Mit jugendfrischer Stimme

Die Sopranistin Regine Hangler

Genau genommen hätte sie auch Bratschistin werden können. Dann aber kam Regine Hangler über einen Abstecher in die Technik doch zum Gesang. Seit 2013 ist die Oberösterreicherin Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper – im Februar gibt sie im Zyklus „Lied.Bühne“ ihr Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Regine Hangler ist gerade erst von einem fünfwöchigen Aufenthalt in Japan zurückgekehrt, als sie Ende November 2016 zum Gespräch in den Musikverein kommt. Sie hat mit der Wiener Staatsoper ein Gastspiel absolviert und daran anschließend in der Suntory Hall Tokio in einer neuen Produktion von Wagners „Rheingold“ erstmals mit Christian Thielemann und der Sächsischen Staatsoper zusammengearbeitet. Japan kennt sie nun also auch als Opernsängerin. Ihre bisherigen regelmäßigen Aufenthalte in dem asiatischen Inselstaat waren stets dem Liedgesang gewidmet: Über Jahre hinweg gab sie hier alljährlich bis zu zehn Liederabende.

Kinderträume

Ob jemand sie ernst genommen haben mag, als sie im frühen Kindesalter verkündete, sie werde eine Opernsängerin? Damals war die Tochter eines oberösterreichischen Oboisten, der viel im Linzer Bruckner Orchester spielte, regelmäßig bei Opernproduktionen und auch bei Proben dabei. „Für mich war das sehr spannend“, erzählt sie. „Wahrscheinlich habe ich gar nichts verstanden, obwohl mir meine Eltern natürlich erzählt haben, worum es geht. Aber das habe ich wohl gar nicht richtig mitgekriegt. Mich hat einfach die Musik fasziniert und was auf der Bühne alles passiert.“
Ihre musikalische Laufbahn begann Regine Hangler dann mit der Geige an der Musikschule Eferding, die ihr Vater leitete. Zeitgleich mir ihrem Entschluss, die schulische Ausbildung am Linzer Musikgymnasium zu absolvieren, entschied sie sich auch für einen Wechsel zur Bratsche, die sie dann bei Walter Haas, dem damaligen Solobratschisten des Bruckner Orchesters, am Konservatorium studierte. „Mir hat die Bratsche eigentlich immer viel besser gefallen als die Geige“, gesteht sie, „der tiefere, sattere Klang.“ Früh begann sie, Orchester zu spielen, und wurde eine der jüngsten Solobratschistinnen. Schon mit vierzehn, fünfzehn Jahren war sie als Stimmführerin bei den Operettenfestspielen in Bad Ischl engagiert.

In der Tiefe

Den tieferen Klang pflegte Regine Hangler zu Schulzeiten auch im Gesang – als Chor-Tenor. Das Chorsingen war selbstverständlicher und verpflichtender Bestandteil der Ausbildung am Musikgymnasium, Balduin Sulzers Mozart-Chor kam weit herum, nicht zuletzt mit Franz Welser-Möst. Dass sie schon damals einen Versuch startete, ein Gesangsstudium zu beginnen, erwähnt Regine Hangler eher beiläufig: „Es hat immer geheißen: Du hast eine so große Stimme – mach was draus. Aber ich bin am Konservatorium nicht aufgenommen worden, weil ich ihnen zu jung war. Man sagte mir: Sie sind so gut auf der Bratsche. Lassen Sie doch das Singen. – Und ich habe mir gedacht: Sie werden schon recht haben.“
Nach der Matura wandte sich Regine Hangler völlig von der Musik ab und der Technik zu. Sie absolvierte die Aufnahmeprüfung an zwei Fachhochschulen mit Bravour und begann am Kärntner Technikum ein Studium der Telematik und Netzwerktechnik. Unter sechzig Studierenden ihres Jahrgangs war sie die einzige Frau. „Ich denke“, sagt sie rückblickend, „es ging schon auch darum, mir etwas zu beweisen: dass ich da standhalten kann unter den Männern, als Frau in der Technik …“ Dieser Exkurs dauerte immerhin vier Jahre. Auf den letzten Metern ihres Studiums machte sie das vorgesehene Praktikum und erhielt dafür eine Stelle am Flughafen. „Mein Büro war im Keller, ich habe täglich fast zehn Stunden lang kein Tageslicht gesehen, außer wenn ich einmal hinaufgegangen bin – zwischen Rollbahn und Tower. Da wurde mir klar, dass das auf Dauer nichts für mich ist.“

Die nötige Gewissheit

Ihre Zweifel brachten Regine Hangler ernstlich zum Nachdenken. Vielleicht würde es genügen, sich einen Ausgleich zu suchen? So kam sie wieder aufs Singen. „Ich hab’s ja wieder und wieder gehört von meinem Vater: Mach doch endlich etwas mit deiner Stimme – und von Balduin Sulzer: Hanglerin, mach was mit deiner Röhr’n – wie er immer gesagt hat.“ Also ging sie ans Konservatorium, fragte im Sekretariat nach den Aufnahmebedingungen und erfuhr, dass sie eine halbe Stunde später gleich schon den Gehörtest mitmachen könnte. Sie ging hin, bestand und stellte mit der Unterstützung Balduin Sulzers in Windeseile ein entsprechendes Repertoire zusammen, das sie erst noch zu lernen hatte, sang eine Woche später bereits vor.
Als Gesangstudentin arbeitete sie nach wie vor am Flughafen und auch bereits an ihrer Diplomarbeit. „Da hat sich in meinem Kopf der Gedanke ausgebreitet, wie es wäre, das Singen zum Beruf zu machen“, sagt Regine Hangler. Dafür aber brauchte sie die Gewissheit, dass dieser Weg realistisch war – am besten von jemand völlig Unabhängigem, der das Metier wirklich kannte. Mehr oder weniger durch Zufall erfuhr sie die Telefonnummer von Mara Zampieri. Sie rief an, erhielt einen Termin und reiste nach Padua. „Ich habe ihr vorgesungen und bin gar nicht mehr von ihr weggekommen. Sie war begeistert, hat mir gleich ein Zimmer in einer Pension besorgt und gesagt, ich soll dableiben, sie möchte das ganze Wochenende mit mir arbeiten. So hat es angefangen. Ich bin dann richtig eingestiegen – und das andere war nicht mehr wichtig.“

In der Höhe

Abseits des Studiums bei Ulrike Finder am Konservatorium in Klagenfurt sowie später bei Gabriele Lechner und Robert Holl an der Musikuniversität Wien blieb Mara Zampieri Regine Hanglers wichtigste Lehrerin. „Die Chemie hat einfach gestimmt“, fasst Hangler das schwer Erklärbare zusammen. „Da haben sich zwei gefunden, die sich auf einer Ebene verstehen – auch ohne Worte. Mara hat mir alle ihre Gedankengänge, alles, was sie selbst erfahren hat, weitergegeben. Sie hat mir zum Beispiel einfach nur vorgesungen, und plötzlich habe ich bis zum e3 gesungen – nur weil ich ihr eine Übung nachgemacht habe.“
Als Finalistin des renommierten Aslico-Wettbewerbs in Italien und Gewinnerin des Zweiten Preises beim Birgit-Nilsson-Wettbewerb machte Regine Hangler auf sich aufmerksam. Ihr Koloratursopran fand größte Bewunderung – doch die Erwartungen an das äußere Erscheinungsbild einer Sängerin dieses Fachs kamen ihr in die Quere. „Da konnte ich nicht Fuß fassen“, sagt Regine Hangler nüchtern. „Das war sehr schmerzhaft, aber Mara hat immer gesagt: Du hast genügend Zeit. Du hast eine deutsche Stimme, wie man sie selten hört – aber erhalte dir deine stimmliche Gelenkigkeit, deine Stunde wird kommen.“

Die Gunst der Stunde

Und Regine Hanglers Stunde kam. Bis heute widmet sie sich aus Leidenschaft der Sakralmusik – im Stephansdom und in St. Augustin ebenso wie in der Jesuitenkirche in Wien. In der Augustinerkirche, wo Franz Welser-Möst Schirmherr der Kirchenmusik ist, stand eine Messe unter seinem Dirigat bevor. Regine Hangler war als Solistin engagiert und sollte neben der Messe auch die Arie des Seraph aus Beethovens „Christus am Ölberge“ und ein Stück von Webern singen. Anspruchsvollstes Repertoire, mit dem sie sich da präsentierte. Welser-Möst, damals auch Musikdirektor der Wiener Staatsoper, war, das darf gemutmaßt werden, mehr als angetan von Hanglers Stimme. Am Tag nach der Probe erhielt die Sopranistin einen Anruf vom Maestro persönlich, der sie zu einem Bühnenvorsingen an der Staatsoper einlud.
Mit Saisonbeginn 2013/14 trat Regine Hangler ihr Engagement als Ensemblemitglied im Haus am Ring an. Ihr Debüt gab sie als Frau des Menschenfressers in Henzes Märchenoper „Pollicino“, auf das seither vor allem Strauss- und Wagner-Partien folgten. Zum Jahresbeginn 2016 riss sie als Rosalinde das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin und wurde für ihre „jugendfrische Stimme“, für ihre Höhe wie ihre Tiefe und ihre Koloraturensicherheit gelobt. Einen besonderen persönlichen Erfolg feierte sie in Wien außerdem als Chrysothemis an der Seite von Elektra Nina Stemme. „Das hat sich angefühlt wie eine Jahrhundertvorstellung. Nina Stemme war noch mehr glücklich als ich. Da hat einfach alles gepasst“, gerät sie ins Schwärmen, „und die Stimmen haben sich unglaublich toll gemischt.“
Die Titelpartie in „Daphne“ mit dem Cleveland Orchestra und Franz Welser-Möst beim Lincoln Center Festival in New York und „Die Liebe der Danae“ bei den Salzburger Festspielen wurden zu wichtigen Stationen ihrer Laufbahn, in der Regine Hangler stets die Balance zwischen Oper, Konzert- und Liedgesang sucht. So kommt – nach der Rosalinde zum jüngsten Jahreswechsel – ihr Musikvereinsdebüt mit einem Liederabend in jedem Fall zur rechten Zeit.

Ulrike Lampert

Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.