Alberto und das Linzer Torten Orchester

 Eine neue Musikvereinsserie für Kinder von sechs bis acht

„Albertos Abenteuer“ heißt das neue Programm für Kinder im Volksschulalter, mit dem die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ihr umfangreiches Angebot für kleine Musikfreunde einmal mehr erweitert. Alberto alias Albert Landertinger stellt das Projekt im Gespräch mit den „Musikfreunden“ vor.


Den jüngsten Musikfreunden im Musikverein sind Sie schon bestens bekannt: Seit 2011 gestalten und präsentieren Sie in Doppelconférence mit einer entzückenden Maus-Handpuppe die Serie „Topolina“ für Kinder von drei bis sechs Jahren. Wie kam es zur Idee des neuen Programms „Albertos Abenteuer“ für die Sechs- bis Achtjährigen?

Es sind nach den „Topolina“-Konzerten immer wieder Familien zu mir gekommen und haben gesagt: Es ist so schade, dass es keine Fortsetzung gibt, wenn die Kinder aus dem Programm hinausgewachsen sind. Natürlich bietet der Musikverein mit „Allegretto“ eine tolle Serie an, die hervorragend läuft – nach einem völlig anderen Konzept. Bei „Topolina“ sind wir ein kleines, fixes Team, mit dem die Kinder ihre ersten musikalischen Entdeckungsreisen unternehmen und im Laufe der Zeit sehr vertraut werden. Ich denke, daher rührt der Wunsch nach einer Fortsetzung. Das ist das eine – und das andere ist, dass der Musikverein sein mittlerweile immenses Angebot für Kindergarten- und Schülergruppen verstärkt auf Volksschulklassen auszuweiten plante. Mit „Albertos Abenteuern“ wird beides möglich.


Inwiefern knüpft die neue Serie „Albertos Abenteuer“ an „Topolina“ an?

Es ist natürlich nicht notwendig, schon bei „Topolina“ gewesen zu sein, um zu „Albertos Abenteuern“ kommen zu können. Mir ist es allerdings auch hier wichtig, dass wir ein konstantes Team sind, zu dem die Kinder eine Beziehung haben oder aufbauen können, dass ich eine spannende Geschichte erzähle und wir ganz viel unterschiedliche Musik spielen – Klassik, Jazz, Popularmusik, Filmmusik und so weiter. Das ist meine Spezialität. Mir wird ja selber sehr schnell langweilig; deshalb mag ich auch immer gern viel Abwechslung.

Das erfordert freilich musikalische Versiertheit und Sattelfestigkeit in unterschiedlichsten Genres – von Ihnen genauso wie von Ihrem Ensemble.

Bei „Albertos Abenteuern“ muss man die komplette Palette abdecken. Ich selbst habe schon während meines klassischen Posaunenstudiums Bigband und Jazz gespielt, aber auch viel Tanzmusik und Kurorchester. Wenn man das über Jahre hinweg gemacht hat, bleibt es unwillkürlich hängen, auch wenn man letztlich hauptberuflich in einem großen Symphonieorchester spielt.


Sind die Mitglieder Ihres Ensembles Kollegen aus dem Bruckner Orchester Linz?

Die meisten von ihnen schon. Josef Herzer, der Geiger, war bereits bei „Topolina“ dabei, wie eigentlich auch alle anderen schon dort zu Gast waren. Bernhard Walchshofer spielt die tolle Kombination Cello und Akkordeon – alle Stücke auswendig, und es ist ihm auch egal in welcher Tonart. Dann ist da Antonio, José Antonio Cortez Cortés, unser Bassgeiger. Er spielt außerdem Gitarre, und auf seine Stimme möchte ich nicht verzichten – mit seinen mexikanischen Songs. Nicht fehlen darf das Schlagzeug. Die Kinder lieben es, und Christian Ehrenhofer findet selbst in Stücken, zu denen das Schlagzeug vordergründig nicht zwingend passt, immer seine ­Spezialaufgaben. Ein richtiger Allrounder ist auch Roland Pichler: Er spielt alle Klarinetten und Altsaxophon, ist ein hervorragender Jazzmusiker, hat sein eigenes Klezmer-Ensemble und spielt viel Bigband. Und am Klavier haben wir David Wagner, einen der kreativsten Köpfe in Linz. Er macht eigene Kabaretts, hat Kinderkonzerte und -opern komponiert, er spielt alles von Jazz bis Klassik und egal ob aus der Partitur oder dem Klavierauszug.


Und damit ist das Linzer Torten Orchester komplett.

Das Linzer Torten Orchester, ja. Mir war klar, dass das Ensemble für die größeren Kinder etwas größer sein sollte, allerdings nicht zu groß – so eine Art Salonorchester. Auf gar keinen Fall wollen wir ein richtiges Orchester imitieren. Ich habe mir das Ensemble des Caffè Quadri in Venedig zum Vorbild genommen, das in seiner kleinen, speziellen Besetzung alles spielen kann: Mozart-Symphonien, Wagner, Jazz, was ihnen gerade einfällt. Und wie nennt man so ein Ensemble dann? Linzer Kaffeehausorchester? Da ist mir die Linzer Torte eingefallen. Sie impliziert das Kaffeehaus-Feeling für die Erwachsenen – und für Kinder ist Essen immer ein großes Thema. Für sie ist es vielleicht witzig, ein Ensemble nach einer Torte zu benennen. Meine Kollegen jedenfalls waren von der Idee begeistert und haben gesagt: Ja, wir sind das Linzer Torten Orchester.


In Ihren Programmen bieten Sie stets eine spannende Geschichte mit Musik, in die immer auch die Vermittlung von musikalischen Inhalten integriert ist. Wie gestalten Sie die Gewichtung?

Ich orientiere mich bei den Geschichten an der Erfahrungswelt der jeweiligen Altersgruppe oder auch an den Themen von Büchern, die für dieses Alter vorgesehen sind. Im Frühling wird es um eine Kriminalgeschichte gehen, in der Inspektor X, ein schlauer Fuchs, einen Halskettendiebstahl aufzuklären hat. Für Herbst bot sich durch die terminliche Nähe zu Halloween eine Monstergeschichte an. Bei der Musikwahl gehe ich von klassischen Werken aus, die ich unbedingt dabei haben möchte, und gestalte den Handlungsverlauf so, dass genügend Platz für Überraschungen aus anderen Genres bleibt – auch für die Eltern. Das Programm „Monster-Musik“ beginnen wir mit dem „Tanz der Furien“ aus Glucks „Orpheus und Euridike“. Da kann man zum Beispiel gut heraushören, wann es richtig gefährlich wird. Da gibt es Akkorde, die wie Brüller klingen. Wenn ich die Kinder ein-, zweimal darauf aufmerksam mache und sie anleite, in Deckung zu gehen, wann immer es gefährlich wird – sprich: diese Akkorde in der Musik vorkommen –, verfolgen sie das Stück ganz genau und reagieren intuitiv auf das musikalische Geschehen.


Das heißt, Sie sprechen die Kinder in erster Linie emotional an.

Ja, sie sollen die Szene selber erspüren können. Ein anderes Beispiel ist Mussorgskijs „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“: Ganz am Ende bricht die Szene komplett zusammen aus diesem bombastischen Getöse. Dann weiß man, jetzt ist die Nacht vorbei, und alle diese Hexen, Zauberer, Monster verschwinden wieder. Das kann man sehr gut darstellen mit den Kindern. Die Frage ist: Erkennt ihr, wann sich die Vampire zurückziehen? Ein paar Kinder melden sich, die sind dann unsere Vampire. Wir spielen die Musik, und zum Schluss macht’s nur noch „Plum, plum, plum“ – und ich bin überzeugt, die Kinder ziehen sich zurück.

Wie viel der Programme lässt sich wirklich planen oder anders gefragt: Wie viel Spontaneität ist nötig?

Es gibt bei Kinderprogrammen immer Dinge, die man nicht planen kann. Man weiß letztlich nie im Vorhinein, wie die Kinder reagieren und was oder wie viel von ihnen kommt. Da bin ich dann flexibel und stelle das eine oder andere spontan ein wenig um. Oder wenn auf eine Frage keine Antwort kommt, überlege ich mir hinterher, ob vielleicht die Fragestellung falsch war – im Moment aber beantworte ich sie vielleicht selber, oder ich frage die Erwachsenen.

"Ich orientiere mich bei den Geschichten an der Erfahrungswelt der jeweiligen Altersgruppe oder auch an den Themen von Büchern, die für dieses Alter vorgesehen sind." Albert Landertinger


Lassen sich die Erwachsenen gerne involvieren?

Meiner Erfahrung nach schon – allerdings kommt es auf den Rahmen an. Wenn es in Interaktion mit dem eigenen Kind ist, mögen sie es gerne. Und sie singen gerne mit – einfach mitsingen, sich begleiten lassen, einmal so richtig kräftig singen mit den Kindern.

Geht es Ihnen bei den sogenannten Kinderkonzerten um Konzerte für Kinder oder um ein gemeinsames Erlebnis für Kinder und ihre Eltern bzw. andere Begleitpersonen?

Idealerweise sind es gemeinsame Erlebnisse – in welcher Form, ist abhängig von den Kindern. Es gibt Kinder, die setzen sich in die erste Reihe, und die Eltern sollen sich bitte nach hinten setzen. Diese Kinder sind vom ersten Moment an aktiv mitten im Geschehen, und die Eltern beobachten sie gerne, wie sie mitmachen, wie sie sich interessieren und sich begeistern lassen von der Musik. Andere Kinder wieder kommen nicht von den Eltern weg. Dann finde ich es gut, wenn die Eltern sie nicht drängen mitzumachen. Die sitzen eine Stunde lang aufmerksam bei ihren Eltern und kuscheln. Dann denke ich mir immer: Die haben jetzt eine schöne Stunde gehabt, schöne Musik gehört, waren ganz eng und haben ein schönes Erlebnis miteinander gehabt.

Das Gespräch führte Ulrike Lampert.


Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.


Albert Landertinger,
Jahrgang 1960, stammt aus St. Pantaleon im Innviertel und studierte Posaune in Salzburg und Berlin. Er ist Mag. Art. und promovierte mit einer musiksoziologischen Arbeit. Als Posaunist des Bruckner Orchesters Linz seit 1984 baute er ab 2002 das umfassende Musikvermittlungsprogramm „move.on” auf, das er konzeptionell und als Moderator bis heute betreut. Darüber hinaus ist er für verschiedene Institutionen tätig, leitet Workshops für alle Altersgruppen und gibt Seminare in Konzertpädagogik an mehreren Pädagogischen Hochschulen Österreichs. Für die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gestaltet er seit der Saison 2011/12 den Zyklus „Topolina” für Kinder von drei bis sechs Jahren und ab 2017/18 „Albertos Abenteuer” für Sechs- bis Achtjährige.