Harmonische Kriege und brillantes Miteinander

Konzertante Symphonien von Haydn, Mozart und Beethoven

Die konzertante Symphonie zählte zu den beliebtesten ­Gattungen der Klassik. Im Schaffen von Mozart, Haydn und Beethoven spielt sie eine zahlenmäßig marginale, musikalisch aber heraus­ragende Rolle: Walter Weidringer über Unterhaltung mit Tiefgang für zwei, drei und vier Solisten mit Begleitung des Orchesters.

Concertare? Streiten, wetteifern, kämpfen, wissen die alten Lateinerinnen und Lateiner sämtlicher Jahrgänge – und leiten von diesem Begriff deshalb sowohl das Konzert als musikalische Veranstaltung im Ganzen ab als auch die gleichnamige musikalische Gattung. Ob sich wohl manche humanistisch gebildeten Konzertbesucher insgeheim langweilen, wenn die tönenden Konflikte, die ihnen dargeboten werden, dann doch etwas weniger gladiatorenartig vehement ausfallen, als es das kriegerische Vokabel vermuten ließe? Harmoniebedürftigere Musikliebhaber mit romanistischer Ader hören im Konzert deshalb lieber das italienische concertare heraus. Seit 1519 in musikalischem Zusammenhang nachweisbar, bedeutet es eigentlich das Gegenteil seines lateinischen Ahnen: zusammenwirken, in Übereinstimmung bringen, miteinander abstimmen, zusammenspielen – von Instrumenten nämlich, die klanglich harmonieren und deshalb ein taugliches Ensemble bilden. Das Concerto war zunächst sowohl die Gruppe der Ausführenden als auch die Musik, die diese zum Besten gab. Ähnlich großzügig wurde einst der Begriff Symphonia, Sinfonia, Symphonie, Sinfonie benutzt und verstanden, denn das griechische Wort sýmphoˉnía bedeutet nicht mehr als: Übereinstimmung, Harmonie; und sýmphoˉnos zusammenklingend.
Konzert und Symphonie bedeuten vom Wortsinn her also eigentlich dasselbe? Solche Begriffsverwirrungen hätte sich unsere Schulweisheit nicht träumen lassen! Die ist es ja gewöhnt, zwischen den beiden Gattungen säuberlich zu trennen – und sie behält damit auch Recht, zumindest für einen Großteil der Musikgeschichte, das vielgeliebte Kernrepertoire vom Barock bis zur Gegenwart. Hier haben sich die beiden Genres voneinander abgelöst: das Konzert mit seinem virtuosen Solisten, der dem Orchester in einem üblicherweise dreisätzigen Dialog Paroli bietet; und die Symphonie, in der das Orchester allein in zumeist vier Sätzen seine musikalischen Themen verhandelt. Und wo dabei das Zusammenklingen harmonischer oder die wohltönende Auseinandersetzung kühner wäre, das muss jeder und jede für sich im Einzelfall erlauschen.

Mozarts Liaisons françaises

Verblüffend ist allerdings, dass Symphonie und Konzert in einem bestimmten Umfeld aufs Neue zusammengefunden haben – zur französischen Symphonie concertante, italienisch Sinfonia concertante genannt, also: zur konzertanten Symphonie. Das bürgerliche Pariser Konzertpublikum ergötzte sich nämlich ab den 1770er Jahren zur Abwechslung auch mit besonderem Vergnügen an den virtuosen Solisten im Orchester – zunächst an Streichern, dann auch an den selbständig gewordenen Bläsern. Meist waren es zwei bis vier Instrumente, Streicher, Bläser oder auch gemischte Gruppen, die an vorderster Front in diesem als leicht verstandenen, besonders gefällig-unterhaltsamen Genre brillieren durften – in normalerweise zwei raschen Sätzen ohne langatmiges Adagio dazwischen: Heiter beschwingt sollte es sein.
Komponisten mit klingenden, aber längst vergessenen Namen wie Joseph Bologne Chevalier de Saint-Georges, Jean-Baptiste Davaux oder Jean-Baptiste Sébastien Bréval belieferten den französischen Markt mit maßgeschneiderten Werken; und auch in den anderen europäischen Musikmetropolen wurde das Genre Mode: in London durch Johann Christian Bach, in Mannheim durch Carl Stamitz, in Österreich durch Carl Ditters von Dittersdorf – und jeweils viele andere.
Im Schaffen von Mozart, Haydn und Beethoven freilich hat die konzertante Symphonie zahlenmäßig geringe Spuren hinterlassen, dann aber jeweils außergewöhnliche. Beliebt ist Wolfgang Amadeus Mozarts Konzert für Flöte und Harfe KV 299, vermutlich nicht authentisch seine Sinfonia concertante für Oboe, Klarinette, Horn und Fagott KV 297b, kaum gespielt wird sein Concertone für zwei Violinen KV 190, und die Konzertfragmente für Klavier und Violine KV 315f sowie für Streichtrio KV 320e sind nur Experten bekannt. Sie alle überstrahlt jedoch ein Meisterwerk, das geprägt ist von bewunderungswürdiger Ausgewogenheit zwischen Tiefgang und Unterhaltung – sowie auch zwischen den beiden Soloinstrumenten: die Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester KV 364.

Festlichkeit und Melancholie

Schon der Stirnsatz breitet eine verschwenderische Fülle festlicher und lieblicher Themen aus, die zwischen Streichern und Bläsern hin- und hergereicht werden; die Orchesterbratschen sind im ganzen Werk zweistimmig gesetzt, wodurch die Harmonien besonders reich und sonor klingen. Nachdem ein typisches Mannheimer Crescendo mit spannungsreich aufsteigenden Trillerketten wieder verebbt ist, werden die Solisten mit einem langen Liegeton gleichsam aufgeblendet: Sie spielen einander die Motive gleichberechtigt zu und tauschen dabei in der Reprise sogar die Rollen von Vor- und Nachsänger. Für einen brillanteren Klang ist die Viola einen halben Ton höher gestimmt – worauf heute wegen des höheren Risikos gerissener Saiten meist verzichtet wird. Nachdenkliche, ja melancholische Passagen finden ihre bewegende Fortsetzung im c-Moll-Andante, dem ersten Beispiel für etliche, romantisch-triste Moll-Mittelsätze Mozarts, wie sie später in seinen großen Klavierkonzerten zu finden sind. Das Presto-Finale stellt mit anmutiger Heiterkeit das innere Gleichgewicht wieder her – und liefert mit leichter Hand etliche formale Überraschungen: Rondo, Sonatenrondo, Sonatenhauptsatz? Symphonie, Concertante, Doppelkonzert? Mozart spielt mit der Form ebenso souverän wie mit den Gattungen.

Haydn im „blutig Harmonischen Krieg“

Apropos: Dreizehn Jahre später kommt es in London zu einem unerhörten Schauspiel im Konzert, das die Gattungsgrenzen leugnet. Als wäre es eine Opernszene, tritt nämlich die Solovioline plötzlich als Primadonna auf und unterbricht mit ihren Rezitativgesten ein pompöses Ritornell: „O Freunde, nicht diese Töne!“, scheint sie einzuwenden. Tatsächlich schwenkt das Orchester daraufhin um und präsentiert ein wesentlich leichtgewichtigeres Thema für dieses Final-Rondo – eine Melodie, wie Ludwig Finscher schreibt, „über die sich dann Solisten und Orchester den ganzen Satz hindurch, in einem atemberaubenden Feuerwerk von witziger thematischer Arbeit und konzertanter Virtuosität, lustig zu machen scheinen“. Die Rede ist von Joseph Haydns Sinfonia concertante B-Dur Hob. I:105. Anfang 1792 entstanden, bedeutet die Komposition einen doppelten Wettstreit – einerseits den ideellen zwischen den vier Soloinstrumenten Violine, Violoncello, Oboe und Fagott vor dem Hintergrund des Orchesters, andererseits die freundschaftliche Konkurrenz zwischen Haydn und einem einstigen Schüler. Denn um den Erfolgen des Geige spielenden Impresarios Johann Peter Salomon mit Haydns Werken Paroli bieten zu können, hatten andere Veranstalter Ignaz Josef Pleyel als Attraktion engagiert. Mit wohlwollendem Augenzwinkern berichtet Haydn: „ich arbeithe gegenwärtig für Salomons Concert, und bin bemüssigt mir alle erdenckliche mühe zu geben, weil unsere gegner ... meinen schüller Pleyel von Strassburg haben anhero kommen lassen, um Ihre Concerten zu Dirigieren. es wird also einen blutig Harmonischen Krieg absezen zwischen dem Meister und schüller, man finge an in allen zeitungen davon zu sprechen, allein, mir scheint, es wird bald Allianz werden, weil mein credit zu fest gebaut ist. Pleyel zeugte sich bey seiner ankunft gegen mich so bescheiden, daß Er neuerdings meine liebe gewann, wür sind sehr oft zu sam, und das macht Ihm Ehre, und Er weis seinen vatter zu schätzen. wür werden unsern Ruhm gleich theillen und jeder vergnügt nach hause gehen.“

Paare im fliegenden Wechsel

Diese „Concertante“, wie der Titel auf Haydns Autograph schlicht lautet, ist sein einziger Beitrag zu dieser speziellen Gattung, mit der Pleyel seit 1790 auch das Londoner Publikum entzückt hatte. Die Konzertmeisterrolle (Violino principale) ist selbstverständlich Salomon zugedacht; hinzu treten Oboe, Fagott und Violoncello. Zum Herzstück wird dabei das Andante, in dem das Orchester über weite Strecken nur die Grundierung zur innigen Kammermusik des Solistenquartetts liefert. Doch schon im Stirnsatz überrascht auf Schritt und Tritt Haydns Sinn für reizvolle Klangkombinationen, bei denen er innerhalb der Solisten die Streicher von den Bläsern, die hohen von den tiefen Instrumenten absetzt oder sie in gemischten Paaren duettieren lässt: Das Publikum ist danach ganz gewiss vergnügt nach Hause gegangen.

Beethovens „Konzertant Konzert“

Ein einziges Mal hat sich auch Ludwig van Beethoven mit der konzertanten Symphonie beschäftigt – auch wenn er diesen Gattungsbegriff ganz offensichtlich mit Bedacht aussparen wollte. In der Korrespondenz mit Breitkopf und Härtel nannte er sein Werk 1804 schlicht „ein Konzertant für Violin, Violoncelle und piano-forte“, und der ungewöhnliche Titel des Erstdrucks weist noch konkreter in die genannte Richtung: „Grand Concerto Concertant“ heißt es da merkwürdig redundant, auf Deutsch noch verschärft: „Konzertant Konzert“, von Beethoven eigenhändig in der handschriftlichen Kopie der Klavierstimme eingetragen. Dass es sowohl in der Achtung der Forschung als auch in der Publikumsgunst lange hinter seinen Solokonzerten abgeschlagen rangieren musste, zeigt wohl auch, dass schon im 19. Jahrhundert das „ernste“ Beethoven-Bild zu dominieren begann und zugleich das Verständnis für die Gattung abhanden gekommen war. Hier werde eben nicht, wie bei Beethoven gewohnt, „rhetorisch gekämpft, sondern vielmehr, manchmal mit fast Mozartisch anmutender Leichtigkeit gespielt – im doppelten Sinn“, schreibt Irmelin Bürgers: „Es vollzieht sich eine Entwicklung en detail, in rhythmischen, metrischen Metamorphosen, in Variationen des instrumentalen Zusammenspiels.“

Prunkvolle Polonaise

Das musikalische Material trägt dem Rechnung: Der Stirnsatz beginnt wie ein näherkommender Marsch und steigert sich zwar immer wieder triumphal, die Themen sind jedoch betont kantabel gehalten und wirken durch rhythmisch-melodische Ähnlichkeiten eher homogen als kontrastierend. Dafür weisen harmonische Farbwerte auf die „Pastorale“ voraus: Terzverwandtschaften bestimmen die Tonartenverhältnisse. Zum Schmunzeln regt die Überleitung aus dem kurzen Largo ins tänzerische Finale an, ein „Rondo alla Polacca“ im Dreivierteltakt der noblen Polonaise. Neben träumerischen Kantilenen sind die Solisten durch das ganze Stück mit glitzernden Akkordzerlegungen, brillanten Läufen, Umspielungen und Trillern beschäftigt – nomineller Kadenzen bedarf es da nicht, denn diese würden das gemeinschaftliche Verhältnis zum Orchester stören: Aus dem Wettstreit ist da vollends ein harmonisches Miteinander geworden.

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.