Kunst des Lauschens

Herbert Blomstedt

Im Rahmen einer großen internationalen Tournee zu seinem neunzigsten Geburtstag dirigiert Herbert Blomstedt auch vier Konzerte in Wien. Zweimal steht das Brahms-Requiem auf dem Programm: ein Schlüsselwerk für den Jubilar.

Als spielte die Zeit keine Rolle. Oder eine ganz andere, als wir sie sonst so kennen, wir ständig getriebenen Zeitnützungsoptimierer. Bei Herbert Blomstedt ist es anders. Er nimmt sich die Zeit. Er hat Zeit. Er ruht, könnte man sagen, in all seiner Quicklebendigkeit in ihr.
Gerade noch hat er, die ihm gewährte Zeit bis zuletzt ausschöpfend, die Generalprobe für ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern geleitet. Jetzt stünde unser Gespräch an, doch Blomstedt hat auch noch Zeit für die, die vor dem Saal warten, um sich stapelweise Fotos von ihm signieren zu lassen. Keine Spur von Ungeduld. Er ist ganz da und zugewandt, auch in diesen scheinbar flüchtigen Momenten.
Dann das Gespräch selbst: ein Geschenk, wenn es so gewährt wird und die Zeit zum (geistigen) Raum werden darf. Es endet, als der Saalmeister ans Künstlerzimmer klopft. Draußen, meldet er, warte schon der Dirigentenkollege, der das Abendkonzert leitet. Blomstedt ist gerade dabei, von Schumanns Essay über Schuberts Große C-Dur-Symphonie zu sprechen. Die „himmlische Länge“ ist da ein Thema, dieses so ganz andere Zeitgefühl. Und fast wörtlich zitiert Herbert Blomstedt die Stelle, „wo ein Horn wie aus der Ferne ruft, das scheint … aus einer anderen Sphäre herabgekommen zu sein. Hier lauscht auch Alles“, so heißt es bei Schumann, „als ob ein himmlischer Gast im Orchester herumschliche.“ „Das ist genial!“, sagt Blomstedt, und durch sein Lachen klingt die Bewunderung. „Das Gefühl, das wir haben, ist genau getroffen.“

„… dass es etwas Größeres gibt“

Als spielte die Zeit keine Rolle. Im Juli ist Herbert Blomstedt neunzig Jahre alt geworden. Im Oktober und November feiert er diesen Geburtstag mit dem Gewandhausorchester Leipzig, das er einst als Chef geleitet hat. London, Paris, Luxemburg, Baden-Baden, Wien, Budapest, Sapporo, Yokohama, Tokio und Taipeh sind die Stationen dieser Tournee mit insgesamt 17 Konzerten. Ein schier unglaubliches Pensum. Man könnte staunen über Physis und Kondition des Grandseigneurs, man könnte eifrig nach Fitnessrezepten fragen – aber es träfe nicht das Eigentliche. Dass Herbert Blomstedt mit über 90 so dasteht und dirigiert, hat nichts mit „Forever young“-Idealen zu tun und nichts damit, der Zeitlichkeit mit Menschenkraft ein Schnippchen zu schlagen. Im Gegenteil. Blomstedt lebt im Einklang mit der Endlichkeit. Es ist sein Glaube, der ihn mit dem Vergänglichen versöhnt und das Zeitliche annehmen lässt. Es mag viel sein oder wenig scheinen, das dem Menschen an Zeit gegönnt ist – es steht ein Anderes, ein Höheres dahinter. Im Blick darauf lebt Herbert Blomstedt sein Leben in Dankbarkeit, zugewandt dem Hier und Jetzt. Er selbst spricht von einer Lebenshaltung, die geprägt ist von der „Anerkennung, dass wir klein sind und dass es etwas Größeres und Absolutes gibt. Einige Menschen nennen das Gott. Musiker nennen das vielleicht etwas anders – es ist etwas Ideales, Absolutes, das man ahnt, auch wenn man keinen Namen dafür hat.“

Zum Lauschen ermuntern

Eine Formulierung, die typisch ist für ihn. Denn sie gibt Raum und gönnt dem Gegenüber seine Freiheit. Blomstedt selbst würde nicht zögern, dieses Größere Gott zu nennen. Als Sohn eines Pastors der Siebten-Tages-Adventisten hat er in dieser Freikirche seine konfessionelle Heimat gefunden. Er macht kein Hehl daraus. Aber er predigt seinen Glauben nicht, sondern lebt ihn. Und das als Musiker, erfüllt vom Vielstimmigen der Musik. Es kann so viele Töne, so viele Tönungen geben, in denen das Höhere sich kundtut. Ein Hornruf bei Schubert etwa. „Hier lauscht Alles“ – Schumann hat es wahrhaft herrlich formuliert –, „als ob ein himmlischer Gast im Orchester herumschliche …“
Lauschen: ein Wort, das auch Herbert Blomstedt liebt. Mehr noch als im „Hören“ steckt in ihm das Behutsam-Achtsame, auf das es Blomstedt ankommt. Das Credo seines Dirigierens findet sich in dem einen Satz, den er im Gespräch fast beiläufig formuliert. „Man muss“, sagt er, „viel Freiheit geben und das Lauschen von den Musikern ermuntern.“
Auch darum, erzählt er, dirigiert er ohne Taktstock. Mit Stecken und Stab lassen sich himmlische Gäste nicht herbeikommandieren.

Bekehrung mit Bach und Brahms

In den USA geboren, zog Herbert Blomstedt schon im Kindesalter in die skandinavische Heimat seiner Eltern. Nach der Matura, die der Hochbegabte mit siebzehn ablegte, studierte er Musik in Stockholm. Er wollte aufnehmen, so viel er nur konnte. Die Violine war ihm wichtig („Bachs Solosonaten waren damals meine musikalische Bibel“), die Orgel bedeutete ihm viel. Er inskribierte sich, neben dem Fach Orgel, auch in den Fächern Musikpädagogik und Chorleitung.
Der Vokalmusik, erzählt Herbert Blomstedt, war er bis dahin mit Skepsis begegnet – vor allem, weil die ersten Eindrücke davon durch eine „Schallplattenstunde“ im schwedischen Rundfunk geprägt waren, die bei den Blomstedts regelmäßig zum Essen lief. Wenn die Reihe an die obligate Opernarie kam, drehten die Feinsinnigen das Radio ab. „Das war so schlecht! Die haben einfach nicht sauber gesungen!“ Herbert Blomstedt kann sich heute noch ereifern, wenn er davon erzählt und dazu das eiernde Vibrato imitiert, das durch den Äther drang. Auf der Hochschule war es dann etwas ganz anderes. „Mit Bachs ,Singet dem Herrn‘ haben wir begonnen, das war das erste Stück, das wir gesungen haben. Und das hat mich bekehrt!“
Bald folgte das Brahms-Requiem. „Der Chorleiter bot mir an, ein paar Sätze zu dirigieren.“ Blomstedt machte damit seine ersten Schritte als Dirigent. Und dann war es wieder das Brahms-Requiem, mit dem er erstmals an die Öffentlichkeit trat. Bei einem Gedenkgottesdienst leitete der junge Mann die ersten beiden Sätze aus dem Brahms-Requiem, Chor mit Orgelbegleitung. Es war, sagt er heute, ein „entscheidendes Erlebnis für mich. Ich habe vorher nicht vom Dirigieren geträumt.“ Dass dieses Werk nun auch auf den Programmen seiner Geburtstagskonzerte steht, versteht sich da fast von selbst. Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde ist ein­geladen, es mit dem Gewandhausorchester unter Herbert Blomstedt zu musizieren: in Leipzig, Paris, Tokio und, selbstverständlich, auch im Wiener Musikverein.

Seltene Balance

Was bedeutet Blomstedt das Brahms-Requiem persönlich? „Es bewegt mich sehr“, sagt er. „Ich kann kaum darüber sprechen.“ Um es dann doch nicht beim staunenden Schweigen zu belassen, nennt Blomstedt eines der beeindruckenden Charakteristika. „Brahms hat eine Tonsprache gewählt, die genau dem Text angepasst ist. Jedes Detail – jedes Decrescendo, jedes Diminuendo – hat seine Entsprechung im Text. Man sieht daraus, wie viel der Text ihm bedeutet hat, nicht nur als Ganzes, sondern in jeder Nuance.“
Und dann sagt er über Brahms, den Menschen und Künstler: „Er war sehr ernster Natur. Aber die ­Musik, die er schreibt, ist so voll von Emotionen. Das ist das Schöne. Deswegen liebe ich ihn besonders! Er kombiniert zwei Ideale für mich. Er ist extrem reich an Emotionen, aber gleichzeitig enorm gescheit, fähig zur Kontrolle. Und diese Kombination – das wissen wir doch! – ist außerordentlich selten. Es gibt viele gescheite Leute, die völlig trocken sind, keinen Humor haben und scheinbar keine Gefühle. Und es gibt noch mehr Menschen, die enorm viel Gefühl haben und wenig rationalen Sinn. Die perfekte Balance kommt kaum einmal vor. Brahms war so einer, auch Mozart …“

„Denken ist beten“

So spricht Herbert Blomstedt im Künstlerzimmer des Musikvereins, in dem einst auch Brahms aus und ein ging. Was täte er, würde Brahms hier plötzlich auftauchen? „Ich würde schweigen. Was sagt man Gott?“ „Freilich“, setzt Blomstedt mit einem verschmitzten Lachen hinzu, „wenn er zeigen würde, dass er an mir auch ein klein wenig Interesse hätte, würde ich schon Mut bekommen …“ Den Mut, ein weiteres Bekenntnis abzulegen, fasst er schon jetzt. „Ich fühle mich sehr verwandt mit ihm“, sagt Blom­stedt über seine Liebe zu Brahms. „In aller Bescheidenheit. Ich habe nicht sein Talent! Aber ein bisschen von seiner Lebensphilosophie, von seinem Lebensstil.“ Man weiß und spürt, was gemeint ist: die Verbindung von Gefühl und Gescheitheit ebenso wie eine Gläubigkeit, die den Verstand als Gottesgabe einschließt. „Man muss“, sagt Blomstedt, „auch Fragen haben!“ – In sein „Schatzkästlein“ ihm wichtiger Zitate hat der junge Brahms einen Satz von Bettina von Arnim eingetragen. „Denken ist beten“ heißt er. Blomstedt ist er aus der Seele gesprochen. „Beten“, sagt er, das Zitat aufgreifend, „ist eine Lebenshaltung.“ Eben jene, die geprägt ist von der Anerkennung, „dass wir klein sind und es etwas Größeres und Absolutes gibt …“

"Man muss viel Freiheit geben und das Lauschen von den Musikern ermuntern." Herbert Blomstedt

Nicht nur hören, sondern lauschen

Die Werke, die das Gewandhausorchester auf seiner Geburtstagstournee mit und für Herbert Blomstedt spielt, sind alle in Leipzig uraufgeführt worden. Zugleich haben sie – eine schöne Koinzidenz – besonders viel mit Wien zu tun. Und sie sind, auch das ist hervorzuheben, ausgesprochene Lieblingsstücke des Jubilars. So kommt eine Entente cordiale zusammen, die neben dem Brahms-Requiem auch Brahms’ Violinkonzert, Bruckners Siebte, Beethovens Tripelkonzert und eben die Große C-Dur-Symphonie  von Franz Schubert umschließt.
Robert Schumann brachte die dem Musikverein Wien gewidmete Schubert-Symphonie einst nach Leipzig, um sie dort von Mendelssohn uraufführen zu lassen. Blomstedt macht sie nun Wiens Musikfreunden zum Geschenk. Nicht nur hören sollte man da, sondern lauschen. Vielleicht zeigt sich ein himmlischer Gast.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.