Vom „Geheimtipp“ zur „ersten Klasse“

Alexander Zemlinsky

Seit drei Jahrzehnten hat der Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wesentlichen Anteil an der Verbreitung der Werke Alexander Zemlinskys. Rund um den Geburtstag des in die Emigration getriebenen großen Wiener Komponisten und zu dessen 75. Todestag würdigt die Gesellschaft der Musikfreunde Zemlinsky mit zwei Konzerten und einem Vortrag.

Viele Jahre war er „nur“ ein „Geheimtipp“ von Wissenden, dann wurde ihm eine Zeitlang eine Position „gleich hinter den ganz Großen“ zugewiesen, und heute, 75 Jahre nach seinem Tod, sind die Wissenden überzeugt, in ihm einen Komponisten der „allerersten Klasse“ vor sich zu haben: „Er“ ist Alexander Zemlinsky. Und die Gesellschaft der Musikfreunde kann stolz darauf sein, an diesem „Aufstieg“, besser: an dieser Bewusstseinsbildung wesentlich mitgewirkt zu haben.
In den vergangenen dreißig Jahren sind viele Initiativen, Zemlinskys Œuvre weltweit (besser) bekanntzumachen, vom Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ausgegangen, der 1989 von der damals 89-jährigen Witwe des Komponisten, Louise Zemlinsky, gestiftet wurde und folgenden Zwecken zu dienen hat: der „ideellen und finanziellen Förderung der Verbreitung der Werke Alexander Zemlinskys“, der „Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeit über sein Werk und sein Wirken“ sowie der „quellenkritischen Edition seiner Kompositionen“. Neben dem Egon-Wellesz-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde beheimatet der Musikverein also eine weitere Vereinigung, die sich der „Heimholung“ eines der Großen der österreichischen Musikgeschichte annimmt, die 1938 von den Nationalsozialisten ihrer Heimat beraubt und in die in jeder Hinsicht „fremde“ Emigration getrieben wurden.

Der Vielgefragte

Alexander Zemlinsky wurde am 14. Oktober 1871 in Wien in eine ungarisch-jüdische Familie geboren, studierte von 1884 bis 1892 am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde Klavier, Musiktheorie sowie Komposition und dirigierte am 11. Juli 1892 im Großen Musikvereinssaal den 1. Satz seiner Abschlussarbeit, einer Symphonie in d-Moll. Zwei Jahre vorher bereits hatte er das Klavierstudium mit Auszeichnung beendet und dabei „als Prämium ein von Herrn Ludwig Bösendorfer gespendetes neues Clavier“ erhalten. Nach Abschluss seiner Studien wirkte er in Wien als Dirigent und Pianist, 1896/97 feierte er seinen ersten internationalen Erfolg als Komponist, als seine Oper „Sarema“ den Luitpoldpreis gewann und 1897 in München uraufgeführt wurde. Im Jänner 1900 folgte ein weiterer Höhepunkt: Gustav Mahler dirigierte Zemlinskys Oper „Es war einmal …“ an der Wiener Hofoper.
Im Herbst desselben Jahres wurde Zemlinsky Chefdirigent am Wiener Carl-Theater, 1903 Dirigent am Theater an der Wien, im Herbst 1904 wechselte er als Musikdirektor an die Wiener Volksoper. Im Mai 1907 berief ihn Gustav Mahler an die Hofoper, dann wirkte er ab 1908 wieder vornehmlich an der Volksoper, da Mahlers Nachfolger Felix von Weingartner kein Interesse für ihn zeigte. Im Sommer 1911 dirigierte er bei Max Reinhardts Operettenfestspielen im Münchner Künstlertheater, und im September jenes Jahres wurde er Erster Kapellmeister des Prager „Neuen Deutschen Theaters“, an dem er große Erfolge feierte und ein hervorragendes Opernensemble heranbildete. Ab 1920 war er noch Rektor – sowie Professor für Dirigieren und Komposition – an der Prager deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst.
1927 wechselte er als Erster Kapellmeister an die Berliner Kroll-Oper, wo etwa auch Otto Klemperer (als Musikdirektor), Erich Kleiber und George Szell tätig waren, daneben dirigierte er als Gast an internationalen Opernhäusern und leitete ab 1928 die Chorklasse der Berliner Akademie der Künste. 1931 schloss die Kroll-Oper aus wirtschaftlichen Gründen ihre Pforten, wodurch Zemlinsky vermehrt internationale Engagements als Gastdirigent annehmen konnte, die sich allerdings 1933, nach der Machtübernahme Hitlers, auf das „Ausland“ beschränkten. So verließ er Berlin, dirigierte einige Konzerte in Prag und kehrte im Herbst nach Wien zurück. Hier wirkte er wieder als Dirigent und Klavierbegleiter, konnte aber keine fixe Anstellung mehr erlangen. Im Herbst 1938 emigrierte er schließlich über Prag nach Amerika, wo er aber, heimatlos und immer mehr entmutigt, bald erkrankte und am 15. März 1942 in Larchmont (New York) starb.

Der Urmelodiker

Zemlinsky, knapp drei Jahre älter als Arnold Schönberg, war in jungen Jahren dessen Lehrer und Freund, später auch sein Schwager. Stilistisch fußt er wie Schönberg auf den spätromantischen Kompositionen eines Richard Wagner oder Gustav Mahler und entwickelte deren Tonsprache zu einem sehr gefühlsbetonten und expressionistischen, die Harmonik kühn schärfenden Musikstil weiter, ohne den Schritt in die Atonalität zu wagen. 1921 sang niemand Geringerer als Franz Werfel sein Lob: „Mit Staunen sah ich, daß in der neuen Musik ein Urmelodiker lebt, ein Mann, der nicht seine patentierten Klangkombinationen verschleißt, […] einer, der unverbogen singt und singen muß.“
Dieses „Singen“ prädestinierte ihn insbesondere für groß angelegte Vokalkompositionen, von denen die Opern „Es war einmal …“, „Kleider machen Leute“, „Eine florentinische Tragödie“, „Der Zwerg“ und „Der Kreidekreis“ sowie die „Lyrische Symphonie“ mit großem Erfolg aufgeführt wurden. Die hinterlassene und von Antony Beaumont fertiggestellte Oper „Der König Kandaules“, die unter anderem an der Wiener Volksoper mit großem Erfolg zur Aufführung gelangte, und weitere, kleiner angelegte Vokalwerke wie seine drei Psalmvertonungen, zwei „traditionelle“ Symphonien, Orchesterwerke, Kammermusik und zahlreiche Lieder ergänzen seine Werkliste.

Der Ahnherr

Zemlinsky, als Jude bei den nationalsozialistischen Machthabern verpönt und in der Nachkriegszeit vergessen, wird heute, nach seiner „Rehabilitierung“ und Wiederentdeckung, weltweit als einer der bedeutendsten Vertreter der hochexpressionistischen Endphase der tonalen Musik gesehen. Sein hoher Sinn für klangliche Auslotungen des Instrumentariums, für kunstvolle vielstimmige Entwicklungen und für jenes hypersensible Irisieren der orchestralen Landschaft, das dann von so vielen Nachfolgern bereitwillig übernommen wurde, stempelt ihn zu einem echten Ahnherrn der Musik des 20. Jahrhunderts.
Das wurde allerdings nicht immer so gesehen: Viele Jahre war er den „Konservativen“ zu modern und den „Neutönern“ zu konservativ. Und sein frühes Weggehen aus Wien führte dazu, dass er in seiner Heimatstadt schnell (und gern) vergessen wurde, was ihn 1921 in Prag die tragische Frage von sich geben ließ: „Bin ich kein Wiener? Nicht einer der echtesten in jeder Beziehung?“ Und 1932 bekannte der hochrangige Wiener Musikjournalist Paul Stefan, an sich ein Bewunderer von Zemlinskys Musik: „Er wird nun sechzig. Nach wie vor ein Suchender. Wir aber, wir haben ihn auch noch nicht gefunden.“ (Lange Zeit wurde Zemlinskys Geburtsjahr mit 1872 angegeben und immer wieder ohne Prüfung übernommen.)

Der Musikmime

Auch als Dirigent war Zemlinsky einer der ganz Großen, was uns etwa Igor Strawinsky so schön vermittelt: „Ich glaube, von allen Dirigenten, die ich je gehört habe, würde ich Alexander von Zemlinsky als den überragenden Dirigenten wählen, der die höchsten Ansprüche erfüllte; und das ist ein reifes Urteil.“ Zemlinsky spornte seine Musiker durch sein eigenes, überaus faszinierendes „Mitgestalten“ der Musik zu Hochleistungen an, wie der Prager Regisseur Louis Laber berichtet: „Sein Gesicht beim Dirigieren! […] Zemlinsky mimt dort unten am Pulte die ganze Oper, alle Rollen; er lacht, macht ein grimmiges Alberich-Gesicht, spielt Wotans würdevolle Haltung, ziseliert die anmutigen Linien des Papageno-Papagena-Duettes etc.“
Die wenigen Aufnahmen von seinen Dirigaten, die uns erhalten geblieben sind, geben zudem Zeugnis von einem Wissen um die historische Aufführungspraxis, das sogar das ,alte‘ Rubato des 18. Jahrhunderts betraf, das Offbeat-artige Verziehen der Oberstimme gegen die gleichmäßig im Takt voranschreitende Begleitung; es lässt uns erahnen, dass Zemlinsky am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde einiges mehr über interpretatorische Traditionen älterer Jahrhunderte erfahren hat als so mancher Kapellmeister unserer Tage an hochgelobten Musikuniversitäten.

Der Leidenschaftliche

Die Faszination, die der Dirigent Zemlinsky durch seine „über Berge tragende Phantasie“ und durch seine „Leidenschaft und abermals Leidenschaft und nochmals Leidenschaft“ (Erich Steinhard) versprühte, durchzieht auch alle seine eigenen Werke, und Mitte Oktober gibt es im Musikverein die Gelegenheit, diese Faszination in zweien seiner bedeutendsten Werke kennenzulernen.
Am 14. Oktober interpretieren Cornelius Meister und das ORF RSO Wien die 1902/03 komponierte symphonische Dichtung „Die Seejungfrau“ nach einem Märchen von Hans Christian Andersen, die am 25. Jänner 1905 – gemeinsam mit Schönbergs symphonischer Dichtung „Pelleas und Melisande“ – in einem Konzert der von den beiden Komponisten gegründeten „Vereinigung schaffender Tonkünstler“ unter der Leitung Zemlinskys zur Uraufführung gelangte und sofort den Widerstand des reaktionären Wiener Publikums hervorrief. Und auch die Kritik konnte sich mit dem Werk nicht anfreunden, das mittlerweile als eines der Hauptwerke der Spätphase der Gattung „Symphonische Dichtung“ gilt, die hier in einer Apotheose verschmähter, aber niemals wankender selbstloser Liebe gipfelt.

„Sein Gesicht beim Dirigieren! […] Zemlinsky mimt dort unten am Pulte die ganze Oper, alle Rollen; er lacht, macht ein grimmiges Alberich-Gesicht, spielt Wotans würdevolle Haltung, ziseliert die anmutigen Linien des Papageno-Papagena-Duettes etc.“ Louis Laber 

Der Zurückgekehrte

Und am 16. Oktober spielt das – im Musikverein seit Jahrzehnten beheimatete und unter anderem durch meisterhafte Interpretationen der „klassischen Moderne“ hervortretende – Ensemble Kontrapunkte unter seinem Dirigenten Peter Keuschnig Zemlinskys „Sinfonietta“, op. 23, die der Komponist zwischen März und Juli 1934 verfasste, also knapp nach seiner Rückkehr nach Wien und vier Jahre vor seiner endgültigen Entwurzelung. Sie setzt den furchtbaren, politisch bedingten Erfahrungen der vorangegangenen Monate ganz bewusst eine zwar prinzipiell lebensbejahende Musik entgegen, lässt bisweilen aber auch die Schrecken der Zeit einfließen und gilt uns heute als eines der wichtigsten Dokumente dafür, wie sich persönliche Erfahrungen und Stimmungen in einem dem äußeren Anschein nach „autonomen“ Musikwerk widerspiegeln können.

Hartmut Krones
Emer. o. Univ.-Prof. MMag. Dr. Hartmut Krones leitete das Institut für Musikalische Stilforschung (mit den Abteilungen „Stilkunde und Aufführungspraxis“ und „Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg“) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er ist Vorsitzender des Egon-Wellesz-Fonds sowie Mitglied des Komitees des Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.