Dreimal eins ist eins

Das Eggner Trio

Im November 2005 gab das Eggner Trio sein Musikvereinsdebüt in der internationalen Serie „Rising Stars“. Nun feiern die drei Brüder mit einem Konzert im Brahms-Saal den zwanzigsten Geburtstag ihres Klaviertrios – und zwanzig Jahre intensive Arbeit am gemeinsamen Klang.

Eins sein und drei bleiben – das ist die hohe Kunst des Klaviertrio-Spielens. Klingt einfach, ist ganz schwer, kommt selten vor und gelingt nur durch viel Arbeit. Voraussetzung ist natürlich, es überhaupt zu wollen, also diesen und keinen anderen Klang als Ideal im Kopf zu haben.
Christoph, Georg und Florian haben sich diesen Klang in den Kopf gesetzt und arbeiten daran, seit sie vor genau zwanzig Jahren das Eggner Trio gegründet und eine steile internationale Karriere gestartet haben. Wo sie sich gefunden haben, ist schnell erklärt: in der Brucknerstraße 11 in St. Florian, in ihrem gemeinsamen Elternhaus.

Die eigene Wahl

Die Persönlichkeiten der Brüder sind so unterschiedlich wie die Instrumente, die sie spielen. Dass sie zusammen ein Klaviertrio bilden würden, war nicht geplant – es hat sich gefügt.
Christoph ist als kleiner Bub von der Bruckner-Orgel im Stift fasziniert. Nachdem er sie einmal ausprobieren durfte, will er selber eine. Kurze Zeit später marschiert er zum Klavierunterricht in die örtliche Musikschule. Georg, vier Jahre jünger, sieht als Kind im Fernsehen einen Geiger, David Oistrach. Was ihn magisch anzieht, ist das Vibrato. Er will auch so „zittern“ lernen. Eine Kindergeige wird angeschafft. Eines Tages holt Florian den vier Jahre älteren Bruder vom Geigenunterricht ab, in der Musikschule St. Florian. Er muss durch den Cello-Saal. Er sieht das Instrument – und schon ist es seines.
Georg (der Geiger): Bei jedem von uns hat es so ein Ereignis gegeben. Etwas, das einen nicht mehr losgelassen hat.

Christoph (der Pianist): Das ist das Schöne bei uns, dass uns niemand dreingeredet hat, Eltern oder sonst jemand. Wir haben unser Instrument selbst wählen können.

Florian (der Cellist): Ich glaube, es ist eigentlich das Instrument, das den Musiker wählt, nicht umgekehrt.

Georg: Ein bestimmter Frequenzbereich, ein Klang spricht einen total an. Man hat Eigenschaften, die sind angeboren, und das Instrument hat die auch. Es ist so eine Art Spiegel.

Christoph: Wenn man seinem Instrument begegnet und man frei wählen darf, dann kommt diese Verbindung zustande.

Florian: Auf gut Deutsch gesagt – wir haben keine Ausrede.

Eine Art Chamäleon

Nicht nur der Klang als solcher spielt bei der Wahl eine Rolle, jedes Instrument verkörpert auch soziale Eigenschaften. Ob es aus der Masse heraussticht wie die Trompete, ob es eine einsame Spielsituation provoziert wie die Orgel oder eine kommunikative wie die Streichinstrumente.
Georg: Das kann man schon bei kleinen Kindern sehen. Die einen sind auf Kommunikation aus, die anderen bleiben für sich und beobachten nur.

Christoph: Im Klaviertrio bist du immer eine Mischkulanz, das macht den Reiz aus. Du bis Solist und gleichzeitig in ein Ensemble eingebunden.

Florian: Man muss ein bisserl ein Chamäleon sein, finde ich. Bei manchen Passagen ist man wichtig, wenn man Soli hat, da geht’s wirklich darum hervorzutreten. Bei den anderen siebzig oder achtzig Prozent, je nachdem, welches Stück man spielt, geht es um das Gemeinsame.

Christoph: Ja, das Ego muss man oft aufgeben, um etwas Gutes zu machen. Man muss wissen, wann man an der Reihe ist.

Flexibel zu dritt

Das Gemeinsame ist im Klaviertrio schwerer zu realisieren als in anderen Formationen, in denen die Instrumente einander ähnlich sind. Zu große Ähnlichkeit ist im Eggner Trio kein Problem. Schon die Trioliteratur ist sich selbst nicht immer ähnlich.
Georg: Wenn man Haydn und Mozart spielt, dann Beethoven und schließlich ein romantisches Stück – da findet eine Entwicklung des Cellos von einem reinen Continuo-Instrument zu einem gleichberechtigten Partner statt. Man muss zu dritt flexibel sein und je nachdem in eine Rolle schlüpfen, solistisch oder begleitend.

Florian: Unsere Vorstellung ist die eines einheitlichen, ausgewogenen Klangs. Sonst könnte man auch einfach drei Solisten hinsetzen.
Georg: Wobei das nicht heißt, dass drei Solisten das nicht könnten.

Florian: Natürlich, aber an einem echten Trioklang, der über das hinausgeht, dass da einfach drei Solisten sitzen, muss man intensiv arbeiten. Sehr intensiv.

Ein Riesenglück

Statt im eigenen Saft zu braten, nehmen die drei Musiker, noch während ihrer solistischen Ausbildung, Unterricht als Trio.
Christoph: Normalerweise ist jeder auf das Solistische fokussiert. Es ist ein wunderbares Geschenk, wenn man Menschen findet, die nicht sich, sondern die Musik in den Vordergrund stellen und bereit sind, daran zu arbeiten. Wenn man das nicht tut, gerät man sofort wieder in die Schiene: Wir sind super Solisten, das schnipseln wir schon irgendwie zusammen.

Die drei finden einen Triolehrer. Oder findet er sie? Wieder ist die Anziehungskraft eines Klangs bestimmend und eine schicksalhaften Begegnung. Juri Smirnov, damals Pianist im Wiener Brahms Trio, wird auf die drei Musiker aufmerksam. Auf ihren Klang. Ihr Klang spricht ihn an. Er geht auf sie zu. Sie lassen sich darauf ein.
Florian: Wir haben schon ein Riesenglück gehabt – das haben viele andere Ensembles nicht. Juri war ja nicht so ein Lehrer, wo man einmal in der Woche hingeht. Er hat uns betreut.

Georg: Da waren noch Günter Pichler vom Alban Berg Quartett und Claus-Christian Schuster vom Altenberg Trio Wien, die ein Stück des Weges mit uns gegangen sind. Man muss bedenken – das sind vielbeschäftigte Leute. Es war ihnen ein Anliegen.

Die eigene Philosophie

Man könnte meinen, es gäbe ihn, den einen, den idealen Klaviertrioklang. Einen Klang, der sich so und nicht anders gehört. Weit gefehlt. Es ist eine Frage von äußeren Bedingungen, Einflüssen, Ausbildung, Geschmack und Persönlichkeit. In vielen Trios dominiert das Klavier, in manchen hörbar die Geige. Im Eggner Trio dominiert niemand.
Christoph: Juri Smirnov hat zu mir gesagt: „Wenn du im Klaviertrio Klavier spielst, dann spielst du ein anderes Instrument.“

Georg: Typisch Juri.

Christoph: Er hat mir auch gesagt: „Das Klavier ist für Tempo und Rhythmus verantwortlich.“ Und: „Das Klaviertrio geht vom Cello aus.“ In dieser Richtung haben wir uns entwickelt. Dass das Cello einen wichtigen Schwerpunkt hat. Rein dezibelmäßig ist es ja unterbelichtet, von der musikalischen Struktur her aber, im Skelett eines Klaviertrios, hat es eine fundamentale Funktion.

Georg: Deshalb muss man das Cello optimal herausheben.

Christoph: Man kann natürlich auch alles anders machen – aber das ist eben unsere Philosophie.

"Es ist das Schöne an der Musik, dass sie so flüchtig ist. Das macht das Live-Konzert so wertvoll. Du kannst es nur zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort hören. Dann ist es weg." Georg Eggner

Schier endloses Legato

Was den Klang des Eggner Trios so unverwechselbar macht, ist ein schier endloses Legato, das nicht nur Töne miteinander verbindet, sondern auch ein Instrument mit dem anderen. Nahtlos lösen die Stimmen einander ab, setzen Spannungsbögen fort, heben sich ab, fügen sich wieder ein, stehen einander gegenüber oder verschmelzen miteinander. Keine strebt die Herrschaft an, keine macht sich wichtig, keine versucht die, die sie ablöst, an Lautstärke zu übertreffen – höchstens an Schönheit. Das macht Mikrobewegungen und feinste Differenzierung. Die Wirkung auf den Zuschauer ist: fesselnd.
Georg: Je mehr man als Vorstellung die menschliche Stimme hat, desto natürlicher der Klang. Die Stimme ist das Urinstrument.

Christoph: Ein Streichinstrument geht ganz anders an eine Phrase heran als das Klavier.

Georg: Die Pianisten der alten Schule haben so ein extremes Legato drauf, dass sogar das Klavier singt.

Christoph: Als Pianist ist man ständig in Konkurrenz zu den Streichern – man will es ja noch schöner machen.
Florian: Ich würde dafür gern so schnelle kurze Noten spielen können wie du.

Christoph: Juris Legato-Ideal ging so weit, dass er mir gezeigt hat, wie man am Klavier, wie auf der Geige, mit dem Handgelenk einen Aufstrich macht.

Florian: Und wir haben alles mitgekriegt, wir sind ja nicht inzwischen einen Kaffee trinken gegangen.

Flüchtig und unmittelbar

Die drei betrachten es als Glücksfall, so viele tolle Musiker persönlich kennengelernt zu haben. Es hat sie geprägt, geformt, einzeln und als Trio. Müsste man nicht auch heute jede Chance nützen, große Musiker live im Konzert zu hören?
Christoph: Kürzlich hat’s mir die Schuhe ausgezogen. Da hab ich eine meiner Studentinnen, die eine Brahms-Violinsonate gespielt hat, gefragt: Hast du das Brahms-Konzert im Musikverein gehört, mit dem Kavakos? Nein, sagt sie, aber ich hab’s eh auf Youtube gesehen.

Georg: Es ist das Schöne an der Musik, dass sie so flüchtig ist. Das macht das Live-Konzert so wertvoll. Du kannst es nur zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort hören. Dann ist es weg. Eindrücke bleiben, der Rest vergeht. Wäre es immer da, wäre es wertlos. Die Stille ist in der Musik ganz wichtig.

Christoph: Und die Unmittelbarkeit. Das ist der Hammer bei der Kammermusik, dass du diese Intimität aufbauen kannst. Deshalb spielen wir auch gern in kleineren Räumen. Auch im Brahms-Saal funktioniert das. Da kann man die Menschen auf eine sehr direkte Art und Weise berühren. Das beglückt einen, als Musiker. Dass man die Menschen echt angreifen kann, innen drinnen.

Blick fürs Wesentliche

Als Gegenpol zu diesem Innendrinnen spielen draußen, auf dem großen Musikmarkt, Äußerlichkeiten eine immer größere Rolle und rauben den Künstlern ziemlich viel Energie.
Florian: Also ich glaube, man darf sich nicht vollkommen zum Affen machen. Wie vermarkte ich mich? Welches Hemd ziehe ich an? Habe ich dreihundert Videos auf Youtube oder nur dreißig? Da wird man wahnsinnig. Irgendwann muss man da einen Riegel vorschieben und fragen: Wo bleibt die Musik?

Georg: Die Welt verändert sich, man muss sehen, wie man damit zurechtkommt – aber immer der Musik treu bleiben.

Florian: Ja, im Grunde ist alles andere vollkommen egal. Ob die Klassik jetzt vom Aussterben bedroht ist oder nicht – wir machen sie. Als Musiker kann man sowieso nichts anderes tun. Wenn man alles so gut wie möglich macht, dann spüren die Zuhörer das, und der Funke springt über.

Ihre CDs betrachten sie als sinnvolle Ergänzung zu den Live-Auftritten. Zuletzt ist eine wunderschöne Einspielung mit Trios von Johannes Brahms und Clara Schumann erschienen. Und eine höchst hörenswerte Aufnahme der Klaviertrios von Werner Pirchner.
Georg: Den Werner Pirchner haben wir gerade nicht mehr kennengelernt.

Florian: Leider, das war ein ganz Großer.

Christoph: Wirklich schade.

Also auf die Frage „Mit wem hättet ihr gern einen Abend verbracht?“ würde die Antwort lauten –
Florian: Marilyn Monroe. Christoph: Catherine Deneuve. Georg: Schwer – da gibt’s so viele!

Sabine M. Gruber
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte neben Romanen und Erzählungen auch das in mehreren Auflagen erschienene Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“.