Kammermusik als Lebenselixier

Martha Argerich – zum Beispiel im Duo mit Mischa Maisky

Als Martha Argerich vor 25 Jahren zum ersten Mal mit Mischa Maisky im Musikverein gastierte, spielte sie, wie im Programmheft festgehalten wurde, trotz einer Handverletzung. Dieses Konzert war ihr ein besonderes Anliegen – und bedeutend blieb die Partnerschaft mit Maisky über all die Jahre hinweg. Ein Herzstück ihres musikalischen Beziehungslebens.

Mit Martha Argerich kann es Überraschungen geben, jederzeit. Wer ihr im Konzert schon einmal die Notenseiten umgeblättert hat, kann sein Lied davon singen. Bevor sie in die Tasten greift, pflegt die Pianistin gern noch ein wenig zu plaudern mit dem (meist jungen) Menschen zu ihrer Linken; nett sieht sich das jeweils an. Kommt es später jedoch zu einer Unsicherheit beim Blättern, und sei sie noch so geringfügig, faucht sie hörbar, ja bringt sie die zum Einsatz bereite Hand des Seitenwenders mit einem raschen Schlag zum Verschwinden. Nun gut, in der Hitze des Gefechts kann es anders nicht sein. Es entspricht aber auch dem Bild, das von dieser eminenten Künstlerin verbreitet ist. Als unberechenbar gilt sie, als ganz dem Moment gehorchend – um nicht zu sagen: als sprunghaft.

Die Scheu vor dem Podium

Mancher Veranstalter aus der Welt der klassischen Musik weiß diesbezüglich sein Leid zu klagen. Die unvermuteten Absagen Martha Argerichs sind ebenso legendär wie ihre sagenhafte Technik und ihre packende Musikalität. So launenhaft sie wirken mögen – in Tat und Wahrheit spiegeln die Rückzieher im letzten Moment die durchaus ambivalente Beziehung zwischen der Musikerin und dem Podium. Nicht dass ihr der Auftritt vor Publikum zur Qual würde; wenn es so wäre, warum hätte sie sich dann ein langes Künstlerleben und eine äußerst brillante Laufbahn lang damit herumgeschlagen? Nein, es ist wohl eher die Scheu vor jenem Augenblick, da es um alles und jedes geht – einen Augenblick, dessen Einzigartigkeit wir gewöhnlichen Menschen im Auditorium nicht wirklich ermessen, geschweige denn verstehen können.
Es ist diese Scheu, die immer wieder zu Einbrüchen in ihrer Tätigkeit und ihrer Laufbahn geführt hat. Schon in den Anfängen gab es jenes Zögern. Nachdem sie 1957 die Wettbewerbe von Bozen und Genf gewonnen hatte, musste sie sich drei Jahre Zeit lassen, bis sie sich in der Lage fühlte, für ihre erste Schallplattenaufnahme in die Studios der Deutschen Grammophon zu gehen – und danach gab sie ihre Ambition auf eine Laufbahn als Pianistin erst einmal auf, bis ihr dann der erste Preis im Warschauer Chopin-Wettbewerb 1965 zum endgültigen Durchbruch verhalf. Die Scheu vor dem Podium scheint aber geblieben zu sein. Jedenfalls entschied sie sich in den frühen achtziger Jahren, ihre Solokarriere aufzugeben, um fortan praktisch ausschliesslich Kammermusik und Klavierkonzerte zu spielen.

Beständigkeit im Unbeständigen

Übrigens sagt Martha Argerich nicht nur ab, sie tritt auch auf. Bisweilen sogar recht unvermutet. Als bei den Wiener Festwochen 2015 im Goldenen Saal ein Abend mit Musik von Mieczysław Weinberg angesagt war und sich Daniil Trifonov kurzfristig zurückzog, sprang sie umstandslos ein. Weinbergs Sonate Nr. 5 für Violine und Klavier geriet glänzend, vor allem unglaublich spannungsgeladen; man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Als Geiger stand der Pianistin – Gidon Kremer gegenüber.
Dass Martha Argerich an jenem Abend Gidon Kremer zu Hilfe kam – der Geiger war für das Weinberg-Projekt der Festwochen mit seiner Kremerata Baltica nach Wien gekommen –, verstand sich gewissermassen von selbst. Kremer, der mit Martha Argerich bedeutende CD-Aufnahmen erarbeitet und unvergessliche Konzerte gegeben hat, gehört seit langem zum Kreis ihrer Kammermusikpartner. Und Kammermusikpartner sind Freunde, denen Martha Argerich im Prinzip lebenslang die Treue hält – sozusagen als Basis in einem Leben, in dem es keine Beständigkeit gibt außer jener der beständigen Bewegtheit.

Eine Art Familie

Einer der ältesten musikalischen Partner ist der brasilianische Pianist Nelson Freire, den Martha Argerich während ihrer Studienzeit in Wien Ende der 1950er Jahre kennengelernt hat; immer wieder ist sie mit ihm an zwei Klavieren aufgetreten. Etwa zur gleichen Zeit stieß sie auf den Schweizer Dirigenten Charles Dutoit – der ihr dann freilich mehr als ein Freund wurde. 1969 heirateten sie, der Ehe entspross eine Tochter, 1974 liessen sie sich scheiden, aber das Dream Team, das sie seit jeher waren, sind sie bis heute geblieben. Sehr früh trat auch Claudio Abbado in das Leben und Wirken Martha Argerichs. Mit ihm hat sie 1960 auf einer ihrer ersten Platten das Klavierkonzert von Maurice Ravel eingespielt, während sie 2013 auf der allerletzten CD-Aufnahme Abbados bei zwei Klavierkonzerten Wolfgang Amadeus Mozarts mit von der Partie war. Intensiv verbunden war und ist sie überdies mit Pianisten wie Stephen Kovacevic oder Michel Béroff, aber auch mit dem aus Russland stammenden Komponisten, Pianisten und Dirigenten Alexandre Rabinovich, mit dem sie ebenfalls verheiratet war.
Das gemeinsame Musizieren ist es, was Martha Argerich stimuliert – nirgends wird das fassbarer als beim „Progetto Argerich“, einem auf die Pianistin zugeschnittenen und von ihr geprägten Festival in Lugano. Und mehr noch: Das musikalische Zusammenwirken mit Kollegen – in diesem Fall ist die männliche Bezeichnung allein am Platz – hat bei ihr oft auch eine erotische Seite. Besonders deutlich ist das auf jener leider einzigen CD zu hören, die Martha Argerich 1983 mit Nicolas Economou aufgenommen hat, dem 1993 im Alter von erst vierzig Jahren verstorbenen Pianisten aus Nikosia. Auszüge aus Tschaikowskijs „Nussknacker“ in einer von Economou selbst erstellten Bearbeitung für zwei Klaviere finden sich da. Nie habe ich den „Blumenwalzer“ erregender gehört als in dieser Einspielung mit ihr am ersten und ihm am zweiten Klavier; als Zuhörer hebt man förmlich selber ab, derart beschwingt, rhythmisch präzis und in der Artikulation lustvoll zugespitzt gerät der Dreivierteltakt Tschaikowskijs.

Zwei Romantiker

Zur kammermusikalischen Familie Martha Argerichs zählt auch, und keineswegs zuletzt, der Cellist Mischa Maisky. Bei einem Festival, das der Geiger Ivry Gitlis im französischen Vence initiiert hatte, lernten sich die beiden kennen. Maisky, Jahrgang 1948, war einige Jahre zuvor aus der Sowjetunion freigekommen, nach Israel ausgewandert und von dort nach Brüssel gezogen. Lette wie Gidon Kremer, aber von russischen Eltern abstammend, hatte er in seiner Vaterstadt Riga, in Leningrad und am Moskauer Konservatorium studiert, zuletzt in der Meisterklasse von Mstislaw Rostropowitsch. Ab 1970 hatte Maisky eineinhalb Jahre in einem Arbeitslager in der Nähe von Gorki zu verbringen. Vorgeschobener Grund für die Maßnahme war die verbotene Suche nach einem Ersatz für seinen defekten Kassettenrekorder, mit dem er die Unterrichtsstunden bei Rostropowitsch aufzeichnete; in Wirklichkeit, so der Cellist selber, sei die Verhaftung eine Antwort der sowjetischen Behörden auf die Emigration seiner Schwester nach Israel gewesen.Gleich bei der ersten Zusammenkunft 1978 in Südfrankreich, im Klaviertrio g-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, das Maisky mit Martha Argerich und Ivry Gitlis spielte, spürten die Pianistin und der Cellist ihre musikalische Nähe. Entstanden ist daraus eine langjährige, intensive Partnerschaft. Zahllos die Konzerte, reich bestückt die gemeinsam erstellte Diskographie. Berühmt geworden ist die frühe, bei Philips erschienene Einspielung von Franz Schuberts „Arpeggione“-Sonate und der Fantasiestücke op. 73 von Robert Schumann, aber auch die Gesamtaufnahme der Sonaten für Klavier und Violoncello Ludwig van Beethovens. Nicht zu vergessen die größer besetzte Kammermusik, wie sie bei Martha Argerichs Luganeser Festival gepflegt wurde, etwa das Klavierquartett und das Klavierquintett Schumanns, an deren Aufführungen Maisky mitgewirkt hat.

Dass Martha Argerich und Mischa Maisky ein so perfekt aufeinander eingespieltes Duo bilden, bei dem es freilich bis heute knistert, geht auf die Übereinstimmung im Ästhetischen zurück. Für neue Musik hat Maisky nichts übrig, ebenso wenig für jene Erkenntnisse, welche die historisch informierte Aufführungspraxis zutage gefördert hat – die Sonaten für Viola da gamba und Cembalo Johann Sebastian Bachs spielte er Mitte der achtziger Jahre als „Cello-Sonaten“ mit seiner Partnerin am Klavier ein. Was die beiden verbindet, ist der romantische Kern ihres Musizierens: der ganz im individuellen Empfinden verankerte Zugriff auf den Notentext, die impulsive Klangwerdung der interpretatorischen Vorstellung, das bewusste Auskosten des vollsaftigen Tons, vor allem aber die Spontaneität des Auftritts, die dem Duo in den fast vierzig Jahren des gemeinsamen Tuns geblieben ist. Und das ist ja nicht wenig.

Peter Hagmann
Peter Hagmann, promovierter Musikhistoriker und diplomierter Organist, ist seit 1972 als Musikkritiker tätig. Nach Anfängen in Basel kam er 1986 zur „Neuen Zürcher Zeitung“, in deren Feuilleton er zwischen 1989 und 2015 als Redakteur tätig war. Unter dem Titel „Mittwochs um zwölf“ betreibt er auf www.peterhagmann.com einen Blog für klassische Musik.