Ein Meer an Geschichten

Großmütterchen Hatz & Klok

Frischluft in der Musikszene Wiens: Großmütterchen Hatz & Klok – zwei Spitzenensembles vereinigen sich. Das Großmütterchen Hatz Salon Orkestar und das Trio Klok verbinden das Beste der beiden zu Recht gerühmten Bands: grenzenlose musikalische Offenheit und Jazz, Weltmusik und Folklore, Experimentierfreude und Spielwitz, Enthu­siasmus und Wildheit.

Der Treffpunkt ist ein kleines, gemütliches Kaffee am Donaukanal. Der Blick schweift über das Wasser, und wie von selbst ergeben sich in Gedanken Analogien zwischen dem Fluss und dem neuen Ensemble der Wiener Weltmusikszene: So unbeschwert, aber auch unbeirrbar, wie sich die Donau über Landesgrenzen hinwegbewegt, so spielerisch gehen auch die Musiker, die in ein paar Minuten zum Gespräch kommen werden, mit musikalischen Grenzen und Stilen um. Spielerisch, leicht, mühelos, mal schnell, mal langsam, mal träge und mal überschäumend abwechslungsreich sprudelt die Musik aus ihnen und ihren Instrumenten heraus. Eine Mischung, die kaum zu beschreiben ist, möchte man nicht wiederum das Wort „Weltmusik“ bemühen. Und doch ist es eigentlich genau das: nämlich Musik, die auf der ganzen Welt verstanden werden kann, weil jedes einzelne Stück die Handschrift vieler trägt. Nicht nur die jedes der Bandmitglieder, sondern auch die Handschrift der Menschen und Ereignisse, die dazu Anlass gegeben haben, genau dieses Stück zu schreiben.

Jede Menge Erzählstoff

Großmütterchen Hatz & Klok erzählen Geschichten in ihrer Musik. Und dazu ist Stoff in Hülle und Fülle vorhanden: „Es gibt so viele Ideen, jeder von uns ist wahnsinnig vielseitig, und jeder bringt sich ein. Zu jedem Stück, jeder Komposition, gibt es immer eine oder sogar mehrere Geschichten, die dahinterliegen. Und die erzählen wir dann als Band gemeinsam“, berichtet Gitarrist Jörg Reissner. Wobei, was heißt eigentlich jung? Natürlich, die Musiker sind es, und ihre Art zu denken und an die Musik heranzugehen ist es. Aber eine lange Geschichte hat das Ensemble dennoch: „Kennengelernt haben wir einander bei einer Theaterproduktion in der Schweiz, an der wir – vermittelt von unserem jetzigen Bassisten Roman, der ja Schweizer ist – mitwirken konnten. Unter dem Titel ,Alpenrösli‘ wurde ein satirisches Stück über die Schweizer Mythen und Sagenwelt aufgeführt – so eine Art Musiktheater“, beschreibt Franziska Hatz, die ehemalige Frontfrau des Großmütterchen Hatz Salon Orkestar, das erste intensivere Kennenlernen. Wer hat’s also erfunden? Die Schweiz?
Richie Winkler lacht und erklärt: „Wir kannten einander natürlich schon aus Wien, aber eben nur als Bands, die sich vom Grundinhalt her ähnlich sind. Eigentlich sogar so ähnlich, dass Franziska das Trio Klok immer wieder vermittelt hat, wenn jemand gesagt hat, dass er etwas in die Richtung Klezmer oder weltmusikalisch mit jazzigen Einflüssen sucht.“ Umgekehrt sei das aber schon auch so gewesen, betont Franziska Hatz. Man habe bereits in Wien angefangen, sich gegenseitig auszuhelfen, aber das Projekt in der Schweiz gab dann den Ausschlag: „Wir haben dort bemerkt, dass wir von unserer Denkweise und unserer Zielsetzung her sehr gut zusammenpassen.“

Spielend erwachsen geworden

Das „Großmütterchen Hatz“ durfte bleiben, als es um den neuen Namen ging. Vom Trio Klok blieben zwei Mitglieder – Roman Britschgi und Jörg Reissner – und die Ergänzung „& Klok“, sodass der Ensemblename nun beide Bands vereinigt: Großmütterchen Hatz & Klok – verstärkt durch Sasa Nikolic am Schlagzeug, den „jüngsten“ Zuwachs der Gruppe.
Zwei Ensembles sind also eins geworden, und dass diese Konstellation etwas ganz Besonderes ist, merkt man nicht nur an der Musik, die die Künstler zu Gehör bringen. Es ist noch etwas anderes, das hier mitschwingt – etwas, das man nicht erzwingen kann und das unabdingbar ist, möchte man sein Publikum wirklich berühren und mitnehmen: Hier haben fünf Menschen eine künstlerische Heimat gefunden. Sie genießen es, gemeinsam zu proben, gemeinsam auf der Bühne zu stehen und sich gemeinsam ausprobieren zu können.
Jeder ist mit seinen Erfahrungen angekommen und hat das neue Ensemble „erwachsen“ gemacht. So schwärmt Richie Winkler von der gemeinsamen Probenarbeit: „Wir proben jetzt anders als früher. Sehr regelmäßig. Und die ganze Struktur ist demokratischer geworden: Alle bringen Ideen ein, wir arrangieren gemeinsam. Zwar bringt immer der jeweilige Komponist eines Stücks schon sehr viel an Notenmaterial mit, und es ist im Großen und Ganzen ziemlich fertig, aber hin und wieder wird dann doch einiges verändert und neu strukturiert und umarrangiert.“ Aber – und das sei das Besondere – niemand nehme es dem anderen übel, wenn umgebaut wird. „Das macht die Probenarbeit unheimlich angenehm und spannend.“ Auch die Verantwortungen sind neu gemischt: Jeder der Musiker übernimmt einen Teil der Organisationsarbeit, sodass auch die Aufgaben neben der Musik gerecht und gleich aufgeteilt sind: Teil der neuen Ensemble-„Reife“.

Unterschiedlichste Mitbringsel

So vielfältig das Großmütterchen Hatz & Klok künstlerisch ist, so vielfältig sind auch die Musikerbiographien dahinter: Während Richie Winkler und Sasa Nikolic den „klassischen“ Weg gegangen sind und beide ihr Instrument studiert haben, sind Jörg Reissner und Bassist Roman Britschgi eigentlich bildende Künstler. Sie haben beide an der „Angewandten“ studiert und dort ihre gemeinsame Liebe zur Musik entdeckt, was den Grundstein für das Trio Klok gelegt hat. Franziska Hatz hingegen ist ausgebildete Sozialarbeiterin und hat auch viele Jahre lang ihren Beruf ausgeübt, bevor sie „über Nacht berühmt geworden ist“, sagt die Musikerin scherzhaft und lacht ihr herzliches und mitreißendes Lachen, das an diesem Vormittag häufig zu hören ist.
Aufgewachsen ist sie, obwohl gebürtig aus der Südoststeiermark, mit Wiener Musik, die sie bis heute stark prägt, aber auch slowenische und ungarische Volksmusik haben sie beeinflusst. Und auch hier wieder: Das Ensemble ist wundervoll unterschiedlich in seinen Erfahrungen und musikalischen Mitbringseln. Während Franziska Hatz von ihren musikalischen Wurzeln in der Volksmusik erzählt, bringt Sasa Nikolic ganz andere Größen ins Spiel: „Ich bin eigentlich mit Pop und Heavy Metal aufgewachsen. Das ist eine riesige Szene, in der es wahnsinnig tolle Bands gibt: Black Sabbath, Iron Maiden, AC/DC, also auch irgendwie ,klassisch‘ – nur eben ein anderes Genre. Erst später ist dann die Liebe zum Jazz gekommen, vor allem zum Acid Jazz, das war mein eigentliches Ticket zu dieser Musik.“ Daneben steht Jörg Reissner, der davon erzählt, wie er zu Hause – die Eltern beide Musiklehrer – eigentlich mit klassischer Musik aufgewachsen ist und seine musikalischen Anfänge eher bei Sergei Prokofjews „Peter und der Wolf“ sieht. „Ich glaube“, so der Gitarrist der Band, „ das ist auch irgendwie unser Geheimnis: dass jeder einen anderen Zugang zur Musik hat. Es gibt den analytischen, den verspielten, den emotionalen …“, „… und dann gibt es trotzdem eben immer dieses Know-how, das dahintersteht und uns zeigt, wie weit wir wo gehen können“, ergänzt
Franziska Hatz.

Zwei Premieren in einem

Dass sie gemeinsam schon ein gutes Stück gegangen sind und wie weit sie dabei gekommen sind, wird das Großmütterchen Hatz & Klok bei seinem Debütkonzert im Musikverein am 4. Mai zeigen. Und noch eine zweite Premiere steht ins Haus: Im Rahmen seines Musikvereinskonzerts präsentiert das Ensemble auch die erste CD, die es in der neuen Formation aufgenommen hat. Gleichzeitig Resümee und Ausblick, ist sie ein erstes Resultat des gemeinsam beschrittenen Weges, auf den sich die fünf Musiker begeben haben. Und nach diesem Vormittag spürt man deutlich: Genau wie der eingangs betrachtete Fluss führt dieser Weg zu etwas Großem und Weitem: einem Meer an Geschichten, die erzählt werden wollen – und das ist eine Aufgabe, die das Großmütterchen Hatz & Klok brillant umzusetzen weiß.

Maria Födisch
Maria Födisch, BA, ist Musikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.