Das Wir-Gefühl von seiner schönsten Seite

Das Ensemble „coro siamo“

Der „coro siamo“, 2014 beim ORF-Wettbewerb „Österreich singt“ als bester Chor ausgezeichnet, präsentiert sich im November erstmals bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Stille. Konzentrierte Blicke. Ruhiges, gleichmäßiges Atmen. Ein gemeinsamer Atemzug – und schon bricht ein Wirbelsturm aus Tönen und Klängen in einer Eindringlichkeit und Unmittelbarkeit hervor, die allein die menschliche Stimme hervorzubringen vermag. Diese letzten Sekunden vor Beginn eines Werkes oder Konzertes kennt jeder, der schon einmal in einem Chor gesungen und das Gefühl erlebt hat, sich im selben Moment intensiv als Einzelner wie als Teil einer Gruppe wahrzunehmen. Man atmet, singt und spürt nicht nur gemeinsam: Wie eine Studie der schwedischen Universität Göteborg 2013 gezeigt hat, synchronisiert sich beim Singen und Üben sogar der Herzschlag der Chormitglieder. Und auch andere medizinische Wunderdinge werden dem chorischen Singen nachgesagt: Durch die gemeinsame Atmung sollen sich auch die Bewegungen der Muskeln und die Nervenaktivität aneinander angleichen, sodass das Singen wie eine Art Gruppentherapie wirke. Dass es auf jeden Fall guttut, sich mit seiner Stimme in einer Gruppe einzufinden, dürften aber auch viele schon ohne Studie gewusst haben: Eine Erhebung im Rahmen des Forschungsprojekts „Singing Europe“ ergab 2015, dass allein in Europa rund 37 Millionen Frauen und Männer in einem Chor oder Ensemble singen. Spitzenreiter war dabei Österreich, wo sich knapp elf Prozent der Gesamtbevölkerung dem Singen in der Gruppe verschrieben haben. Im Vergleich: Bei unseren Nachbarn in Deutschland sind es lediglich 6,3 Prozent. So ist es schließlich auch kein Wunder, dass die Chor- und Ensembledichte in Österreich – und besonders in Wien – entsprechend hoch ist.

In Linz beginnt’s

Einer dieser Chöre dringt in den letzten Jahren immer mehr ins öffentliche Bewusstsein, besonders, seit das Ensemble 2014 den Wettbewerb „Österreich singt“ gewann und anschließend durch die Kooperation mit dem ORF die Wiener Festwochen eröffnen durfte. Vergleicht man das Ensemble mit anderen Chören wie dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, dem Gewandhauschor ­Leipzig oder auch der Wiener Singakademie, ist der „coro siamo“ freilich ein Neuling in der europäischen Chorlandschaft. Und doch hat dieses junge Ensemble bereits eine ganze Menge erlebt und erreicht.
Schon die Intention der Gründung ist eine schlichte und doch berührende: Als eine Gruppe von Maturanten, die bereits zuvor im Oberstufenchor gesungen hatte, das Adalbert-Stifter-Gymnasium Linz gen Wien verließ, stand bald fest, dass die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Chor einfach zu groß wurde. Und so entschloss sich Florian Maierl, der den Chor bis heute leitet und auch damals schon neben der Schulzeit beim Landesmusikschulwerk Oberösterreich bei Welfhart Lauber seine Chorleiterausbildung begonnen hatte, einen eigenen Chor zu gründen. Den wohlmeinenden Ratschlag aus dem universitären Umfeld, sich mit der Neugründung eines Chores nur nicht zu übernehmen, schlug er glücklicherweise in den Wind.

Beeindruckende Wettbewerbserfolge

Der Erfolg gab ihm bald recht: „Nach etwa vier Jahren war bei uns dann die Lust und Motivation da, bei einem Wettbewerb mitzumachen – und so haben wir 2012 bei ,Austria cantat‘ in Salzburg gleich einen zweiten Platz belegt, der uns als jungen Chor sehr stolz gemacht hat“, erzählt Florian Maierl von den ersten Erfolgen. Ein Jahr später wurde der „coro siamo“ beim Anton-Bruckner-Wettbewerb in Linz in der Kategorie „Gemischte Chöre“ mit dem Ersten Preis ausgezeichnet. Von da an ging es steil bergauf. Nach dem Sieg bei „Österreich singt“ und der Eröffnung der Wiener Festwochen 2014 gewann das Ensemble noch im selben Jahr mit der Interpretation einer Schütz-Motette beim Internationalen Chorwettbewerb „Ave verum“ in Baden den Sonderpreis für die beste Interpretation eines Werks vor 1700.
Nur wenig später wurde das Ensemble von der Jeunesse Österreich angefragt und war in der Saison 2016/17 mit seinem Programm „Fremd“ im ganzen Land zu hören – nur die Wien-Premiere des Programms blieb noch offen. Sie findet am 15. November im Gläsernen Saal des Musikvereins statt: ein vorläufiger Höhepunkt der Ensemble-Karriere.

Fremd – und ganz nah

Und auch das Programm ist in seiner ganzen Art und Entwicklung so neu und anders, dass man durchaus von einem programmatischen Höhepunkt sprechen kann. „Nachdem wir schon länger die Idee eines A-cappella-Projekts mit uns herumgetragen haben, wollten wir als ganzer Chor bei diesem Programm versuchen, Themen, die uns aktuell, im Zeitgeschehen und im Alltag gerade beschäftigen, zu verarbeiten. Damals und auch immer noch haben besonders die Flüchtlingstragödien in und um Österreich nicht nur die öffentlichen Diskussionen, sondern auch uns alle sehr beschäftigt, und so wollten wir dieses Thema musikalisch aufbereiten“, beschreibt Florian Maierl die Programmfindung. Schon in der Vorbereitung des Projekts stellte sich heraus, dass es sehr viele und durchaus bekannte Komponisten gab, die aus Österreich und aus der heutigen „Festung Europa“ fliehen mussten – andererseits aber auch Komponisten, die aufgrund der Repressalien in ihrer Heimat nach Österreich kamen – wie beispielsweise György Ligeti oder auch Arvo Pärt, der 1980 sogar die österreichische Staatsbürgerschaft bekam. Auch die Zeit des Nationalsozialismus war in der Vorbereitung auf dieses Projekt ein zentrales Thema. Neben dem im KZ ermordeten Viktor Ullmann ist auch Hugo Distler im Programm vertreten. Wohl versuchte Distler immer wieder, sich mit den Nationalsozialisten so zu arrangieren, dass er seine Arbeit in der Kirche ungestört ausführen konnte, doch wurde er systematisch von den Nationalsozialisten schikaniert und beging 1942 Selbstmord – auch das eine Art der Flucht.

Von allen Seiten

„Es gibt also durchaus eine politische Aussage, die nicht nur musikalisch, sondern auch durch vorgetragene Textausschnitte von Ligeti und Pärt sowie durch Auszüge aus den Briefen und Tagebüchern von Hugo Distler deutlich wird“, beschreibt Maierl die „Message“ des Programms. Gepaart wird das inhaltliche In-der-Fremde-Sein mit musikalisch fremden Klängen wie dem faszinierenden Werk des lettischen Komponisten Ēriks Ešenvalds über eine alte albanische Legende, in der eine Frau zum Schutz einer Festungsbewehrung eingemauert wird. Auch der Chor bildet da als Gruppe eine Mauer: ein Symbol für die Widerstände, denen Fliehende begegnen.
Überhaupt war das Thema im wahrsten Sinne des Wortes zu bewegend, um ein einfaches „Nummernkonzert“ daraus zu machen. „Gemeinsam mit unserer Choreographin Barbara Ebner haben wir ein Konzept entwickelt und das gesamte Programm durchchoreographiert. Wir versuchen darin, durch Improvisation, Texte und Bewegung den Ablauf fließend und natürlich zu gestalten, sodass der ganze Raum miteinbezogen und die Musik nicht nur frontal abgeliefert wird, sondern von allen Seiten auf die Zuhörer einwirkt“, beschreibt Chorleiter Florian Maierl das neuartige Konzertkonzept, das das Publikum nun im Musikverein erwartet.
Faszinierend ist sie, die Vorstellung, einfach einzusteigen, sich ohne Unterbrechungen tief einzulassen und, getragen vom Gesang, ganz einem einzigen Thema zu widmen. Konzentrierte Stille. Ruhiges, gleichmäßiges Atmen. Ein gemeinsamer Atemzug.

Maria Födisch
Maria Födisch, BA, betreut den Bereich Social Media Marketing bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

"Fremd" - Coro siamo

Hören, zuhören, hinhören … aber auch: gehören, zugehören, wohingehören? Mit Assoziationen zum „Hören”, die weit über den musikalischen Kontext hinausgehen, begibt sich der Wiener coro siamo mitten in die Diskussion über gesellschaftliche Wahrnehmungen und Befindlichkeiten. Und findet mögliche Antworten gerade in Musiken, die unterschiedliche Aspekte des „Fremdseins” illustrieren. Im Programm „Fremd” werden die Sängerinnen und Sänger zu einem Chor von Vertriebenen oder von Fremden im eigenen Land. Die Grenzen des Aufführungs- und Zuhörerraums werden aufgebrochen, es eröffnet sich ein Raum für Projektionen: Bin ich fremd oder die anderen? Musik von aus Österreich vertriebenen Komponisten und von Menschen, die nach Österreich fliehen mussten, bildet den musikalischen Rahmen rund um Kompositionen von Viktor Ullmann, György Ligeti und Arvo Pärt.

Artikel "Das Wir-Gefühl von seiner schönsten Seite" aus dem Musikfreunde Magazin.
Mittwoch, 15. November 2017, 20.00 Uhr