Eine Frage des Genießens

Adam Fischer

Der Name Adam Fischer ist untrennbar mit der Österreichisch-Ungarischen Haydn Philharmonie verknüpft und steht für künstlerische Treue, etwa zu Bayreuth und den großen Wiener Orchestern. Anfang Oktober dirigiert Fischer am Pult der Wiener Symphoniker Werke von zwei seiner erklärten Lieblingskomponisten: Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven.

Ich habe großes Glück. Sehr großes Glück. Ich bin gesund. Ich habe eine wunderbare Familie. Ich darf beruflich das machen, was ich liebe. Und ich verdiene damit sogar noch Geld. Aber ich bin mir natürlich auch der hohen menschlichen und künstlerischen Verantwortung sehr bewusst. Denn: Dienst nach Vorschrift – das geht gar nicht!“
Nein, Dienst nach Vorschrift hat Adam Fischer im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere noch nie gemacht. Das entspräche auch gar nicht dem Naturell des 1949 in Budapest geborenen Dirigenten. Denn Adam Fischer brennt für die Sache, also für die Musik – besonders für die Werke eines Joseph Haydn, eines Wolfgang Amadeus Mozart, eines Ludwig van Beethoven, eines Richard Wagner oder eines Béla Bartók. Und diese Liste ist bei weitem nicht vollständig.

Vielschichtiger Humor

Im Musikverein interpretiert Fischer Anfang Oktober mit den Wiener Symphonikern aber doch Werke „von zwei meiner absoluten Lieblingskomponisten“: Joseph Haydns populäre Symphonie in D-Dur, Hob. I:101, besser bekannt unter dem Namen „Die Uhr“, sowie dessen Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur, Hob. VIIe:1, mit dem virtuosen Solisten Gábor Boldoczki. Darauf folgt nach der Pause Ludwig van Beethovens Vierte Symphonie in B-Dur, op. 60. „Ein Programm für Genießer“, wie Adam Fischer betont.
„Mit Joseph Haydn habe ich mich mein ganzes Leben lang beschäftigt. Und das Schöne ist, man wird niemals damit fertig, man entdeckt immer neue Details. Vor allem der Humor in Haydns Musik ist so vielschichtig. Das hört man auch ganz deutlich in seiner herrlichen ,Uhr‘-Symphonie“, so Fischer. Und das Trompetenkonzert? „Dieses gibt dem Solisten reichlich Raum für Bravour. Als Dirigent wird es da für mich wichtig sein, das perfekte Wechselspiel zwischen Trompete und Orchester zu finden“, weiß der Begründer und langjährige Chefdirigent der Österreichisch-Ungarischen Haydn Philharmonie.

Blick nach vorn

1987 hat Fischer diesen Klangkörper eigens für die Haydntage auf Schloss Esterházy gegründet, und mit diesem Orchester hat er eine auch auf Tonträger festgehaltene Pionierarbeit in Sachen Haydn-Pflege geleistet. Doch nach typisch österreichischen Querelen rund um die Zukunft der Haydntage kam es zur Trennung – Fischer bleibt den Musikern jedoch als Ehrendirigent erhalten.
„Das war wie eine Scheidung. Man hat sich auseinandergelebt. Das Orchester hat in der Auseinandersetzung um die Haydntage Partei bezogen, ich stand und stehe auf der anderen Seite. Daher war der Schlussstrich richtig, auch wenn er natürlich persönlich geschmerzt hat“, erinnert sich Fischer an die turbulenten Monate. Nachsatz: „Aber auch bei einer Ehescheidung leiden bekanntlich beide Seiten, ehe sie nach einer Trauerphase wieder nach vorne blicken. Ich blicke jetzt auch nur mehr nach vorne.“

Haydn, Mozart, Beethoven

Grund genug dazu hat Fischer. So wird der Dirigent mit den Düsseldorfer Symphonikern, deren Principal Conductor er seit 2015 ist, das Gesamtwerk Gustav Mahlers im Konzert aufführen und live auf CD aufnehmen. Mit dem Danish Chamber Orchestra in Kopenhagen, dessen Chefdirigent Fischer seit 1998 ist, wird er nach der preisgekrönten Gesamtaufnahme der symphonischen Werke Mozarts einen Beethoven-Zyklus starten.
Womit wir wieder bei den Konzerten mit den Symphonikern im Musikverein wären. „Beethovens Vierte Symphonie scheint mir nach den Haydn-Stücken eine logische Wahl zu sein. Nicht nur aus historischen Gründen – immerhin führte der Weg ja von Joseph Haydn über Mozart hin zu Ludwig van Beethoven –, sondern auch, weil Beethovens Vierte Symphonie in ihrer Heiterkeit und Unbeschwertheit extrem gut zu den vorher gespielten Haydn-Stücken passt. Wie gesagt: Das soll ein Konzert für Genießer werden.“

Genießer unter sich

Doch auch Fischer ist ein Genießer. Er genießt es sichtlich, im Musikverein immer wieder am Pult der Wiener Symphoniker oder der Wiener Philharmoniker zu stehen. „Das sind zwei so unglaublich gute Orchester, die beide diesen spezifischen österreichischen, ja wienerischen Klang haben. Die Farben, die da kommen! Der Esprit, mit dem beide Klangkörper gesegnet sind! Das liegt mir sehr. Und es ist eine pure Freude, auf diesem Niveau im Goldenen Saal musizieren zu dürfen.“
Ist Fischer eigentlich ein strenger Dirigent? Lachend: „Nein, das denke ich nicht. Ich sehe mich vielmehr als Primus inter Pares. Wir musizieren gemeinsam, und ich übernehme eben ein bisschen mehr Verantwortung. Dabei geht es nicht nur um Technik, um Phrasierungen, um Fragen der Interpretation. Da ist auch die humane Komponente extrem wichtig. Am Tag einer Probe oder eines Konzerts ist ja nicht jeder Musiker gleich gut aufgelegt. Vielleicht hat einer private Sorgen, ein anderer schwebt dagegen auf Wolke sieben – da gilt es, sensitiv zu sein, ausgleichend zu wirken und vor allem Rücksicht zu nehmen. Denn der Dirigent allein bringt noch keinen Ton hervor. Das geht nur mit Hilfe des Orchesters. Und in der Oper kommen dann noch die Sänger dazu.“

Immer wieder Neues

Stichwort Oper: Die Wiener Staatsoper ist seit Adam Fischers Debüt 1973 eine künstlerische Heimstätte des Maestro; 2017 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. „Das hat mich wirklich gefreut“, sagt Fischer. „Wenn man so lange an einem Haus arbeitet, tut diese Anerkennung schon sehr gut.“ Dem Haus am Ring bleibt der Künstler auch in Zukunft treu. Gleich zu Saisonbeginn wird er einige Male Mozarts „Le nozze di Figaro“ dirigieren. Im Dezember folgt eine Serie des „Rosenkavalier“ von Richard Strauss – garniert mit einigen Aufführungen von Mozarts „Zauberflöte“. Im April 2018 steht dann Beethovens „Fidelio“ an und vor allem ein kompletter Zyklus von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“.
„Das ist immer eine Herkulesaufgabe“, lacht Fischer, der als langjähringer Bayreuth-Profi und als künstlerischer Leiter der Wagner-Tage Budapest allerdings über mehr als ausreichend Erfahrung verfügt. In Budapest etwa wird jedes Jahr der „Ring“ sogar an vier aufeinanderfolgenden Tagen halbszenisch aufgeführt. Am Pult natürlich Adam Fischer. Dieser aber mahnt: „Man kann diese Tetralogie noch so oft dirigiert haben, man lernt hier immer etwas Neues dazu. Insofern haben Haydn und Wagner dann doch recht viel gemeinsam“, schmunzelt Fischer.

„Wir musizieren gemeinsam, und ich übernehme eben ein bisschen mehr Verantwortung.” Adam Fischer

Menschliche Verpflichtung

Doch wie geht es für Adam Fischer in Budapest weiter? Sein Amt als Generalmusikdirektor der dortigen Oper hat er 2010 nach politischen Querelen aus Protest zurückgelegt. Hat sich politisch inzwischen etwas geändert? „Leider nein“, bedauert Fischer. Der eingeschlagene Weg „wird immer radikaler. Ich finde, dieser Weg ist falsch. Aber noch lässt die Regierung die ,Wagner-Tage‘ in Ruhe. Nur muss man permanent wachsam sein.“
Fischer weiter: „Als Mensch und als Musiker kann ich nur sagen, dass wir alle eine Verpflichtung haben, anderen Menschen zu helfen, wenn diese um unsere Hilfe bitten. Sicher sollte man etwa die Flüchtlingskrise differenziert sehen. Aber der Egoismus und der pure Nationalismus haben noch nie zu etwas Gutem geführt. Als gelernter Ungar weiß ich, wovon ich spreche.“

Herz und Seele

Aber kann etwa die Musik, die Kunst generell gegen solche Tendenzen ankämpfen? „Wir sollten es zumindest versuchen. Die Kunst – und da im Speziellen die Musik – ist universell. Sie kennt keine Grenzen, keine Sprachbarrieren. Sie öffnet die Herzen und die Seele. Insofern ist sie in Zeiten wie diesen wichtiger denn je – aber auch gefährdeter denn je.“
Nachsatz: „Ich habe unlängst mit meinem Bruder Iván, der ja auch Dirigent ist, darüber diskutiert. Ich denke, für uns beide ist die Musik einfach das Grundnahrungsmittel der Seele. Neben der Familie natürlich.“ Zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, hat Adam Fischer. Und Enkelkinder. „Die möchte ich in einer schönen, besseren Welt aufwachsen sehen“, erklärt der Musiker. Lachend: „Auch wenn das bedeutet, dass ich dann ganz oft mit ihnen Fußball spielen muss. Darin bin ich nämlich wirklich nicht überragend. Aber andererseits: Von einem Kind überdribbelt zu werden ist letztlich auch wieder nicht so schlimm!“

Peter Jarolin
Peter Jarolin ist Kulturredakteur des „Kurier“.