Brandfackeln in Brandenburg

Reinhard Goebel

54 Jahre war Reinhard Goebel alt, als er seine Karriere als Barockgeiger an den Nagel hängen musste. Seitdem ist er als Musikwissenschaftler und Dirigent aktiv und hat dabei nichts von seiner offenherzigen Radikalität verloren. Wo Goebel draufsteht, ist nach wie vor Feuer, Präzision und jede Menge Wissen drin.

Am 4. November 1987 hat es Reinhard Goebel allen gezeigt: Er ist der schnellste Barockgeiger auf der Welt und seine Musica Antiqua Köln ein Ensemble, das jeden Bach-Wettlauf gewinnt. An diesem Tag erschien eine Doppel-CD mit Bachs „Brandenburgischen Konzerten“, von Goebel und seiner Truppe in 105 Minuten durchgepeitscht. Rekord. Und gut gespielt dazu. Eine atemberaubende Parforcejagd durch Brandenburg, ein 35-Jähriger im Zenit seiner Darmsaiten-Virtuosität. 30 Jahre danach, wir schreiben das Jahr 2017: Wieder bringt Reinhard Goebel die sechs „Brandenburgischen“ vor die Mikrophone, in zum Teil „orgiastischen Aufnahmesitzungen“, wie er sagt – und wieder geht es temperamentvoll bis rasant zu, klanglich aber doch ganz anders. Diesmal wirkt Goebel nur noch als Dirigent mit, es spielen die Berliner Barock Solisten, also Musiker der Berliner Philharmoniker gemeinsam mit hochkarätigen Solisten wie dem Bratscher Nils Mönkemeyer oder dem Flötisten Jacques Zoon. So sehr einst die 1987er-Einspielung die Hörer schockierte und die Gemüter erhitzte – diese Tempi, unmöglich! –, so einhellig wird nun Goebels zweiter Streich in Sachen „Brandenburgische Konzerte“ gefeiert. „Die Berliner Barock Solisten unter Reinhard Goebel musizieren Bach auf Instrumenten von heute. Das geht – und wie!“, ist auf „Zeit online“ zu lesen; „hitzig, aber trotzdem informiert, mit Bedacht und Besonnenheit“, so die CD-Kritik des Hessischen Rundfunks. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Saiten-, Seiten-, Szenenwechsel

Dreißig Jahre zwischen Brandenburg I und Brandenburg II, viel Wasser ist da den Rhein hinabgeflossen in Köln, der Stadt, die seinerzeit als Hotspot der historisch informierten Aufführungspraxis galt. Verantwortlich dafür war in erster Linie Reinhard Goebel, Deutschlands versiertester Barockgeiger. 1973 gründete er die Musica Antiqua Köln, ein legendär gewordenes Ensemble, das schon vor dem Bach-Schock 1987 Maßstäbe setzte in Sachen Vitalität und auch Repertoireneugierde. Die war Goebel immer ungemein wichtig: Telemann, Biber, Schmelzer, Heinichen und etlichen Barockmeistern mehr widmete er verdiente Aufmerksamkeit.
1990 dann staunte die Musikwelt erneut. Reinhard Goebel litt an einer Handlähmung der Griffhand. Für andere Geiger das Ende, für ihn, der immer schon unkonventionell ans Werk ging, die Aufgabe umzulernen. Die Griffhand wurde die rechte, die absolute Virtuosität war so aber nicht mehr zu erreichen. 2006 dann kam das endgültige Aus für den Barockgeiger Goebel. Diesmal war es eine fokale Dystonie in der linken Hand, das Kapitel Violine war damit erledigt. Und das Kapitel Musica Antiqua Köln (MAK) gleich mit, Reinhard Goebel löste nach 33 Jahren das Kult-Ensemble auf. Wobei sein unkontrollierbar gewordener vierter Finger nicht der alleinige Grund war, wie er dem Autor in einem Interview für die „Frankfurter Rundschau“ verriet: Nur „ein Zehntel“ habe der Entschluss mit seiner Handlähmung zu tun gehabt. Zu den anderen Zehnteln aber zählte er unter anderem „die immer trashiger werdende Alte-Musik-Szene und die immer kürzer werdende Halbwertszeit der Solisten und Gruppen – jedes halbe Jahr muss ja eine neue italienische Boy-Group kommen und die Chaconnen am laufenden Meter abliefern. Und so geht das weiter.“

Goebel spricht Klartext

Der Groll des damals 54-Jährigen ist deutlich spürbar in diesen Sätzen. Goebel spricht Klartext, das war und ist schon immer eine seiner großen Qualitäten. Wo andere in der Etablierung der Alte-Musik-Szene ab den 1990er Jahren einen großen Fortschritt sehen, sieht er eine reine „Karnevalisierung“. So geht seine heißblütige Philippika gegen das in seinen Augen wahl- und kriterienlose Treiben der Originalinstrumente-Ensembles folgendermaßen weiter: „Lassen Sie mich das so sagen: Barockmusik ist ubiquitär, vor allem wenn es sich um Händel-Opern handelt, die am Band produziert werden wie Hollywood-Filme. Aber das ganz gehobene Repertoire des 18. Jahrhunderts, für das ich zuständig war, findet immer weniger statt. Es werden einfach keine strengen Maßstäbe mehr angelegt, jeder kratzt auf seiner Fiedel mit. Hören Sie irgendeine alte Aufnahme der Musica Antiqua an, meinet­wegen von 1975: Da wird besser gespielt als heutzutage. Ich habe kein Interesse mehr daran, meine kreativen Kräfte in solch einem Markt aufzuscheuern. Wenn Reinhard Goebel Crossover machen würde, mit den polnischen Sackpfeifen und ein slowakisches Folk-Ensemble tanzt dazu, ja, das ginge, denn das sehen die Plattenfirmen heute als marktgerechte Alte Musik. Aber für Triosonaten von Jean-Marie Leclair, ganz große Musik, echtes Kernrepertoire, muss ich mir die Finger wund telefonieren. Schluss, aus: Ich habe genug Prägendes hinterlassen auf diesem Gebiet, ich will nicht mehr Geige spielen und habe mir etwas Neues gesucht.“

Heraus aus der Müsli-Ecke

Ist für ihn also nicht die Saat aufgegangen, die er in Köln gesät hat, indem er durch sein bis ins Extrem energiegeladenes Musizieren auf alten Instrumenten mit dafür gesorgt hat, dass die Alte Musik aus der Müsli-Ecke herauskommen durfte? „Saat, ach was, bleiben Sie auf dem Teppich!“, so schimpfte Goebel im FR-Interview. „Im Gegenteil, aus dem ,Speziellen‘ des Barockmusizierens ist ein ubiquitärer Unsinn geworden, wo es keinerlei Auswahlkriterien mehr gibt, jede Kraft, die gerade noch eine Geige halten kann, wird in ein Barockensemble aufgenommen. Ja es gibt sogar schon Barock-Ärzteorchester! So wenn wir uns nach Feierabend hinsetzen und ein bisschen Zysten operieren würden. Ich sage es noch einmal: Hören Sie unsere alten Aufnahmen an und entscheiden Sie, ob jemals danach besser gespielt worden ist, ob nach uns vitalere ,Brandenburgische Konzerte‘ aufgenommen wurden.“ Und den launigen Zwischenruf, dass es zumindest keine schnelleren „Brandenburgischen“ gegeben habe, konterte er: „Aber das müssen Sie so erst einmal spielen können! Und wir konnten es damals. Doch wie bei Olympiasiegern die Form nicht ewig anhält, sind auch bei mir die manuellen Ermüdungserscheinungen mittlerweile einfach unüberhörbar. Schon seit langem. Aber die geistigen Kräfte sind noch da, das ist das Problem. Ich kann mich noch nicht an den Nordfriedhof legen.“ Soweit O-Ton Goebel aus dem Jahr 2006.

Frischzellenkur für Orchester

In den folgenden Jahren wechselte Reinhard Goebel also nicht an den Nordfriedhof, sondern lediglich die Seite. Nicht als Musikwissenschaftler – im Gegenteil, er wurde seitdem immer akribischer im Befragen historischer Quellen –, aber als Musiker. Seine Violinen hat er verkauft, sein neuer Job sieht ihn am Dirigentenpult, und zwar von auf modernen Instrumenten spielenden Orchestern. Ist das nicht ein kompletter Bruch mit dem, für das Reinhard Goebel, Deutschlands Ikone der Early Music, bisher gestanden ist? „Nein, auf die Sonate folgt die Symphonie, eine ganz logische Entwicklung. Ich bin der Geigenspezialist für das 18. Jahrhundert, und moderne Orchester brauchen hier eine Frischzellenkur in Repertoireerweiterung. Sonst sitzen die demnächst nur noch auf Mahler-Symphonien rum, weil alles andere ihnen weggegrabscht wurde von anderen Ensembles.“

Wie man Wissen schafft

Jetzt also seine neuen „Brandenburgischen Konzerte“ mit den Berliner Barock Solisten, mit denen Reinhard Goebel im April nach Wien kommen wird. Erklingen werden, natürlich, moderne Instrumente, ganz im Sinne des einstigen Darmsaiten-Geigers, für den das Originalinstrument heute keine Qualität mehr an sich ist. Auf Äußerlichkeiten wie Barockbogen, Darmsaiten oder den fehlenden Stachel am Cello lege er nicht den geringsten Wert, „es interessiert mich überhaupt nicht“. Die Frage des historisch „korrekten“ Instruments ist also für ihn unwichtig geworden, die Frage des historisch korrekten Musizierens dagegen keineswegs. Er ist immer noch davon überzeugt, dass allein das Wissen um die Musik, die Zeit, die Umstände, die Gesellschaft zu einem gültigen Ergebnis führen kann. „Bach begann vor ungefähr 300 Jahren, seine ,Brandenburgischen Konzerte‘ niederzuschreiben. Das ist 300 Jahre her, und niemand ist per se durch irgendwas oder Handauflegen mit diesem Mann verbunden. Wir haben ihn zu studieren. Wir können nicht sagen: ,Ich bin von Natur aus sehr Bach-affin‘. Auch in meinem Kollegenkreis gibt es ja solche, die von sich glauben, sie seien eine Originalquelle.“
Echte Originalquellen legt er seinen Studierenden am Mozarteum Salzburg auf den Tisch – im Herbst 2010 wurde Reinhard Goebel dort zum Nachfolger von Nikolaus Harnoncourt als Professor für historische Aufführungspraxis berufen. Ein Feld, auf dem noch viel zu tun ist, der 66-Jähgrige wird wieder gewohnt deutlich in einem Interview mit dem VAN-Magazin: „Diese junge Generation ist zum Teil so maßlos unbeschlagen, dass es schon fast wehtut. Es ist ihnen nie vorgemacht worden, etwas erklären zu müssen, außer sich selbst. ,Ich will das so, also machen wir es jetzt so.‘ So fängt das an. Die Selbstverliebtheit und Selbstvernarrtheit der Musiker.“ Ob er ein Besserwisser sei, wurde er da zum Abschuss gefragt. Besserwisser sei ja pejorativ, also etwas Schlechtes, so seine Antwort. „Ich glaube, die meisten haben schon Angst vor mir, weil ich ein Wisser bin.“

Stefan Schickhaus
Stefan Schickhaus lebt als freier Musikjournalist in Wiesbaden und schreibt regelmäßig für die „Frankfurter Rundschau“.