Musik fürs Leben

 Franz Welser-Möst und das Cleveland Orchestra

Wozu sind Geburtstage gut? Zum Beispiel dafür, das ganz Besondere zu sehen: das Eigene und Typische, das den auszeichnet, der gefeiert wird. Das gilt für Persönlichkeiten, das gilt für Institutionen. 2018 wird das Cleveland Orchestra hundert Jahre alt. Im Musikverein lässt es hören, was es so speziell macht. Franz Welser-Möst hat daran großen Anteil.

100! Die „Clevelander“, wie sie ihr Chef liebevoll nennt, wollten diesen Geburtstag unbedingt mit ihm feiern: Franz Welser-Möst, Musikdirektor seit 2002 und (einstweilen) bis 2022, führt die Jubilare nach Wien. Und ein Geburtstagsfest steht an, wie es noch kein amerikanisches Orchester in Europa gefeiert hat. Nicht weniger als neun Musikvereinskonzerte gibt das Cleveland Orchestra in seiner Jubiläumssaison. Im Frühjahr 2018 präsentiert es mit Welser-Möst sein komplettes „Prometheus-Projekt“, in dem mehr steckt als nur eine Aufführung aller Beethoven-Symphonien. Dem stehen vier Konzerte zum Saisonstart gegenüber: Programme mit Beethoven, Strawinsky und Mahler, dazu, an gleich zwei Abenden, Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ in einer Opernproduktion der Sonderklasse. Ja, so dynamisch kann man hundert werden.

Hochkultur, tief verankert

Zu den „Big Five“, den fünf großen Orchestern Amerikas, gehört das Cleveland Orchestra unbedingt. Als das Orchester gegründet wurde, zählte auch die Stadt zu den fünf größten in den USA. Das hat sich gravierend geändert. Cleveland ist mittlerweile, mit rund 400.000 Einwohnern, auf Platz 48 zurückgefallen. Dass das Orchester unter diesen Umständen seinen Spitzenrang behalten, wenn nicht gar ausgebaut hat, ist schon eine der großen Besonderheiten. „Cleveland“, sagt Franz Welser-Möst, „ist die einzige Stadt Amerikas, die sich im wirtschaftlichen Abschwung hinter einer Kulturinstitution versammelt und sich ganz mit ihr identifiziert hat.“
Diese Unterstützung kommt nicht von ungefähr. Auch als weltweit gefeiertes Spitzenorchester haben sich die „Clevelander“ nie elitär abgesetzt, sondern stets sozial verankert und verantwortlich gefühlt. „Die Gründungsidee“, erklärt Franz Welser-Möst, „hieß: educational purposes! Die zwei großartigen Damen, denen wir die Gründung 1918 zu verdanken haben, hatten erst einmal das im Sinn: die große symphonische Musik an junge Menschen weiterzugeben.“ Ihr Engagement zielte nicht nur aufs Hören, sondern genauso aufs aktive Musizieren. Junge Leute aus unterprivilegierten Schichten wurden mit Instrumenten ausgestattet. „Es gibt“, erzählt Welser-Möst, „Fotos aus dieser Zeit, die ich unglaublich berührend finde: Kinder, gleich welcher Hautfarbe, nebeneinander aufgefädelt, jedes mit einer Geige in der Hand. Wir reden heute über ,El Sistema‘ von Venezuala. Das hat damals schon in Cleveland stattgefunden.“

Was prägt und trägt

Dieser Gründungsgedanke prägt und trägt. Nach vorne zu schauen, Neues zu wagen, die Kunst dorthin zu bringen, wohin sie eigentlich gehört, in die Mitte des Lebens … Es sind diese Ideen, die Franz Welser-Möst und das Cleveland Orchestra ihr großes Jubiläum so begehen lassen, wie sie’s jetzt tun. „Wir wollen uns nicht selbst feiern, uns nicht sozusagen in Selbstbeweihräucherung ergehen, sondern in die Zukunft schauen und sagen: Es gibt eine Zukunft! Das ist die echte Tradition des Orchesters.“
„Launch of the second century“ heißt denn auch das Motto fürs Jubiläum, Start des zweiten Jahrhunderts, und hinter dem kreativ sprudelnden Initiativgeist steckt ein starkes Bekenntnis, eine leidenschaftliche Antwort auf die Grundsatzfrage: „Was ist unsere Relevanz, als Orchester, für die Gesellschaft heute? Und die Relevanz“, so Franz Welser-Möst, „kann nur sein, dass wir Menschen ein Angebot machen, große Kunst zu erleben. Das heißt: ihnen, für ihr individuelles Leben, eine Bereicherung zu geben und damit – vielleicht – auch die Möglichkeit, über ihr Leben anders zu reflektieren.“

Die Siegel lösen

Das ist die Dimension, die auch sein eigenes Selbstverständnis prägt. Franz Welser-Möst war nie ein L’art-pour-l’art-Künstler oder einer, der sich in Fragen der Machart verloren hätte. Stets ging es ihm um die Bedeutung der Kunst fürs Leben: den politischen Kontext und die philosophische Implikation, die geistige Welt, die spirituelle Tragweite.
Auch im Musikverein, in dem er seit mehr als dreißig Jahren zu Hause ist, kennt und schätzt man ihn so, und geradezu programmatisch erscheint da im Rückblick schon sein erstes Gesellschaftskonzert 1985 mit Franz Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“. Welser-Möst ist einer geblieben, der die Siegel lösen will. Nur so ist das Buch zu lesen, nur so findet sich die Botschaft hinter den Buchstaben. Es gilt – dafür sind die Siegel das Symbol –, aus dem Materiellen die Kraft zur Transzendenz zu lösen. Wie sonst könnte sich die Möglichkeit eröffnen, „anders“ übers eigene Leben zu reflektieren?
Franz Welser-Möst und sein Cleveland Orchestra gehen diesen Weg mit großer Konsequenz. In ihren neun Musikvereinskonzerten wird es durchwegs erkennbar sein – am augenfälligsten im Frühjahr 2018, wenn sich fünf Beethoven-Abende zum „Prometheus-Projekt“ bündeln. „Beethovens Musik“, sagt Welser-Möst, „ist Philosophie, in Töne gegossen.“ Und dieser Philosophie soll nachgespürt werden: nicht in historischen Exkursionen, sondern, so weit wie möglich, in existenzieller Erfahrung. Prometheus ist die Figur dazu. Der Feuerbringer steht für das Menschenmögliche: in seiner Freiheit wie in seiner Bedingtheit.

Nichts weniger als eine neue Kunstform

Philosophie, in Töne gegossen: Das ist auch Leoš Janáčeks Oper „Das schlaue Füchslein“, mit der das Cleveland Orchestra seine Herbstsession im Musikverein eröffnet. Die Produktion, die in den USA Furore machte und die Kritik bis zur „New York Times“ begeisterte, ist im Musikverein erst- und einmalig in Europa zu sehen. Viel zu bescheiden – man muss es zugegeben –, war sie in der Musikvereinsvorschau als „halbszenische Aufführung“ angekündigt worden. Nichts Halbes steckt darin. Aber wie ist das Ganze zu beschreiben? „Ich konnte mir’s vorher auch nicht richtig vorstellen“, erzählt Franz Welser-Möst, „doch als ich zum ersten Mal sah, was diesem genialen Yuval Sharon da gelungen ist, war ich vollkommen hingerissen. Es ist wie die Erschaffung einer neuen Kunstform, ich kann’s nicht anders ausdrücken.“
„Opera – Theater – Video“: Mit diesen Schlagworten stellt sich Sharon selbst auf seiner Website vor. Der junge Amerikaner, der 2018 mit „Lohengrin“ sein Regiedebüt in Bayreuth geben wird, setzte beim „Schlauen Füchslein“ für Cleveland stark auf filmische Mittel. Das Wunderbare dabei: Nie sind die Visualisierungen bloße Illustration, sondern Wege, so Welser-Möst, „noch viel tiefer in die Musik einzutauchen“.

Zutiefst berührend

Das Erlebnis, das Yuval Sharon mit seiner multimedialen Produktion ermöglicht, führt ins Innerste der Geschichte, die Interpretation folgt der Schwingung der ursprünglichen Inspiration. Es waren Bildergeschichten, Cartoons in einem Wochenmagazin, die Janáček zu dieser Oper anregten, und diese Ebene holt Sharon in bewegten Bildern zurück. Tier- und Menschenreich, die „Dualität der zwei Welten, die“, so Welser-Möst, „das Werk prägt“, wird so auch ganz anders erfahrbar als bei realistischen Inszenierungen. Nichts also von Mummenschanz in Fellkostüm und Federkleid, nichts von „lustigem Tiergehopse“. „Es gibt, um nur ein kleines Beispiel zu nennen, am Anfang der Oper das kurze Ballett der blauen Libelle. Diese Produktion schafft, was auf keiner Opernbühne möglich ist: Man glaubt, mit dieser Libelle mitzufliegen! Oder: Wenn das Füchslein stirbt, dann hat man wirklich das Gefühl, dass seine Seele entschwebt – ich will nicht alles verraten, aber das ist ein zutiefst berührender Moment, wie ich ihn auf keiner Opernbühne, in welchem Stück auch immer, je erlebt habe. Ich kann nur sagen“, so Franz Welser-Möst: „Man muss es einfach gesehen haben. Sonst weiß man nicht, was es wirklich ist.“

Mehr als nur Genuss

Philosophie in Töne gegossen: Janáčeks „Schlaues Füchslein“ ist dies unbedingt. Lebensphilosophie, Existenzanalyse, Theodizee, all das steckt in dieser Fabel, die in eindringlicher Direktheit einen Weg zum Einverständnis mit dem Kreatürlichen bahnt. „Das ist“, so fasst es Franz Welser-Möst zusammen, „ein Sterben und Werden und wieder Sterben und wieder Werden …“ Der Mensch ist darin eingebunden wie jedes Füchslein, jede Libelle.
Die anderen Werke, die das Cleveland Orchestra in seiner Herbstresidenz mit nach Wien bringt, sind davon nur scheinbar weit entfernt. Mahlers Sechste, Strawinskys „Sacre“ und Beethovens Opus 132, das (chorisch gespielte!) späte Streichquartett mit dem „Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“ – sie alle machen, auf ihre Weise, das Leben zum Thema.
Auch in Wien werden Welser-Mösts Konzerte mehr sein als nur Genuss. Ein Angebot, Kunst im wahrsten Sinne zu erleben. Eine Einladung, inspiriert von Musik, anders übers eigene Leben zu denken.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Franz Welser-Möst über Leoš Janáčeks Oper „Das schlaue Füchslein“

Die Produktion, die in den USA Furore machte und die Kritik bis zur „New York Times“ begeisterte, ist im Musikverein erst- und einmalig in Europa zu sehen. 

Termine:
Donnerstag, 19. Oktober 2017, 19.30 Uhr
Freitag, 20. Oktober 2017, 19.30 Uhr

Für noch mehr Hintergründe zum Gastspiel des Cleveland Orchestra lesen Sie unseren Artikel "Musik fürs Leben" aus dem Musikfreunde Magazin September/Oktober 2017.