Mit persönlicher Sprache

 Die Pianistin Ketevan Sepashvili

Werke von Bach, Chopin und Liszt stehen auf dem Programm, mit dem die in Wien lebende georgische Pianistin Ketevan Sepashvili im November ihr Musikvereinsdebüt gibt.

Ketevan Sepashvili selbst hat freilich keine Erinnerung daran, es war sechzehn Tage vor ihrem zweiten Geburtstag in der Silvesternacht: Mit einer größeren Gesellschaft an Verwandten war in einem der Familie gehörenden Haus der Jahreswechsel gefeiert worden. In den frühen Morgenstunden – die einen schliefen längst, die anderen saßen noch beisammen – kam die kleine Ketevan schlaftrunken ins Wohnzimmer, setzte sich ans Pianino und spielte mit beiden Händen ein georgisches Volkslied. Danach kehrte sie in ihr Bett zurück und schlief weiter – der Rest der Gesellschaft dafür war wach und lief zusammen.
Diese erste aktive Begegnung Ketevan Sepashvilis mit dem Klavier löste allgemeine Verwunderung und auch einige Verwirrung aus; die Eltern machten sich ernsthaft Sorgen um das Befinden ihrer Tochter. Eine Psychologin wurde aufgesucht, die allerdings abwinkte und meinte, in dem Mädchen schlummere wohl schlicht ein besonderes Talent, man möge einen guten Lehrer für sie finden.

Ein unglaublicher Zufall

„Georgien ist ein sehr musikalisches Land“, weiß Ketevan Sepashvili. „In praktisch jeder Familie wird gesungen, und es gehört zum guten Ton, dass zu Hause ein Pianino steht. Familienfeiern ohne Singen und Tanzen gibt es kaum.“ So sei das auch bei ihr zu Hause stets gewesen. Musiker von Berufs wegen jedoch sind in ihrer Familie selbst Generationen zurück nicht auszumachen, dafür Ingenieure, Ärzte, Mathematiker und andere Wissenschaftler. Umso mehr erfüllt es sie mit Stolz, mit welcher Umsicht und Konsequenz ihre Eltern ihr eine hervorragende musikalische Ausbildung ermöglicht haben.
Eine gute Lehrerin war sogar erstaunlich rasch gefunden – durch einen „unglaublichen Zufall“, sagt Ketevan Sepashvili. Als ihre Mutter mit ihr schwanger war, machte eine Nachbarin gerade ihren Abschluss an der Paliashvili-Schule für musikalisch hochbegabte Kinder in Tiflis. Ihre Mutter hörte sich diese Prüfung an und wurde anschließend der Klavierlehrerin, Tamar Pchakadze, vorgestellt. „Die Frau sagte wohl so etwas wie: Das ist meine Nachbarin, und sie liebt klassische Musik“, erzählt Ketevan Sepashvili. „Da legte die Lehrerin ihre Hand auf den Bauch meiner Mutter und meinte: Vielleicht kommt das Baby später ja auch zu mir zum Unterricht.“

Eine zweite Mutter

Dazu kam es nun tatsächlich. Eine Zweijährige wollte Tamar Pchakadze allerdings noch nicht unterrichten – die Kleine sollte sich dem Klavier zunächst frei und spielerisch annähern –, doch zwei Jahre später wurde Ketevan Sepashvili ihre letzte Schülerin. Pchakadze selbst war eine Urenkelschülerin von Theodor Leschetizky, der einst in Wien bei Carl Czerny studiert hatte, und wurde später in Moskau Studentin von Alexander Goldenweiser und Heinrich Neuhaus.
„Ich bin ein Glückspilz, dass ich so eine Schule genießen durfte“, begeistert sich Ketevan Sepashvili. „Meine Lehrerin war eine unglaubliche Persönlichkeit und damals schon im hohen Alter. Sie hat mich jeden Tag unterrichtet. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich in den vierzehn Jahren, die ich bei ihr verbracht habe, insgesamt vielleicht sechs Wochen Ferien vom Klavier hatte. Und auch dann war meine Lehrerin immer mit meiner Familie zusammen. Sie war für mich wie eine zweite Mutter. Ich habe bei ihr nicht nur Musik lernen dürfen, sondern bin auch durch eine Lebensschule gegangen.“

Tun, was man liebt

Prägend fürs Leben waren freilich auch die Jahre, in denen Georgien um seine Unabhängigkeit kämpfte. Ketevan Sepashvili war mit zehn Jahren noch zu jung, um zu verstehen, weshalb ihre bis dahin wohlhabende Familie von einem Tag auf den anderen nichts mehr hatte, es plötzlich keine Elektrizität mehr gab und im Winter nicht geheizt werden konnte. Sie war allerdings auch alt genug, um diese schwierige und gefährliche Zeit bewusst zu erleben. „Vielleicht“, meint sie in der Rückschau, „haben mir diese Erlebnisse aber auch eine gewisse Erfahrung gebracht – mit so einer schwierigen Situation klarzukommen und trotzdem das zu tun, was man liebt.“
Erst der Tod von Tamar Pchakadze stürzte Ketevan Sepashvili in eine Krise und ließ sie für mehrere Monate am Klavier verstummen. „Ich spürte eine so große Traurigkeit in mir, die mir die Lust genommen hat, mich mit Musik zu beschäftigen“, erinnert sie sich. Im Jahr zuvor hatte sie die Paliashvili-Schule abgeschlossen und studierte nun am Konservatorium in Tiflis. Ihre dortigen Lehrer trugen – neben ihrer Familie – wesentlich dazu bei, dass sie es schaffte, wieder auf die Beine zu kommen und weiter­zuspielen.

Eine wichtige Zeit

Im Jahr 2005 kam Ketevan Sepashvili über ein Stipendium an die Musikhochschule Zürich, an der sie sich bei Hans-Jürg Strub auf das Solistendiplom vorbereitete und dieses zwei Jahre später erlangte. „Er war damals genau der Mensch, den ich gebraucht habe“, sagt die Pianistin, „und heute ist er mein bester Freund. Das eine ist, eine gute Schule zu haben. Dann aber kommt eine unglaublich wichtige Zeit für einen Musiker – wie für jeden Künstler –, in der man einen Menschen braucht, der einen auf dem musikalischen Weg begleitet. Auch da war ich ein großer Glückspilz. Bei ihm habe ich eine wirkliche Ahnung von Musik bekommen und gleichzeitig meine persönliche Sprache gefunden. Mit seiner Unterstützung, auch in unzähligen Stunden an Gesprächen und durch ausgezeichnete Bücher, die er mir geschenkt hat, habe ich herausgefunden, was das wirklich ist: meine persönliche Sprache.“

Das A und O

Die Voraussetzungen dafür hat sie bei ihrer ersten Lehrerin in Georgien geschaffen. Natürlich hat sie alle Czerny-Etüden gespielt – ihre Ausbildung war zugleich aber auch sehr auf Klang konzentriert. „Meine Lehrerin war dagegen, dass man früh schon viele Konzerte spielt. Sie meinte, es kommt die Zeit, da wirst du deinen Weg machen. Jetzt aber wird gearbeitet. Damals war ich traurig darüber, aber heute weiß ich, dass sie vollkommen recht hatte. Denn heute habe ich keine Schwierigkeiten, und wenn Probleme auftauchen, weiß ich damit umzugehen. Ich kenne alle möglichen Techniken, etwa schwierige Passagen zu bewältigen – noch dazu mit meinen kleinen Händen und schmalen Fingern. Deshalb bedeutet es für mich heute keinen großen Aufwand mehr, ein Stück in die Finger zu kriegen. Worum es geht, ist die Kopfarbeit, die Interpretation, für die sich in der heutigen Zeit so wenige Leute Zeit nehmen.“
„Die Interpretation“, das betont Ketevan Sepashvili mit Leidenschaft und Nachdruck, „ist das A und O für ein Werk. Es hat nichts damit zu tun, ob man dann einverstanden ist mit dieser Interpretation oder nicht. Es hat damit zu tun, dass es eine Interpretation gibt und nicht einfach nur drauflosgespielt wird. Schöne Oktaven rauf und runter – das können wir alle. Im 21. Jahrhundert kann man mit Technik niemandem mehr etwas vormachen. Es geht um Essenzielles, um etwas Wichtigeres.“

"Als ich klein war und im Fernsehen hin und wieder der Goldene Saal des Musikvereins gezeigt wurde – da habe ich mit großen Augen hingesehen und mir gedacht: Da möchte ich leben." Ketevan Sepashvili

Etwas Altes in der Seele

Wenig verwunderlich, dass Ketevan Sepashvili jegliche Art von Show fremd ist. Dergleichen überlässt sie anderen. Sie möchte mit der Musik etwas aussagen, das die Menschen berührt – Profis ebenso wie Nichtprofis. „Mir ist wichtig, dass die Menschen aus dem Konzert etwas mit nach Hause nehmen und in sich behalten.“ Das verlangt ihr als Künstlerin freilich Ehrlichkeit in ihrem Tun ab, Authentizität, die sie bedingungslos gibt – in unmittelbarer Kommunikation mit dem Publikum. „Natürlich arbeitet man lange an den Stücken, die man spielt. Man weiß genau, was man tut. Aber schlussendlich, wenn man auf der Bühne ist, vermittelt einem das Publikum, was es hören will. Da muss man spontan und auch clever genug sein, darauf zu reagieren.“ Was ihr da zugute kommt, ist: „In gewisser Weise hat sich etwas Altes in meine Seele hineingeschlichen; vielleicht durch meine Lehrerin. Das Studium bei ihr hat mir zu einer ganz besonderen Qualität verholfen: Wenn ich auf Risiko spiele, gibt es doch kein Risiko. Dadurch fühle ich mich auf der Bühne extrem wohl, weil ich weiß, es wird nichts passieren, und trotzdem wird es spontan sein.“

Was die Zukunft bringt

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre, in denen ihre Karriere kontinuierlich Fahrt aufnimmt und Wiederengagements vereinbart werden, wo immer sie auftritt, bestätigen sie auf ihrem Weg. Dieser führt sie nun auch erstmals in den Musikverein in Wien – ein Ereignis, dem sie mit besonderer Freude entgegensieht: „Wenn ich mich daran erinnere, als ich klein war und im Fernsehen hin und wieder der Goldene Saal des Musikvereins gezeigt wurde – da habe ich mit großen Augen hingesehen und mir gedacht: Da möchte ich leben. Einmal habe ich das auch meiner Mutter gesagt, aber sie meinte nur: Ja, ja. Inzwischen habe ich hier mit ihr schon einige schöne Konzerte gehört. Und nun darf ich selber hier spielen.“ Zwar nicht im Goldenen Saal, doch wer weiß, was die Zukunft bringt.

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.