noten seien ihm eigentlich egal, die korrigiere ein gutes Orchester ganz von allein. „Aber Intonation ist heikler, viel schwerer zu hören. Und darauf lege ich nun einmal Wert – und zwar nur um des Klanges willen. Weil ich glaube: Der Klang entwickelt sich nicht, wenn die Obertöne nicht stimmen. Die Schwingungsbögen finden nicht zusammen, die Kuppel schließt sich nicht, das Dach wirkt wie abgerissen. Und deswegen“, sagt er, „hab ich da so ein bisschen einen Ruf – aber das macht mir nichts. Es hilft den Orchestern. Und wenn ich längere Zeit mit einem Orchester arbeite“, fügt er lachend hinzu, „werden selbst die Gequälten zugeben, dass es zum Schluss besser geworden ist.“
Wie es klingt, wenn sich die Kuppel schließt, und welche Feinheit und Freiheit des Musizierens sich darunter entfalten kann, das war gerade erst wieder in Berlin zu erleben. Brahms’ Zweite Symphonie – die Dohnányi auch mit den Studierenden in Wien erarbeiten wird – strömte da im herrlichsten Fluss: Musik aus einem Guss, bezwingend im Großen und Ganzen, gerade weil die Details unter Dohnányis Hand so prägnant modelliert waren. Auch darin steckte, so klang es, ein Stück Weisheit der „Zahmen Xenien“. „Willst du ins Unendliche schreiten,/ Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.“

Mit Elan zurück

Dohnányi ist wieder da. Nach einer fast einjährigen Pause, die er sich krankheitsbedingt hatte auferlegen müssen, ist er soeben für Konzerte mit der Staatskapelle Berlin aufs Podium zurückgekehrt. Und mehr noch: Der 88-Jährige war gleich bereit, für den nun erkrankten Kollegen Zubin Mehta einzuspringen und an der Berliner Staatsoper eine Neuproduktion von Strauss’ „Salome“ zu leiten. Premiere ist im März. Regie führt Hans Neuenfels – eine Konstellation, die für den Dirigenten auch einen speziellen Reiz hat, war es doch vor mehr als vierzig Jahren der damalige Frankfurter Opernchef Christoph von Dohnányi, der den herausfordernden Jungregisseur Neuenfels für Verdis „Macbeth“ an den Main holte. Es war Neuenfels’ zweite Musiktheaterregie überhaupt – seinem Frankfurt-Debüt 1976 sollten, kulminierend in einer bis heute nachbebenden „Aida“, noch weitere Regiearbeiten am Frankfurter Opernhaus folgen.
Zu den Frequenzen der „Salome“ von 2018 gehören so auch, historisch richtig intoniert, ein paar Schwingungen des Epochenjahrs 1968. Dohnányi, damals 39, kam genau in diesem Jahr als GMD nach Frankfurt, in die Stadt Adornos und Horkheimers, eine Hochburg des intellektuellen Diskurses, ein Zentrum des studentischen Auflebens und Aufbegehrens.

Musiktheater, neu gedacht

Den Geist des Aufbruchs machte Dohnányi damals für die Oper produktiv. „Wir hatten ein wunderbares Team im Haus, wir holten fantastische Regisseure in die Oper, ob sie nun vom Film kamen wie Schlöndorff oder vom Schauspiel wie Neuenfels, Grüber und später dann, in Hamburg, Bondy. Es herrschte eine große Offenheit für einen wichtigen Neuansatz. Die Bedeutung des Theaters in der Oper war ja bis dahin unglaublich unterschätzt worden. Unsere Devise war: Es ist besser, mit einem ,Ring‘ zu scheitern, als einen uninteressanten zu machen.“ Dohnányi bewies kühnen Mut, als er 1975 den erst 25-jährigen Peter Mussbach einlud, die „Götterdämmerung“ zu inszenieren. Zum Nachhall dieser epochalen Geschichte gehört auch das fast schon Anekdotische. „Ich saß am Premierenabend schon im Frack in meiner Garderobe“, erzählt Dohnányi, „als Mussbach mit dem Bühnenbildner Glittenberg hereinstürmte. Frage: ,Ist es in Ordnung, wenn wir im letzten Bild alles nur in Weiß machen – mit einem weißen Klavier, das wir noch hineinstellen wollen?‘“. Die Antwort konnte da nur lauten: „Raus jetzt, da wird nix mehr reingestellt!“
Dohnányi wäre freilich nicht Dohnányi, würde er eine solche Geschichte nicht auch aufs Geschichtliche abhören. Dass sich die Oper dem Theater öffnet, war und bleibt wesentlich. Aber klar ist auch, dass die Musik damit neu gefordert ist. Vom entfesselt Visuellen darf sie sich nicht unterkriegen lassen. „Dafür“, so Christoph von Dohnányi, „musste ich immer schön arbeiten.“ Und darum ist er jetzt, mit seinen 88 Jahren, so oft wie möglich in Berlin und auch schon bei Stellproben für die „Salome“ dabei.

Das Clair-obscur einer Kindheit

Viel Historisches hat er miterlebt, Historisches auch mitgeprägt. Wie wäre es, fragt man sich – und ihn –, wenn Christoph von Dohnányi seine Memoiren schriebe? Nonchalant wehrt er ab. „Ich glaube nicht, dass das notwendig ist. Und wenn ich’s wollte, dann könnte ich es nicht so gut, wie es sein müsste.“ Was damit – auch – gemeint ist, klingt im Nachsatz an, wenn Dohnányi seine Kindheit berührt. Wohlbehütet aufgewachsen in einem feinsinnigen Elternhaus, gab es da einen „kaum realisierten Druck“, ein Geheimnis, das im Zusammenspiel mit den Vorgängen draußen merkwürdig auf ihm lastete. Erst spät und schockierend hart wurde die Wahrheit auch für ihn offenbar: Sein Vater, der Jurist Hans von Dohnányi, engagierte sich im Widerstand gegen Hitler und wurde, nur wenige Wochen vor Kriegsende, am 9. April 1945 hingerichtet. Am selben Tag tötete man auch Dietrich Bonhoeffer, den Onkel Christoph von Dohnányis. Über diese Kindheit zu schreiben, dieses Clair-obscur von heller Zuwendung und dunkler Bedrängnis, das könne nur einem Schriftsteller gelingen. „Ich selbst“, sagt Dohnányi, „könnte das nicht so darstellen, dass es meinem Anspruch gemäß wäre.“

Junge Leute, alte Meister

Zu den Kindern von heute hat er einen guten Draht. Die Familie ist ihm wichtig. Mit analytischer Schärfe registriert er, vor welchen Herausforderungen die Generation seiner Enkel steht. „Die Jungen heute haben’s nicht leicht. Sie sind mit einem Riesenangebot von Dingen konfrontiert, die sich im Laufe eines Lebens als unwesentlich herausstellen.“ Das Schulsystem, ja die ganze Gesellschaft sei gefordert, „der Kreativität die Tore zu öffnen“. Das „permanente Lernen“ zu propagieren sei wohl gut und schön, meint Dohnányi, aber essenziell wichtig bleibe das eigene Erfahren-, Erleben- und Gestaltenkönnen: „kreatives Denken, kreatives Leben!“
Das gilt, auf anderer Ebene, auch für die Studierenden, denen Dohnányi jetzt in Wien begegnen wird. Intonation mag wohl wichtig sein bei diesem Projekt. Aber weit mehr noch zählt die Inspiration.
Es gibt, das weiß der wissende Dirigent Christoph von Dohnányi wie kaum ein anderer, so viel Unplanbares in der Musik. Nicht Ergründbares, Magisches und Rätselhaftes, das den Reiz ausmacht. Ein Offenes, auf das man sich vertrauensvoll einlassen darf. Auch dies frei nach Goethe. „,Manches können wir nicht verstehn.‘/ Lebt nur fort, es wird schon gehn.“
Auch den Spruch zitiert Christoph von Dohnányi am Ende eines langen Gesprächs. Zahme Xenien – und gar nicht so zahme alte Meister.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.