Unbändige Musikalität

 Zum Tod von Ernst Ottensamer

Wiens Musikfreunde trauern um Ernst Ottensamer. Der Klarinettist, der am 22. Juli 2017, erst 61 Jahre alt, an den Folgen eines Herzinfarkts verstarb, zählte zu den prägenden Künstlern im Konzertleben der Gesellschaft der Musikfreunde.

Eine Musikvereinssaison ohne ihn ist kaum vorstellbar – und doch müssen wir uns schmerzlich daran gewöhnen. Die Wiener Virtuosen spielen am 5. November das erste Konzert ihres Zyklus ohne Ernst Ottensamer, ihren Gründer und Spiritus rector. Ottensamer war auf eine Weise im Musikverein präsent, die selbst die Konzertstatistik an ihre Grenzen brachte. 156 Auftritte weist die Datenbank des Hauses mit seinem Namen auf. Aber Kenner wissen: Längst ist nicht jeder Auftritt von ihm erfasst, denn wenn er „nur“ im Orchester oder im Ensemble spielte, wurde er nicht extra genannt. 1988 trat Ottensamer in einem Gesellschaftsprogramm erstmals namentlich in Erscheinung: mit Brahms’ Klarinettenquintett an der Seite des Küchl-Quartetts.


Seit der Saison 2006/07 gestaltete Ernst Ottensamer mit den von ihm gegründeten Wiener Virtuosen einen eigenen Musikvereinszyklus. Besondere Akzente setzte er zuletzt auch im Ensemble mit seinen Söhnen Daniel (Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker) und Andreas (Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker). Dass Ottensamer seine Kunst auf denkbar höchstem Niveau an seine Kinder weitergeben konnte, war eine Freude, die Wiens Musikfreunde begeistert mit ihm teilten. 2016 brachte das Trio, The Clarinotts genannt, mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein Iván Eröds Tripelkonzert zur Uraufführung: ein Werk, das auf seine Anregung hin entstand.

Ottensamers Künstlertum war mit immenser Entdeckerfreude und inspirierendem Unternehmergeist gepaart. Er war, wie er sich ausdrückte, ein „unermüdlicher Erfinder von Ensembles“. Stets ging es ihm darum, abseits der vielbegangenen Repertoirepfade Neues zu entdecken, die „Literatur rundum auszuschöpfen“ und „möglichst das ganze Spek­trum“ zu erfüllen. Dazu gehörte auch – das Wortspiel musste er sich gefallen lassen –, dass der Ernst so viel Humor hatte. Die Faschingskonzerte, die er mit seinen Wiener Virtuosen kreierte, wurden Kult im musikalischen Wien.   

Dass er auch ein begeisterter wie begeisternder Lehrer war, verstand sich da fast schon von selbst. Die Wiener Musikuniversität, an der er seit 1986 unterrichtete, berief Ottensamer 2000 als Universitätsprofessor. Hier war der 1955 in Wallern (Oberösterreich) Geborene auch selbst ausgebildet worden. Im Alter von erst 24 Jahren wurde Ottensamer ins Orchester der Wiener Staatsoper engagiert. Vier Jahre später, 1983, avancierte er zum Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker.

„In sich hineinhören, was man braucht und was nicht. Zeit haben!“ Ernst Ottensamer formulierte das einmal, in einem „Musikfreunde“-Interview, als seine Lebensmaxime. Die Zeit, die ihm bleiben sollte, war tragisch knapp bemessen. Aber er füllte sie, bewegend intensiv, mit unbändiger Musikalität. Wiens Musikfreunde, die daran teilhaben durften, werden sein Andenken voll Dankbarkeit bewahren.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.