Hart und zart

Mariss Jansons und München

Er ist ein Mensch, der Präzision und Disziplin verlangt und die Kontrolle will – aber zugleich Gefühl und Spontaneität sehr schätzt. Ein Mann also, der Gegensätzliches, ja fast Widersprüchliches vereint. Aber vermutlich liebt ihn sein Orchester genau dafür seit 14 Jahren. Im November sind Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wieder im Musikverein zu Gast. Ein guter Anlass, dieser besonderen Verbindung nachzuspüren.

Wer ihn kennt, weiß: Er ist ein Workaholic. Und ein Perfektionist. Mariss Jansons ist ein detailbesessener, harter Arbeiter. Der Maestro brauche das Gefühl, immer alles unter Kontrolle zu haben, erzählen seine Musiker. Jansons widerspricht nicht. „Alles ist schwer, wenn man es gut machen möchte. Leicht gibt es nicht“, sagt er. Warum etwas gut wird? Aufgrund von Begabung, Talent oder Intuition natürlich. Aber der 74-Jährige hat darauf noch eine weitere Antwort: „Fleiß.“ Als ihn einst das Fernsehen in einem Film über ihn selbst als Komparse benötigte, fragte der Regisseur Frau Jansons, ob sie mit ihrem Mann vielleicht ein wenig dekorativ spazieren gehen könne. Ihre Antwort kam prompt: „Wir gehen nie spazieren. Mein Mann hat zu arbeiten.“
Kein Wunder also, dass er auf die Frage, was er an München liebt, weder „Englischer Garten“ noch „Isarauen“ sagt. Fraglich ohnehin, ob er beides überhaupt je durchschritten hat. „Meine Tage in München bestehen ausschließlich aus Arbeit“, erzählt er. „Am Morgen verlasse ich mein Hotel, habe Proben, Treffen, führe viele Gespräche – und kehre am Abend zurück.“ Was er also an München schätzt? Man ahnt die Antwort, bevor er sie gibt. Und tatsächlich: „Mein Orchester.“

Pure Harmonie

Seit nunmehr 14 Jahren steht Jansons als Chefdirigent am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. 1949 gegründet, formte einst Rafael Kubelík den speziellen warmen Klang, Colin Davis brachte dem Orchester die Wiener Klassik nahe, Lorin Maazel schulte es in technischer Präzi­sion. Als nach Maazels Weggang die Position neu besetzt werden musste, wünschten sich die Musiker ausdrücklich den gebürtigen Letten. Vielleicht, weil er eine Art Synthese seiner Vorgänger zu sein versprach. Einer, der Emotion und Perfektion in ein nahezu vollendetes Gleichgewicht bringen kann.
Jansons absolvierte eine sehr geringe Zahl an Arbeitsproben – und beide Seiten merkten: Wir harmonieren. „Von Anfang an“, erinnert sich der Chef. Es wurde eine Liebesheirat, die sich noch dazu als äußerst erfolgreich entpuppte: Seit Jansons’ Amtsantritt hat sich nicht nur die Zahl der Abonnenten mehr als verdoppelt, auch weltweite Orchestertourneen in die wichtigsten Musikmetropolen und zu den bedeutendsten Festivals werden immer mehr. „Ich wollte das so“, sagt der Maestro. „Ich wollte, dass die Welt dieses Orchester kennenlernt.“

Absolute Einigkeit

Doch wie das Publikum auf sie reagiert, ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich, wie er sich entlocken lässt. Die Wiener empfindet er als sehr spontan: „Sie zeigen ihre Gefühle sofort.“ Die Münchner hingegen scheinen ihm etwas introvertierter zu sein. „Aber wenn es ihnen gefällt, ist der Applaus sehr groß.“ Wenn es ihnen gefällt? So stimmt das sicher nicht. Tatsächlich liegt München ihm seit Jahren zu Füßen. Die Konzertgänger, aber auch die Kritiker beten ihn an. Weiß er das wirklich nicht? Eine kleine Pause. Dann weist er das Kompliment nonchalant von sich weg und den Musikern zu: „Ja, das Publikum liebt und unterstützt das Orchester, das weiß ich schon. Die Münchner wissen, glaube ich, dass in ihrer Stadt eines der besten Orchester der Welt beheimatet ist.“
Die großen Gefühle füreinander sind bis heute geblieben? „Ja“, sagt Jansons darauf ganz schlicht. „Wir verstehen uns in einer absoluten Art und Weise. Wir haben eine unglaubliche Einigkeit. Hinzu kommt, dass wirklich alle ungeheuer enthusiastisch sind. Jeder spielt jedes einzelne Konzert so, als wäre es das letzte seines Lebens.“ Und seine Musiker geben ihm die Komplimente voller Überzeugung zurück: „Mariss Jansons ist für mich ein Phänomen“, erzählt etwa der Geiger Wolfgang Gieron. „Er dirigiert schon so lange, aber am Pult brennt er vor Leidenschaft wie am ersten Tag. Jansons ist ein tiefernster Musiker, der es schafft, dass bei ihm immer der Funke überspringt.“

Gegenseitige Inspiration

Die gegenseitige Verbundenheit sei im Laufe der Jahre sogar größer geworden, so der Maestro. Woran das liegt? „Weil wir uns immer besser kennengelernt haben. Weil wir so viel miteinander gearbeitet haben. Wir sind immer sehr aufeinander konzentriert. Diese beidseitige Energie kommt während des Konzerts zusammen.“ Es entsteht eine kleine Stille. Jansons sucht nach einer Formulierung. Das Angebot, russisch oder lettisch zu sprechen und dann eine Übersetzungs-App zu bemühen, lehnt er ab. Ihm fehlt offenbar keine Vokabel – ihm fehlt ein Wort. Dann hat er es gefunden: „Inspiration! Das ist es! Wir inspirieren einander. Sie inspirieren mich, und ich inspiriere sie.“
Zehn Wochen im Jahr verbringt er an der Isar, aufgeteilt in vier Blöcke. Am Ende einer jeden Probenphase stehen die Konzerte, die traditionsgemäß vom Rundfunk trimedial in Hörfunk, Fernsehen und Internet präsentiert werden. Darüber hinaus vermarktet der Sender zahlreiche Produktionen des Klangkörpers via CD und DVD. Ist das nicht ein ungeheurer Druck, der dadurch auf dem Orchester lastet? Auf diese Art und Weise wird schließlich jeder Ton, der öffentlich erklingt, für die Ewigkeit konserviert. Jansons findet das nicht unbedingt schlecht: „Ja, die Mikrophone sind immer dabei. Und ja, es ist eine ständige Kontrolle. Aber das diszipliniert.“

Ein Fragezeichen

Bespielt werden der Herkulessaal in der Residenz und die Philharmonie im Gasteig, zugleich Heimstatt der Münchner Philharmoniker. Womit wir bei einem schwierigen Thema angekommen sind. Und einem komplexen. „Ach ja“, seufzt der Maestro. Denn: Der Gasteig ist marode, wird ab 2020, spätestens 2021 geschlossen und aufwendig saniert. Die innenliegende Philharmonie – akustisch von Anfang an ein Ärgernis – soll entkernt und verkleinert werden. Zwei bis fünf Jahre wird das voraussichtlich dauern. Das BR-Orchester braucht somit während dieser Zeit eine Ausweichspielstätte. Wo sich diese befinden wird? „Ich weiß es nicht“, sagt Jansons. Er klingt resigniert. Im internationalen Kulturbetrieb wird drei bis fünf Jahre im Voraus geplant. 2020 ist in dieser Welt praktisch übermorgen.
Im Frühsommer hieß es, die Stadt München würde einen provisorischen Saal auf dem ehemaligen Flughafengelände im östlichen Stadtteil Riem bauen. Gegen diesen Interimsstandort spräche allerdings der lange Anfahrtsweg. Vielen Klassikveranstaltern erscheint es fraglich, ob spontane Konzertbesucher, aber auch Abonnenten dazu bereit sind. Zudem schienen die Kosten eines Neubaus für nur wenige Jahre der Stadtkämmerei zu hoch. Sie würde die Konzerte lieber in die bereits existierende Kleine Olympiahalle verfrachten. Diese ist zwar stadt­näher, aber nicht wirklich ein Augenschmaus. Von der Akustik ganz zu schweigen. Wie der aktuelle Stand der Dinge ist? „Wir werden natürlich weiterhin im Herkulessaal spielen“, erklärt Jansons. „Aber alle Konzerte dort? Das wird kaum gehen.“ Ein erneuter Seufzer. „Es ist alles sehr ungewiss.“

Gemeinsames Ziel

Doch das ist nur eine von zwei Herausforderungen, vor die er gerade gestellt ist. Die andere: Nach zwölf Jahren großen Kampfes bekommt das BR-Orchester demnächst einen eigenen Konzertsaal. Eigentlich eine gute Nachricht, aber die Erinnerung an die harten Gefechte wühlt Jansons hörbar auf. Als er davon erzählt, liegt in seiner Stimme eine tiefe Emotionalität. „Dunkel“ und „schwer“ sei die Auseinandersetzung gewesen. Insgesamt 17 Standorte wurden geprüft und verworfen, es gab Studien und Spendensammlungen – und für ihn und den Rundfunk immer neue Ansprechpartner. Drei Ministerpräsidenten und vier Kultusminister hat das Projekt im Laufe der Zeit beschäftigt. Nun wird der Saal endlich gebaut, befinden wird er sich auf dem ehemaligen Pfanni-Werksgelände am Ostbahnhof. Mitte der zwanziger Jahre soll er fertig sein. Auch hier: Wie ist der aktuelle Stand der Dinge? „Wir starten jetzt den Architektenwettbewerb und hoffen, im Sommer 2018 mit dem Bau beginnen zu können.“ Und wenn es gut läuft, findet 2023 oder 2024 das Eröffnungskonzert statt.

„Mariss Jansons ist für mich ein Phänomen. Er dirigiert schon so lange, aber am Pult brennt er vor Leidenschaft wie am ersten Tag." Wolfgang Gieron, Violine

Wichtiges und Gutes

Mit ihm am Pult? Offenbar eine Frage, die er für sich bereits geklärt hat, denn die Antwort kommt fest und ohne zu zögern: „Vermutlich nicht.“ Sein Vertrag endet 2021, dann wird er 78 Jahre alt sein. Für manche Dirigenten kein Problem, aber Jansons erlitt 1996 einen schweren Herzinfarkt, muss seitdem verstärkt auf sich achten und mit seinen Kräften haushalten. 2010 fiel er aufgrund von Krankheit erneut für längere Zeit aus, musste damals sein „Carmen“-Dirigat an der Wiener Staatsoper zurücklegen.
„Ob ich die Eröffnung selber dirigiere, ist für mich nicht das Wichtigste. Schließlich baue ich den Saal ja nicht für mich.“ Er klingt sehr im Reinen mit sich selbst. Eine kleine Pause folgt. Dann sagt er: „Das Wichtigste für mich ist: Ich habe für mein Orchester und für die Stadt München etwas Gutes getan. Wir Chefdirigenten kommen und gehen. Aber ein Orchester – das bleibt.“

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.