Auf der Reise durch Liebe und Leben

 Elīna Garanča

Elīna Garanča singt erstmals Lieder von Wagner und Mahler im Musikverein – und bricht erneut eine Lanze für Schumanns „Frauenliebe und Leben“.

Man erfreut sich an einem prächtigen Mezzo, bruchlos samtweich und füllig von den profundesten Tiefen bis in die leuchtkräftig servierten Höhen“, hieß es jüngst in einer Kritik zu Elīna Garančas Auftritt bei den Salzburger Festspielen: Kein Wunder, dass diese Stimme vom Konzertsaal über die Opernbühne bis hin zu Events unter Sternen- oder auch Wolkenhimmel ihr Publikum begeistert. Den Musikverein nicht zu vergessen, einen jener Orte, wo das Herz für die intime Kunst des Liedgesangs schlägt.
Neben Werken Robert Schumanns hat Garanča für ihren ersehnten nächsten Musikvereinsauftritt Musik von Gustav Mahler und Richard Wagner angekündigt – Wegmarken und zugleich Vorboten ihrer jüngsten Interessen und Ziele. Denn bloß auf dem errungenen Lorbeer gemütlich machen will es sich die lettische Sängerin nicht: Längst locken sie dramatischere Partien. „Ich habe ein neues Jahrzehnt meines Lebens begonnen und fühle eine stimmliche Weiterentwicklung, die mir notwendig erscheint und auch eine neue Freude am Singen bereitet“, erklärt sie. „Außerdem habe ich an Erfahrung gewonnen. Mir scheint deshalb, dass ich die dramatischeren Rollen jetzt besser verstehe und es mir gelingt, mich auch besser mit ihnen zu identifizieren, sie in tieferen Bewusstseinsschichten zu rechtfertigen und zu erklären.“

Schicksale und Stimmungen

Elīna Garanča geht es in Zukunft also vermehrt um „Frauen, die sich mit sich selbst auseinandersetzen müssen, die sowohl Schwächen als auch Kraft fühlen, die Eifersucht oder Verzweiflung kennen und gezwungen sind, mit diesen Gefühlen fertig zu werden“. Das heißt aber nicht, dass sie nur mehr neue Partien singen würde: „Carmen und Charlotte, auch die Santuzza werde ich weiter im Repertoire behalten. Es kommen jedoch Charaktere wie die Eboli, Dalila, Dido dazu – und in ein paar Jahren wohl auch Amneris und Kundry.“
Dass sie die lyrische Flexibilität ihrer Stimme dabei nicht aufs Spiel setzen wird, darauf dürfen ihre Fans zweifellos vertrauen. Ein ausschließendes oder auch nur konkurrierendes Verhältnis von Oper und Lied kann sie jedenfalls nicht entdecken: „Ich finde, das Lied macht mich zu einer besseren Opernsängerin – aber das gilt auch anders herum. Ich muss, um einen Liederabend singen zu können, in mich hineinschauen und beobachten, was sich da so an Empfindungen angesammelt hat, und dann überlegen, was davon ich gerne dem Publikum mitteilen möchte und wie. Und gerade im Lied kann man aus einer wunderbaren Fülle wählen, das Repertoire ist grenzenlos: Man kann je nach Lust und Laune über Blumen, Meer, Liebe oder Leben singen. Im Moment habe ich den Drang, die Menschen sängerisch zu umarmen, ihnen etwas von Wehmut und Wärme zu vermitteln – und das spiegelt sich wunderbar in der Musik von Schumann, Mahler und Wagner.“

Liebeslieder – und alles, was dazugehört

Tatsächlich scheint das Programm ihres Liederabends unter dem Motto „Liebe“ zu stehen, oder genauer „Komponistenliebe“: Es beginnt mit Auszügen aus Schumanns „Myrthen“ sowie seinem kompletten Zyklus „Frauenliebe und Leben“ und setzt sich fort mit Wagners Wesendonck-Liedern und Mahlers Rückert-Liedern. Ob da auch der Gedanke an die „gefährliche Liebe“ oder an die „Liebe in Gefahr“ mitgeschwungen sei? Schließlich verursachte die Beziehung zwischen Wagner und Mathilde Wesendonck seinerzeit einen Skandal – und Alma Mahler, für die ihr Gatte 1902 als „Privatissimum an Dich“ das intime Rückert-Lied „Liebst du um Schönheit“ geschrieben hatte, unterhielt später eine Affäre mit Walter Gropius, von der Mahler tief getroffen war. Garanča winkt ab und kommt aufs Musikalische zurück: „Diese Peripetie war mir nicht bewusst – und wenn, dann hätte sie nicht als Grund gedient, das Repertoire zusammenzustellen. Mahler und Wagner standen schon lange auf meiner Wunschliste, ich wurde immer wieder gefragt, wann es endlich so weit wäre. Aber ich hatte großen Respekt und auch teilweise die Befürchtung, die Musik noch nicht richtig verstanden zu haben oder für sie noch nicht reif genug zu sein.“

Vom Wort zum Ton, vom Bild zum Klang

Nun fühlt sie den Zeitpunkt gekommen. Denn: „Inzwischen habe ich einiges erlebt, und es scheint, dass die Musik sich mir erschließt – oder auch umgekehrt. Bis jetzt habe ich auch auf der Opernbühne immer nur jene Partien übernommen, bei denen ich überzeugt davon war, mich einerseits mit dem Charakter psychologisch identifizieren zu können und dass andererseits meine Stimme die Kraft, die Farben und die Ausdrucksstärke zur Verfügung hatte, um die konkrete Rolle zu interpretieren und ihr die nötigen Facetten zu verleihen. Ich muss ganz eintauchen, die Figuren völlig verstehen – nur so kann ich ihr Schicksal dem Publikum vermitteln.“
Auch beim Lied dringt Elīna Garanča vom Inhalt zum Klang vor. „Der Text muss mich als Erstes ansprechen, dann erst höre ich die Musik an. Und entweder sinkt es bei mir ein oder eben nicht. Komischerweise ist fast immer schon nach ein paar Phrasen klar, ob ich ein Lied wähle oder nicht.“ Ob und wie die Töne den Text deuten, ist wesentlich für sie: „Ich muss die Kälte, die Wärme, den Frost oder den dunklen Himmel sehen, hören, spüren.“ Und obwohl sie manchmal als besonders kontrolliert agierende Interpretin wahrgenommen wird, ist ihr die emotionale Grundlage unerlässlich: „Ich wüsste nicht, wie ich es anstellen sollte, nur mechanisch den Anweisungen der Komponisten zu folgen, ohne etwas dabei zu fühlen. Ich glaube sogar, dass wir Künstlerinnen und Künstler dem Publikum offenbaren müssen, was emotional in uns passiert. Wenn du das wirklich schaffst, dann geht das Publikum plötzlich mit dir auf diese Reise – und du hast deine Aufgabe erfüllt.“
Malcolm Martineau ist ihr dabei am Klavier ein hochgeschätzter musikalischer Gefährte. „Beide erzählen wir unsere Lieder in Bildern, wir kommunizieren einfach auf diese Weise. Bei den Proben suchen wir ein Bild – ein Foto, Malerei, Natur – und bemühen uns, dessen Farben, dessen Atmosphäre musikalisch zu treffen. Er ist ein unglaublich einfühlsamer Begleiter und liebt seine Sängerinnen und Sänger, ist für sie da, spürt und hört voraus, was nötig ist – auch wenn vorher vielleicht anderes probiert worden ist. Mit ihm erlebe ich die Freiheit, Musik aus dem Augenblick heraus zu gestalten.“

Glück des Doppellebens

Weniger um Spontaneität als um gewissenhafte Planung geht es hingegen beim Familienleben: Bekanntlich ist Elīna Garanča mit dem Dirigenten Karel Mark Chichon verheiratet, die beiden haben zwei Töchter. „Es ist vor allem eine logistische Herausforderung“, sagt sie. „Alle Angebote, die wir bekommen, besprechen wir zuerst untereinander, um zu sehen, wer wann wo wäre und wer bei den Kindern bleiben könnte. Durch die große Hilfe der Oma ist zumindest immer ein Familienmitglied bei den Kindern, nicht nur eine Nanny – über die wir natürlich auch froh sind.“
Darüber hinaus gilt es auch, gewisse natürliche Grenzen bei der Disposition einer künstlerischen Laufbahn mitzubedenken: „Wir wissen beide, dass eine Sängerin im Vergleich zu einem Dirigenten auch ein Ablaufdatum hat, weshalb ich derzeit mehr mache – denn später, wenn ich einmal werde kürzertreten müssen, kann er immer noch weiter­arbeiten. Aber leicht ist es nicht, da geht es mir, glaube ich, wie jeder Frau zwischen Beruf und Familie: Ich kann jedenfalls sagen, ,nur‘ Mutter oder ‚nur‘ ­Sängerin, das wäre mir zu wenig. Ich brauche beide Welten, um als Frau, als Mensch glücklich durchs Leben zu gehen.“

„Seele hat kein Geschlecht“

Womit wir, direkt oder indirekt, beim Thema von Robert Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe und Leben“ angelangt wären. Entstanden auf einen Text Adelbert von Chamissos, wird das Werk heute kritisch durchleuchtet: als typisch männliches Konstrukt einer „idealen“, sich unterordnenden Frau, die ihr Dasein allein als Spiegel des Ehemannes auffasst. Kann das eine Sängerin am Beginn des 21. Jahrhunderts unkommentiert interpretieren?
Elīna Garanča hat da ihre eigenen Ansichten, die pragmatisch sind und zugleich doch auf Gefühl basieren: „Ich stehe selbst für Emanzipation ein. Aber meiner Meinung nach wird manchmal von Frauen auch in dieser Richtung zu viel ‚verlangt‘. Deshalb glauben manche, sie dürften nie mehr ‚schwach‘ sein – und plötzlich leben zwei Individuen zusammen, die fast immer kämpfen oder dem anderen unbedingt etwas beweisen wollen. Mir ist jede der besungenen Emotionen aus dem eigenen Leben bekannt. Wir leben zu schnell, wir vergessen Dinge zu schnell, wir nehmen uns kaum Zeit, uns etwas hinzugeben, das tiefer geht als die oberflächliche Zufriedenheit – sei es nun aus Angst, aus Moral, aus gesellschaftlichen Normen. Aber: Soul has no gender – Seele hat kein Geschlecht. Warum sollte ich es vermeiden, mich einem Mann auch einmal zu ‚unterwerfen‘, sodass er mich schwach und verletzlich sieht oder erlebt, wenn mich das doch auch selbst bereichern kann? Ich selber war oder bin verliebt, ich selber habe Angst und Wehmut, ich kann lachen und weinen, will lieben und geliebt werden. Ich erzähle auf der Bühne das, was ich fühle. Und ich liebe diesen Zyklus. Er nimmt uns auf eine Reise mit, auf der man alles über Liebe und Leben erfahren kann.“

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.